15.01.1996

Polen„Dann muß er ran“

SPIEGEL: Muß Ihr Mann Lech Walesa, der fünf Jahre Staatspräsident war, tatsächlich wieder als Elektriker auf der Danziger Werft arbeiten - statt Frack nun Blaumann?
Walesowa: Was bleibt ihm anderes übrig? Bis die Rente von seiner früheren Tätigkeit als Elektriker fällig wird, hat mein Mann noch ein paar Jahre. Als ehemaliger Präsident bekommt Lech keinen Zloty Pension. Dann muß er eben wieder ran und arbeiten gehen, um seine große Familie zu versorgen.
SPIEGEL: Ihr Mann könnte doch das Angebot des Solidarnosc-Vorsitzenden der Danziger Werft annehmen. Der ist bereit, seinen Platz zugunsten Ihres Mannes zu räumen - als Arbeiterführer hat Lech Walesa 1980 dort Geschichte gemacht.
Walesowa: Wie würde das denn aussehen, wenn Lech einen Kollegen verdrängt, mit dem er Seite an Seite für Demokratie und Freiheit gekämpft hat! Da kennen Sie ihn schlecht, das würde er nie machen.
SPIEGEL: Wie werden die anderen Arbeiter reagieren, wenn das ehemalige Staatsoberhaupt nun wieder - für nicht mehr als 400 Mark im Monat - Glühbirnen auswechselt und schadhafte Leitungen repariert?
Walesowa: Für uns als Familie ist nur wichtig, daß wieder etwas Geld in die Haushaltskasse kommt. Von dem Umstand, daß ihm als Ex-Präsidenten ein Dienstwagen und ein Leibwächter zustehen, können wir ja nicht leben. Außerdem hat Lech immer gern gearbeitet und sich unter den Kollegen auf der Werft sehr wohl gefühlt.
SPIEGEL: Wird es Ihrem Mann nicht peinlich sein, Schicht zu schieben wie alle anderen, wenn er auf Schritt und Tritt von einem Leibwächter begleitet wird?
Walesowa: Warum soll das meinem Mann peinlich sein? Wenn sich jemand schämen muß, dann das Parlament. Die in Warschau sind es doch, die keine Regelung für abgetretene Präsidenten geschaffen haben.
SPIEGEL: Hat Ihre Familie nichts angespart? 1989 zahlte eine amerikanische Firma Ihrem Mann für die Filmrechte an seiner Biographie immerhin eine Million Dollar.
Walesowa: Das Tragische ist: Wir können im Moment überhaupt kein Geld abheben. Alle unsere Konten sind gesperrt, bis umstrittene Steuerfragen restlos geklärt sind. Doch meinem Mann ist es am wichtigsten, vom Verdacht des Steuerbetrugs wieder reingewaschen zu werden.
SPIEGEL: Seit seiner letzten Schicht hat sich die Arbeitswelt rapide verändert. Wird Ihr Mann in den zwei Monaten, die ihm bis zum geplanten Arbeitsbeginn noch bleiben, überhaupt wieder den Anschluß finden?
Walesowa: Ich glaube, daß Lech gut zurechtkommen wird. Vielleicht wird er auch noch den einen oder anderen Schulungskurs besuchen. Im Moment aber ist erst mal wichtig, daß er wieder gesund wird, denn er liegt mit einer schweren Grippe im Bett. _(* Auf der Danziger Lenin-Werft. )
Walesowa
PAP / TRANSPARENT
Elektriker Walesa (1987)* "Lech hat immer gern gearbeitet"
SIPA
* Auf der Danziger Lenin-Werft.

DER SPIEGEL 3/1996
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