01.12.1997

VERBÄNDE„Nicken Sie einfach“

Der Rücktritt des Schiedsrichters Michael Malbranc ist zum Politikum geworden. Hat der Deutsche Fußball-Bund den Unparteiischen geopfert, um einem weitreichenden Konflikt mit dem Weltverband aus dem Weg zu gehen?
Es war der Brief, mit dem er den Ruin seines Lebenslaufes besiegelte. Am vergangenen Mittwoch setzte sich der Hamburger Geschäftsmann Michael Malbranc, im Nebenberuf Schiedsrichter im deutschen Profifußball, in seiner Wohnung in der Lessingstraße vor den Computer und verfaßte traurige elf Zeilen. Anrede: "Sehr geehrter Herr Präsident Braun". Per Fax erhielt Egidius Braun, oberster Herr des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), das Schreiben vorab.
"Hiermit", so schrieb Malbranc, 44, weiter, "erkläre ich Ihnen meinen sofortigen Rücktritt als Fußball-Schiedsrichter." Seine kühle Entschlossenheit konnte der Absender wohl begründen: Der Vorsitzende des Schiedsrichter-Ausschusses Volker Roth nämlich habe ihn darüber informiert, "daß Sie ihn auf der Präsidiumssitzung in Magdeburg angewiesen haben, mich in der 1. und 2. Bundesliga nicht mehr anzusetzen". Diese "Handlungsweise kann ich nicht mehr nachvollziehen".
Und dann kündigte Malbranc an, seine "1995 vom DFB-Präsidium überreichte Ehrenurkunde nebst goldener Ehrennadel für langjährige, erfolgreiche Arbeit für den DFB" baldigst zurückzuschicken, "da ich offensichtlich nicht erfolgreich für den DFB gearbeitet habe".
So kann man das durchaus sehen. Malbranc ist für den DFB zur Unperson und für Egidius Braun gar zur persönlichen Gefahr geworden. Denn Malbranc steht im Mittelpunkt einer Affäre, in der es zunächst nur um eine Fehlentscheidung im Münchner Olympiastadion ging, schon bald aber um höchste Sportpolitik und zuletzt gar um den von Malbranc erhobenen Vorwurf, der DFB-Präsident persönlich habe den Schiedsrichter zu einer Falschaussage drängen wollen.
Malbranc sieht sich als Opfer, als schwächstes Glied im Millionen-Konzern DFB, im Krisenfall aussortiert, gedemütigt und öffentlich geschlachtet. Weil er sein "Gesicht wahren muß", wehrt er sich.
So ist der Fall Malbranc gegen Braun zum Höhepunkt einer seit Wochen mit steigendem Geräuschpegel geführten Diskussion geworden. Sind - diese Frage stellten in wütenden Attacken zuletzt die Manager Uli Hoeneß und Rudi Assauer - die Schiedsrichter dem großen Spiel Bundesliga noch gewachsen? Ist die vom Weltverband Fifa gewissermaßen heiliggesprochene Tatsachenentscheidung, also das Recht des Schiedsrichters auf Fehler, auch in der Ära der Superzeitlupe, die jedes Foul und jede Abseitsstellung erspürt, noch zeitgemäß? Und isoliert sich der DFB, der 2006 die WM ausrichten will, im Weltfußball?
Die Malaise nahm ihren Lauf, als der Hamburger Schiedsrichter Malbranc Anfang November einen Anruf von seinem Ausschuß-Vorsitzenden Roth erhielt: Er müsse am Freitag, dem 7. November, nach Frankfurt fliegen, Otto-Fleck-Schneise 6. Da befindet sich die Zentrale des großen DFB, der Sitz Egidius Brauns.
"Was ist los?" fragte Malbranc. "Ein Gespräch", habe Roth kryptisch geantwortet, Punkt 17 Uhr, alles sei vorbereitet.
Die Runde, die Malbranc erwartete, war prominent angeführt: Der Patron Braun, der es in jungen Jahren bis zum Bezirksliga-Schiedsrichter gebracht hatte, war selbst gekommen.
Es ging bei diesem Treffen um die Aufarbeitung jenes Bundesligaspiels zwischen 1860 München und dem Karlsruher SC vom 5. August. In der 88. Minute pfiff Malbranc zunächst ein Foulspiel; als eine halbe Sekunde später der Ball jedoch im Münchner Tor lag, erkannte er den Treffer an.
Dessen dunkle Sekunde wurde zum Politikum. Die Vereine legten Protest ein, Sportgerichte verhandelten den Fall, und Malbranc sah von Termin zu Termin schlechter aus. Er habe eben "die Wahrnehmung gehabt, erst nach dem Tor gepfiffen zu haben", sagte er am vergangenen Donnerstag, "es war eine Tatsachenentscheidung", wenngleich eine falsche. Die Gerichte aber stempelten ihn zum Lügner und ordneten wegen eines "Regelverstoßes" ein Wiederholungsspiel an. Das Dogma der "Tatsachenentscheidung" aber ist für den Weltverband so fundamental wie für die katholische Kirche die Unfehlbarkeit des Papstes - wer sie in Zweifel zieht, wird abgestraft.
