22.12.1997

STASI„Paßt mal bloß jut uff“

Der rüstige Stasi-Chef Erich Mielke feiert frohgemut seinen 90. Geburtstag - entgegen den meisten ärztlichen Prognosen.
Niemand weiß etwas über mich. Niemand erfährt etwas über mich. Alle wissen nichts. UNTERSUCHUNGSHÄFTLING ERICH MIELKE, 1990 IN DER CHARITÉ
Am Ende seines langen Lebens ist der Berufsrevolutionär Erich Mielke abgerüstet worden. Man hat seine drei privaten Faustfeuerwaffen - zwei Walther-Pistolen und einen "Baby"-Browning, Kaliber 6,35 (alles Westimporte) - beschlagnahmt, dazu die Jagdflinten und sogar den Generalsdolch mit Ehrengravur. Geblieben ist ihm nur sein stabiler Spazierstock, den nutzt er jetzt als Allzweckwaffe.
Wenn der "Armeegeneral" - er führte diesen Titel zu Recht, denn Mielke kommandierte 92 000 hauptberufliche und 170 000 inoffizielle Stasi-Mitarbeiter - gegen 10.15 Uhr sein Rentnerdomizil in Berlin-Hohenschönhausen zum Morgenspaziergang verläßt, hebt er den Stock dem neuen Tag entgegen. Gutgelaunt und lebhaft plaudert er mit seinem jeweiligen Begleiter, meist einem Ex-Stasi-General. Flink sichern seine kleinen Äuglein das Terrain.
Der Spaziergang dauert eineinhalb Stunden, auch wenn ein kalter Wind aus Osten weht. Mielke, der am 28. Dezember seinen 90. Geburtstag feiert, ist noch immer gut zu Fuß. Der Alte raucht nicht und trinkt nicht, sein Appetit ist gesegnet, er schläft gut.
Tadellos funktionieren die Sinnesorgane, gut koordiniert ist die Motorik. Als ein Fotograf in diesem Herbst vom alten Kämpfer Mielke ein lebensfrisches Foto machen wollte und deshalb den Fuß in die Tür des Hochhauses stellte, traf der rüstige Tschekist mit dem ersten kraftvollen Stockstoß punktgenau den großen Zeh des Fotografen. Schwupp, war die Tür zu.
Schade, daß keiner von Mielkes Ärzten und Psychologen den ehemaligen Patienten so munter in Aktion sehen kann. Sechs Jahre lang, vom Wendeherbst 1989 bis zum Sommer 1995, war Mielke vermutlich Deutschlands meistuntersuchter Patient. Dutzende von Ärzten und Seelenkundlern - Psychologen, Psychiater, Internisten, Röntgenologen, Amts-, Gerichts- und Vollzugsärzte, Urologen und Uni-Professoren - haben Gesundheit, Vernehmungs- und Haftfähigkeit des prominenten Geheimpolizisten überprüft. Dabei wurden mehr als 50 verschiedene Krankheitsdiagnosen und fast ebenso viele pessimistische Prognosen gestellt.
Erich Mielke hat das alles überlebt. Auf seine alten Tage hat er zurückgefunden zu Fitneß und ironischer Distanz - Ärzte sind ihm wieder entbehrlich. "So schlau wird er ja wohl sein", lästerte Mielke 1986 über seinen vorletzten MfS-Generalarzt Günter Kempe, "daß er mir den Puls fühlen kann."
So schlau war der Chef des "Zentralen Medizinischen Dienstes" des Ministeriums für Staatssicherheit - 2200 hauseigene Gesundheitsmitarbeiter - allemal. Kempe verstand es darüber hinaus, dem rüden Vorsorgepatienten Mielke nach dem obligaten Gesundheits-Check eine rituelle Freude erster Güte zu bereiten: Um das Bett des Ministers versammelten sich alle Beteiligten, vom Generalarzt bis zur MfS-Schwesternschülerin.
Dann schnarrte Kempe, Hände korrekt angelegt: "Genosse Minister, melde gehorsamst, Sie sind voll dienstfähig." Die freudige Botschaft ließ sich Mielke, seinerzeit schon im achten Lebensjahrzehnt, anschließend von jedem Anwesenden wiederholen: ... voll dienstfähig ..., voll dienstfähig ... "Und was sagst du?" "Voll dienstfähig."
Kempes Nachfolger, der letzte Stasi-Generalarzt Klaus-Wolfgang Klein, inszenierte das Spiel nur noch zweimal, notierte im Januar 1989 als Ergebnis einer "stationären Durchuntersuchung" jedoch bereits fünf Krankheiten: allgemeine Arteriosklerose, Gicht, Nierensteine, Wirbelsäulenabnutzung, leichter Kropf.
