15.12.1997

PERUUnd dann bat der General zum Tanz

126 Tage lang dauerte das Geiseldrama in der japanischen Botschafterresidenz von Lima. Erst jetzt - da sich die Gefangennahme jährt - sind einige Opfer bereit, über ihr Martyrium zu sprechen. Der SPIEGEL rekonstruiert mit ihrer Hilfe die wichtigsten Etappen.
17. Dezember 1996
Seit 19 Uhr strömen die Gäste in die Residenz des japanischen Botschafters in Limas gutbürgerlichem Stadtteil San Isidro. Der Geburtstagsempfang zu Ehren des japanischen Kaisers ist ein wichtiger Termin für alle einflußreichen Peruaner und Diplomaten, seit der japanischstämmige Präsident Alberto Fujimori regiert. Er will den Andenstaat zu einem Brückenkopf für asiatische Investitionen in Lateinamerika machen.
Botschafter Morihisa Aoki und seine Frau begrüßen die Gäste am Portal des weißen Anwesens. Aoki hat Sushi und Sashimi für tausend Personen geordert.
Juan Mendoza, 57, Vizeminister für Energie und Bergbau, trifft um 19.30 Uhr ein. Er hat sich wenige Tage zuvor an der Bandscheibe operieren lassen und leidet immer noch unter Rückenschmerzen.
Doch ein peruanisches Regierungsmitglied kann es sich kaum leisten, nicht zu diesem Empfang zu erscheinen.
Plötzlich erschüttert eine Explosion das Haus. Mendoza glaubt zunächst an ein Feuerwerk. Erst als Schüsse fallen, wirft er sich auf den Boden. Wie aus dem Nichts tauchen einige vermummte Guerrilleros im Garten auf und treiben die Gäste ins Haus. "Keine Sorge, euch passiert nichts", ruft einer der Rebellen. "Wir sind vom MRTA und nicht vom Leuchtenden Pfad!" Glück im Unglück, denkt Mendoza. Die marxistische "Revolutionsbewegung Túpac Amaru" (MRTA) gilt als nicht ganz so blutrünstig wie die maoistischen Terroristen des Leuchtenden Pfades. Einige Leibwächter schießen anfangs zurück, dann werfen sie ihre Pistolen weg - gegen die Kalaschnikows der Guerrilleros haben sie keine Chance. Ein Rebell feuert eine Salve über die Köpfe der Geiseln und ruft: "Herr Aoki, geben Sie sich zu erkennen."
Polizisten schießen Tränengasgranaten durch die Fenster, doch die Guerrilleros
sind mit Gasmasken ausgerüstet. Die Geiseln keuchen und würgen, einige müssen sich erbrechen. Aoki, der im Piano-Zimmer kauernd in Deckung gegangen ist, ruft: "Stellt das Feuer ein!" In vier Gruppen dürfen die Frauen und einige ältere Männer das Haus verlassen. Zurück bleiben 379 Männer. Unter ihnen ist auch Michel Minnig, der Leiter des Roten Kreuzes in Lima. Er bietet sich als Vermittler an.
Der Anführer der Rebellen, ein korpulenter Mestize, stellt sich als "Comandante Huerta" vor. Mendoza erkennt ihn trotz der Vermummung: Unter dem schwarz-roten Tuch verbirgt sich der ehemalige Gewerkschaftsführer und MRTA-Chef Néstor Cerpa. Insgesamt 14 Rebellen, unter ihnen zwei Mädchen, halten die Geiseln in Schach. Die meisten sind sehr jung. Einer, den sie den "Araber" nennen, hat sein Tuch wie einen Turban um den Kopf geschlungen.
Cerpa ist ausgesucht höflich zu den Gefangenen. Aoki redet er mit "Herr Botschafter" an, der antwortet respektvoll mit "Señor Comandante". Die Guerrilleros beginnen, die Namen und Funktionen ihrer Gefangenen auf einem Zettel zu registrieren. Einige Offiziere, die für Guerrillabekämpfung zuständig sind, werden nervös. Hastig zerreißen sie ihre Ausweise und spülen sie im Klo hinunter.
Mendoza hat seinen Ausweis im Garten verscharrt, doch die Guerrilleros erkennen den Politiker auch so. Zusammen mit anderen hochrangigen Geiseln sperren sie ihn in ein Zimmer ins Obergeschoß. 28 Männer drängen sich auf 24 Quadratmetern. Um Mitternacht dürfen die Kellner das Gebäude verlassen. Mendoza rollt sein Jackett zusammen, nimmt die Schuhe als Kopfkissen und versucht zu dösen.
