22.01.1996

„In uns allen ist Gewalt“

SPIEGEL: Mr. Rushdie, gesetzt den Fall, Sie möchten jemanden dazu bewegen, Ihren neuen Roman "Des Mauren letzter Seufzer" zu lesen: Was würden Sie ihm über dieses Buch erzählen?
Rushdie: Daß es sehr lustig ist. Manche behaupten auch, es sei leichter verständlich als meine übrigen Bücher - was ich nicht ganz verstehe. Ich halte sie eigentlich alle für recht zugänglich. Ja, und dann: Die Geschichte dreht sich vor allem um eine Person, um die Malerin Aurora. Für mich als Schriftsteller war sie die wohl erfreulichste Figur, die ich je erfunden und beschrieben habe.
SPIEGEL: Sie schildern Aurora als großartige Liebhaberin, als Lebenskünstlerin mit nymphomanischen Zügen.
Rushdie: Stimmt, das Buch ist auch sehr erotisch. Das ist neu bei mir. Früher war ich eher schüchtern beim Schreiben von Liebesszenen. Das hatte wohl etwas mit meiner indischen Herkunft zu tun. Da spricht man über solche Dinge einfach nicht. Zwar gibt es in Indien diese alten Tempel mit erotischen Figuren, doch zumindest die Menschen auf dem Lande hassen heutzutage diese Tempel, halten die erotischen Motive für Pornographie, obwohl es ein Teil ihrer Geschichte ist.
SPIEGEL: Aber so weit wie Ihr amerikanischer Kollege John Updike gehen Sie denn doch nicht?
Rushdie: Nein, Updike hat sich ja regelrecht einen Namen mit freizügigen Sexszenen gemacht. Ich bin der Meinung: Es ist eigentlich uninteressant, wenn man nur beschreibt, wer es wie mit wem treibt, da muß schon eine andere Dimension dabeisein . . .
SPIEGEL: . . . zum Beispiel?
Rushdie: Komik etwa. Nehmen Sie nur die Schwierigkeiten, die der Erzähler in meinem Buch mit der Beschreibung des Sexlebens seiner Eltern hat, also von Aurora und Abraham. Natürlich gibt es dieses Problem ganz real. Das ist für jeden Sohn, für jede Tochter ein peinliches Thema. Aber so wie sich der Erzähler gewissermaßen vor den Augen des Lesers damit herumplagt, wird es komisch. Wenn ich aus meinem Buch vorlese, wird darüber immer gelacht.
SPIEGEL: Folgen die Bilder Auroras einer ähnlichen Ästhetik wie Ihre Romane?
Rushdie: Das ist nicht zu vermeiden. Bei ihr wie bei mir gibt es die Elemente der Collage, des Eklektizismus, einer gewissen Mischkultur. Aurora sagt an einer Stelle, daß sie gern Bilder mit religiösen Motiven für Menschen malt, die keinen Gott haben. So geht es mir auch mit meinem Roman. Ich frage mich: Wie läßt sich noch eine moralische Welt ohne Religion konstruieren? Ich denke, daß das geht. Aber es ist schwierig.
SPIEGEL: Können überhaupt Kunstwerke ohne jeden Glauben entstehen?
Rushdie: Na, das ist doch genau das, was ich ständig versuche.
SPIEGEL: Aber Sie schreiben über nichts anderes als über Religionen und religiös begründete Konflikte. Die Katholikin Aurora heiratet den Juden Abraham, und im Hintergrund tobt der Kampf zwischen Hindus und Moslems.
Rushdie: Das geht nicht anders, wenn Sie aus einem Land wie Indien kommen und darüber schreiben wollen. Die Religionen sind dort allgegenwärtig. Das ist in anderen Ländern natürlich schon nicht mehr so.
SPIEGEL: Worüber würden Sie denn noch schreiben, wenn die Religionen weltweit verschwunden wären?
Rushdie: Zuerst einmal würden wir wohl ein großes Fest feiern, eine riesige Party. Danach kann ich mir darüber dann ja meinen Kopf zerbrechen. Ich bin ein zutiefst unreligiöser Mensch.
SPIEGEL: Wird eines Tages die Kunst die Religion ersetzen?
Rushdie: Ich hoffe nicht. Unser Ziel sollte es sein, über die Verehrung von Göttern hinauszukommen. Kunst ermöglicht auf andere Weise ein Gespräch über uns selbst - weniger autoritär.
