17.09.2012

DEBATTESchwarz-Rot-Geld

Christian Wulff war nicht nur der falsche Präsident. Bettina Wulffs Memoiren zeigen: Er hatte für das Amt auch die falsche Frau. Von Jürgen Dahlkamp
Schlagen wir doch bitte einmal die Seite 120 auf, das ist so weit hinten im Buch, dass Bettina Wulff uns längst zum Komplizen gemacht hat, zum Voyeur ihres Exhibitionismus(*). Beginnen wir mit dieser Stelle oben links, über die wir in unserem vollgeplauderten Zustand beinahe hinweggehuscht wären. Und lassen wir sie langsam ins Bewusstsein einsickern. Bettina Wulff schreibt in ihren Memoiren: "Ganz toll war auch, im Hotelzimmer zu liegen und zu wissen, dass im Zimmer gegenüber Beamte 24 Stunden wach sind, quasi Babysitter spielen und auf einen aufpassen. Für manche mag das vielleicht anregend sein, für mich war es das nicht. Eher ging es mir im Kopf herum: ,Na, dann muss man ja verdammt leise sein, bei allem, was man so tut. Vielleicht sind die Wände ja doch nicht so dick.'"
Schön sinken lassen. Bis später.
Das erste Opfer von Memoiren ist die Wahrheit. Eigentlich heißt der Satz: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit - aber diese Memoiren sind ein Krieg, und deshalb stimmt er auch so. Es gibt hier
Feinde wie im Krieg, die Journalisten, die über die Affären des Bundespräsidenten Christian Wulff geschrieben haben, die Zuflüsterer, die in der Tat übelste Gerüchte über sie, die First Lady, verbreitet haben. Und es gibt Kollateralschäden: ihren Mann, ihre Kinder, ihre Freundinnen, die Bettina Wulff für diese Schlacht an die Front und in die Öffentlichkeit zerrt.
Aber das erste Opfer ist die Wahrheit: In ihrem Buch behauptet Wulff, "dass ich auf keinen Fall mehr derart zum Medienereignis werden möchte. Zu sehr haben sich die Berichterstattungen auf mein Privatleben, eben vor allem auch auf meine Kinder ausgewirkt". Das schreibt die Frau, die mit diesem Buch ihr Privatleben und das ihrer Kinder in einem Umfang ausbreitet, wie es keine Zeitung je getan hätte. Schreibt die Frau, die dazu vier Interviews gibt, dem "Stern" ("Exklusiv"), der "Brigitte", der "Gala", der "Bunten". Schreibt die Frau, die vergangene Woche noch vorhatte, in den kommenden Tagen bei Sandra Maischberger und "3 nach 9" vor der Kamera zu sitzen. Sie will also nie wieder zum Medienereignis werden?
"Jenseits des Protokolls" heißen die Memoiren der Bettina Wulff, sie kommen in einer Auflage von 100 000 und mit der Begründung daher, dass sie sich auf diese Weise wehren müsse, gegen all die Feinde und Anfeindungen. Das Buch verströmt die Aura der Enthüllung, und es mag Bettina Wulffs Ego schmeicheln, dass ihr dafür so viele nun eine Bühne bieten und so tun, als ob es sich bei dieser Enthüllung um einen emanzipatorischen Akt der Aufklärung handelte, eine Befreiung. In Wahrheit ist diese Enthüllung nur ein Akt des Sich-Ausziehens, in aller Öffentlichkeit.
Stünde danach nur Bettina Wulff, geborene Körner, enthüllt vor dem Publikum, man könnte die Schultern zucken oder ihr zu ihrem Geschäftssinn gratulieren. Aber diesmal entblößt eine ihr Leben, deren Mann vor kurzem noch das höchste Staatsamt innehatte. Die an seiner Seite das Land repräsentierte, die diese Aufgabe für sich angenommen hatte und sie auf eine neue, andere Art interpretieren wollte. Bettina Wulff war nicht das stumme Anhängsel dieses Bundespräsidenten, sie war - und hat sich so sehen wollen - Teil eines Teams, eines modernen Paares, das diesem Land ein modernes Gesicht geben wollte.
Damit aber hat sie auch, ganz altmodisch, eine Verpflichtung übernommen, gegenüber dem Amt und dessen Würde. Eine Verpflichtung, die nicht mit dem Tag endet, an dem ein Präsidentenpaar aus der Dienstvilla in Dahlem auszieht. Bettina Wulff will ihr nun aber offenbar nicht mehr gerecht werden, sie hat sie abgestreift, mit diesem Buch. Ihr Schweigen wäre Gold gewesen, stattdessen redet sie nun und zerredet Schwarz-Rot-Gold zu Schwarz-Rot-Geld.
