15.01.1996

NachrufFrancois Mitterrand

Die Frage, welches Urteil er beim Jüngsten Gericht am liebsten hören würde, beantwortete der schon vom Tode Gezeichnete der Nation mit ungewohnt einfachen Worten: "Bon, insgesamt war das, was du gemacht hast, eher positiv als negativ. Du hast versucht, anderen zu helfen und sie zu lieben. Das ist dir nicht immer gelungen; du hättest ihnen vielleicht mehr helfen und sie mehr lieben können."
In rund 50 Jahren politischen Wirkens - Minister in elf Kabinetten der turbulenten Vierten Republik, 14 Jahre Präsident der Fünften - war der französische Machiavelli in seinen Ansprüchen weniger demütig. Francois Mitterrand wollte vor der Geschichte bestehen, Historiker sollten in ihm einen der großen französischen Staatsmänner dieses Jahrhunderts erkennen.
Am Ende mochten ihn viele durchaus mit jenem Staatsmann vergleichen, den er furios bekämpft hatte, der ihn "Ganove" nannte, den er schließlich aber in sehnsüchtiger Bewunderung von der Mimik bis hin zum Zeremoniell imitierte: Charles de Gaulle.
Mitterrand war der komplizierteste, widersprüchlichste, mysteriöseste europäische Politiker der Nachkriegszeit. "General de Gaulle erscheint mir eher aufgrund dessen, was er war, bemerkenswert als dessentwegen, was er tat", schrieb Mitterrand 1975 in "Spreu und Weizen" - er hätte es über sich selbst schreiben können. Zwischen "Mitterrandismus" und Gaullismus bestehen kaum Unterschiede: Beide sind mehr Regierungsstil und Herrschaftsform als politische Inhalte - diese werden den schnöden Erfordernissen der Wirklichkeit fast bedenkenlos angepaßt.
Daß Mitterrand sich vom Programm der Volksfront, die ihn an die Macht brachte, radikal abwandte, um - beim Bekenntnis zur Force de frappe, beim eisernen Festhalten an nationaler Unabhängigkeit - in de Gaulles übergroßen Fußspuren zu wandeln, erklärte er in staatsmännischer Manier: Er hätte sich sehr wohl die "Genugtuung" leisten können, sich vom Kurs des Generals abzusetzen. Aber für ihn habe die "Kontinuität in der Politik Frankreichs" Vorrang vor der eigenen Profilsucht.
De Gaulle hatte es in mancher Hinsicht leichter - er wirkte in einer Periode des historischen Umbruchs und zehrte zudem von seinem Nimbus als Retter Frankreichs im Krieg. 1981, als Mitterrand im dritten Anlauf Staatspräsident wurde, waren die großen Entscheidungen längst gefallen: Frankreich war Atommacht, die Republik fest in Europa verankert, der deutsch-französische Freundschaftsvertrag funktionierte, wenn auch eine gemeinsame Außenpolitik nie zustande kam. Und schon unter den beiden Nachfolgern de Gaulles, Georges Pompidou und Valery Giscard d''Estaing, hatte Frankreich sich mit dem Abstieg von einer Welt- zu einer mittleren Großmacht im Gegensatz zu dem unverdrossen erhobenen Anspruch de facto abgefunden.
Daß ausgerechnet während seiner Amtszeit der Kollaps des Kommunismus die Kräfteverhältnisse in Europa zugunsten Deutschlands veränderte und Frankreich nun auch noch an europäischem Rang verlor, hat den einstigen deutschen Kriegsgefangenen Mitterrand geschmerzt.
Untätig mußte er mit ansehen, wie der deutsche Kanzler die Wiedervereinigung an ihm vorbei vollzog, nachdem Mitterrand als einziger westlicher Staatschef noch versucht hatte, die moribunde DDR zu stabilisieren und sogar Moskau gegen die deutsche Vereinigung in Positur zu bringen - ein bemerkenswerter Fehltritt der französischen Diplomatie, die sich auf ihre Raffinesse so viel zugute hält. Schließlich blieb ihm nichts übrig, als nachträglich zu flunkern, er habe sich für die deutsche Einheit eingesetzt.
