01.01.1996

LiteraturPas de deux auf Papier

In Vita Sackville-Wests Briefen an ihre Freundin Virginia Woolf wird eine der großen Liebesgeschichten dieses Jahrhunderts lebendig.
Das erste, was Virginia an Vita auffiel, waren ihre Beine. "Ah, sie sind exquisit", schrieb Virginia Woolf schmachtend in einem Brief, "wie zwei schlanke Säulen führen sie hinauf in ihren Leib." Und in ihrem Tagebuch vermerkte die englische Autorin später: "Sie hat etwas von einem Hirsch oder einem Rennpferd, abgesehen von ihrem Schmollgesicht." Ebendiese Vita Sackville-West wurde zur großen Liebe der Virginia Woolf.
Mit aristokratischer Selbstsicherheit, Lebenslust und Tatkraft, Charme und Sex-Appeal hatte Vita Mitte der zwanziger Jahre Virginia becirct - und die mußte mit den Qualen der Eifersucht dafür bezahlen, daß sie sich in dieses "Schmollgesicht" verguckt hatte.
Denn Vita Sackville-West (1892 bis 1962), Sproß eines alten britischen Adelsgeschlechts, Autorin mittelprächtiger literarischer Werke mit hohen Auflagen, Diplomatengattin und Herrin der formidablen Gärten von Schloß Sissinghurst, war vor allem eine sapphische Abenteurerin von großem Eroberungseifer. Vitas exquisite Schenkel brachten manche wohlerzogene Ehefrau der Upperclass ins Straucheln.
Indizien für ihre Abenteuer mit all den Marys, Hildas und Margarets aber ließ die stattliche Amazone geflissentlich weg, wenn sie einen Brief an Virginia verfaßte - und im Laufe von fast zwei Jahrzehnten gingen Hunderte von Depeschen zwischen den beiden ungleichen Vertrauten hin und her, bis zum Selbstmord Virginias im Frühjahr 1941.
Statt dessen zählte in Vitas Briefen, die jetzt erstmals auf deutsch vorliegen (freilich ohne die meisten Antwortschreiben Virginias, welche die englische Originalausgabe zu einem äußerst geistreichen Dialog gemacht hatten), nur Virginia, die "liebe und liebliche", der "Engel" vom Tavistock Square*.
Die Leidenschaft, die das Freundinnenpaar zunächst verband, schlug bei Vita schneller in schlichte Freundschaft um als bei Virginia; auch wurden in den späteren Jahren, ab 1930, die Briefe seltener. Dennoch blieb eine tiefe Vertrautheit bestehen. "Auf welcher Leitersprosse" der Zuneigung sie stehe, erkundigte sich Virginia 1939, halb verzagt, _(* ",Geliebtes Wesen . . .''. Briefe ) _(von Vita Sackville-West an Virginia ) _(Woolf". Herausgegeben von Louise DeSalvo ) _(und Mitchell A. Leaska. Aus dem ) _(Englischen von Sibyll und Dirk ) _(Vanderbeke. S. Fischer Verlag, Frankfurt ) _(am Main; 440 Seiten; 58 Mark. )
halb kokett, und Vita versicherte ihr postwendend: "Du stehst sehr hoch oben auf den Leitersprossen - immer."
Die Korrespondenz war ein Tete-a-tete mit klar verteilten Rollen: Vita war Fleisch, Virginia Geist. Als starke Mutterfigur paßte Vita auf das verletzbare, unsichere Kindwesen Virginia auf - wenn es sein mußte sogar mit Gewalt. "Der Wunsch, Virginia zu rauben", gestand Vita einmal, "überwältigt mich."
Nur zweimal kam es in ihrem Pas de deux auf dem Papier zu Auseinandersetzungen. Im Juli 1924 wollte Vita Virginia dazu überreden, mit ihr zum Pilgerort Santiago de Compostela zu fahren - und beging einen krassen Fauxpas: "Betrachte es, wenn du willst, als literarischen Stoff", schrieb Vita, "so wie Du, glaube ich, alles betrachtest, menschliche Beziehungen eingeschlossen." Gleich darauf machte sie die Sache noch schlimmer: "O ja, Du magst Menschen eher mit dem Kopf als mit dem Herzen - verzeih mir, wenn ich mich irre."
Virginia antwortete: Der Brief "tat mir sehr weh - was zweifellos die erste Stufe der Vertrautheit darstellt - keine Freunde, kein Herz, nur ein gleichgültiger Kopf". Und Vita wiederum: "Bist Du nicht ein Schuft, daß Du mir das Gefühl gibst, ich wäre einer?"
Jahre später, 1938, stritten sich die beiden über Virginias feministisches Traktat "Drei Guineen": "Einmal bezauberst Du einen mit Deiner herrlichen Prosa", beschwerte sich Vita, "und gleich darauf bringst Du einen mit Deinen irreführenden Argumenten auf."