SPIEGEL: Der Erzähler schreibt seine Geschichte als Gefangener in einem Turm nieder. Er ist nur so lange vor dem Tod sicher, wie er schreibt. Das klingt ganz nach einer Definition Ihres Lebens.
Rushdie: Es war mir klar, daß diese Situation im Turm als Hinweis auf meine Lage verstanden werden würde. Aber es ist keine exakte Beschreibung meiner Situation, eher ein Echo darauf. Mein Leben ist freier als das eines Häftlings. Andererseits mag es keine schlechte Voraussetzung für einen Schriftsteller sein, wenn er so schreibt, als ginge es um sein Leben. Wahrscheinlich sollte man immer so schreiben.
SPIEGEL: Vor fast vier Jahren haben Sie zum erstenmal mit dem SPIEGEL über Ihren Fall gesprochen. Was hat sich seither an Ihrer persönlichen Situation geändert?
Rushdie: Ich habe in dieser Zeit sehr viel von dem zurückgewonnen, was Sie ein "normales Leben" nennen würden. Das liegt allerdings allein daran, daß ich beschlossen habe, mein Leben wieder so zu führen. Wir hören zwar seit einiger Zeit Äußerungen aus dem Iran, daß man mich nicht mehr umbringen wolle. Aber jedesmal, wenn die Europäische Union eine schriftliche Bestätigung dieser Aussage erbittet, wird das verwehrt. Also: Wie glaubwürdig sind diese Versprechungen?
SPIEGEL: Sind Sie unzufrieden mit dem Engagement der europäischen Politiker?
Rushdie: Ich bin erst dann zufrieden, wenn das Problem gelöst ist. Seit fast zwölf Monaten müht sich die Europäische Union damit ab. Mein Fall wurde in alle möglichen Dokumente und Erklärungen aufgenommen - ohne jedes sichtbare Ergebnis. Ich denke, ich habe das Recht, die Politiker immer wieder daran zu erinnern.
SPIEGEL: Und wie beurteilen Sie die Bemühungen der Bundesregierung?
Rushdie: Ich weiß seit langem, daß Deutschland den Schlüssel zur Lösung dieses Problems hat. Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zum Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muß mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?
SPIEGEL: Die Bundesregierung behauptet, daß der Iran nur bei einer Fortsetzung dieser Wirtschaftskontakte politisch zu beeinflussen sei.
Rushdie: Jedesmal, wenn ich Herrn Dr. Kinkel treffe, sagt er mir das auch. Und ich sage ihm dann: Gut, wenn es so ist, dann nutzen Sie diesen Einfluß! Im Februar jährt sich die Fatwa zum siebten Mal. Ich will endlich ein Ergebnis dieses Einflusses sehen.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, daß sich die Mullahs wirtschaftlich unter Druck setzen lassen? Wer so orthodox die Grundsätze seiner Religion vertritt, läßt sich womöglich durch materielle Konsequenzen gar nicht beeindrucken.
Rushdie: Das Regime hat sich ja schon ein wenig bewegt, weil das Land in einer sehr schlechten wirtschaftlichen Verfassung ist. Die Regierung des Iran hat keine Freunde in der Welt. Und sie braucht welche. Die USA werden ihr nicht helfen. Also setzt sie auf die Europäer, technologisch und finanziell. Um so mehr sind die Iraner irritiert, wie sehr die Europäer den Fall Rushdie zum Thema machen. Damit haben sie nicht gerechnet.
SPIEGEL: Und was heißt das wiederum für die Europäer?
Rushdie: Die müssen sich fragen, ob sie weiter nur Konversation betreiben wollen, oder ob sie auch mal die Zähne zeigen. Ich meine: Je dicker der Knüppel, desto besser die Wirkung. Nach zwölf Monaten stiller Diplomatie muß doch etwas geschehen. Und den Deutschen kommt dabei die Schlüsselrolle zu. Wenn die Deutschen ernsthaft entschlossen wären, dieses Problem zu lösen, dann könnten sie es auch.
SPIEGEL: Vielleicht ist den Politikern am Ende das Schicksal eines einzelnen Schriftstellers doch nicht so wichtig wie ein florierender Export.
Rushdie: Aber es geht gar nicht um die Frage, ob ein gewisser Salman Rushdie frei und unbehelligt in ein Restaurant oder ein Kino gehen kann. Es geht um nichts Geringeres als die Frage, ob eine fremde Macht einfach Bürger europäischer Länder bedrohen darf. Das ist das Thema, nichts anderes.