Um Deutschlands Gewicht wenigstens einigermaßen zu neutralisieren, trieb er mit Kohl, dessen Hand er 1984 auf dem Schlachtfeld von Verdun gehalten hatte, die europäische Integration weiter voran, und manche seiner Gesten hatten einen Hauch von Größe. Bei den deutsch-französischen Begegnungen konnte der sonst so unnahbare Grand Chef plötzlich viel Wärme ausstrahlen: ein Mann, der unter dem ehemaligen Feind gelitten, aber dann Frieden mit ihm geschlossen hatte.
Weil die Geschichte ihn lehrte, daß enge Bindungen zwischen Staatsmännern - de Gaulle und Adenauer, Giscard d''Estaing und Schmidt - der deutsch-französischen Vertrauensbildung dienten, überspielte der zierliche Feingeist seine persönliche Abneigung gegen den ihm zu klobigen und dominanten Pfälzer und ließ die Legende einer innigen Freundschaft am Leben.
Als in der Nacht des 10. Mai 1981 die Linken im Freudentaumel über den Mitterrand-Sieg auf der Place de la Bastille tanzten, hatte Frankreich teils entsetzt, teils hoffnungsvoll geglaubt, nun beginne der Marsch in den Sozialismus. "Die Herrschaft des Geldes beenden" und "die Reichen zahlen lassen" lauteten die linken Spruchweisheiten.
Und zunächst ließ der neue Mann im Elysee seine Getreuen auch Sozialismus spielen. Das war er ihnen schuldig, doch gewähren ließ er sie nur kurze Zeit. Als nach der Erhöhung der Mindestlöhne, der Renten und des Kindergelds sowie nach ausgiebigen Verstaatlichungen und gewaltiger Aufblähung des Staatsapparats die Inflationsrate bis an die 20-Prozent-Marke kletterte, zögerte Mitterrand nicht, sich und Frankreich vom Sozialismus eilig zu verabschieden.
Tatsächlich war er ja erst als gestandener Mann in den sechziger Jahren zum Sozialismus gestoßen. "La France profonde" blieb lebenslang seine Heimat - er stammte aus dem rechtskatholischen Kleinbürgertum Westfrankreichs, ein richtiger Genosse war er nie. Aber er hat den französischen Sozialismus aus der ewig moralisierenden Opposition seiner Idole Jean Jaures und Leon Blum - der eine regierte nie, der andere nur kurz - befreit, eine große Sozialistische Partei formiert und in die politische Verantwortung geführt. Und er hat die Linke mit der Marktwirtschaft ausgesöhnt.
Viele seiner alten Weggefährten hegten den Verdacht, der durchtriebene "Florentiner", der die Undurchschaubarkeit zum Kult erhob, ja ins Mystische übersteigerte, habe den Sozialismus nur als Vehikel auf dem Weg zur Macht benutzt; manche wandten sich deswegen enttäuscht von ihm ab - etwa der linke Philosoph Regis Debray oder der Schriftsteller Erik Orsenna.
Schier grenzenlos seine Wandlungsfähigkeit: Das Mehrheitswahlrecht begünstigte _(* Im Lager Ziegenhain, Hessen, 1940 ) _(oder 1941. )
die Bürgerlichen, also mußte die Verhältniswahl her, weil es die Bürgerlichen schwächte - es störte ihn nicht, daß er den rechtsradikalen Front national damit förderte. Die sowjetischen SS-20-Raketen bedrohten den Westen, also mußte die Nato-Nachrüstung her - es störte ihn nicht, daß die deutschen Sozialdemokraten schockiert waren.
