22.12.1997

ZEITGEISTDer große Rauschangriff

Esoterikfieber, Mystery-TV, Diana-Anhimmelung - am Ende dieses Jahrtausends mißtrauen immer mehr Menschen rationalistischen Welterklärungen. Besonders der ungebrochene Kult um die Engel will die entzauberte Lebenswelt beseelen. Von Nikolaus von Festenberg
Fürchtet Euch nicht: Er heißt Benjamin, ist ein kleines Männlein und trägt ein blaues Kapuzenmäntelchen. Als jetzt bei Freyja Knorr, 47, einer angehenden Unternehmensberaterin aus dem niedersächsischen Loxstedt, die Heizung ausgefallen war und der Monteur abgesagt hatte, sprach die zweifache Großmutter mehrmals: "Benjamin, mach etwas." Und siehe, die Heizung sprang wieder an - Schutzengel sind etwas schwerhörig, aber verläßlich.
Fürchtet Euch nicht: Der Bremer Horst-Olaf Castendyk, 67, ehemaliger Volkshochschulleiter, hat zu fünf Engeln Kontakt, keinen Männchen, sondern "Kraftfeldern". Mit allerdings sehr menschlichen Zügen: "Sie springen im Karree vor Freude, wenn ein Mensch sie endlich wahrnimmt. Man muß sich hundertprozentig auf sie einlassen. Engel mögen keinen Schmäh. Sie brauchen Verbindlichkeit."
Fürchtet Euch nicht, verkündet alle Jahre wieder der Weihnachtsengel. Das ist gut gesagt, fällt aber immer schwerer angesichts solcher sich häufender Bekenntnisse zu den Kollegen des Jesusverkünders. Die geflügelten Boten schweben derzeit in hellen Scharen durchs Gemüt der Zeitgenossen, beflügeln deren Phantasie und ziehen einen wachsenden Kult auf sich.
Gut 200 Jahre nachdem die Aufklärung versuchte, die sichtbaren und unsichtbaren Geisterreiche zu entvölkern, kehren die seltsamen Gott-Mensch-Wesen aus den Tiefen der religiösen Überlieferung zurück und schlagen in allen Medien mit den Flügeln - der große Rauschangriff auf die rationale Welt.
Konsum und Reklame haben die "Kultobjekte der Neunziger", wie Matthias Horx, erster Posaunist im Verkündigungschor der deutschen Trendforscher, die Engel nennt, leichtfüßig erobert: Putten-Knäblein prangen auf Kladden, Postkarten und Lippenstiften. Sie zieren die Zimmer träumerischer Teenager ebenso wie die Wände durchgestylter Designerwohnungen. Auf Engelsschwingen soll selbst MM-Sekt zu Champagner-Qualitäten hinaufsegeln. Die unverwüstliche Film-Elfe Christine Kaufmann, 52, schlüpfte für die "Bunte" ins Engelskostüm. "Damit könnte ich selbst von einem Ort zum anderen fliegen, denn Flugzeuge hasse ich."
Über die Pannen auf den Autobahnen herrschen - gelobet seien sie - die Gelben Engel des ADAC, und die blauen Kollegen segnen als Signet ein Produkt, wenn es umweltfreundlich ist. Die Insassen der Hölle verruchten Motorradlebens eint das Zeichen der "Hell's Angels" auf der Lederjacke.
Die Jugend liebt Flügel, die Popkultur läßt ihre Helden fliegen. Michael Stipe, Sänger der Gruppe REM, spannt im Video zum Hit "Losing My Religion" sehr ironisch die Engelsflügel auf.
Die letzte Ruhe findet der Deutsche am liebsten unter den Fittichen des fliegenden Gottesknechtes. "Engel sind auf Münchens Friedhöfen zur Zeit der Renner", weiß Steinmetz Eugen Brender. Unter eine Maria im Rosenkranz oder das Kreuz mit dem Gemarterten mag sich dagegen heute kaum noch einer legen - das Faible für beschwingte Tröstung dauert offenbar über den Tod hinaus.
Auch die Esoterik ist total angelisiert. In Deutschlands größtem Eso-Buchladen, "Wrage" in Hamburg, gehen, so Besitzer Jürgen Lipp, Engelkarten mit Sinnsprüchen für den Tag und solche zum Wahrsagen weg wie geflügelte Semmeln.