18. Dezember 1996
Eine Explosion reißt Mendoza aus seinem Dämmerzustand. Fünf Geiseln hechten hinter ein Sofa, andere verstecken sich in einem begehbaren Schrank. Erst als ein Guerrillero Entwarnung gibt, trauen sie sich wieder hervor: Eine Taube hat sich vor dem Fenster in einer Sprengfalle verfangen.
Botschafter Aoki verteilt japanische Snacks und Mineralwasser. Um 8.15 Uhr verstopft das erste Klo. Die Rebellen verminen das Haus. Aoki telefoniert aufgeregt mit Tokio. Die japanischen Geiseln bekommen Order, Ruhe zu bewahren. Ihre Regierung würde das Problem lösen, verkündet der Botschafter.
Am Nachmittag besucht Néstor Cerpa die Geiseln im Obergeschoß. Der Guerrillaboß verkündet, daß er sie gegen 400 inhaftierte MRTA-Kampfgenossen austauschen wolle und hält eine Rede gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik von Präsident Fujimori. Nachdem Cerpa gegangen ist, schlägt Mendoza vor, daß die Geiseln sich organisieren. Formell unterstellt er sich dem Befehl von Außenminister Francisco Tudela. Der warnt vor gewaltsamem Widerstand. Mehrere Botschafter bilden eine Kommission, um mit Fujimori zu verhandeln, darunter auch der Deutsche Heribert Wöckel. Cerpa läßt sie gehen.
Mittags liefert das Rote Kreuz Brote, Käse und Mortadella und teilt Medikamente aus. Auf Formularen können die Geiseln ihren Familienangehörigen schreiben.
Im Fernsehen heißt es, daß die USA und Israel Befreiungskommandos entsandt haben. Die Geiseln sind besorgt. Bei einem bewaffneten Befreiungsversuch rechnen sie sich geringe Überlebenschancen aus. Später erlischt das Fernsehbild. Die Sicherheitskräfte haben den Strom abgestellt. Dann macht Cerpa erneut eine Runde durch die Geiselzimmer. Er wirkt gut gelaunt und läßt sich auf eine Diskussion über die Vorzüge der Marktwirtschaft ein.
Nachts müssen sich die Geiseln aneinanderschmiegen, damit alle Platz zum Schlafen haben.
19. Dezember 1996
Cerpa ist wütend, weil Präsident Fujimori sich nicht zu den Forderungen der Geiselnehmer äußert. Er ruft einen General zu sich, der die Soldaten vor der Residenz auffordern soll, sich zurückzuziehen. Andernfalls droht er, eine Geisel zu erschießen. Auch Außenminister Tudela werde er hinrichten. Später beruhigt er sich.
Ein Polizeioffizier erleidet einen Nervenzusammenbruch und wird evakuiert. Mittags äußert sich erstmals der Präsident. Im Radio hören die Gefangenen, daß er keine Zugeständnisse machen will.
Die Geiseln beschließen, Nachrichten auf Bettlaken zu schreiben, die sie in die Fenster hängen. Auf Japanisch und Spanisch bitten sie um Wasser. Weil mittlerweile alle Toiletten verstopft sind, schlägt einer vor, die Notdurft in Plastiksäcke zu verrichten. Abends liefert das Rote Kreuz endlich sieben Chemie-Klos.
20. Dezember 1996
Die Guerrilleros haben sich entschlos- sen, weitere 38 Geiseln freizulassen, zumeist ausländische Diplomaten. Der Wirtschaftswissenschaftler Francisco Sagasti bittet Cerpa zum Abschied, ihm auf einem japanischen Mineralwasserkarton ein "Geisel-Diplom" auszustellen. Cerpa schreibt: "Für Herrn Sagasti, mit allem Respekt - Stoßtrupp Edgar Sánchez."
Zwar ist der Alkoholvorrat erschöpft, aber die Diplomaten albern herum "wie auf einer endlosen Cocktailparty", spottet Mendoza. Sie überspielen ihre Angst. Die Botschafterkommission, die zum Verhandeln ausgezogen war, läßt nichts von sich hören. Néstor Cerpa grollt: "Wie weit sollen unsere Vorleistungen noch gehen?"