SPIEGEL: Immerhin hat sich ja für Sie persönlich einiges geändert. Wie ist es möglich, daß Sie jetzt nicht nur ins Kino, sondern sogar - nach Vorankündigung - zu öffentlichen Empfängen oder Vorträgen erscheinen können?
Rushdie: Weil es mir gelungen ist, die britischen Sicherheitskräfte davon zu überzeugen, daß das möglich ist. Ich habe sie gefragt: Jeder andere Mensch in diesem Land, der unter Personenschutz steht, kann all diese Dinge machen, warum nicht auch ich? Die Antwort war ganz simpel: Weil es billiger sei, mich wegzuschließen.
SPIEGEL: Das lassen Sie sich nicht mehr gefallen?
Rushdie: Richtig. Aber abgesehen von meinem persönlichen Vorteil gibt es noch ein wichtigeres Argument. Es gibt eine Lektion, die wir alle schon auf dem Kinderspielplatz gelernt haben: Wenn dich jemand einschüchtern will, mußt du dich so verhalten, als würde das gar nicht geschehen. Das ist der einzige Weg, um die Macht der Einschüchterung zu brechen. Je mehr ich demnach so lebe, als sei ich von Chomeinis Fatwa überhaupt nicht tangiert, desto deutlicher wird die Botschaft: Ein Bürger eines freien Landes läßt sich wegen der Drohungen einer fremden Macht nicht einfach wegsperren.
SPIEGEL: Wann haben Sie Ihre Strategie gewechselt, seit wann gehen Sie so systematisch an die Öffentlichkeit?
Rushdie: Seit dem Erscheinen des neuen Romans in England, im vergangenen Herbst. Ich hatte mir fest vorgenommen, von diesem Zeitpunkt an ein möglichst normales Leben zu führen, also mit öffentlichen Lesungen, mit Werbeauftritten und ähnlichem.
SPIEGEL: Aber Sie würden dieses Risiko doch nicht eingehen, wenn Sie wüßten, daß Ihnen irgendwelche Killer aus dem Iran auf den Fersen sind?
Rushdie: Niemand rennt sehenden Auges ins Verderben. Aber ich will auch nicht vor Hirngespinsten flüchten. Man kann hinter jedem Vorhang einen Killer wittern. Ich würde mich anders verhalten, wenn es ernsthafte Anzeichen für einen Anschlag auf mich gäbe . . .
SPIEGEL: Die gibt es zur Zeit nicht?
Rushdie: Schon eine ganze Weile nicht mehr.
SPIEGEL: Aber es gab sie?
Rushdie: Sicher, mehrfach wurden Anschläge geplant und auch vorbereitet . . .
SPIEGEL: . . . und offensichtlich rechtzeitig vereitelt. Müssen Sie nicht damit rechnen, daß irgendwelche Einzeltäter, verrückte Fundamentalisten, Ihnen ans Leder wollen?
Rushdie: Ich unterschätze die Gefahr nicht. Aber in diesen ganzen sieben Jahren ging jede Bedrohung immer nur direkt von der Regierung des Iran aus. Es gibt keinen Beweis für Aktivitäten ande-
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"Die Angst der anderen könnte zur Gefahr werden"
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rer Gruppen gegen mich. Deswegen will ich ja unbedingt diese schriftliche Garantie der Iraner.
SPIEGEL: Müssen Sie immer noch von einer Wohnung in die andere ziehen, um Spuren zu verwischen?
Rushdie: Wenn es so wäre, würde ich es Ihnen nicht sagen. Aber es war nie so schlimm mit diesen Umzügen, wie allgemein angenommen. Es war schlimm genug, doch die Medien haben daraus eine richtige James-Bond-Geschichte gemacht, haben nach absolut sicheren Häusern für mich gesucht und ähnliches mehr. Dennoch: Ich habe nach wie vor kein Haus, in das ich einfach mal meine Freunde einladen kann. Das ist doch nicht normal.
SPIEGEL: Aber Sie könnten sich mit Freunden zum Essen verabreden, etwa telefonisch für heute abend?
Rushdie: Grundsätzlich ja.
SPIEGEL: Hat sich in all den Jahren ein persönlicher Kontakt zu den Beamten von Scotland Yard ergeben, die Sie beschützen?
Rushdie: Zwangsläufig. Und ich habe großen Respekt für die Überzeugung, mit der sie ihre Aufgabe erfüllen. Sie wissen, daß sie etwas verteidigen, was mehr ist als nur mein Leben. Einige von ihnen lesen sogar schon meine Bücher (lacht).