Der Buchmarkt profitiert seit Jahren von der grassierenden Himmelssehnsucht. Die Titel lesen sich, als wäre die Welt ein einziges Krippenspiel und jeden Tag Weihnachten: "Dein Engel ist in Dir", "Schutzengel und Heilengel", "Wie Engel uns lieben", "Mein Engel und ich", "50 Engel für das Jahr", "Engel - die unsichtbaren Helfer des Menschen", "Engel als Beschützer und Helfer der Menschen".
Meist enthalten diese Bücher Ratschläge, wie man seinen Schutzengel, der irgendwo in einem schlummert, erweckt. Sie laufen auf die Devise hinaus: Werde so tugendhaft wie ein Engel, dann freut sich auch der gefiederte Freund in dir. Wie zu erwarten, wimmelt es in den Eso-Fibeln von persönlichen Begegnungen mit den Lichtgestalten. Bei der Autorin Karina Silberweg ("Mein Engel und ich") entwickelt der Gottesbote Züge eines musikalischen Beraters: "Ich saß in der Küche, schälte Kartoffeln und wollte Musik hören. Wie üblich hatte ich NDR III eingeschaltet." Doch, Frau Silberweg zum Graus kündigte der Sprecher statt Bach oder Beethoven Musik von Rimski-Korsakow an. Die Verächterin nachklassischer Moderne schaltete ab, hatte aber nicht mit ihrem Engel Antaares gerechnet, der ihr befahl, den Apparat einzuschalten und sich den Russen anzutun, schließlich habe der unter der Popularität der Klassik gelitten. Die Engel der Ratgeberbücher sind unerbittlich lieb und unerbittlich pädagogisch: Frau Silberweg sagt jetzt ja zu Rimski.
Doch das gefiederte Kulturinteresse zielt auch auf Höheres. In den letzten Jahren überzogen die Verlage die Buchläden mit prächtigen Bänden. Darin entfaltet sich das imposante Erbe der Engelsbilder: die wunderbaren Darstellungen der Renaissance-Maler von der Verkündigung Mariens durch den Erzengel Gabriel. Beliebt und ergreifend wirkt auf den Leser das Gemälde des Erzengels Michael, der mit unbestechlichem Blick, die Waagschale in den feingliedrigen Händen, am Jüngsten Tag die Gerechten von den Ungerechten scheidet.
Die Texte dieser Bücher beschäftigen sich mit der Entstehung und der Ordnung der Engel - eine dank der verschlungenen Überlieferung komplizierte Geschichte, die von mehreren Himmeln, Thronwächtern, gestürzten Dämonen, Chören, Triaden und einer selbst die notorische Engelsgeduld überfordernden Vielzahl von Namen handelt. Das Publikum aber scheint sich an solchen Himmelserkundungen zu erfreuen.
Fünfmal wurde allein das 1991 im Verlag Zweitausendeins erschienene Werk des britischen Angelologen Malcolm Godwin "Engel - eine bedrohte Art" wiederaufgelegt. Darin betritt der Autor, wie er schreibt, eine "geheimnisvolle Landschaft, in der seit vielen Jahrhunderten nur wenige gewesen sind". Gemeint ist ein Kosmos von Wesen, die sich ständig um einen Mittelpunkt, Gott, drehen. Die Beschreibung dieses Zentrums liest sich wie physikalische Poesie: "Fließende Kraft reiner Gedanken in höchsten Schwingungen, deren feine Strahlen ständig die Frequenz zu ändern scheinen, je weiter sie sich vom Zentrum entfernen."
Um den heißen Kern kreisen die Seraphim, Wesen reinen Lichtes und reiner Gedanken, "die das Feuer der Liebe zum Klingen bringen". Wenn sie einem Menschen begegnen, haben sie sechs Flügel und vier Köpfe. Andere haben Hunderte Augen, wieder andere sehen aus wie glühende Wagenräder oder feurige Kohlen. Erst zu den kälteren Rändern hin wird die Engelschar einigermaßen anthropomorph.