Soweit war der Fall gediehen, als die Frankfurter Runde zusammenkam. Was aber wurde im Sitzungszimmer des DFB besprochen? Diese Frage wird wohl vor Gericht geklärt werden. Schiedsrichter Malbranc erzählt die folgende Geschichte:
Präsident Braun habe darauf hingewiesen, daß die Fifa den DFB bestrafen könne. Dann habe Braun begonnen, eine vorformulierte zweiseitige Erklärung zu verlesen. "Wenn das so richtig ist", habe Braun gesagt, "dann nicken Sie einfach." Unterschreiben könne er am Schluß.
Das merkwürdige Verhör fand ein schnelles Ende. "Ich habe am 5. August das Bundesligaspiel zwischen 1860 München und dem Karlsruher SC gepfiffen", habe Braun vorgelesen. Malbranc nickte.
"Der Spieler Pelé hat ein Foulspiel begangen." Malbranc nickte.
"Und ich habe sofort gepfiffen." Malbranc schüttelte den Kopf. "Nein, das ist falsch", habe er gerufen. Denn nach seinem Verständnis war klar: Braun habe erreichen wollen, daß er einen absichtlichen Regelverstoß gestehe, um die DFB-Urteile gegenüber der Fifa abzusichern. Damit habe ihn der höchste Funktionär zur "falschen Darstellung" angeregt.
Braun dementierte diese Vorwürfe in einer Presseerklärung und droht Malbranc mit einer Klage. Roth meinte Ende vergangener Woche, Malbranc sei "gebeten worden, die Wahrheit zu sagen; seine Reaktion begreife ich überhaupt nicht". Der DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt erklärte sibyllinisch, Malbranc sei gebeten worden, "sich mit dem Sachverhalt auseinanderzusetzen und darzustellen, wie es objektiv war, oder darüber nachzudenken, ob es nicht doch so gewesen sein könnte". Doch der Schiedsrichter blieb stur und ignorierte auch, daß Braun ihn umarmte und bat, "eine Nacht über die Sache zu schlafen und dann anzurufen".
Dann kam, was kommen mußte. Die Fifa setzte sich über das DFB-Diktum hinweg, sagte das Wiederholungsspiel wieder ab und "sprach sich deutlich für die Tatsachenentscheidung" (Malbranc) aus. Braun, sagt Malbranc, "hatte wohl erwartet, daß ich ihm hörig sein würde". Doch auch "an Eides Statt" wolle er, ein "kleiner Schiedsrichter gegen den großen DFB", zu seiner Version stehen.
Mit der Bloßstellung des bekannten Schiedsrichters konterkarieren die DFB-Herren selbst eine Kampagne, die sie gerade mit viel Fußball-Prominenz, Pressewirbel und reichlichem Fernsehaufgebot auf den Weg gebracht hatten. Unter dem fröhlichen Satz "Ich bin gerne Schiedsrichter" stellte Präsident Egidius Braun in Leverkusen die "Maßnahme zur Schiedsrichter-Erhaltung und Imagepflege" vor.
Immer häufiger müssen die 78 000 Unparteiischen auf Deutschlands Fußballplätzen Pöbeleien und Handgreiflichkeiten über sich ergehen lassen. Hehre Worte von Braun und Bundestrainer Berti Vogts über die wichtige Arbeit an der Pfeife sollten von jetzt an ebenso zur Beschwichtigung der grün und schwarz gekleideten Zunft beitragen wie Projektwochen in Schulen, Vereinen und Strafvollzugsanstalten.
Der DFB sah sich zur Rückenstärkung für diesen Berufsstand gezwungen, nachdem zuletzt Uli Hoeneß, Manager von Bayern München, Hellmut Krug ein Stadionverbot erteilen wollte ("das möcht' ich sehen, wenn der hier noch mal pfeift"). Der Pädagoge von der AOK Gelsenkirchen hatte sich getraut, Bayern-Verteidiger Samuel Kuffour des Feldes zu verweisen.
Knapp drei Wochen später schickte Krugs Kollege Lutz-Michael Fröhlich Schalkes Manager Rudi Assauer auf die Tribüne, weil der brausend gegen eine rote Karte für einen seiner Spieler demonstriert hatte. Statt sich abzukühlen, lederte Assauer nach dem Schlußpfiff weiter: Schiedsrichter würden Spieler "mit Freude im Gesicht" vom Platz stellen, ihnen fehle es an "Vernunft und Menschlichkeit".
