01.01.1996

DopingDie geteilte Moral

In den USA gilt Doping unter Spitzensportlern als läßliche Sünde. Während sich westeuropäische Athleten regelmäßig Kontrollen unterziehen müssen, werden Amerikaner von Dopingfahndern kaum behelligt. Sportler wie der Leverkusener Hindernisläufer Steffen Brand drohen deshalb mit dem Boykott der Olympischen Spiele in Atlanta.
Steffen Brand fühlte nichts als "Ohnmacht und Wut". Da saß er auf dem Podium einer Diskussionsveranstaltung zwischen mächtigen deutschen Sportfunktionären und fühlte sich mal wieder "schrecklich allein gelassen". Also griff Deutschlands bester Hindernisläufer, im Zivilberuf Arzt am Klinikum Leverkusen, zum äußersten Mittel.
Wenn die Amerikaner ihre "blödsinnige Ankündigung" wahr machten, bis zu den Olympischen Spielen im Juli in Atlanta keine Dopingkontrollen vorzunehmen, drohte Brand, "müssen wir womöglich Olympia boykottieren". Mit der aus Geldmangel getroffenen Entscheidung des Olympischen Komitees der USA sei "der Zynismus auf die Spitze getrieben" worden.
Schon seit langem schmunzeln die amerikanischen Athleten reichlich unverhohlen über das Bemühen in einigen europäischen Ländern, der Dopingpest mit einem strengen Kontrollsystem beizukommen.
Die unterschiedliche Dopingbekämpfung in den Vereinigten Staaten und Europa offenbart hier wie dort eine eigentümliche Doppelmoral: Während in den Vereinigten Staaten der private Gebrauch von Dopingmitteln mit der strengsten Gesetzgebung der Welt bekämpft wird, bleiben die Leistungssportler weitgehend unbehelligt.
In Westeuropa hingegen werden die Spitzenathleten oft unangemeldet zum Urintest gebeten - Brand allein elfmal im vergangenen Jahr. Doch der Pillenkonsum der Kraftsportler ist als gesellschaftliches Suchtphänomen noch weitgehend unerkannt.
In den USA bestrafen Gerichte nicht nur Dealer und Konsumenten von Anabolika, sondern auch die von Wachstumshormonen mit Gefängnis. Schüler können jederzeit zu Urintests gezwungen werden.
Präsident Bill Clinton hat ausgemacht, daß der Muskelwahn besonders die Gesundheit der jüngeren, fitneßfixierten Bevölkerung erheblich gefährdet. Studien belegen, daß bereits rund eine Million Amerikaner Anabolika konsumieren, jeder vierte davon ist unter 18 Jahren.
Doch der Hochleistungssport - in den USA mehr als anderswo ein mächtiger Teil der Unterhaltungsindustrie - unterliegt nicht der gleichen staatlichen Strenge. Es wird allgemein akzeptiert, daß, ähnlich dem Künstler, der erst nach einer Strecke Kokain seine Form findet, auch der Athlet seine Anabolika-Spritze benötigt, um das TV-Volk mit seinen Leistungen in Laune zu bringen. Ungeniert begründet etwa die National Basketball Association ihre Ablehnung gegenüber Dopingkontrollen damit, daß Untersuchungen die Privatsphäre verletzen würden.
Nicht mal bei den Spielen in Atlanta, so befürchten Experten, werde mit den neuesten Methoden nach verbotenen Substanzen gesucht. In Europa dagegen hat das Doping, wie der Heidelberger Soziologe Karl-Heinz Bette in einer neuen Forschungsarbeit nachweist, den Sport "in ein Glaubwürdigkeitsdefizit katapultiert, das in seinen Auswirkungen überhaupt noch nicht abzusehen ist". Für die Verbände bedeute Doping "zunehmend Risiko", sagt Bette, weil "die ,heile Welt' des Hochleistungssports in ihr Gegenteil umkippt".
Um den Geschäftsgang nicht zu gefährden, haben die Funktionäre in den letzten beiden Jahren im Hochsponsorland Deutschland ein umfangreiches Kontrollsystem errichtet, das einer sensibilisierten Öffentlichkeit zumindest den Schein von Dopingfreiheit suggeriert.
Auch wenn es zuletzt keine spektakulären Dopingfälle mehr gegeben hat, hält es Wilhelm Schänzer, Nachfolger des verstorbenen Kölner Dopinganalytikers Manfred Donike, jedoch für wahrscheinlich, daß in Deutschland weiter gedopt wird (siehe Seite 151).
Völlig verdrängt werde in Europa zudem die Dopingsucht im Freizeitbereich. Demnächst werden in der Schweiz Untersuchungen veröffentlicht, die prozentual den Zahlen aus den USA entsprechen. Und auch in Deutschland sieht der Biochemiker Schänzer angesichts des "gut funktionierenden Schwarzmarkts" im Fitneß- und Bodybuildingbereich "verheerende Zustände". Schänzer: "Wer gut aussehen will, greift auch hierzulande zu Tabletten und Spritzen."

DER SPIEGEL 1/1996
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