Christian Wulff wurde am 8. März mit einem Großen Zapfenstreich verabschiedet. Schon am folgenden Tag war die First Lady a. D. entschlossen, das Buch zu machen. Als Ghostwriterin nahm sie sich die Journalistin Nicole Maibaum. Die hatte ein Buch für Bettina Wulffs Freundin Veronica Ferres geschrieben, eines für Iris Berben, außerdem Titel wie "25 Wege, sich an seinem Ex zu rächen" oder "Am liebsten Geliebte. Glücklich ohne Ehealltag". Wer sich als Prominente zu Nicole Maibaum begibt, sollte eine Ahnung haben, wie so ein Buch am Ende vermutlich aussehen wird. Was den Schreibstil angeht, der sehr locker daherkommt. Und in Fragen des Stils, was man alles ausplaudert. Bei Maibaum gern alles.
Deshalb erfahren wir nun, dass Bettina Wulff sich mal in einen Rettungsschwimmer auf Sylt verknallt hat, sie 16, er 24, "und natürlich wartete er … nicht mit dem schlechtesten aller Bodys auf". Und der Übernächste hatte "dunkle schöne Augen", und sie dachte: "Der sieht ja gut aus." Und das "Baby war geplant". Also kein Unfall. Und übrigens: "Ich habe bei Männern kein festes Beuteschema."
Will man das wissen? Und falls ja, dann doch nur aus einem Grund: weil Bettina Wulff die Ehefrau eines Ex-Bundespräsidenten ist. Weil sie mit dieser dem Amt entliehenen Prominenz auch das Alleralltäglichste mit einer Bedeutung aufpumpen, sich interessant machen kann. Sogar ihr altes Tattoo auf dem Oberarm; sie trägt auf dem Buchcover eine Bluse, den Ärmel so kurz, dass der Blick darauf fallen muss. Was will sie uns damit sagen? Was verkaufen?
Die Erwartung, dass es ihr um ein respektables Anliegen gehen könnte, etwa um eine Gegenversion zur veröffentlichten Meinung in der Bundespräsidenten-Affäre, zerstört sie schon auf den ersten Seiten. Dafür müsste sie nicht ihre Männer vor Wulff aufzählen. Müsste sie nicht intime Belanglosigkeiten daherplappern, als hätte sie die eineinhalb Jahre auf Schloss Bellevue bei einem Preisrätsel für Leser des "Goldenen Blatts" gewonnen.
Und nun zurück zum Anfang. Lang genug eingesickert? Dann mal Klartext: So, wie das der durchschnittliche Leser versteht, spricht Bettina Wulff tatsächlich darüber, wie sie und Christian Wulff im Hotelbett lagen. Und wie wenig Lust sie auf Sex hatte, wenn sie daran denken musste, dass ihre Liebesgeräusche bei den Personenschützern ankamen.
Na gut, das betraf nun wenigstens ihre Zeit in Bellevue. Aber es fällt schwer, sich vorzustellen, dass eine ihrer Vorgängerinnen sich je verbal so entblößt hätte - oder soll man sagen: entblödet?
Indiskretion ist der Pageturner der gesamten 223 Seiten: Wenn Wulff über ihre angespannte Ehe erzählt, darüber, dass "vor lauter Funktionieren-Müssen das Beziehungsleben so gut wie auf der Strecke blieb". Aber auch, wenn sie über Angela Merkel schwätzt: Anfangs habe sie gedacht, "die geht zum Lachen sicher in den Keller", dann, bei Wein und Käse auf dem Sofa, habe sie gemerkt, dass Merkel "auftaute" und ganz viel Humor habe.
"Die Grenzen der Privatsphäre wurden mehrfach weit überschritten", klagt Bettina Wulff über die Journalisten, die den Selbstbedienungsaffären ihres Mannes nachgingen. In Wahrheit löst sie erst mit ihren Bekenntnissen die Grenze auf. Und was soll man von der Rechtfertigung halten, sie habe das alles nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familie, ihren Mann geschrieben? Wenn Christian Wulff nicht jeden gesunden Menschenverstand verloren hat, der ihn mal bis ins höchste Staatsamt getragen hat, kann er viele Stellen dieses Buches allenfalls hingenommen haben. Gefallen haben können sie ihm nicht.