SPIEGEL: Löst Ihre Gegenwart bei Freunden und Bekannten so etwas wie Angst aus?
Rushdie: Weniger als erwartet. Mir war sehr schnell klar, daß die Angst anderer für mich zur Gefahr werden könnte. Anfangs fürchtete ich, daß allein schon mein Erscheinen in einem Restaurant dazu führen würde, daß alle Gäste fluchtartig das Lokal verlassen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen sind extrem freundlich, ja erfreut. Wenn ich im Flughafen im Warteraum sitze, kommen andere Reisende zu mir und begrüßen mich mit "Nice to meet you".
SPIEGEL: Führen solche Situationen nicht zu Panik bei Ihren Bodyguards?
Rushdie: Die mußten erst lernen, damit umzugehen, das stimmt. Immer wenn ich in ein Land reise, in dem ich noch nie gewesen bin, machen die örtlichen Sicherheitskräfte diesen Lernprozeß durch: Am Anfang die totale Abschottung, danach - wenn sie sehen, wie freundlich die Menschen mit mir umgehen - lockern sie ihren Griff. Natürlich müssen wir vorsichtig sein, aber nicht gleich hysterisch. Solange dieses Sicherheitsdenken so übermächtig war, so lange haben die Menschen auch nur darüber geredet. Wir hätten schon viel früher über wichtigere Themen reden müssen, nicht nur über meine Freiheit, sondern allgemein über die Freiheit der Verlage - und die Freiheit der Leser, das zu lesen, was sie lesen möchten.
SPIEGEL: Immerhin hat es mehrere Attentate gegeben. Ihr japanischer Übersetzer wurde ermordet, sein italienischer Kollege und Ihr Verleger in Norwegen wurden verletzt.
Rushdie: Ja, und es ist wichtig, immer wieder daran zu erinnern. Denn manche Leute behaupten, diese Fatwa wäre eine rein theoretische Angelegenheit.
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"Es ist sehr einfach, jemanden zum Monster zu erklären"
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Ich versuche mich so zu verhalten, als ob mich das alles nicht beeindruckt. Aber in Wahrheit ist das Problem natürlich immer noch da.
SPIEGEL: Müssen Sie sich eigentlich ständig neue Feinde machen? Mit den "Satanischen Versen" haben Sie große Teile der moslemischen Welt gegen sich aufgebracht, der neue Roman verspottet nun den Führer einer fundamentalistischen Hindu-Partei und darf deswegen derzeit in Indien nicht verkauft werden.
Rushdie: Er ist nicht verboten, aber der Zoll blockiert die Auslieferung. Das ist eine typisch indische Methode, ein typischer Fall staatlicher Feigheit; mein englischer Verlag prozessiert dagegen.
SPIEGEL: War es denn nicht zu erwarten, daß dieser Politiker in Bombay, Bal Thackeray, sich über Ihren Roman ärgern würde?
Rushdie: Natürlich. Es wäre geradezu deprimierend gewesen, wenn er ihm gefallen hätte.
SPIEGEL: Demnach ist Ihre Romanfigur Raman Fielding weitgehend identisch mit Thackeray?
Rushdie: Nein, hier sind mehrere Vorbilder im Spiel: Raman Fielding benutzt zum Beispiel ein Telefon, das die Form eines Froschs hat. Als ich 1987 einen Dokumentarfilm über den neuen Hindu-Nationalismus in Indien drehte, habe ich Interviews mit diesen Leuten gemacht. Ein Politiker, nicht Thackeray wohlgemerkt, hatte auf seinem Schreibtisch einen Plastikfrosch als Telefon. Und wenn dieses Telefon läutete, dann quakte es: quoah-quoah, quoahquoah . . . Wir haben das sogar gefilmt, später aber wieder rausgeschnitten: Niemand wird einen Politiker, einen üblen Faschisten immerhin, verabscheuen, wenn der so liebenswürdige Marotten wie ein quakendes Telefon hat.
SPIEGEL: Ihr Roman beschreibt die wachsende Gewalt zwischen den Religionen in Indien. Ist das denn ein neues Phänomen? Ähnlich brutale Ausbrüche von religiösem Haß gab es schon bei der Gründung Indiens im Jahre 1947.