Aus den Büchern des neuen Engelkults weht es heiß. "Siehe, da war ein anderes Haus", zitiert "Das große Buch der Engel" den Urvater Henoch, den Gott nach äthiopischer Überlieferung zum Himmelstrip lud, "größer als jenes; alle seine Türen standen vor mir offen, und es war aus feurigen Zungen gebaut. Seinen oberen Teil bildeten Blitze und kreisende Sterne, und seine Decke war loderndes Feuer."
Nicht nur die religiöse Überlieferung läßt Engelliebhaber erglühen. Der hohe Ton der Dichter findet Interesse. Wie Rainer Maria Rilke in den Duineser Elegien die Engel preist, paßt zur neuen Euphorie: *___Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung, Höhenzüge, ____morgenrötliche Grate aller Erschaffung, - Pollen der blühenden ____Gottheit, Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne, Räume ____aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte stürmisch entzückten ____Gefühls und plötzlich, einzeln, Spiegel: die die entströmte ____eigene Schönheit wiederschöpfen zurück ins eigene Antlitz.
Ob auf der Hochebene der Dichter oder in den Niederungen trivialer Esoterik - es ist nicht zu leugnen, daß am Ende des zweiten Jahrtausends die Sehnsucht nach Überschreitung der Wahrnehmungsgrenzen wächst, die die besserwisserische technischrationale Zivilisation dem Menschen setzt.
Vom Himmel herniederzusteigen brauchen die Engel eigentlich schon gar nicht mehr, sie sind hienieden längst heimisch. Eine Forsa-Umfrage ergab, daß 50 Prozent der Deutschen, darunter in der Mehrheit Frauen, glauben, einen persönlichen Schutzengel zu besitzen. Jeder Zehnte ist sich sicher, schon mal einen Engel gesehen oder gefühlt zu haben.
So offenbarte auch der Diana-Kult, die weltweite Verhimmelung der Prinzessin von Wales zur engelgleichen Königin der Herzen, daß wissenschaftliche Aufklärung, Computer und Internet die religiöse Potenz der heutigen Epoche keineswegs zum Absterben gebracht haben. Die Phantasie holt sich ihre Flügel zurück.
Selbst durch das Fernsehen gehen die Engel. Freilich nicht als Putten oder "Pollen der blühenden Gottheit". Der Glaube an eine übersinnliche Ebene, auf der hinter den Kulissen der Sichtbarkeit überirdische Dunkelmänner die Geschicke lenken, verbreitet sich dennoch schier unaufhaltsam in dem Medium. Die Rede ist vom Boom der Mystery-Serien.
In "Akte X", einer gerade beim jungen Publikum ungewöhnlich erfolgreichen US-Serie, fahndet FBI-Agent Fox Mulder, ein moderner Drachentöter, nach einer Wahrheit hinter dem Verbrechen, "die irgendwo dort draußen liegt". Meist stecken hinter den Untaten Ufo-Entführungen, Telekinese, Parapsychologie oder sonst ein transzendentaler Hokuspokus.
Dieser Schnüffler mit der Nase für böse Engel tarnt sich als Skeptiker. Von der Entstehung des Bösen aus menschlich-allzumenschlichen Niedrigkeiten und aus schieren Zufällen will er nichts wissen. Sein Engelsglaube gibt sich ausgekocht und heißt Verschwörungstheorie: Alles auf Erden, lautet dann das Credo, hat seine genaue Bestimmung durch die trügerischen Machenschaften von Satanen, die "irgendwo dort draußen" mit himmlischer Exaktheit arbeiten. "Akte X", aus der Post-Hippie-Paranoia geboren, liegt nicht weit entfernt von der esoterischen Naivität der desorientierten Schutzengelbeschwörer: Wer die Wirklichkeit nicht mehr versteht, überschreitet sie einfach - und meint durchzublicken.
Allerdings: Das steigende Engelsfieber läßt sich nicht einfach als Selbstbetäubung von Modernisierungsgeschädigten abtun. In der historischen Überlieferung von den Mittlerwesen zwischen Mensch und Gott stecken zweieinhalb Jahrtausende abendländischer Phantasiegeschichte. Die Engel galten nicht nur als Rilkes selbstverzückte Narzißten voller für den Menschen unerreichbarer schrecklicher Schönheit. Die Epochen haben - ähnlich Jakob aus dem Alten Testament - mit ihnen gerungen, um mit Einsichten gesegnet zu werden.