22. Dezember 1996
Die Guerrilleros wollen weitere 225 Geiseln freilassen. Es gestaltet sich immer schwieriger, über 300 Männer zu überwachen und zu versorgen. Schon am Morgen teilt Cerpa die Geiseln in Gruppen ein. Sie müssen bei glühender Hitze im Garten ausharren. Cerpa will die Aktion live für die Abendnachrichten inszenieren.
24. Dezember 1996
Endlich gibt es mehr Platz im Haus. Zum Heiligabend liefert das Rote Kreuz gebratenen Puter, den die Geiseln mit Plastikmessern zerlegen. Inzwischen hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Morgens um sechs werden die Geiseln von der Hymne der MRTA geweckt. Im Empfangssaal halten die Rebellen militärische Übungen ab, dazu schreien sie den Partisanen-Kampfruf "Vencer o morir", siegen oder sterben.
Die Geiseln treiben unterdessen Gymnastik. Der Abgeordnete Gilberto Siura hat eine "Turnschule" eröffnet, Vizeminister Mendoza joggt im Korridor. Bis an die Treppe sind es 55 Meter, die er in 45 Sekunden schafft. Jeden Morgen läuft er insgesamt zwei Kilometer, 40 Minuten lang.
Zum Frühstück gibt es Brot und Nescafé. Der Stubendienst fegt die Zimmer aus. Um 9.00 Uhr beginnen die "Seminare": Geiseln halten Vorträge über ihre Spezialgebiete. Ein Abgeordneter, der als Gourmet bekannt ist, spricht über Speisen und Rezepte. Und dann bittet ein General zum Tanz: Er weist die Geiseln in peruanische Folklore ein. Jesuiten-Pater Juan Julio Wicht, Rektor an einer Privatuniversität in Lima, erteilt den Japanern Spanisch-Unterricht. Ein Polizeioffizier lehrt Französisch. Auch Cerpa nimmt an dem Kurs teil, seine Söhne leben in Frankreich. Andere Geiseln lesen oder spielen Karten.
Vizeminister Mendoza bestellt japanische Kost, weil sie leichter bekömmlich ist. Vor der Gefangenschaft litt er unter Magenkoliken, jetzt hat er keine Beschwerden mehr. Die Sushi- und Tempura-Gerichte, die von einem japanischen Restaurant zubereitet werden, sind so gesund, daß bei vielen Geiseln der Blutdruck sinkt. Nach einigen Wochen hat Mendoza den Blutdruck eines 17jährigen, er nimmt 15 Kilogramm ab.
In der Gefangenschaft entdecken viele Männer ihren Glauben wieder. Die zumeist katholischen Peruaner beten nachmittags den Rosenkranz. Padre Wicht liest mittwochs und sonntags die Messe. Der Priester ist freiwillig geblieben. Cerpa hatte ihm die Freilassung angeboten, aber er will den Geiseln beistehen. Seither behandeln die Guerrilleros ihn mit besonderem Respekt.
25. Dezember 1996
Am 1. Weihnachtstag besucht Monseñor Cipriani, der Erzbischof von Ayacucho, die Residenz. Sein Verhältnis zu Wicht ist von Beginn an gespannt. "Hola", begrüßt Cipriani ihn kühl. Er gehört dem konservativen Geheimorden Opus Dei an und steht Fujimori nahe. Wicht ist ein liberaler Jesuit. Es stört Cipriani, daß er selten Soutane trägt und einem weltlichen Beruf nachgeht.
15. Januar 1997
Die Rebellen akzeptieren den Vorschlag der Regierung, eine Kommission zu benennen, die Verhandlungen über eine Lösung der Geiselkrise vorbereiten soll. Monseñor Cipriani soll gemeinsam mit Rot-Kreuz-Vertreter Minnig und Kanadas Botschafter Anthony Vincent die Gespräche überwachen. Der ehrgeizige Cipriani hat sich ohne Wissen des Vatikans oder der peruanischen Bischofskonferenz in die Rolle hineingedrängt. Ein Erfolg der Verhandlungen, so kalkuliert Cipriani wohl, könnte seine Karriere im Klerus fördern.
Cerpa ist anfangs gegen Cipriani. Der Bischof ist bekannt für seine unnachgiebige Haltung gegen Terroristen. Aber der Guerrillaboß ist verzweifelt, weil ihm die Regierung bislang keine Aufmerksamkeit schenkt. Er wußte, wie er in die Residenz reinkommt, jetzt hat er keine Ahnung, wie er heil wieder rauskommt, denkt Padre Wicht. Cipriani hört Cerpa wenigstens zu, und er hat das Ohr des Präsidenten. So akzeptiert er ihn schließlich.