Rushdie: Das ist ein ewiges Auf und Ab. Als Konsequenz aus diesen Massakern hat die Gründergeneration der indischen Politiker den Staat vollkommen säkularisiert. Das war eine sehr vernünftige Entscheidung damals: Keine Religion sollte die Vorherrschaft über andere Religionen ausüben. Nun aber versuchen Parteien, die Verfassung Indiens
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"Ich habe mich beim Schreiben nie stören lassen"
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umzuschreiben, um einen Hindu-Staat zu schaffen - mit möglicherweise schrecklichen Folgen. Das allein erklärt schon, warum mein Roman das Aufflammen der Gewalt behandelt . . .
SPIEGEL: . . . und zwar in einer Kultur, die eigentlich als zivilisiert gelten darf.
Rushdie: Richtig. Menschen, die heute noch friedlich zusammenleben, bringen morgen schon die Kinder ihrer Nachbarn um. Eine merkwürdig intime Form von Gewalt. Nehmen Sie ein Stadtviertel im alten Delhi: Da können Sie an einem Tag die Hauptstraße langgehen und sehen, wie Hindu-Kaufleute, Sikhs und Moslems friedlich nebeneinandersitzen und ihren Geschäften nachgehen. Und schon am nächsten Tag bringen sich eben diese Menschen gegenseitig um, da rollen Panzer über die Straße, da wird geschossen. Ich will einfach wissen, wie dieses Phänomen zu erklären ist.
SPIEGEL: Haben Sie eine Antwort?
Rushdie: Es scheint so zu sein, daß die Gewalt tiefer in uns drinstreckt, als wir gedacht haben. Auf dem Weg zur Zivilisation galt Gewalt lange Zeit als bloße Abirrung. Möglicherweise ist die Gewalt aber das Normale - und die Zivilisation die Abweichung. Es hat mich sehr getroffen, als mir ein indischer Schriftsteller nach den Massakern in Assam sagte: "Wir müssen uns damit abfinden, daß auch wir dafür verantwortlich sind." Tatsächlich ist es sehr einfach, jemanden zum Monster zu erklären: Man bestreitet seine Menschlichkeit - und ist selber fein raus. Wir müssen uns stets fragen, was in uns selbst solche Verbrechen möglich macht.
SPIEGEL: Die Zeit, der Ablauf von Geschichte, ist ein zentrales Thema Ihres neuen Romans. Der Erzähler selbst altert doppelt so schnell wie andere Menschen, ein auffälliger Kunstgriff - wozu das?
Rushdie: Ein Beschleunigungseffekt: Ich wollte, daß sich dem Leser das Gefühl von Dringlichkeit vermittelt, davon, daß uns für all diese Probleme vielleicht nicht soviel Zeit bleibt, wie wir denken. Das schnelle Altern entspricht doch dem Gefühl unserer Zeit, dieser Rastlosigkeit. Das wird auch in dem hohen Tempo reflektiert, in dem das Buch erzählt ist.
SPIEGEL: In der Tat: Sie erzählen atemlos. Bleiben da nicht psychologische Details auf der Strecke?
Rushdie: Schade, wenn Sie das so sehen. Ich weiß, daß viele Leser das Buch als sehr bewegend empfunden haben . . .
SPIEGEL: Durchaus - aber man kann doch wohl nicht von einem psychologischen Roman sprechen?
Rushdie: Nein, sicher nicht. Es gibt Romane, die pure Erkundungen der Psyche sind, etwa die von George Eliot. Das trifft bei mir nicht zu. "Des Mauren letzter Seufzer" ist zum Teil satirisch, metaphorisch, ist surrealistisch und komisch. Innerhalb eines einzigen Satzes kann die Stimmung von tragisch in komisch umschlagen. Und umgekehrt.
SPIEGEL: Langweilen Sie psychologische Romane?
Rushdie: Nein, aber sie sind in gewissem Sinne unwahr. Sie leben von der Idee, daß wir alle fertige und fest umrissene Charaktere besitzen. Vielleicht konnte Henry James im 19. Jahrhundert noch daran glauben. Jetzt, am Ende des 20., wissen wir doch, daß die Persönlichkeit eines Menschen nicht eindeutig ist, sie kann gespalten sein, voller Widersprüche. Heraklit glaubte, daß der Charakter des Menschen sein Schicksal bestimme. Daran hat man Jahrtausende festgehalten. Doch heute: Die Atombombe, Aids, der Kollaps der Wall Street - das alles kümmert sich einen Dreck darum, wie deine Persönlichkeit beschaffen ist. Wir sind nicht mehr Herren des Geschehens. Das zwingt mich, die Menschen in meinen Romanen in historische Zusammenhänge zu stellen.
