08.01.1996

TiereFlirt auf dem Müll

Ein US-Ornithologe hat das bizarre Liebesleben der Laubenvögel untersucht.
Als europäische Jäger im vorigen Jahrhundert in die Wildnis von Westguinea vordrangen, entdeckten sie seltsame Hütten von über einem Meter Höhe. Prompt hielten sie die gepflegten Gebilde für Spielhäuschen von Kindern der Eingeborenen.
Damit saßen sie einem doppelten Irrtum auf: Diese Hütten dienen nicht der Kinderbelustigung, sondern dem Geschlechtsverkehr. Und sie sind keines Menschen Werk, sondern das Monument der Leidenschaft eines liebeshungrigen Vogels. Der etwa amselgroße Hüttengärtner errichtet das Konstrukt in monatelanger Schwerstarbeit, um darin, ganz diskret, Weibchen zu begatten.
Der Hüttengärtner gehört zu der höchst merkwürdigen Familie der Laubenvögel. Seit Darwins Zeiten zerbrechen sich Ornithologen die Köpfe über das Geschlechtsleben dieser Geschöpfe - es sind "die bizarrsten Kreaturen der Welt nach den Menschen", wie der Nestor der Laubenvogelforscher, Thomas Gilliard, schon in den sechziger Jahren urteilte.
Denn im Kampf um Sexualpartner veranstalten diese Federtiere aus Neuguinea und Australien keine reguläre Balz, bei der sich Weibchen von Stärke und Schönheit eines potentiellen Partners beeindrucken lassen. Die Männchen müssen sich vielmehr in einem abstrusen Architektur-Wettbewerb bewähren.
Manche Laubenvogelarten errichten Hütten, andere bauen Alleen oder, wie der Gelbhaubengärtner, Manegen, in deren Mitte ein kleiner Stamm emporragt wie der Maibaum in bayerischen Dörfern. Alljährlich von Oktober bis Januar fliegen die Vogelfrauen ein und prüfen die Bauwerke auf Pracht und Perfektion. Nur den besten Konstrukteuren erweisen sie sodann die Gunst der Kopulation.
Gerald Borgia, 46, Zoologe an der University of Maryland, erforscht seit 15 Jahren das sexuelle Verhalten dieser schrägen Vögel. Mit einer - für den Laien waghalsig anmutenden - Hypothese trat er jetzt im Wissenschaftsblatt American Scientist hervor. "Die Lauben", so behauptet der Experte, "sind entstanden, weil sie die Weibchen vor Vergewaltigung schützen."
Das wäre nur eine weitere Kuriosität im Sexual-Habitus der Lauben-Pieper. So haben etwa junge Vogelmännchen, wie Borgia feststellte, im Gegensatz zu den sonst vorherrschenden Normen der Natur kaum eine Chance auf Sex. Den Alten unter den Baumeistern hingegen bieten sich innerhalb weniger Tage oft viele Dutzend Partnerinnen dar. Die reifen Playboys sahnen ab, weil der erfolgreiche Laubenvogelflirt die erstaunlichsten Befähigungen voraussetzt, die keinem Küken ins Nest gelegt werden.
Ein ausgefuchster Seidenlaubenvogel etwa bemalt nicht nur die Wände seiner Laube mit einer Farbe, die er aus Spucke und Beeren oder Blüten herstellt. Nach jahrelangem Studium weiblicher Wünsche verwandelt er auch den Balzplatz vor seiner Laube in eine anziehende Müllhalde: Er dekoriert ihn mit Pilzen, frischen Blüten, Steinchen und Schneckenhäusern, sogar mit Patronenhülsen, rostigen Teelöffeln oder Münzen.
Und weil es für Vogelweibchen kein stärkeres Stimulans gibt als die Farbe Blau, garniert er das Ensemble mit den Flügeln von blauen Schmetterlingen, mit blauem Plastikmüll und blauen Papierfetzen.
