05.02.1996

NiederlandeHandel mit Andenken

Streit um das Erbe von Anne Frank: Eine Amsterdamer Stiftung und ein Basler Fonds prozessieren um die Namensrechte.
Die Deutsche Bundesbahn hatte es gut gemeint: Ganz historischem Gedenken verpflichtet, wollte sie einen neuen Intercity auf den Namen Anne Frank taufen.
Doch der Schweizer Anne-Frank-Fonds erhob Einspruch. "Wir sind gegen jede kommerzielle Nutzung dieses Namens", begründete Präsident Vincent Frank-Steiner das Veto.
Seit Jahren setzen sich Vertreter des Basler Fonds für den Schutz von Namen und Ruf der jüdischen Autorin ein. Sie intervenierten, als zwei Kaufleute in Singapur eine "Anne-Frank-Investment"-Firma gründeten oder in Brasilien ein Textilhersteller "Anne-Frank-Jeans" auf den Markt bringen wollte.
Jetzt streiten die Schweizer mit einer Organisation, die sich dem Vermächtnis der Tagebuchschreiberin nicht minder verpflichtet fühlt. Im Konflikt um den gesetzlichen Schutz des Namens Anne Frank prozessieren die Eidgenossen vom Basler Fonds mit dem Träger des Anne-Frank-Museums in Amsterdam.
Das befindet sich im Gebäude an der Prinsengracht 263, wo sich im Juli 1942 die jüdische Familie Frank mit zwei Töchtern und vier Freunden vor der Gestapo versteckt hatte. Im Hinterhaus, den Zugang getarnt durch einen Aktenschrank, harrten die Flüchtlinge aus, bis sie 1944 denunziert und nach Auschwitz verschleppt wurden. Die beiden Mädchen starben kurz vor Kriegsende im KZ Bergen-Belsen an Typhus.
Einzig der Vater, Otto Frank, überlebte. Zurück in Amsterdam 1945, erhielt er Papiere, die Freunde im Versteck gefunden hatten: die Aufzeichnungen seiner Tochter - das Tagebuch der Anne Frank. Die Notizen aus dem Hinterhaus, erstmals 1947 veröffentlicht, dienten als Vorlage für Theater und Film.
Mit dem Erfolg des Bestsellers - 25 Millionen Exemplare in 60 Sprachen - begann auch der Streit um das Erbe. Die Urheberrechte an allen Tagebüchern, Fotos und der Handschrift besitzt allein der Fonds in Basel. Gegründet von Vater Frank, der 1980 starb, verfügt er dank reichlicher Tantiemen über ein Kapital von rund 10 Millionen Franken. Mit den Zinsen fördern die Schweizer Bildungsarbeit, Ausstellungen und die Arbeit der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem.
Das Museum an der Prinsengracht wird seit 1960 von einer Stiftung betrieben, deren 85 Mitarbeiter, so Direktor Hans Westra, in "der ganzen Welt" operieren. Spenden, Zuschüsse und Einnahmen von jährlich rund 600 000 Museumsbesuchern summieren sich auf 5,4 Millionen Mark.
Für den fälligen Ausbau und die Renovierung des Museums - Kosten: 15 Millionen Mark - reichen diese Mittel nicht. Die Stiftung suchte in der Schweiz um Unterstützung nach; schließlich hatte der Basler Fonds in der Vergangenheit die Arbeit des Museums mit jährlich 40 000 Gulden unterstützt.
Die Schweizer versprachen eine halbe Million Gulden - die Summe entsprach damals etwa den Einnahmen zweier Geschäftsjahre. Doch den Niederländern war das viel zuwenig. Nun möchten sie sich selbst die Rechte am Markennamen Anne Frank sichern, um ihre Kasse zu füllen. "Welche Ziele mit den Millionen Schweizer Franken unterstützt werden, ist ein gut bewahrtes Geheimnis", lästert Westra über die Eidgenossen.
Dabei ist die Amsterdamer Stiftung selbst in Verruf geraten. Argwöhnisch verfolgt sie jeden, der an ihrem Bild von Anne Frank kratzt. Dem jüdischen Filmemacher Willy Lindwer, der 1988 die qualvollen letzten Lebensmonate des Mädchens im KZ dokumentierte, versagten die Amsterdamer jede Mitarbeit. "Das Idol sollte nicht in Zusammenhang mit Bildern aus Bergen-Belsen gebracht werden", glaubt Lindwer.
Als Mitarbeiter des Hilversumer TV-Magazins "Reporter" zum Thema "Das Erbe der Anne Frank" recherchierten, wurden sie Opfer eines Lauschangriffs. "Keinen aktiven Auftrag" habe er für die Bespitzelung gegeben, sagt Stiftungschef Westra, gesteht aber: "Wir müssen uns vor Menschen schützen, die uns böse Absichten unterstellen wollen."
Neue Gegner hat Westra jetzt in Basel geortet. Der Rechtsstreit mit den Schweizer Fondsvertretern um die internationale Eintragung des Markennamens "Anne Frank" verhindert, daß die Stiftung den Namen für modernes Spendenmarketing nutzen kann - etwa mit einer Kollektion von Geschenkartikeln. Dem Schweizer Fondspräsidenten Frank-Steiner graust vor T-Shirts oder Kaffeetassen mit dem Bild des jüdischen Mädchens. "Wir wollen keinen Handel mit Devotionalien. Schon Vater Frank verhinderte, daß Postkarten mit dem Porträt von Anne Frank gedruckt und vertrieben wurden."

DER SPIEGEL 6/1996
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