Daß indes nicht immer nur Schadenfreude und Machtgehabe die Schiedsrichter zu vermeintlichen Fehlentscheidungen leiten, belegt eine von Bundesinnenminister und DFB finanzierte Studie, die in diesen Tagen von dem Sportwissenschaftler Dieter Teipel veröffentlicht wird. Der Professor aus Jena hatte die Beanspruchung von 250 Schiedsrichtern untersucht. Die Probanden erreichten während eines Spiels Pulsfrequenzen von bis zu 185 Schlägen in der Minute. Besonders fanatische Zuschauer, Elfmeterentscheidungen und die Kontrolle durch den Verbandsbeobachter empfanden die Referees als "hoch belastend".
In Spanien fühlen sich die Unparteiischen derart unter Druck, daß sie in der vergangenen Woche in den Streik traten.
Die spanischen Referees befürchteten ähnlich skurrile Situationen, wie sie vor dem Kemptener Landgericht verhandelt wurden. Beim Aufstiegsduell in der bayerischen Bezirksklasse zwischen dem FC Loppenhausen und dem TSV Dietmannsried war der Schiedsrichter wie vom Blitz getroffen zu Boden gesunken. Er sei von einem Schlag niedergestreckt worden, sagte er nach dem Blackout. "Dem Schiri ist die Hex' ins Kreuz geschossen", entgegnete ein Loppenhausener Funktionär.
Der Angelegenheit nahm sich das Gericht wegen des Verdachts auf Körperverletzung an. Der strenge Richter ließ einen Zeugen des FC Loppenhausen wegen Verdunklungsgefahr in Handschellen aus dem Gerichtssaal führen.
Auch den Männern vom DFB ist nichts unangenehmer als Prozesse solcher Art - einerseits wegen des großen Imageschadens durch Angriffe auf ihre Schiedsrichter, aber auch, weil sie es mit der Angst bekommen, wenn ordentliche Gerichte über Geschehnisse auf dem Rasen urteilen. Denn das Sportrecht, das haben viele Beispiele gezeigt, hält oftmals einer Überprüfung nicht stand.
Um umstrittene Situationen abschließend auf dem Spielfeld zur Klärung zu bringen, hat die Sportwelt den Begriff der Tatsachenentscheidung erfunden. Der Schiedsrichter ist demnach Polizist, Ankläger, Richter und Vollstrecker zugleich.
Natürlich kam es durch diese Konstruktion oftmals zu grobem Unrecht. So wurde Bayern München 1994 ein Treffer anerkannt, obwohl Thomas Helmer, für jeden Fernsehzuschauer sichtbar, neben das Tor geschossen hatte. Zum Ärger von Bayerns Präsident Franz Beckenbauer ("hirnlose Juristen") revidierten die DFB-Richter die Tor-Entscheidung des Schiedsrichters ebenso wie ein Fehlurteil in Leipzig.
Dort war der Leipziger Ronald Werner im Spiel gegen den FC Chemnitz zu Unrecht des Feldes verwiesen worden. Der DFB ordnete ein Wiederholungsspiel an und erhielt von der Fifa prompt einen Verweis.
Die Männer vom DFB werteten die "materielle Gerechtigkeit" höher als das Dogma der Tatsachenentscheidung. Doch mit dieser Lösung gerieten sie in Konflikt mit dem Weltverband, der zur Aufrechterhaltung weltweiter Einheitlichkeit an der Macht der Tatsache festhält.
Für den Deutschen Fußball-Bund geht es deshalb auch bei der Affäre um den widerspenstigen Pfeifenmann Malbranc um Grundsätzliches. Schon nach Helmers Phantomtor hatte die Fifa mit Sanktionen bis hin zum Ausschluß von Fußball-Weltmeisterschaften gedroht. Und in solchen Zeiten braucht man Freunde.
Nötig hätte die auch Schiedsrichter Malbranc. Nur Jörg Jablonski, bei Helmers vermeintlichem Treffer einst belächelter Linienrichter, rief bei ihm an und versicherte ihn seiner Unterstützung - ansonsten hält sich die Branche dezent zurück. "Die Schiedsrichter sind alle in Deckung", meint Malbranc, "sie kriegen 4000 Mark pro Einsatz und stehen damit in Abhängigkeit."
Die Karriere des Schiedsrichters Michael M. begann vor 28 Jahren mit einem Spiel, das er zehn Minuten zu spät abpfiff. Nun endet sie mit dem, was aus einer weiteren, wie er sagt, "menschlichen Fehlentscheidung" wurde. "Es war das schlimmstmögliche Ende", sagt Malbranc, "aber ich konnte doch nicht von der Hoffnung leben, irgendwann wieder gemocht zu werden. Soll ich deswegen lügen?"
Von Brinkb., , Ludwig und

DER SPIEGEL 49/1997
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