Der erste Kampf mit den Engeln ist schon in der jüdischen Religion selbst angelegt: Welchen Platz können die Botenwesen innerhalb des monotheistischen Modells haben, dem zufolge Gott und nur Gott als das zentrale Lenkungsorgan anzusehen ist? Andererseits: In absoluter erdenferner und verborgener Transzendenz konnte Jahwe, der Gott der Juden, nicht verharren, war doch das Volk Israel von Religionen umgeben, in denen es von geflügelten Götterboten nur so wimmelte.
Die Sache war heikel. Altes und Neues Testament übernahmen zwar die Figur des Boten (griechisch: ángelos, Namensgeber des Wortes Engel). Aber die Gotteshelfer werden strikt auf ihre Funktion im göttlichen Auftragswesen beschränkt. Weitschweifige Beschreibungen der Himmelsboten verkneift sich die Heilige Schrift in den rund 300 Stellen, an denen von Engeln die Rede ist.
Wie der Fremde aussah, dem die Magd Hagar in der Wüste begegnet, bleibt ebenso unausgemalt wie die Szene, in der der Jahwe-Bote den ungläubig lächelnden Abraham davon unterrichtet, daß seine betagte Frau schwanger werden wird. Jakobs Traum von der Himmelsleiter und sein geheimnisvoller Ringkampf ("Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn") sind im Verhältnis zum Gegenstand spartanisch knapp gehalten. Erst wer in Thomas Manns herrlich ausladenden "Josephsbüchern" die Szenen nachliest, bekommt eine Vorstellung von der seelischen Dramatik,die in der Begegnung zwischen Mensch und Engel liegt.
Angelogische Reserviertheit auch sonst in der Bibel: Nur Michael, Gabriel und Raphael werden namentlich erwähnt. Von himmlischen Heerscharen ist in der weihnachtlichen Verkündung gegenüber den Hirten die Rede, Jesus spricht von Satans Sturz.
Aber systematisiert wurden die Berichte über die Engel nicht, die Boten blieben Nebendarsteller - wohl deshalb, damit Gott und später Christus als souveräne Haupthelden nicht abgewertet werden.
Nach Jesu Tod plagte man sich mit dem alttestamentlichen Engel. Es ging vor allem um die Frage, wie das Zusammenleben der Menschen mit den Engeln aussehen werde, falls ein Mensch nach dem Ende der Welt in das Paradies eingewiesen wird. Der Apostel Paulus war sich sicher, daß die Menschen über die Engel richten würden. Kirchenvater Irenäus (im zweiten Jahrhundert) gab sich dagegen zurückhaltender und tippte, der Mensch werde nach dem Tod "Umgang in Gemeinschaft mit den heiligen Engeln" haben. Kirchenvater Augustin forderte für den Menschen einen englisch ätherischen Leib, Hieronymus beharrte auf einer Differenz. Thomas von Aquin vergeistigte 800 Jahre später wieder den Körper der Engel: Er erscheint bei ihm wie ein Vorläufer in den Paradoxien der modernen Physik mit der Möglichkeit, an mehreren Orten gleichzeitig zu sein.
Die Scholastik knackte schließlich an der Frage herum, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben, ob sie ein Geschlecht hätten - und nach Genuß der Engelsspeise Verdauung.
Die moderne Kirche mit ihrer unsinnlichen Gottesverehrung guckt den Engeln nicht mehr unters Gewand. Sie gibt sich statt dessen äußerst wortkarg und spröde zum Thema Engel. Sie seien, heißt es konfessionell übereinstimmend, theologisch kein Thema. Wo die theologischen Begriffe unscharf waren, konnten Kulte und Kunst um so ungehinderter walten. Die Menschen der Spätantike, denen Götterboten wie Merkur und der Pfeile abfeuernde Amor geläufig waren, wandten sich ohne Scheu der Verehrung der Engel zu. Im fünften Jahrhundert setzten sich von Byzanz her Engeldarstellungen mit Flügeln durch - nach den Vorbildern der antiken Niken, Eroten und Genien.