Inzwischen wissen die Franzosen, daß Mitterrands Herrschaft die Demokratie in Frankreich auch gestärkt hat - obwohl das Hofschranzentum im Elysee, das selbst die Sozialisten "le Chateau" nannten, vielen Franzosen zuwider war. Unter Mitterrand wurde der politische Machtwechsel zur Normalität. Nach den zahllosen Regierungsstürzen der Vierten Republik erlebte Frankreich dank Mitterrand, daß der Staat seine Stabilität auch dann wahren konnte, wenn der Mann an der Spitze keine Mehrheit im Parlament mehr hatte. Mitterrand verlor als Staatschef zweimal Parlamentswahlen - und regierte mit den Rechten in "Kohabitation" weiter.
Mitterrand war ein Intellektueller, aber dem ländlichen Frankreich tief verbunden, jedes Jahr zu Pfingsten pilgerte er auf den Berg Solutre im geschichtsträchtigen Burgund. Er war Autor von 18 Büchern, Naturfreund und Lyriker, ein Mann der hundert Masken und der tausend Facetten. Für jede Lage, so erinnerte sich der Gaullist Jacques Chirac halb bewundernd, halb schaudernd an seine Leidenszeit als Mitterrands Kohabitationspremier 1986/88, "hatte er immer gleich mehrere Strategiepapiere in der Schublade". Und so schaffte er es tatsächlich, der bislang einzige Präsident der Fünften Republik zu werden, der zwei Amtszeiten, 14 Jahre, durchhielt.
Wie Schachfiguren schob der Magier Parteien und Menschen hin und her, und mancher flog vom Brett. Er genoß die Machtfülle, die dem Präsidenten von de Gaulles Verfassung beschert worden war und die er in der Opposition als "permanenten Staatsstreich" schärfstens bekämpft hatte.
Die Kommunisten nutzte er zur Eroberung der Macht, dann ruinierte er sie - ein strategisches Meisterstück. Allein gelassen, erschoß sich sein letzter Linkspremier, Pierre Beregovoy, ebenso der alte Freund Francois de Grossouvre, Spezialist fürs Zwielichtige.
Der hochmütige Mitterrand war erst in seiner allerletzten Lebensphase bereit, Irrtümer einzugestehen. Vor lauter Erhabenheit schien ihn das Schicksal seiner Mitarbeiter kaum zu interessieren - und der erneute katastrophale Verfall der Sozialistischen Partei Frankreichs erst recht nicht. "Die Kunst des Schachspielens lehrt uns", so deutete er sich _(* Nach der Machtübernahme 1981 vor ) _(dem Pariser Pantheon. )
selbst, "Vorteile aus den eigenen Fehlern zu schlagen. Das verwirrt den Gegner mehr, als es uns schadet." Mancher Gegner sah es anders: Der Präsident habe vor lauter Gerissenheit die Größe verspielt.
Weil er seine Franzosen so gut kannte und ihnen je nach Bedarf Grandeur, Charme, Zynismus oder Schlitzohrigkeit bot, blieb er ein populärer Staatschef, dessen pharaonische Bauten keineswegs als steingewordene Großmannssucht galten, sondern als gelungene Symbiose von Schönheit und Macht.
Vom Krebs schwer gezeichnet, beichtete der alte Herr dem Volk seine letzten Geheimnisse: daß er als junger Mann mit Rechtsradikalen Umgang gepflegt hatte und eine Zeitlang für das deutschfreundliche Kollaborationsregime des Marschalls Petain arbeitete - es war der Todesstoß für den gaullistischen Mythos, nach dem jeder bedeutende Franzose Antinazi war.
Schließlich, menschlichste Seite seiner Ars moriendi, stellte er auch noch seine uneheliche Tochter der Öffentlichkeit vor - so eindrucksvoll hat noch kein Staatsmann sein eigenes Sterben zelebriert. Von de Gaulle stammte die Erkenntnis "Tout est vain" - alles ist vergeblich -, Mitterrand hätte ebenso sprechen können.
Was für ein Abgang. Francois Mauriacs Beobachtung, Mitterrand sei "eine Gestalt wie aus einem Roman", war eben doch mehr als ein Bonmot. Y
* Im Lager Ziegenhain, Hessen, 1940 oder 1941. * Nach der Machtübernahme 1981 vor dem Pariser Pantheon.

DER SPIEGEL 3/1996
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