Virginia wollte wissen, ob Vita sie der Unaufrichtigkeit bezichtige. Wenn ja, "dann müssen wir die Sache ausfechten, ob mit Schwertern oder mit Faustschlägen". Keck fügte sie hinzu: "Ich glaube nicht, daß Du mich niederstrecken wirst, ganz gleich, was wir benutzen."
Daß Virginia, die Autorin gefeierter Romane wie "Die Wellen" und "Mrs. Dalloway", sie jederzeit geistig niederstrecken konnte, wußte Vita genau - auch wenn Virginia taktvoll genug war, ihr Urteil über Vitas Geisteskraft (sie "hat keinen sehr scharfen Verstand") nur ihrem Tagebuch anzuvertrauen.
Vita aber hatte Charakter genug, das Talent ihrer Weggefährtin anzuerkennen. "Liebling, es macht mir angst vor Dir", schrieb sie, nachdem sie - wie "unter einem Zauberbann" - den Roman "Die Fahrt zum Leuchtturm" gelesen hatte: "Angst vor Deinem durchdringenden Verstand und Deiner Lieblichkeit und Deinem Genie."
Das hinderte Vita allerdings nicht, ein paar Zeilen weiter munter zu plaudern. In allen ihren Briefen reiht Vita, spontan und atemlos daherplappernd, einfach Gedanken und Erlebnisse aneinander: ein Gedicht angefangen, mit dem Gärtner verhandelt, "nach Hertfordshire hochgerast, wieder zurückgerast", mit einem Industriellen diniert.
Die Anekdoten dieser Dampfplauderin - heute hätte Vita gewiß ihre eigene Talkshow - sind allerdings amüsant: Ein Empfang zu Ehren des Schahs in Teheran, zu dem Vita ("mit Smaragden behängt") und ihr Mann ("in Uniform und Goldlitzen, mit einem kleinen Degen, der ihm zwischen die Beine geriet") geladen waren, verwandelt sich in ihrer Nacherzählung zur Slapstick-Nummer: _____" Siebzig Leute zum Abendessen; die Gedecke sind nicht " _____" einheitlich - reichen nicht für die gesamte Tafel aus -, " _____" die persischen Minister tragen ihre Ehrengewänder: " _____" schlampige alte Schlafröcke aus Kaschmir, keine Kragen an " _____" den Frackhemden; Essen kalt . . . Plötzlich eine " _____" gräßliche Pause, und wir stehen auf, um auf das Wohl der " _____" elf vertretenen Staaten zu trinken . . . Ein " _____" unglücklicher Zwischenfall leitet die Zeremonie ein; das " _____" ganze schmutzige Geschirr war unter Sir Percys Stuhl " _____" gestapelt worden, das ganze schmutzige Besteck unter " _____" meinem, und als wir uns erheben und unsere Stühle " _____" zurückschieben, gibt es ein Geklapper . . . So ist das " _____" Diplomatenleben. "
Die Diplomatie behagte Vita wenig. Aber gerade ihre Weltgewandtheit und Vitalität wurden von Virginia verehrt; ihre Fähigkeit, "über das Silber, die Diener, die Hunde zu gebieten", ihre Söhne, die Tatsache, "daß sie, kurz gesagt, das ist, was ich nie gewesen bin: eine richtige Frau".
All das wollte Virginia in einem Werk feiern, das sie im Herbst 1927 in Angriff nahm: die erfundene Biographie "Orlando", die den Weg ihres adligen Titelhelden durch mehrere Jahrhunderte - einschließlich einer Geschlechtsumwandlung vom Mann zur Frau - verfolgt. Orlando ist Vita, die androgyne Kraftfrau, und das schillernde literarische Scherzo lieferte den intimsten Beweis der Leidenschaft Virginias.
Vita nahm die Huldigung an: mit dem atemlosesten Brief von allen. "Die Gedanken kommen mir so schnell, daß sie übereinander stolpern", klagte Vita und zeigte sich "vollkommen geblendet und gebannt". Virginia habe "eine neue Form des Narzißmus" erfunden: "Ich habe mich in Orlando verliebt."
Mit der Vollendung von "Orlando" tritt die Geschichte von Vita und Virginia aus der Wirklichkeit hinaus in die Welt der Literatur. Das Buch war als Denkmal gedacht - und ist als solches mit den Jahren etwas verwittert.
Vitas chaotisch sprudelnde Briefe dagegen, ganz ohne Anspruch verfaßt, haben ihre Frische bewahrt: Sie zeigen die beiden Frauen mitten in ihrer Welt und ihrer Zeit, in die kleinen Alltagsdinge und die große Liebe verstrickt. Y
* ",Geliebtes Wesen . . .''. Briefe von Vita Sackville-West an Virginia Woolf". Herausgegeben von Louise DeSalvo und Mitchell A. Leaska. Aus dem Englischen von Sibyll und Dirk Vanderbeke. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 440 Seiten; 58 Mark.

DER SPIEGEL 1/1996
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