Der Bischof vermittelt geschickt den Eindruck, er sei entscheidend für eine friedliche Lösung. Er macht den Geiseln Hoffnung, auch wenn die Gespräche schlecht laufen.
19. Januar 1997
Kardinal Landázuri, der beliebte ehemalige Erzbischof von Lima, ist gestorben. Cerpa bittet Wicht, während der Trauerfeier in der Kathedrale zu predigen. "Lesen Sie eine Botschaft des Friedens, und vertreten Sie uns", fordert er den Padre auf. Wicht wiegelt ab: "Wenn ich sage, was ich denke, dann muß ich verkünden: Dieses ist ein Terrorakt. Die Regierung wird sich freuen und das für ihre Zwecke ausschlachten. Sage ich aber: Wir müssen für den Frieden arbeiten, dann wird Fujimori denken - Wicht ist gegen uns. Das würde die Lösung nur komplizieren." Im Scherz fragt er Cerpa: "Warum gehen wir nicht beide?"
20. Februar 1997
Die Geiseln verlieren allmählich die Zuversicht. Obwohl sie von den Verhandlungen nichts mitbekommen, spüren sie, daß es nicht vorangeht. Sie erwägen Fluchtpläne, die sie bald wieder verwerfen. Kaum einer der Offiziere kann mit Waffen umgehen, die meisten haben seit Jahren nicht mehr geschossen. Die Guerrilleros sind mit AK-47-Sturmgewehren, Uzis und 9-mm-Pistolen ausgerüstet, außerdem hat jeder zehn Granaten im Gürtel.
Das Haus gleicht einem Käfig. Die Wände sind hoch, viele Fenster vergittert. Die Treppen sind mit Möbeln blockiert, Werkzeug haben die Geiseln nicht im Haus gefunden. Höchstens zwei oder drei Männer könnten gleichzeitig fliehen, schätzt Mendoza.
Guerrillaboß Cerpa leidet zunehmend unter Realitätsverlust. Stolz zeigt er einen kleinen Sender, mit dessen Hilfe er mit einem Fernsehjournalisten auf dem Dach eines gegenüberliegenden Hochhauses kommuniziert. Um die Störsender der Regierung auszutricksen, wechselt er laufend die Frequenz. Er sieht sich bereits in der politischen Arena. "Comandante, das Land steht nicht auf Ihrer Seite", gibt Padre Wicht zu bedenken. "Die Peruaner wollen Gerechtigkeit, nicht Gewalt." Doch für Cerpa geht es um alles oder nichts.
27. Februar 1997
Zum erstenmal bemerkt Mendoza, daß einige Geiseln Kontakt zur Polizei haben. Als er mitten in der Nacht erwacht, sieht er Vizeadmiral Luis Giampietri in einen Gitarrenkasten sprechen. Mendoza erinnert sich, daß einige Geiseln zwei Tage zuvor um eine zusätzliche Gitarre gebeten hatten. Ein Instrument hatte das Rote Kreuz bereits in den ersten Wochen geliefert. Es gebe so viele Geburts- und Namenstage zu feiern, hatten die Gefangenen argumentiert. Auch die Terroristen singen und klampfen gern.
Als das Instrument eintrifft, werden die Militärs unter den Geiseln nervös. Aufgeregt suchen sie nach einem sicheren Ort für die Gitarre. Schließlich bewahrt Außenminister Tudela den Kasten auf. Mendoza glaubt zunächst, daß in dem Instrument eine Waffe versteckt ist. Als er den Admiral sieht, ist ihm klar, daß in dem Kasten ein Sender verborgen sein muß. Die Guerrilleros haben zwar das Instrument untersucht, bevor sie es den Geiseln aushändigen, nicht aber den Kasten. Tudela leiht das Instrument an jeden aus, der spielen will. Den Kasten hütet er jedoch wie seinen Augapfel.
2. März 1997
Fujimori ist überraschend nach Kuba gereist, um über die Aufnahme der Guerrilleros zu verhandeln. Er bietet den Rebellen an auszureisen. Weitere Zugeständnisse macht er nicht. "Wie ist das Leben auf Kuba?" fragt einer der jungen Guerrilleros. "Auf jeden Fall brauchen wir viel Geld", erwidert ein anderer.
