05.02.1996

SportmedizinModerner Lazarus

Die umstrittenen Klümper-Cocktails machten HSV-Profi Karsten Bäron wieder fit. Mögliche Spätfolgen werden ignoriert.
Der Professor hat gerade zum erstenmal zugestochen und 20 Milliliter einer trüben Flüssigkeit in das linke Knie gespritzt, da wagt der malade junge Mann eine demütige Frage: Wann er denn wohl wieder joggen könne? In zwei, drei Wochen?
Der Doktor wirft einen Blick auf die Uhr, es ist früher Nachmittag, und antwortet trocken: "Um 18 Uhr."
Kurz nach sechs macht sich der HSV-Profi Karsten Bäron, 22, der zuvor fast ein Jahr nicht ohne Schmerzen hatte auftreten können, auf den Weg. Und als sei er wie Lazarus auferstanden, fühlt der Kicker sich "an die Geschichte aus der Bibel" erinnert, "wahnsinnig".
Seit diesem Tag im September letzten Jahres schwärmt der Mittelstürmer von den Künsten des Mannes an der Nadel: Professor Armin Klümper aus Freiburg. Die Spritzkuren des Radiologen, diagnostizierte Bild, hätten eine "Wunderheilung" bewirkt.
Fünf Monate ist es jetzt her, daß Bäron auf einem Operationstisch lag und auf einem Bildschirm verfolgte, wie sich ein winziger Greifer mit einem integrierten Sauger in seinem Gelenk vorwärts arbeitete. Obwohl ihm der Operateur erklärte, wie freischwimmende Knorpelschollen aufgesaugt, lockere Teile abgefräst und die Gelenkrolle geglättet wurden, verlor er schnell das Interesse an der visuellen Reise ins Knie.
Bäron interessierte nur das Ergebnis der Operation, die schon die dritte in nur zwei Jahren war. "Bäron spielt nie wieder für den HSV", mußte er einen Tag nach dem Eingriff im Hamburger Abendblatt lesen.
Inzwischen hat Bäron alle Gedanken an ein nahes Karriereende verdrängt. Im Trainingslager "Alte Mühle" im Emsland, wo sich der Hamburger SV auf die zweite Saisonhälfte vorbereitet, "genießt" es eines der größten deutschen Stürmertalente, "zweimal am Tag mit meinen Kameraden trainieren zu können". Tore zum Rückrundenstart gegen Bayern München sollen die letzten Zweifel an der "sensationellen Heilung" (Bäron) beseitigen.
Als nach der Operation seine Verunsicherung am größten war, sah der Profi seine "letzte Hoffnung" in einer Zugreise gen Süden. Bäron sprach in Klümpers "Sporttraumatologischer Spezialambulanz" vor, bei einem Mann, der einen zweifelhaften Ruf genießt.
Das Image des Doktors hatte in den letzten Jahren arg gelitten. Klümper wurde wegen Rezeptbetrugs verurteilt, eine von ihm mitgeleitete Privatklinik mußte dichtmachen, ein Gericht sah in der Bezeichnung "Doping-Rezepteur" keine Beleidigung, und sein Name wurde öffentlich mit dem Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel in Verbindung gebracht.
Klümper kramt auf dem Regalbrett seiner Garderobe, findet schließlich den Wechselrahmen mit Zeitungsausschnitten. Die Bilder zeigen Bäron beim Schuß und beim Torjubel. Sie sind im zweiten Spiel nach dem Comeback aufgenommen. "Ohne Sie wären die Fotos nie entstanden", steht handschriftlich daneben. So nett dieses Geschenk des Fußballers gemeint sei, sagt Klümper, "aufhängen werde ich das nie".
Die Arbeit mit der Sportprominenz, meint Klümper auf dem Klinikflur mit den etwas vergilbten Danksagungen von Weltmeistern und Olympiasiegern, habe ihm "zig Neider" und Unverständnis unter den Kollegen eingebracht.
"Wissen, unser ungeheures Wissen" über die Knochen und ständiges Forschen seien die wahren Gründe für den Erfolg seines ärztlichen Tuns, sagt der Arzt. Eine Klinik wie seine gebe es "kein zweites Mal in Deutschland"; niemand solle meinen, "wir betreiben Wald-und-Wiesen-Medizin".
Doch insgeheim hat Klümper längst akzeptiert, daß er bei der Fakultät - "der Schulmedizin", wie er verächtlich sagt - nicht die Anerkennung findet, die er für gerechtfertigt hält. Spitzensportler, deren Körper angesichts der widernatürlichen Strapazen einer unkonventionellen Reparaturwerkstatt bedürfen, wissen sein Können viel eher zu schätzen.
