08.01.1996

FalschgeldKlingeling statt kling

Kleinkriminelle aus Osteuropa bringen Massen von gefälschten Fünfmarkstücken unters Volk.
Auf seinen Touren durch Deutschland, von Tankstelle zu Tankstelle, soll Daniel Pavlicek, 22, die Kassierer stets mit demselben Trick hereingelegt haben: Der Tscheche reichte ihnen nach Erkenntnissen der Fahnder 20 Fünfmarkstücke und ließ sich dafür einen Hunderter geben.
Im bayerischen Landshut flog das Spiel Ende vergangenen Jahres auf; der Geldhändler mit dem beigebraunen Skoda hatte sich von Polizisten in flagranti erwischen lassen: 200 gefälschte Fünfmarkstücke fanden die Beamten in seinem Wagen, zudem 7500 Mark echtes Geld, das er nach Ansicht der Ermittler mit seinem Trick ergaunert hat.
Pavlicek ist nur einer von Dutzenden böhmischer Dörfler, die derzeit durch die Bundesrepublik reisen und mit nachgeprägten Fünfmarkstücken Kasse machen. Eduard Liedgens, Falschgeldexperte im bayerischen Landeskriminalamt, fürchtet, daß der Pseudo-Fünfer inzwischen "tonnenweise durch Europa vagabundiert".
Den Weg der faulen Rundlinge können die Fahnder von Bayern aus via Tschechien und Slowenien bis nach Italien zurückverfolgen. Ihr Strom sei freilich kaum zu stoppen; "bei dieser Münze", so Liedgens, "merken's die Leute nicht, daß sie falsch ist".
Die Falsifikate vom Typ PF (Prägefälschung) 47, so der Fachbegriff der Fahnder, haben eine so große Ähnlichkeit mit dem echten Fünfer, daß sie an Kassen nach einem Gutachten der Bundesbank "zur Täuschung geeignet" sind. Zwar könne wohl jeder bei einer Wurfprobe erkennen, daß ihr Klang ("klingeling") etwas heller als der des Originals ("kling") ist.
Doch wirkt die leicht gelblich schimmernde Kupfer-Nickel-Zink-Legierung (im Verhältnis 61:18:20; Herstellungskosten höchstens 5 Pfennig) am Kassentresen nicht verdächtig. Verkäufer haben nicht die Zeit, mit der Lupe nach Abweichungen vom Original aus Kupfer und Nickel zu suchen: nach strichförmigen Erhöhungen oberhalb des Adlerkopfes etwa oder nach der treppenartigen Stufe, die sich beim Übergang vom Rand zum Münzgrund befindet.
Rund eine Million falscher Fünfmarkstücke, glauben Fahnder, dürften inzwischen in Deutschland kursieren. Experten des Bundeskriminalamtes vermuten, daß die kalabrische Mafia "'Ndrangheta" sie auf die Märkte schleust und dabei osteuropäische Banden für das riskante Losschlagen der Ware in Deutschland nutzt.
Im Oktober 1994 hatten italienische Carabinieri in Castiglione bei Verona eine Fälscherwerkstatt ausgehoben und den Besitzer verhaftet. 6000 falsche Fünfer, die dort sichergestellt wurden, entsprachen exakt jenen Falsifikaten, die der Tscheche Pavlicek und seine Landsleute in deutschen Tankstellen und Geschäften eintauschen.
In Bayern war die PF 47 - die Zahl steht für die 47. registrierte Fälschung des Fünfers - erstmals im Oktober 1993 aufgefallen. Im Mai 1994 kamen in der Filiale Bad Reichenhall der bayerischen Landeszentralbank 36 verplombte Säcke mit 15 093 wertlosen Münzen von einer Bank in Ljubljana an. Die slowenischen Banker hatten sie arglos angenommen und erfuhren von den Bayern, daß sie geprellt worden waren.
Als drei Männer ein paar Tage später in der slowenischen Hauptstadt abermals einen Zentner der obskuren Geldstücke zum Banktresen schleppten, liefen sie in eine Falle der Polizei. Bei Durchsuchungen ihrer Wohnungen förderten die Ermittler neben 5500 weiteren falschen deutschen Fünfern auch noch 30 000 nachgemachte Schweizer Fünf-Franken-Stücke zutage. Die kursierten in dem Alpenstaat vor zwei Jahren in so großer Zahl, daß viele Kassierer Anweisung hatten, die "Fünfliber" (Volksmund) nicht mehr anzunehmen.
Auch deren Spur führt nach Italien: Vor einem Jahr erhielten V-Männer der Schweizer Bundespolizei aus dem Mailänder Untergrund die Anfrage, ob sie zwei Millionen Fünfliber, insgesamt 20 Tonnen Metall, ankaufen wollten.
Während verdeckte Ermittler aus dem Tessin pro forma verhandelten, stießen Carabinieri bei Gussago in Norditalien auf die mutmaßliche Quelle der Mailänder. Er habe "etwa 300 000 Münzen produziert", gestand der verhaftete Prägemeister - außer Mark und Franken auch noch spanische Peseten.
Fehlendes Know-how seiner Kollegen ist schuld daran, daß die gefälschten deutschen Fünfmarkstücke nur bedingt tauglich sind. Die Handwerker versäumten, die Legierung mit einem magnetisierbaren Kern zu versehen, den Prüfgeräte checken. PF 47 wird deshalb von den meisten modernen Automaten wieder ausgespuckt. Y

DER SPIEGEL 2/1996
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