Für den Seidenlaubenvogel ist Blau - wie Gold für den Menschen - eine Kostbarkeit, die Habgier und Mordlust weckt: Bisweilen töten die Männchen kleinere Piepmätze wie den Papstfinken nur wegen dessen blauer Federn.
Den größten Teil seiner Dekorationen, mitunter 100 Einzelteile, klaut sich der Seidenlauber bei seinen Nebenbuhlern zusammen. Wann immer er plündert, versucht er zugleich, die Nachbarlaube abzureißen (was den Konkurrenten im Architekten-Wettbewerb naturgemäß gehörig zurückwirft).
Jüngere Vögel tun sich zu Arbeitsgruppen zusammen, um gemeinsam Übungslauben zu bauen. Manch kleptomanischer Alter erbarmt sich des Nachwuchses und erteilt den Stümpern vor Beginn der Balz eine Lektion: Er führt sie durch die eigene Prachtlaube und erlaubt ihnen, sich etwas Know-how abzugucken.
Die Kooperation endet, sobald sich ein Weibchen nähert. Dann zieht der Seidenlaubenvogel alle Register der Galanterie: Er brummt und ahmt die Rufe von Krähen und anderen Vögeln nach, manche Arten kopieren sogar das Quaken der Frösche und das Krachen der Bäume im Wind.
Und während das Weibchen scheu in der Laube sitzt (die bei dem Seidenlaubenvogel nur aus einer Allee mit zwei Wänden besteht), führt der Charmeur auf dem zugemüllten Balzplatz Kniebeugen vor. Statt einer Nelke im Knopfloch trägt er dabei ein gelbes Blatt im Schnabel.
War genug Blau im Spiel, waren Darbietung und Laube zufriedenstellend, dann schmilzt das Weibchen dahin: Sie beugt sich tief, er saust um die Laube herum und nähert sich seiner Partnerin von hinten. Doch häufig ist die Liebesmühe vergebens - selbst die erfolgreichsten Ladykiller gelangen nur bei jedem vierten Rendezvous zur Kopulation.
Dank der Laube kann das Weibchen den Flirt zu jedem Zeitpunkt abbrechen und davonfliegen. Hierin sieht Vogelforscher Borgia den eigentlichen Zweck dieser Bauwerke: Die Laube bildet eine Barriere zwischen den balzenden Vögeln, die das Weibchen vor einer ungewollten Begattung schützt.
Das Männchen braucht Zeit, um diese Barriere zu überwinden und sich hinter das Weibchen zu bringen. Diese Zeit kann das Weibchen zur Flucht nutzen. Ein Flirt auf freiem Feld hingegen birgt das Risiko, daß der Partner die Nähe für eine Vergewaltigung mißbraucht.
Borgias Befund überrascht: Im Tierreich ist Vergewaltigung eine erfolgreiche Taktik der Fortpflanzung. Warum sollten die Männchen dieses Erfolgsrezept aufgeben und mühevoll Lauben bauen, die hernach nur der sexuellen Selbstbestimmung der Weibchen dienen?
"Auf lange Sicht", sagt Borgia, "zahlt sich diese Arbeit aus." Als der erste Laubenvogel begann, Geschlechtspartnerinnen mit einem Schutzwall gegen seine eigene Aggressivität zu ködern, haben die Weibchen dieses Angebot mit mehr Besuchen und häufigeren Kopulationen honoriert.
Überdies war das Männchen vom Diktat der Schönheit befreit. Weibchen messen seine Attraktivität an seiner Bau- und Dekorationskunst und nicht, wie sonst bei vielen tropischen Vögeln üblich, an schreiend bunten Federn.
So konnte sich der Seidenvogelmann ohne Nachteil ein schlichtes, schwarzblau schimmerndes Gefieder zulegen - eine Kleidung mit lebensverlängernder Wirkung: Sie tarnt ihn besser vor den Tieren, die nicht sein Sperma begehren, sondern sein Fleisch.

DER SPIEGEL 2/1996
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