15.12.1997

ZEITGESCHICHTERabiater Raubzug

Die Stasi knackte 1962 Tausende verwaister Schließfächer und verscherbelte die Beute. Die Eigentümer, vielfach Nazi-Opfer, müßten entschädigt werden.
Der Coup war gut vorbereitet: Erst wurde den Magdeburger Bankenchefs ein Mittagessen in der Stasi-Zentrale serviert, dann wurden sie in Bussen zu den Filialen gefahren. Am Samstag, dem 6. Januar 1962, kurz vor 15 Uhr, klapperten ihre Schlüssel in den Schlössern der Safes und Tresore. "Aktion Licht" hatte begonnen.
Es war ein besonders rabiater Raubzug in der DDR-Geschichte: Quer durch die Republik wurden etwa 100 000 Blockschließfächer kontrolliert und ungezählte Panzerschränke leergeräumt. Ein Wochenende lang plünderten Hunderte Stasi-Mitarbeiter in Banken und Sparkassenfilialen verwaiste Geldschränke. Fehlten die Schlüssel, brachen die Geheimdienstler die Türen einfach auf.
Ausgeraubt wurden all jene Schließfächer, die seit 1945 nicht mehr geöffnet worden oder nicht registriert waren. In der Regel, so urteilt die amerikanische Historikerin Carolsue Holland, handelte es sich dabei um "Eigentum von Opfern des Nationalsozialismus".
Eine Suche nach Überlebenden oder Erben schien der Stasi überflüssig. Sie sah in dem Beutegut nur "nicht ordnungsgemäß erfaßte Wertgegenstände". Und die fielen an den Arbeiter-und-Bauern-Staat.
Wie nun aufgefundene Dokumente aus der Berliner Gauck-Behörde zeigen, wurde die "Aktion Licht" von ganz oben angeordnet: Stasi-Minister Erich Mielke persönlich gab den Einsatzbefehl, SED-Chef Walter Ulbricht ließ sich über die Ergebnisse informieren.
Die übertrafen alle Erwartungen. Die Tschekisten holten brillantenbesetzte Golddiademe, Handschriften von Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe, Stiche von Albrecht Dürer und Canaletto aus den Safes. Die Beute schätzte die Stasi auf 4,1 Millionen West-Mark. Über 1000 Posten umfaßte die 99 Seiten lange Raubliste. Das meiste davon landete später im Westen, verkauft für harte Devisen.
Offiziell diente die "Aktion Licht" der Bekämpfung des "Schieber- und Spekulantentums". Die Geheimdienstler hatten zunächst - "unter Wahrung der Konspiration" - herauszufinden, wer inzwischen die Gebäude der ehemaligen Privatbanken nutzte, die 1948 geschlossen worden waren.
Dann suchten sie Kollaborateure bei den DDR-Banken und -Sparkassen. Die Wahl fiel stets auf "überprüfte gute Genossen" und "Treppenterrier", wie die Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi im Volksmund hießen.
Worum es ging, erfuhren diese erst am Samstag mittag, zwei Stunden vor Beginn der Aktion. Kurz nach ihnen wurden die Banken- und Sparkassenchefs eingewiesen und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Dann rückten die Tresorknacker im Staatsauftrag gemeinsam aus. Mielke schickte Mechanikertrupps mit - zum fachgerechten Aufbrechen der Geldschränke.
Doch die Banker zeigten sich nicht besonders begeistert, selbst wenn es Genossen waren. Einheitssozialist Hammerschmidt, Chef der Stadtsparkasse Magdeburg, beschwerte sich über die ungewohnte Wochenendarbeit. Das sei ein Verstoß gegen das Prinzip der gesetzmäßigen Arbeitszeit. Auch SED-Mitglied Serick von der Deutschen Notenbank (DNB) in Dresden erhob Einwände. Man solle lieber "bis zur Wiedervereinigung Deutschlands warten", um dann den Tresorinhalt "den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben".
Zudem herrschte in den DDR-Geldhäusern heillose Verwirrung. Der Leiter der DNB Halle wußte nicht einmal, wie viele Schließfächer sein Institut beherbergte. Die Magdeburger Bank für Handel und Gewerbe nutzte ihre Tresorräume als Kleiderkammer. Und in Wernigerode dauerte es bis Mitternacht, ehe sich die Geheimdienstler durch allerlei Gerümpel zu den Schließfächern durchgewühlt hatten. Die könne man jetzt nicht mehr aufbrechen, fand Stasi-Oberleutnant Siebert, das sei doch viel zu laut, schließlich wohnten im selben Haus vier Familien. Also wurde die Aktion vertagt.
Rund 1400 Schließfächer öffneten die Stasi-Leute allein im Bezirk Magdeburg gewaltsam. Die Überreste, etwa 100 Tonnen Stahl und Blechschrott, wurden ordentlich recycelt. Der erbeutete Schatz, darunter ein brillantenbesetzter Hausorden der Zarin Katharina der Großen, wanderte ins Finanzministerium nach Ost-Berlin.
Wem die Wertstücke gehörten, war der SED-Führung egal. Dabei hatten Mielkes Mitarbeiter ihren Chef darauf hingewiesen, daß es sich in vielen Fällen um das Eigentum nach Kriegsende "verschollener Personen" handelte. In Schönebeck hatten sie immerhin Sparbücher polnischer Zwangsarbeiter gefunden.
Derzeit sichtet die Historikerin Holland die Akten. Wenn sich klären ließe, wessen Eigentum die DDR-Führung verhökerte, so Holland, die den Londoner Holocaust Educational Trust berät, "könnten daraus neue Ansprüche gegen die Bundesrepublik erwachsen".
Doch die Chancen stehen eher schlecht. Bereits 1971 mußte die Stasi passen, als die Erben eines Danziger Oberpostinspektors zwei Briefmarkenalben zurückforderten, die dieser 1946 bei einer Schweriner Bank hinterlegt hatte. Die konfiszierten Briefmarken waren für den Verkauf "neu geordnet" worden. Ihr weiterer Verbleib, so die Stasi kleinlaut, sei "nicht nachweisbar".
* Bank für Handel und Gewerbe (1977).
Von Klaus Wiegrefe und

DER SPIEGEL 51/1997
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