15.01.1996

AffärenTröpfchen für Tröpfchen

Mit deutscher Gründlichkeit wurden im Urin des Box-Weltmeisters Frans Botha Dopingspuren entdeckt.
Der starke Mann zeigte unerwartete Schwächen. Doch die beiden Sportlehrer, im Nebenberuf als Dopingfahnder unterwegs, ließen sich nicht abschütteln. Als sie den Südafrikaner Frans Botha, 27, der gerade nach einem miserablen Kampf gegen den Deutschen Axel Schulz Box-Weltmeister im Schwergewicht geworden war, in der Nacht zum 10. Dezember um 0.45 Uhr zum erstenmal zur Urinprobe aufforderten, tröpfelten ganze 20 Milliliter in den Testbecher - gerade mal zwei kleine Schnapsgläschen voll.
Mit teutonischer Gewissenhaftigkeit entschieden sich die Jäger der Münchner Kontrollfirma PWC GmbH für die sogenannte zweigleisige Methode. "Wie Kletten", sagt PWC-Chef Helmut Pabst, hätten seine Leute an Bothas Fersen gehangen, ehe um 3.15 Uhr in zwei Fläschchen das deutsche Soll von 75 Millilitern versiegelt war.
Insgesamt dreimal mußte der 103 Kilogramm schwere Kämpfer Wasser lassen - sogar bei der Taxifahrt ins Restaurant saßen die Fahnder mit im Wagen. Gutmütig ertrug Botha seine nächtliche Begleitung - er fühlte sich offenbar sicher.
Was der Boxer nicht ahnte: Auch bei der Analyse seines Urins im Kölner Institut für Biochemie wurde mit international ungewohnter Gründlichkeit kontrolliert. Prompt erging es dem Profi wie vorher den schnellsten Sprinterinnen der DDR oder den breitkreuzigen Schwimmerinnen Chinas: Bei Botha wurden in einer ersten sogenannten A-Probe Dopingspuren nachgewiesen.
"Die Deutschen", wütete Botha in Amerika, wollten ihm "so eine Schweinerei anhängen. Das paßt zu Deutschland." Auch die gängige Ausrede von Dopingsündern hatte der Fighter parat: Womöglich hätte ihm der Schulz-Clan, der sich ja schon nach dem Urteil der Punktrichter "als schlechter Verlierer" erwiesen hätte, "etwas reingemischt".
Die starken Worte können nicht darüber hinwegtäuschen: Botha ist nicht nur ein schlechter Boxer, sondern - wenn sich die Ergebnisse der Kölner A-Probe in dieser Woche bestätigen - ein dilettantischer Doper. Er soll sich, das ergaben die Tests, das künstliche Sexualhormon Nandrolon gespritzt haben - ein Mittel, das jeder Olympia-Amateur längst meidet, weil es zu leicht festgestellt werden kann.
Nandrolon wird ins Gesäß gespritzt und wirkt dort wie ein Depot: der Körper holt sich nach und nach die chemische Muskelkraft. Bislang konnte noch bis zu drei Monaten nach der Spritze der Anabolikamißbrauch nachgewiesen werden. Doch verfeinerte Analysemethoden im Labor des Kölner Dopingforschers Wilhelm Schänzer (siehe SPIEGEL 1/1996) haben diese Nachweiszeit verdoppelt. Mit einer neuen, hochwertigen Technik können Anabolikaspuren nun auch noch nach über einem halben Jahr festgestellt werden.
Die Konsequenzen aus dem Skandal sind noch nicht abzusehen. Zwar steht Nandrolon auf der Dopingliste des Weltboxverbandes IBF, es gibt aber keinen eindeutigen Strafenkatalog. Sicher ist nur, daß es eine zweite Analyse geben wird: entweder in Köln oder, wie Botha fordert, in Amerika. IBF-Präsident Bob Lee zeigte sich von der Nachricht "sehr überrascht", daß die Urinprobe in drei Etappen vorgenommen worden war. Auch er verlangte, daß die B-Probe "von einem unabhängigen Labor untersucht wird".
Fällt auch diese positiv aus, gilt der WM-Kampf in Stuttgart als "nicht ausgetragen". Dann kommt es womöglich zu einer Neuauflage der Auseinandersetzung zwischen Botha und Schulz. Wahrscheinlicher ist aber ein Kampf des Deutschen gegen den derzeitigen IBF-Ranglistenzweiten Oliver McCall.
Auch IBF-Chef Lee folgte dem Reflex, dem in der Vergangenheit die meisten Sportfunktionäre unterlagen, wenn die Anabolikaseuche in ihrem Verband aufgetreten ist. Er sei "schockiert gewesen", behauptete Lee, habe sich immer wieder gefragt: "Warum sollte sich ein Boxer vor einem Boxkampf mit Steroiden dopen?"
Soviel Blauäugigkeit wird Lee nicht einmal in den USA abgenommen. George Foremans PR-Manager Mort Scharnik, der seit 40 Jahren im Boxgeschäft arbeitet und vor dem US-Kongreß als Zeuge für gesundheitliche Gefahren und Drogen im Ring aufgetreten ist, weiß aus vielen Gesprächen mit Profis, daß Steroide, die auch unter US-Footballspielern und Bodybuildern gängig sind, von zahlreichen Boxern eingenommen werden.
Anabolika seien beliebt, weil neben den Muskeln und dem Körpergewicht auch die Aggressivität wachse. In der Branche gelte der Satz "he's on steroid" als gängige Entschuldigung, wenn ein sonst gutmütiger Kämpfer plötzlich aggressiv werde und seine Frau verprügele.
Bei der Nachricht von der positiven A-Probe, hat Axel Schulz gesagt, sei er "ein kleines Stück hochgesprungen". Nur einmal in seinem Leben habe er ein ähnliches Glücksgefühl gespürt: "Als hundertprozentig feststand, daß ich gegen George Foreman boxen durfte." Und Trainer Manfred Wolke ist angesichts der dritten unverhofften WM-Chance seines Schützlings jetzt endgültig überzeugt: "Der Axel ist ein Glücksschwein." Y
Anabolika gelten als Geheimtip unter US-Boxern

DER SPIEGEL 3/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Affären:
Tröpfchen für Tröpfchen