6. März 1997
Cerpa hat Schürfgeräusche unter dem Zimmer im Erdgeschoß gehört, in dem er schläft. Er läßt Botschafter Aoki und Außenminister Tudela kommen. "Fujimori läßt einen Tunnel bauen!", brüllt er sie an und droht, eine Geisel zu erschießen. Mendoza, der als Mineningenieur ausgebildet wurde, versucht die Guerrilleros zu beruhigen: "Das ist unmöglich, der Boden ist viel zu sandig. Außerdem würde nur eine Person zur Zeit aus dem Loch kommen, die würde doch sofort abgeknallt." Cerpa beruhigt sich, aber fortan schläft er im Obergeschoß.
15. März 1997
Die Anspannung der Guerrilleros hat nachgelassen. Nachmittags spielen sie im Erdgeschoß mit einem Fußball, den sie aus Vorhangstoff gebastelt haben. Abends erzählen sie von ihren Erlebnissen im Dschungel. Der "Araber", der mit richtigem Namen Rolly Rojas heißt, erzählt, wie sie Polizeistationen im Urwald überfallen haben. "Was habt ihr mit den Gefangenen gemacht?" fragt Mendoza. "Wir machen keine Gefangenen", erwidert Rojas lakonisch.
Eines der Mädchen unter den Rebellen bittet den Abgeordneten Chang Ching, beim Roten Kreuz für sie eine Kassette mit Popmusik zu bestellen. Doch Cerpa ermahnt seine Krieger, nicht mit den Geiseln zu sprechen. Das Verhältnis soll nicht zu eng werden. Er läßt die Geiseln deshalb regelmäßig in andere Zimmer verlegen.
5. April 1997
Trotz der Versorgung durch das Rote Kreuz sind die hygienischen Zustände unerträglich. Nachts laufen Mäuse und Ratten über die Schlafenden. Die Geiseln bitten um Mausefallen, doch die Polizei lehnt das ab: "Die Geräte könnten womöglich zu einem anderen Zweck mißbraucht werden", werden die Gefangenen beschieden. In ihrer Verzweiflung jagen sie die Tiere mit einem Besen. Zwei Abgeordnete basteln Fallen aus Plastikschachteln und Käse. An einem Faden befestigen sie ein Stück Brot als Köder. Tatsächlich fangen sie drei Mäuse.
19. April 1997
Seit Wochen sind die Gespräche mit der Regierung an einem toten Punkt. Rebellenführer Cerpa ist deprimiert. Er trifft sich mit seinen Unterführern in der Bibliothek und schlägt ihnen vor, nach Kuba auszureisen. Er ahnt nicht, daß die Polizei das Gespräch belauscht und mitschneidet.
"Die Ausreise wäre keine Kapitulation", versichert der Guerrillaführer. "Die Geschichte wird uns freisprechen, das hat schon Fidel gesagt. Alles ist mit Havanna abgemacht. Außerdem verspricht Präsident Fujimori uns langfristig ein Friedensabkommen."
Die anderen sind dagegen: "Das Volk wird das als Kapitulation betrachten", sagt der Guerrillero Tito. "Wir sollten unseren revolutionären Kampfgeist auffrischen", pflichtet ihm Rolly Rojas bei. Cerpa läßt über die Frage abstimmen. Er unterliegt und verkündet: "Wir machen weiter."
20. April 1997
Die Geiseln haben sich über den Rot-Kreuz-Mitarbeiter Jean Pierre Schaerer erregt. Bei seinen Besuchen verbrachte der Schweizer mehr Zeit bei den Guerrilleros als bei den Geiseln. "Er ist uns nicht freundlich gesinnt", sagt Mendoza. "Außerdem dient er Cerpa als Bote." Auch Padre Wicht kritisiert den Rot-Kreuz-Vertreter: "Er hat sich die Sache der MRTA zu eigen gemacht."
Die Guerrilleros fotografieren Schaerer beim Plausch mit Cerpa auf dem Sofa. Einen Tag später läßt Fujimori den Rot-Kreuz-Mann ausweisen. Die Polizei hat offenbar seine Gespräche mit der Guerrilla belauscht.
