22.12.1997

BERLINAlte Sünden

Das Olympiastadion verfällt. Doch die Stadt scheut die Kosten einer Sanierung, und Hertha BSC will ohnehin eine neue Arena.
Dem Führer gefiel der Entwurf überhaupt nicht. Die Pläne für den Neubau eines Olympiastadions in Berlin zeigten ein elegantes Stahlbeton-Oval mit verglasten Zwischenwänden. "Einen solchen modernen Glaskasten", erklärte Adolf Hitler seinem Berater Albert Speer im Herbst 1934, werde er "nie betreten".
Der Parteiarchitekt zeichnete über Nacht eine imperial anmutende Alternative: Speer strich die in dem Entwurf von Werner March vorgesehene Verglasung komplett, und das nackte Stahlbetonskelett versteckte er hinter Werksteinplatten.
Diese massiven, bis heute sichtbaren Korrekturen folgten Speers abstruser "Theorie vom Ruinenwert" eines Bauwerks: Im Dritten Reich sollten Monumentalbauten entstehen, die, wie Speer später eingestand, "im Verfallszustand, nach Hunderten oder ... Tausenden von Jahren etwa den römischen Vorbildern gleichen" sollten.
Weitaus früher als von den Nationalsozialisten angenommen könnte aus der finsteren Theorie nun Wirklichkeit werden: Das Olympiastadion, 1936 Schauplatz der "größten Sport-Show der Geschichte" ("New York Times"), ist schon nach sechs Jahrzehnten baufällig.
Rost und Regen haben die Muschelkalkverkleidung angegriffen und Fassadenplatten abgesprengt. In den Katakomben unter Tribünen und Marathontreppe wachsen, wie in einer Tropfsteinhöhle, zentimeterlange Kalksäulen aus der Decke. Korrodierte Stahlbetonträger müssen mit nachträglich eingezogenen Stahlrahmen notdürftig entlastet werden.
Vor gut vier Jahren noch wollten der Bund und das Land Berlin die Betonschüssel aufwendig sanieren - für die Olympischen Spiele im Jahr 2000. Nachdem jedoch Sydney den Zuschlag erhielt, taugt die Arena nun angeblich nur noch als Ruine: "Ein Colosseum für Berlin wäre die beste und billigste Lösung", meint etwa der Präsident des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen.
Der einflußreiche Sportfunktionär will das denkmalgeschützte Bauwerk allen Ernstes vergammeln lassen und als historische Reliquie präsentieren. Die Marathontreppe, zum Beispiel, sollen in Zukunft nur noch Touristen beklettern.
"Lassen Sie die Kiste absperren und verrotten", empfahl kürzlich auch Theo Waigels Finanzstaatssekretär Manfred Overhaus der Stadt. Der Bund, Eigentümer des Stadions, wollte die weltbekannte Immobilie zunächst für rund 170 Millionen Mark losschlagen, zuletzt verlangte Overhaus nur noch eine symbolische Mark.
Doch die Stadt lehnte im Frühsommer dankend ab. Gutachter hatten die Bruttokosten für Sanierung und Modernisierung auf 657 Millionen Mark geschätzt.
Die Berliner favorisierten längst eine ganz andere Idee: den Bau eines neuen, womöglich sogar billigeren Fußballstadions auf dem 132 Hektar großen ehemaligem Reichssportfeld. Es gelte, so Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD), "dem Wirtschaftsfaktor Fußball optimale Produktionsbedingungen zu schaffen".
Mit den unverhofften Erfolgen des Bundesliganeulings Hertha BSC entdeckt das bettelarme Berlin plötzlich die Kicker-Branche, zumal sich die Ufa, eine Tochter des Bertelsmann-Konzerns, bei Hertha eingekauft hat. Mit 3,5 Millionen Einwohnern und 95 000 registrierten Fußballern gilt die Hauptstadt als unerschlossene Goldgrube.
"Wunderschön" findet etwa Hertha-Manager Dieter Hoeneß das Olympiastadion. Nur: Auf Dauer sei die Anlage den Bedürfnissen des Profi-Fußballs in der Hauptstadt nicht angemessen. Hoeneß: "Unser Vorbild ist der Neubau von Amsterdam."
Dort steht seit 1996 ein hypermodernes Fußballstadion mit Schiebedach inmitten eines gigantischen Unterhaltungs- und Einkaufsviertels. Auch die Manager vom FC Bayern München verfolgen derzeit ein solches Projekt. Das Münchner Olympiastadion hat denselben Nachteil wie das Berliner: Die Leichtathletik-Anlagen schaffen zuviel Distanz zum Fußball-Fan.
Während jedoch die reichen Bayern (Jahresumsatz: 165 Millionen Mark) einen Neubau finanzieren könnten, wäre der einstige Skandalclub Hertha BSC (25 Millionen) dazu keinesfalls in der Lage. Zahlen müßte also die öffentliche Hand. Und die käme um diese Aufgabe auch kaum herum, wenn die Deutschen tatsächlich den Zuschlag für die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 2006 erhielten.
Aber muß es wirklich gleich ein neues Stadion sein? Die angesehene Stuttgarter Planungsgemeinschaft Deyle-Bung hat schon vor einem Jahr Pläne für eine Modernisierung des Olympiastadions erstellt. Doch seither verstauben die Unterlagen in einem Karton mit zehn Leitzordnern.
Dabei dokumentieren mehr als 40 Gesprächsvermerke ein verblüffendes, seit Herthas Aufstieg in die erste Liga offenbar unerwünschtes Ergebnis: Die Konzepte stießen bei Denkmalschützern, Sportverbänden und Großveranstaltern allseits auf Zustimmung. Sogar die strengen Herren vom europäischen Fußball-Verband bescheinigten nach einer Inspektion des Stadions und der Pläne, das "vorliegende Anforderungsprofil" entspreche "größtenteils den Anforderungen der Fifa und Uefa".
In der sanierten Arena könnten 64 385 Zuschauer auf Einzelsitzen Platz finden. Ein neues Tribünendach ließe sich über dem Innenraum komplett schließen. Fußballer, Leichtathleten, Edel-Gastronomen, Händler, Musik-Stars könnten sich ober- und unterirdisch tummeln.
Bis Ende Januar soll der Münchner Unternehmensberater Rolf Seebauer im Auftrag von Bund und Land zudem ein "wirtschaftliches Leitkonzept" für das Olympia-Gelände vorlegen. Private Investoren würden die Freiflächen mit Geschäften und weiteren Sportstätten nutzen.
Doch die schönen Ideen haben einen gravierenden Nachteil: Das Olympiastadion bliebe ein Zwitterbau. Wegen der Laufbahnen säßen Fußballfans noch immer weit weg vom Spielfeld, bis zu 180 Meter entfernt.
Werden deshalb künftig weniger Zuschauer kommen? Kaum, vermutet der Berliner CDU-Fraktionschef Klaus-Rüdiger Landowsky, selber oft Tribünengast. Die "Augen der Menschheit sind während der letzten 61 Jahre nicht schlechter geworden", spottet er. In dieser Hinsicht habe sich das Stadion seit 1936 bewährt.
Auf Landowsky, einen der mächtigsten Männer der Stadt, setzen Denkmalschützer und Anhänger des Olympiastadions nun ihre Hoffnungen. Als bisher einziger Vertreter der regierenden Großen Koalition zeigt er Reue gegenüber "früheren politischen Stadtsünden". Landowsky gibt sich fest entschlossen, "kein Stück Geschichte mehr zerstören" zu wollen.
Von Bornhöft und

DER SPIEGEL 52/1997
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