01.01.1996

„Athleten sind pfiffig“

Schänzer, 44, ist kommissarischer Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln.
SPIEGEL: Herr Schänzer, Ihr Labor hat 1995 mit 115 positiven Anabolika-Befunden doppelt so viele Sünder überführt wie 1994. Wird gedopt wie nie zuvor?
Schänzer: Das glaube ich nicht. Die exorbitante Steigerung in diesem Jahr resultiert wohl eher daraus, daß wir bei der Dopinganalyse für nationale und internationale Sportverbände eine neue Gerätegeneration eingesetzt haben. Mit der hochauflösenden Massenspektrometrie reduzieren wir den biologischen Untergrund, das heißt wir können ganz gezielt Fragmente der verbotenen Stoffe herausfiltern. Damit erkennen wir Doping besser und können es länger nachweisen.
SPIEGEL: Die gedopten Athleten hatten sich mit dem Absetzen der Anabolika schlicht verrechnet?
Schänzer: Früher mußten die Athleten rund ein bis zwei Wochen vor den Tests die Einnahme der gängigen oralen Anabolika absetzen, damit wir nichts mehr finden. Heute können wir die Einnahme, abhängig von der Dosierung und individuellen Schwankungen, drei Wochen und länger zurückverfolgen. Da haben einige offensichtlich falsch kalkuliert.
SPIEGEL: Wie viele Sportler sind Ihnen dank der verfeinerten Methode ins Netz gegangen?
Schänzer: Über die Hälfte der positiven Anabolika-Fälle hätten wir mit der alten Methode nicht gefunden. Metandienon etwa ist uns früher kaum aufgefallen, mit dem verbesserten Nachweis haben wir in diesem Jahr 60 Athleten erwischt.
SPIEGEL: Prompt äußerten etliche Funktionäre Kritik: Sie monierten, vom Einsatz des neuen Geräts nicht informiert worden zu sein.
Schänzer: Unsere Aufgabe ist nachzuweisen, wenn Athleten verbotene Substanzen einnehmen. Warum sollten wir also die Verbände über empfindlichere Meßmethoden informieren? Damit die den Athleten sagen, daß sie von jetzt an vorsichtiger sein sollen?
SPIEGEL: Ohne Überraschungseffekt sind Sie in diesem alten Hase-und-Igel-Spiel zwischen Dopern und Fahndern ohne Chance?
Schänzer: Im vergangenen Jahr haben alle über den Anabolika-Einsatz bei den als unschlagbar geltenden chinesischen Schwimmerinnen getuschelt. Wir haben in einem neuen Vergleichsverfahren Steroidprofile herangezogen. So konnten bei den Asienspielen prompt elf Sportler, darunter auch die Kraulweltmeisterin Yang Aihua, von einem Labor in Tokio überführt werden, die Dihydrotestosteron eingenommen hatten. Jetzt sind die Athleten natürlich vorsichtiger geworden.
SPIEGEL: Im Juli beginnen Olympische Sommerspiele - erwarten Sie eine weitere Welle von Anabolika-Fällen?
Schänzer: Athleten sind sehr pfiffig und stellen sich schnell auf unsere neuen Möglichkeiten um. Außerdem ist noch gar nicht sicher, ob das neue Verfahren in Atlanta überhaupt eingesetzt wird.
SPIEGEL: Sie meinen, das Internationale Olympische Komitee verzichtet auf den technischen Fortschritt, um weniger Dopingfälle zu haben?
Schänzer: In Atlanta ist die Dopinganalytik an ein privates Labor vergeben worden. Ob die mit der verbesserten Methode arbeiten, ist ein finanzielles Problem. Die bisherigen Geräte kosten unter 200 000 Dollar, die neuen 800 000 Dollar. Das Organisationskomitee wird sich sicherlich gegen die Mehrkosten sträuben.
SPIEGEL: Bei den Gewichtheber-Weltmeisterschaften Ende November wurde öffentlich, daß Ihr Labor in diesem Jahr über 60 Gewichtheber überführt hat. Die Sportart läuft Gefahr, von Olympia ausgeschlossen zu werden. Ist Rauswurf die einzige Lösung?
Schänzer: Ich bin gegen solch drastische Strafen für Verbände, die in einen sauberen Sport investieren. Die positiven Ergebnisse zeigen doch nicht nur, daß dort noch heftig gedopt wird. Sie beweisen auch, daß es der Verband mit dem Kampf gegen den Mißbrauch ernst nimmt.
SPIEGEL: Sie attestieren den Gewichthebern, trotz insgesamt rund 100 Dopingfällen in diesem Jahr, eine Anti-Doping-Haltung?
Schänzer: Im Gewichtheben besteht das Problem, daß der Einsatz anaboler Steroide große Vorteile bringt. Früher hatten die Athleten stark veränderte Steroidprofile, die durch extreme Dosierung verursacht waren. Das hat in der Mehrzahl nachgelassen. Heute liegen sie im Bereich aller anderen Athleten. _(* Bei den Weltmeisterschaften 1994 ) _(in Rom. )