Im neunten und zehnten Jahrhundert verlieren sie vorübergehend ihr Federkleid, um dann um so kräftiger zu rauschen. Die gestrengen Paradiesgestalten verschwinden, die Renaissance schickt wunderbare Schwärme pudelnackter musizierender Wonneproppen in die Gemälde. Die knäbische Koketterie, mit der die beiden Putten unter Raffaels Sixtinischer Madonna aus dem Bild lugen, zeugen von Unschuld, die es faustdick hinter den Ohren hat.
Der Rilke-Exeget Romano Guardini wandte sich geekelt ab und sprach von "weichlichen Bildern, welche vom späten Mittelalter an das gewaltige und heilige Wesen der Engel immer tiefer erniedrigt haben". Dem Professor war entgangen, daß das Nackte der Renaissance ein Freigelassensein bedeutete, die Kindlichkeit eine Annäherung an göttliche Einfachheit und englische Schönheit nicht schrecklich wirken muß, sondern menschlich.
Mit den Engeln im Bunde widersetzte sich die Romantik, beschreibt der Münchner Kulturkomparatist Friedmar Apel in seinem erhellenden Buch "Himmelssehnsucht", der Einvernahme durch die gefühlsreglementierende Aufklärung. Mit Enthusiasmus ergaben sich die jungen deutschen Intellektuellen am Beginn des 19. Jahrhunderts den "Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders" namens Wilhelm Heinrich Wackenroder - das Kultbuch der Brentano-Generation lebt von den Einflüsterungen der Engel.
Unter Mißbilligung des im gipsernen Klassizismus Weimars erstarrenden Dichterfürsten Goethe pilgerte das junge Deutschland, darunter auch Heinrich von Kleist, zur Sixtina nach Dresden und verharrte schwärmerisch ergriffen vor dem Gemälde.
Die künstlerische Moderne will nach Gottes Tod ebenfalls nicht vom Engel lassen. Der Ringkampf geht weiter. Der vom Himmel für immer abgeschnittene, eigentlich arbeitslose Bote wird zum Inbegriff des sinnentleerten Zeichens - und damit zum Zeichen einer an sich selbst verzweifelnden Kunst, die niemand vernehmen will.
Diese modernen Engel bringen kein Heil von oben, sie assistieren nur noch bei der Selbsterlösung des Menschen. Franz Biberkopf, dem unglücklichen Helden aus Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", öffnen zwei Engel - kurz bevor er in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird - den Blick auf eigene Schuld und den Tod.
In Max Frischs 1954 erschienenem Roman "Stiller" sind Engel noch nicht einmal als Helfer bei einer Selbsttherapie glaubhaft. Der Bildhauer, Held des Romans, beruft sich auf die ästhetische Begegnung mit dem übersinnlichen Geschöpf: Im sprachlosen Gegenüber mit dem Schrecken des Engels, behauptet er, sei er zu seinem wahren Ich erlöst worden, das er nicht einmal in der Begegnung mit Frauen gefunden habe. Alles Humbug, zeigt der Roman in seinem weiteren Verlauf. Im Zeitalter der Reproduktion und der verschwundenen Originalität können Kunstengel nicht erlösen. Und doch: Frischs Ringkampf mit der Tradition hat eine Erkenntnis, wenn auch eine sehr pessimistische, gebracht.
Die Engel, die durch den Film geistern, sind alles andere als Erlöser. Bei Wim Wenders und Peter Handke im "Himmel über Berlin" betteln die Engel um die Erlösung aus der Rilkeschen Entrückung: Ein Verwöhnter der Schöpfung stellt einer Trapezkünstlerin nach und pfeift - um der Liebe zu den Menschen willen - auf seine Lichtgestalt.
All die anderen Kino-Engel, besonders die der Komödien von Woody Allen bis zu John Travolta ("Michael"), haben zwar noch Flügel, aber den letzten Schein von Transzendenz verloren - Kanarienvögel im Käfig des Amüsierbetriebes.
Ausgerungen? Können seriöse Sinnsucher mit den Engeln nichts mehr anfangen? Rauscht es nur noch im Cartoon, als ironisch-distanziertes Echo in einer traditionsblinden Postmoderne?