SPIEGEL: Ihr Verfahren, Persönlichkeiten der Geschichte wie Nehru oder Indira Gandhi in Ihren Roman einzubauen, dürfte viele Leser an den Film "Forrest Gump" erinnern, in den Bilder mehrerer amerikanischer Präsidenten montiert sind . . .
Rushdie: . . . wirklich? Ein schrecklicher Film.
SPIEGEL: Finden Sie?
Rushdie: Jetzt bin ich wirklich deprimiert, so ein gräßlicher Vergleich (lacht). Die Einführung historischer Personen in einen Roman ist doch überhaupt nichts Neues. In Tolstois "Krieg und Frieden" tummeln sich diverse Gestalten der Zeitgeschichte. Wissen Sie, dieser Film lebt von der seltsamen Idee, das gute Amerika in der Figur eines Idioten vorzuführen. Hirnlosigkeit erscheint da als die höchste Tugend. Intelligente Menschen dagegen sind verdächtig. So ein Blödsinn!
SPIEGEL: Der Erzähler Ihres Romans hat noch ein besonderes Merkmal, nämlich eine verkrüppelte Hand. Wie kamen Sie darauf?
Rushdie: Dieses Motiv stammt von einem unglaublich schönen Mann, den ich vor vielen Jahren als Student an der Universität in Cambridge kennengelernt habe. Dieser Mensch hatte einen einzigen Makel: diese verkrüppelte Hand. Und allein deswegen hielt er sich für häßlich - genauso wie der Erzähler in meinem Buch.
Schönheit ist ein zentrales Thema in diesem Roman. Schönheit, die dich zugleich mächtig und verletzbar macht. Zunächst erweckt der Erzähler wegen seiner verkrüppelten Hand nur Mitleid, später dient dieselbe Hand als gefährliche Waffe, weil sie so kräftig ist.
SPIEGEL: Hat sich die Isolation, in der Sie notgedrungen leben, positiv auf Ihre Arbeit an diesem Roman ausgewirkt?
Rushdie: Ich hatte immer Zeit und Ruhe genug für meine Arbeit, auch vor der Fatwa. Ich habe mich beim Schreiben nie stören lassen. Es verhält sich gerade umgekehrt: Die Arbeit an diesem Roman hat deswegen so lange gedauert, weil ich ständig mit anderen Dingen beschäftigt war, mit politischen Fragen. Gerade am Anfang war ich von einer so starken Unruhe erfaßt, daß ich kaum schreiben konnte. Das ist der erste Roman, den ich in diesen sieben Jahren fertigbekommen habe.
SPIEGEL: Ein Triumph für Sie?
Rushdie: Das auch. Aber was mich wirklich glücklich macht, ist das vielstimmige Lob für dieses Buch. Ich hatte große Sorgen, daß die Leute dem armen Salman Rushdie nur aus Mitleid ein paar Komplimente machen würden. Das ist offensichtlich nicht der Fall. Das Buch wird gelobt, nicht sein Autor. Es werden ja viele Schriftsteller auf dieser Welt verfolgt. Wenn man deren Bücher alle schon deswegen lesen müßte, weil die Autoren schikaniert werden, dann wäre man sein Leben lang beschäftigt. Kürzlich war ich bei einem Schriftsteller-Empfang in Spanien. Am nächsten Tag berichtete mir mein Agent von der Reaktion einer Kollegin, die ganz überrascht war, daß ich wirklich schreiben könne. Sie hatte mich - wie viele Menschen - nur mit diesem Skandal, der Fatwa, in Verbindung gebracht.
SPIEGEL: Hat dieser Skandal Ihrer Prominenz nicht auch genützt?
Rushdie: Vor allem hat er mir geschadet. Viele haben gedacht: Kein Rauch ohne Feuer. Irgendwas müsse doch dran sein an diesen scharfen Reaktionen auf die "Satanischen Verse". So ist mein Ansehen als Schriftsteller schwer beschädigt worden.
SPIEGEL: Mr. Rushdie, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Martin Doerry und Volker Hage. * Im November 1994 in Brüssel. * Ein Pakistaner (2. v. l.) greift im Februar 1990 den 1991 ermordeten Japaner Hitoshi Igarashi (2. v. r.) an.
Von Martin Doerry und Volker Hage

DER SPIEGEL 4/1996
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