SPIEGEL: Trotzdem kam die neue Dopingwelle bei den Gewichthebern nur per Zufall an die Öffentlichkeit - als wenn der Verband etwas hätte vertuschen wollen.
Schänzer: Die Publizierung der positiven Fälle ist generell immer noch ein großes Problem. Auch wir erfahren nur per Zufall durch die Presse, ob und wie die Verbände die gedopten Athleten bestraft haben. Damit keiner entwischt, muß irgendeine Instanz die Verfolgung überwachen. Um dem Vorwurf der Vertuschung zuvorzukommen, müßten die Verbände von sich aus ein Mitteilungssystem für jeden positiven Dopingfall schaffen.
SPIEGEL: Wenn überall noch Löcher sind - rühmt sich der deutsche Sport zu Recht als großer Saubermann?
Schänzer: Ich bin mir sicher, daß wir noch nicht alle Schlupflöcher geschlossen haben. Die Vorwarnzeiten sind oft noch zu lang. Testosteron, ein international sehr beliebtes Dopingmittel, baut sich im Körper sehr schnell ab. Bei den Wettkämpfen wissen die Athleten bereits im Vorfeld, wann und wo kontrolliert wird. In Deutschland werden außerdem nur Kaderathleten überprüft. Die Gefahr besteht, daß im unteren Leistungsbereich oder von Kindern und Jugendlichen massenhaft gedopt wird. Anabolika-Konsum darf nicht zum Kavaliersdelikt werden.
SPIEGEL: Die Erfahrung lehrt, daß sich mit guten Appellen nichts ändert.
Schänzer: Vielleicht überzeugen ja sachliche Argumente. Professor Klaus Addicks und Christos Tagurakis vom Fachbereich Anatomie an der Universität Köln haben in Zusammenarbeit mit uns gerade erst durch Tierversuche nachweisen können, daß Anabolika neben allen anderen Nebenwirkungen für Leber und Geschlechtsmerkmale auch massiv das Herz schädigen. Trainiere ich normal, paßt sich automatisch auch das Herz an. Nehme ich zusätzlich Anabolika, wächst zwar die Muskelmasse des Herzens, die Anzahl der Kapillaren im Herz nimmt aber nicht entsprechend zu. Es kann zu einer gefährlichen Unterversorgung mit Sauerstoff kommen.
SPIEGEL: Womit auch der plötzliche Tod einiger junger Athleten wie des 28jährigen Eiskunstlauf-Olympiasiegers Sergej Grinkow erklärt werden kann?
Schänzer: Nach den Kölner Studien könnte sich dieser Erklärungsansatz zumindest anbieten, wenn der Athlet Anabolika verwendet hätte.
SPIEGEL: Welche Präparate außer Anabolika sind in der Doperszene noch beliebt?
Schänzer: In den USA sollen fast alle Footballspieler vor den Wettkämpfen den Energieträger Kreatinin zu sich nehmen. Auch bei uns scheint diese Substanz in Mode zu kommen, weil die Einnahme bei Schnellkraftsportarten Leistungsvorteile bringt. Das Problem ist, daß Kreatinin auch im Fleisch ist und deshalb der Nachweis eines Mißbrauchs sehr schwierig wird. Außerdem sind bisher keine Nebenwirkungen bekannt.
SPIEGEL: Der medizinische Grund für Kontrollen fällt somit weg?
Schänzer: Ja. Mit der Folge, daß Athleten relativ viele Medikamente einnehmen. In letzter Zeit hat etwa auch die Einnahme von Schmerzmitteln extrem zugenommen. Die Mittel werden prophylaktisch eingenommen, vor allem von Triathleten und Radfahrern, deren Leistung von der Schmerzgrenze limitiert ist. Selbst bei Volksläufen nehmen manche Teilnehmer schon Aspirin, um dem Schmerz zuvorzukommen.
SPIEGEL: Worin bestehen die Gefahren für den Sportler?
Schänzer: Jedes Schmerzmittel hat Nebenwirkungen, gerade in den hier angewandten Dosen. Wenn Sportler, nur um Leistung zu produzieren, zu Analgetika greifen, werden bei Vorschädigungen des Gewebes die Symptome überdeckt. Das Vorwarnsystem der Muskeln und Bänder wird somit ausgeschaltet. Ich sehe derzeit aber keine Möglichkeit, Schmerzmittel zu verbieten, da diese für therapeutische Zwecke gebraucht werden.
SPIEGEL: Der Einfallsreichtum der Sportwelt wird die Dopingfahnder folglich auch in Zukunft nicht überflüssig machen?
Schänzer: Die Gegenseite ist eben personell viel stärker als wir. Die Geschichte lehrt uns, daß alles, was etwa für die Tiermast entwickelt wird, irgendwann auch im Sport landet. Wenn wir nun sehen, daß die Gentechnologie in der Lage ist, geklonte Mäuse herzustellen, kann einem für den Spitzensport nur angst und bange werden.
* Bei den Weltmeisterschaften 1994 in Rom.

DER SPIEGEL 1/1996
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