Warum also so ein Buch?
Maibaum schreibt flüssig, verständlich, für ein Massenpublikum. Vor allem aber schreibt sie: flink. Für Bettina Wulff mag es einige Gründe gegeben haben, eine möglichst fixe Ghostwriterin zu engagieren. Schnelle Genugtuung, das Bedürfnis, Dinge möglichst bald zurechtzurücken. Aber wie es aussieht, auch Geld. Prominenz ist eine vergängliche Währung.
Wie es bei Verlagen heißt, waren für die Rechte am Anfang 100 000 Euro aufgerufen worden. Mehrere Häuser bekamen das erste Kapitel zu lesen, Droemer Knaur zum Beispiel, aber zunächst war keiner an dem Stoff interessiert. Entweder weil die Buchmanager meinten, das lasse sich nicht gut verkaufen. Oder weil sie nicht so viel zahlen wollten. Auch wenn der Münchner Riva Verlag dazu schweigt: Am Ende soll er den Zuschlag bei 60 000 Euro bekommen haben, plus Erfolgsbeteiligung für Bettina Wulff, falls es das Werk auf die Bestseller-Listen schafft.
Dafür lässt sich Bettina Wulff in einer genau durchgetakteten Werbekampagne bis zur Penetranz vermarkten. Als der SPIEGEL bereits Ende August meldete, dass sie dem "Stern" und der "Berliner Zeitung" untersagen ließ, Gerüchte über ihre Vergangenheit zu kolportieren, war ihr Anwalt über den Zeitpunkt offenbar nicht erfreut. Das war wohl zu früh. Eine große Reportage in der "Süddeutschen Zeitung" am 8. September, eine halbe Woche vor Verkaufsstart, passte da schon besser. Sie handelte von diesen Rotlicht-Gerüchten, die seit Jahren über Bettina Wulff umherlaufen - ein Thema, das auch im Buch breiten Raum einnimmt. Wenn Zeitpunkt und Sujet der Geschichte nicht abgestimmt gewesen sein sollten, dann war es für Bettina Wulff ein schöner Zufall. Geradezu perfekt. Am Montag schrieb so gut wie jede Zeitung im Land die Geschichte nach.
Die Rotlicht-Gerüchte gehören tatsächlich zum Schmutzigsten, was in der deutschen Politik in den vergangenen Jahren kursierte, und es steht außer Frage, dass Bettina Wulff hier zum Opfer geworden ist. Denn keiner, der die Gerüchte anheizte, lieferte einen Beleg dazu. Sie waren deshalb bodenlos, sie sind es bis heute.
Weitererzählt wurden sie trotzdem, unter der Hand, sie gingen umher wie eine Partydroge, erregend, enthemmend, aufputschend; sie grassierten wie ein Infekt, ansteckend, schädlich. Überträger waren neben vielen Journalisten unter anderen ein Ex-Minister der SPD, zwei amtierende Minister der CDU, der Manager eines Energiekonzerns, der Chef eines Handelskonzerns, der Lobbyist einer Unternehmensberatung, sogar der Repräsentant einer Glaubensgemeinschaft. Die meisten von ihnen kamen aus Hannover, einer Stadt, in der sich Gerüchte wie auch jenes um die Promillefahrt der Ex-Bischöfin Margot Käßmann besonders gut vermehren. Aber auch im geschwätzigen Berlin gab es genug, die behaupteten, ganz genau zu wissen, was sie allenfalls erzählt bekommen hatten.
Deshalb hat jeder, der so etwas weitertrug, Bettina Wulff die Ehre abgeschnitten. Nun hat sie klargestellt: Sie hat sich nie prostituiert, nie ihren Körper verkauft. Dass sie das in diesem Buch sagen wollte, obwohl sich für diese Gerüchte kaum noch einer interessierte, hat jeder zu respektieren.
Für alles andere gilt: Eine Frau kann sich auch verkaufen, ohne ihren Körper zu verkaufen. Sie kann ihr Privatleben verkaufen, das ihrer Familie. Das Ansehen des höchsten Staatsamtes. Die eigene Würde. Indem sie so ein Buch schreibt. Dafür sollte jeder Respekt fehlen.
(*) Bettina Wulff mit Nicole Maibaum: "Jenseits des Protokolls". Riva-Verlag, München; 224 Seiten; 19,99 Euro.
Von Jürgen Dahlkamp

DER SPIEGEL 38/2012
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