22. April 1997
Mendoza spielt Karten, als kurz nach 15 Uhr Vizeadmiral Giampietri ins Zimmer kommt. Seine Stimme ist angespannt: "Sie kommen, um uns zu holen!" Die Geiseln schieben Möbel vor die Tür, dann setzen sie sich an den Tisch und nehmen die Karten wieder auf. Nach zehn Minuten hören sie in der Ferne eine Explosion. Kurz darauf knallt es erneut, diesmal direkt unter ihrem Zimmer. Die Explosion ist so stark, daß Mendoza mehrere Meter weit fliegt. Als er zu sich kommt, hüllen Rauch und Staub den Raum in Dunkelheit. Noch immer hält er sein Kartenblatt umklammert.
Er erblickt einen Lichtstreifen unter der Stahltür, die zur Veranda führt. Blind läuft er ins Freie. Plötzlich erinnert er sich, daß die Rebellen den Garten vermint haben. Vorsichtig tastet er sich an einer Mauer entlang. Zwei Soldaten erscheinen auf der Treppe. Sie geben ihm ein Zeichen zu laufen. Kopfüber stürzt er sich in einen Tunneleingang voller Soldaten. Sie schieben ihn nach hinten, wo ihm weitere Soldaten entgegenkommen.
Kurz darauf stolpert Außenminister Tudela zu Mendoza in das Loch, ein Soldat hat sich als lebender Schild über ihn geworfen. Ein Guerrillero feuert von einem Fenster aus mit einer Maschinenpistole, der Soldat bricht tot zusammen. Die Streitkräfte stürmen die Terrasse und jagen die Stahltür mit einer Granate in die Luft.
Allen 72 Geiseln gelingt die Flucht. Doch Carlos Giusti, Richter am Obersten Gerichtshof, stirbt auf dem Weg ins Kran-kenhaus. Die Guerrilleros und zwei Soldaten kommen in dem Feuergefecht um. Bis heute hält sich der Verdacht, daß einige Rebellen von den Soldaten hingerich- tet wurden, nachdem sie sich ergeben hatten.
Für die Befreier und die Offiziere unter den Geiseln hat Präsident Fujimori ein bis heute gültiges Redeverbot verhängt.
Ein Jahr nach der Geiselnahme hat sich das Leben mancher Betroffener wesentlich verändert.
Präsident Fujimori gelang es nicht, seine aus der Befreiung resultierende Popularität zu halten. Wer weitreichende soziale Reformen in Peru erwartet hatte, wurde enttäuscht. Fujimori geriet immer mehr in die Abhängigkeit seiner Militärs und Geheimdienste, verstrickte sich in einen Abhörskandal; viele halten ihn Ende 1997 nicht mehr für den starken Mann im Lande. Seine Zustimmungswerte im Volk fielen auf 23 Prozent.
Außenminister Tudela, eine der prominenten Geiseln, hatte in den Tagen nach dem Sturm auf die Residenz das Krisenmanagement des Präsidenten zunächst vorsichtig kritisiert, dann sah es aus, als schlüge er sich wieder voll auf dessen Seite. Im Juli erklärte Tudela seinen Rücktritt.
Padre Juan Julio Wicht, der vor der Gefangenschaft selten in der Öffentlichkeit zu politischen Fragen Stellung genommen hat, hält heute oft revolutionär klingende Vorträge über die Befriedung Perus.
Botschafter Aoki wurde nach einer Schamfrist von der japanischen Regierung aus Lima abgezogen und sah sich in seiner Heimat scharfer Kritik ausgesetzt. Er erhielt wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen einen "ernsten Verweis" und wurde im September in das Amt eines Chefdiplomaten "für afrikanische Konfliktherde" versetzt.
Die Rebellen haben ihren Kampf nicht aufgegeben. Perus Verteidigungsminister César Saucedo mußte zugeben, daß "Terroristen vom Leuchtenden Pfad und der MRTA 679 Aktionen" im Jahr 1997 durchgeführt hätten, darunter "Sabotageakte und Angriffe auf Polizeikräfte".
Die Reste der japanischen Residenz wurden im Oktober einplaniert. Tokio hat für dieses Jahr die Feiern zum Kaisergeburtstag in Lima abgesagt.
[Grafiktext]
Die Residenz des japanischen Botschafters in Lima
[GrafiktextEnde]
* Oben: am 22. April; unten: am 17. Dezember 1996 mit Perus Außenminister Francisco Tudela.
Von Jens Glüsing und

DER SPIEGEL 51/1997
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PERU:
Und dann bat der General zum Tanz