Den faszinierendsten Versuch, die Engel aus musealer Antiquiertheit zu befreien und als gefährliche wie gefährdete Sendboten des Kommunikationszeitalters erscheinen zu lassen, hat der Pariser Sorbonne-Philosoph Michel Serres unternommen. Gleich dem alten Gottesfahrer Henoch legt das Mitglied der Académie française sein Ohr an die Datenstränge der Informationsgesellschaft und hört die Englein rauschen. Sein für einen akademischen Philosophen hymnischer Essay "Die Legende der Engel" verkündet: Seht Euch die moderne Welt, seht Euch selbst an, es wimmelt von Engeln. Aber: Fürchtet Euch.
In einem philosophischen Dialog auf dem Pariser Airport "Charles de Gaulle" entdecken ein weitgereister Inspizient der Air France mit dem passenden Namen Pantope - ein Monsieur Überall, wie der aus dem Griechischen abgeleitete Name sagt - und eine fromme Flughafenärztin, Pia geheißen, im Getriebe der Kommunikationsgesellschaft das Heer der Engel.
Engel? Gleichen nicht die Menschen, die sich vor den Schaltern anstellen, um Flugzeuge zu besteigen und Botschaften in alle Welt zu bringen oder solche zu empfangen, den Figuren aus der Bibel? Serres hebt spielerisch und ernst zugleich die Unterscheidung von Mensch und Engel auf - und auf einmal wird die Moderne zur göttlichen Tragödie.
Wie ein unerlöster Engel klagt Pantope: "Ich habe mein Leben auf Flughäfen und in Wartesälen verbracht, an der Küste des Meeres und am Rande der Tränen, mobil, agil, aufmerksam, abwesend, stets auf der Suche nach dem Weg, ihn einschlagend und wieder verlassend; verloren warte ich auf die Ankunft, den Transit, den Abflug, die Flucht."
Im Universum der Kommunikationsnetze bekommt der Mensch die Flügel der Engel, teilt aber auch deren Schicksal: Die Wirklichkeit hört ihn nicht, die Inflation der Zeichen und Verweise findet keine Referenz, kein zu Bezeichnendes mehr - der Kassandra-Ruf des französischen Strukturalismus.
Serres' Vision läßt eine gar nicht utopische weltumspannende Megalopolis entstehen. Ihr den Engeln entlehnter Name: Los Angeles, "Welt-Lichterstadt" über allen globalisierten Kontinenten. Darin herrscht als Elite eine neue Weltgeistgeneration, gut genährt, mikrobenfrei, kinderlos und satt. In schwereloser Bewegung, Astronauten gleich, verliert dieses Los Angeles, das von der Ausbeutung der Armenheere lebt, jede Bodenhaftung.
Die Menschenengel Serres' sind wahrhaft schrecklich, sie teilen den satanischen Übermut: Die Gottesboten halten sich selbst für Gott. Das Medium ist die Botschaft, Marshall McLuhans Satz beschreibt die luziferische Hoffahrt der Informationsgesellschaft.
Vor dem Sturz kann sie nur die Einsicht bewahren, die falschen Engel zu bekämpfen. Der Mensch muß sich auf seine Beschränkung besinnen, seine fleischliche Existenz. Am Ende seiner philosophischen Unterhaltung feiert Serres Weihnachten: Auf dem Flughafen wird ein Kind geboren.
Merkwürdig: Ob Wenders oder Serres - am Ende fordert der Mensch nicht die Erlösung durch Engel, sondern aus falscher Engelhaftigkeit.
Frau Silberweg, die engelhaft über Rimski-Korsakow Belehrte, werden solche Erwägungen nicht stören. Ihr Antaares hat ihr die Botschaft überbracht, daß in Diana und Mutter Teresa die Engel Lindan und Miriam gesteckt haben.
Fürchtet Euch nicht, es ist bald Weihnachten.
Frühe Geglückte, ihr Verwöhnten der Schöpfung, Höhenzüge,
morgenrötliche Grate aller Erschaffung, - Pollen der blühenden
Gottheit, Gelenke des Lichtes, Gänge, Treppen, Throne, Räume aus
Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte stürmisch entzückten Gefühls und
plötzlich, einzeln, Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit
wiederschöpfen zurück ins eigene Antlitz.
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 52/1997
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