Für Uli Mann, seit 15 Jahren HSV-Vereinsarzt, haben die "guruhafte Ausstrahlung", das "Sendungsbewußtsein und der Ruf" Klümpers eine positive Einwirkung auf die Patienten. Der Chirurg kennt die Krankengeschichte Bärons wie kein zweiter und mag von übersinnlicher Heilung nicht sprechen.
Als 1993 bei einer Operation der zerrissene Meniskus entfernt wurde, entdeckte der Klubarzt einen Knorpelschaden. Bäron spielte weiter, stand kurz vor der Berufung in die Nationalmannschaft, als sich im Herbst 1994 wieder Knieschmerzen einstellten. Mann nahm eine "intensive Gelenktoilette" vor.
Acht Monate lang quälte sich Bäron danach bei Rehabilitationsmaßnahmen. Im Sommer letzten Jahres diagnostizierte Mann einen "rasant fortschreitenden Knorpelschaden". Nochmals bearbeitete er mit einem Kollegen die geschädigten Gelenkareale.
Vom letzten Eingriff erholte sich das Knie überraschend schnell. Nach drei Wochen war es "schmerz- und reizfrei" (Mann). Dennoch wies der Mannschaftsarzt, der "nichts verschleiern" wollte, auf die "degenerativen Gelenkveränderungen" hin. An einigen Stellen sei die Knorpelschicht derartig dünn, daß "ein Karriereabbruch bei weiterer Schädigung und Belastungsschmerzen nicht auszuschließen ist".
Wenn Fußballer Profis werden, wissen sie, daß sie ihren Körper als Kapital zu Markte tragen. Bäron hat zwar eine Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellter, doch eigentlich will er nichts, als "nur Fußball spielen". Seine Motivation erhöht sich durch einen Vertrag mit dem HSV, den er vor seiner Verletzung abgeschlossen hat und der ihm annähernd eine Million Mark im Jahr einbringt.
Als der ungeduldig gewordene Bäron "gewisse Unannehmlichkeiten" spürte, machte er sich auf Anraten seines Trainers Felix Magath auf den Weg nach Freiburg.
Klümper ließ nie Zweifel aufkommen, daß er das Knie wieder hinbekommen würde. Die suggestive Kraft seiner Worte findet praktische Unterstützung mit der Spritze. Mit dem "Klümper-Cocktail", einem Potpourri allmöglicher Arzneimittel, will der selbsternannte Knochenspezialist - "nachweisbar" - das vollbringen, was andere Mediziner für schlicht unmöglich halten: aufgelöste Knorpelmasse wieder aufbauen.
Der "Zauber-Cocktail" (Sport-Bild) besteht aus zwei Grundsubstanzen: Schwefelsäureester und Aminosäuren. Dazu schöpft Klümper aus einer Rezeptur von 40 weiteren Zutaten, die er "für jeden einzelnen neu zusammenbastelt" und den Grundsubstanzen beimischt. Zumeist sind dies extrem verdünnte Pflanzenextrakte und Spurenelemente wie Selen.
Für HSV-Doktor Mann ist die Anwendung einer "solch großen medikamentösen Palette" nicht immer nachvollziehbar - jedenfalls nicht aus der Sicht des Chirurgen. Als Sportarzt aber sieht er, daß sich sein Schützling besser fühlt. Und im Profigeschäft gilt: "Was zum Erfolg führt, ist sanktioniert."
Bäron, weiß Mann, habe ein "hohes sportliches Potential", mithin "die große Möglichkeit, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen". Der Sportler und sein Arbeitgeber, der Verein, drängen auf die Fortsetzung der Karriere. Der Arzt, sagt Mann, könne da nicht mehr, als "über mögliche Spätschäden aufklären und auf Risiken hinweisen".
Die Sportmedizin hat sich so in eine Zwei-Klassen-Medizin manövriert. Während der Profi bewußt spätere Arthrosen in Kauf nimmt, wird jedem Hobbysportler mit einem Knorpelschaden Bäronschen Ausmaßes jegliches Ballspielen streng untersagt.
Vielleicht sei er ja ein "bißchen naiv", bekennt Bäron ehrlich, "aber was nützt es mir, wenn ich jetzt mit einem gesunden Knie meine Karriere beende und drei Tage später vom Auto überfahren werde"? Y
[Grafiktext]
Ärztliche Eingriffe am linken Knie von Karsten Bäron
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 6/1996
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