Mielkes Leibärzte Kempe und Klein sind schon längst gestorben - vor der Zeit und vor ihrem viel älteren Patienten. Der hatte damals den Offizieren des MfS das Führen ihrer selbstverliehenen (juristischen) Doktortitel verboten: "Ick komm' mir ja sonst vor wie im Krankenhaus."
Dieses miese Gefühl hat der nun wieder muntere Mielke während der 1904 Tage, die er nach dem Mauerfall zunächst als U-Häftling, dann als verurteilter Mörder abgesessen hat, mehrfach durchlitten: Er war Patient in sieben vergitterten Haft-Krankenabteilungen, meist in der Rolle des Todgeweihten, angeblich tattrig, depressiv, ein Greis ohne Gedächtnis. Sein Beruf und der Geburtsname seiner Ehefrau waren ihm entfallen; für die Nachwendezeit schien sich der entmachtete Berufspolitiker überhaupt nicht zu interessieren.
Doch das Bild des Jammers bekam bald Sprünge: Mielke bestand auf einem Rollstuhl, war in unbeobachteten Momenten jedoch "flink wie ein Wiesel" (so erinnert sich seine Krankengymnastin). Bei Vernehmungen und vor Gericht schwieg er meist, sein "Lederol"-Hütchen tief im Gesicht. "Markus Wolf? Markus Wolf?" rätselte er 1989 über seinen Stellvertreter, "wenn das bei mir eine Persönlichkeit war, ich habe davon keine Ahnung."
"Ich bin krank, sterbenskrank", beschwor er seine Ärzte. "Ich bin fix und fertig. Alles wird immer weniger. Ich bin sowieso ein toter Mann. Herztot. Aus und Ende." Zur Bekräftigung legte Mielke die Hand auf die Brust - "Mein Herz! Mein Herz!" -, irrtümlich auf die rechte Seite.
Die Frage, ob der Ex-Minister ein "Simulant" sei oder ein Schwerkranker, entzweite seine diversen Gutachter. Sie gaben sich bei Mielke die Klinke in die Hand. Am Ende füllten die ärztlichen und psychologischen Erkenntnisse zwei dicke Aktenordner des Berliner Landgerichts.
Die Richter hatten die freie Wahl. Sie konnten sich für Depression, Hirnleistungsschwäche, suizidale Neigung, sogar für Hirnatrophie und Altersschwachsinn entscheiden - und damit für Haftunfähigkeit.
Andere Fachärzte offerierten der Justiz als Diagnosen Mielkes "Flucht in die Somatisierung" und erkannten auf "simulierte geistige Leistungsschwäche". Das fanden die Richter dann auch - so wurde Erich Mielke Deutschlands ältester Strafgefangener.
Seit er wieder in Freiheit lebt, haben seine zahlreichen Krankheiten ihre Relevanz sichtlich verloren. Mielke braucht keinen Rollstuhl mehr, er findet sich selbst bei "Aldi" gut zurecht. Die vor Jahren ärztlich vorhergesagten Leiden - Herzinfarkt, Schlaganfall, Desorientierung, eingeklemmter Leistenbruch - sind alle ausgeblieben.
99 von 100 Männern seines Geburtsjahrgangs 1907 hat er schon überlebt, viele seit Jahrzehnten. Gestorben sind Mielkes Generalsekretär Honecker und seit 1989 ein Dutzend MfS-Generäle, alle jünger als der Chef.
Zu Grabe tragen helfen hat der alte Berliner auch die Mär, die Kunst der ärztlichen Prognose sei eine richtige Wissenschaft. Doktoren, die im Fall Mielke auf schlecht ("mala"), sehr schlecht ("pessima") oder gar verzweifelt ("infaust") setzten, tippten schwer daneben - denn nur gut ("bona") wäre richtig gewesen.
In seiner Zweiraumwohnung, vereint mit Ehefrau Gertrud ("Trudchen"), 88, sieht Mielke sich ganz gelassen im Fernsehen die Glücksspiele an. Den Wahlkreis hat die PDS direkt erobert.
Viele von Mielkes Nachbarn betrachten den alten Kämpfer mit Sympathie, sie sorgen sich höchstens um das Wohl neugieriger, womöglich Mielke-kritischer Besucher: "Paßt mal bloß jut uff euch uff, vor allem, wenn's mal wieder anders kommt."
Von Halter und

DER SPIEGEL 52/1997
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