24.09.2012

RELIGIONENAllah ist der Beste

Die Männer tragen Bart, verteilen den Koran, beunruhigen den Verfassungsschutz. Salafisten sind zum Synonym für Bedrohung geworden. Wie denken die Frauen? Ein Wochenende mit zwei Verschleierten. Von Özlem Gezer und Barbara Hardinghaus
Auf dem Weg ins Paradies halten Saliha und Reyhana im Döner-Imbiss an der Bornheimer Straße. "Können wir hier beten?", fragt Saliha.
"Ja, okay", sagt der Angestellte.
Die beiden Frauen betreten den Laden, sie rollen eine Unterlage auf dem Boden aus. Der Angestellte stellt die Stühle weiter hoch, er wollte eigentlich schließen, es ist 21 Uhr. Saliha prüft mit dem Kompass in ihrem iPhone die Himmelsrichtung. Wo liegt Mekka?
Mekka liegt hinter dem Imbiss, da, wo die ICE durch Bonn fahren. Die beiden Frauen knien nieder, sie beten, mitten im Industriegebiet. Sie tragen Handschuhe und Nikab, einen Schleier mit schmalen Schlitzen vor den Augen. Vor dem Laden fahren Autos durch die Dunkelheit. Für die Menschen draußen sind die Frauen die Bräute der Terroristen. Der Verfassungsschutz beschäftigt sich mit ihren Männern, die im Land als "Salafisten" bekanntgeworden sind, als sunnitische Fundamentalisten, die den Frieden in Deutschland gefährden würden. Salafisten wollen ein Leben führen wie der Prophet Mohammed, in ihrer Welt herrschen Allahs Gesetze, nicht die Regeln der westlichen Gesellschaft.
Nach ein paar Minuten rollen die Frauen ihre Laken zusammen und bedanken sich. Sie reden akzentfrei Deutsch, sie sind deutsche Staatsbürgerinnen.
Saliha stammt aus Köln-Ehrenfeld, Reyhana aus Ulm, sie sind 31 und 23 Jahre alt. Vor ein paar Jahren noch sahen sie anders aus. Saliha trug hohe Schuhe und gefälschte Markenklamotten - und einen deutschen Vornamen. An den Wochenenden tanzte sie abends in den Rockterrassen, zu Techno und HipHop. Reyhana trat mit ihrer Schulband im Ulmer Roxy auf und sang "Hit the Road, Jack". Sie galt als die Schönste in ihrer Schule, wurde Ballkönigin, trug Piercing, schwarzen Kajal und lange, dunkle Locken.
Beide haben den Realschulabschluss gemacht, Saliha arbeitete danach erst als Kosmetikerin, dann in einem Call-Center, später in einem Restaurant, einem Fitness-Studio, einem Kindergarten und bei einer Zeitung. Reyhana wurde nach der Schule Friseurin. Sie lernten sich kennen, als sie beide nach Bad Godesberg an den Rhein zogen. In Bad Godesberg nahm ihr Leben eine andere Richtung.
Reyhana ist heute mit einem Mann verheiratet, der gerade in Stuttgart in Untersuchungshaft sitzt und auf seinen Prozess wartet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Mitglied einer kriminellen Vereinigung zu sein und deutsche Kämpfer für den Dschihad geworben zu haben. In Bad Godesberg lebten sie nahe der König-Fahd-Akademie, das Viertel wurde in Deutschland bekannt durch Bilder, auf denen die Gewalt eskaliert. Eines dieser Bilder zeigt, wie ein radikaler Islamist bei Kämpfen zwischen Salafisten und vermummten Rechten einem Polizisten ins Bein sticht. Es ging um Mohammed-Karikaturen, es ging, schon damals, um die Verletzung religiöser Gefühle. Bad Godesberg ist seitdem zum Sinnbild geworden für eine Bewegung junger Leute mit langem Bart, die das Land bedrohen.
Saliha ist vor einem Jahr weggezogen von Bad Godesberg. Zwei-, dreimal im Jahr kehrt sie zurück, um hier mit Reyhana ein schönes Wochenende zu verbringen, so wie früher. Wer sie dabei begleitet, bekommt Einblicke in eine Welt, die normalerweise hinter einem Schleier versteckt bleibt. Ihre einzige Bedingung war, dass ihre richtigen Vornamen nicht genannt werden.
Saliha und Reyhana haben vorhin, in dem Laden, wo sie beten durften, nichts mehr zu essen bekommen, sie sind weitergezogen in die Innenstadt und stehen jetzt in einem Döner-Laden, der bis zum späten Abend geöffnet hat. Sie setzen sich an einen der hinteren Tische. Sie verstecken sich hinter einem Pfeiler, um zu essen. Wenn fremde Männer ihr Gesicht sehen würden, wäre das Sünde, in ihren Augen.
Saliha bestellt Fleisch. Sie bekommt einen Kebab-Teller, mit Salat und Saucen. Sie hält die Gabel in der rechten Hand, mit der linken hebt sie den Schleier und führt das Fleisch unter dem Stoff zum Mund. Sie kaut hastig. "Fleisch kannst du so viel essen, wie du willst, und wirst trotzdem nicht fett", sagt sie.
Sie macht gerade eine Kohlenhydrate-Diät, verzichtet auf Reis, Brot und Kartoffeln und hat in zwei Monaten schon vier Kilogramm abgenommen. Reyhana hat am Nachmittag im Internet nach Fatburnern gesucht. Die beiden wollen gut aussehen, sexy sein für ihren Mann, wie sie sagen. Sie können auch das mit dem Koran begründen. Allah sagt, dass ein Mann mehrere Frauen haben darf, vier, wenn er will. Es heißt auch, dass die Zufriedenheit des Mannes die Frauen ins Paradies bringt. Und da wollen sie hin. Sie glauben, dass sie in der Welt hier unten nur deshalb sind, weil sie dem Teufel gefolgt seien. Der Weg zurück ins Paradies sei hart und voller Prüfungen.
"Aber Allah prüft nur die, die er liebt", sagt Reyhana.
Die beiden Freundinnen wollen noch einen Kaffee trinken und ein Eis essen, mit doppelt Karamell. Sie stehen auf einem Parkplatz vor einer McDonald's-Filiale, und Saliha sagt: "Der Islam ist das Erste, was ich wirklich durchziehe."
Mit dem Islam lebt sie zum ersten Mal nach Regeln. Ihre Mutter war alleinerziehend, ein Alt-Hippie, sie verdiente ihr Geld in einem Bio-Laden. Saliha glaubte an keinen Gott, sie glaubte nur, dass sie mal eine große Tänzerin werden würde. Ein guter Abend war für Saliha, wenn sie viele Telefonnummern von den Jungs bekam. Sie hatte Freunde, einen Griechen, einen Italiener, einen Deutschrussen. Es war nie richtig ernst. Dann kam einer, der ihr sagte, sie solle im Koran lesen.
Sie habe ihn nur deshalb gelesen, weil sie ihrem neuen Freund beweisen wollte, dass im Koran Blödsinn steht. An einem Samstagmorgen habe sie damit angefangen, aber es sei anders gekommen, als sie gedacht habe.
"Es war, als hätte mich der Prophet Mohammed persönlich angesprochen", sagt sie. Als hätte er zu ihr gesagt: "Glaube! Denn das ist die Wahrheit."
"Ich war so glücklich", sagt Saliha.
Kurz darauf ging sie in die Moschee. Sie traf Leute, die kamen ihr vor, als wären sie tatsächlich Brüder und Schwestern. Diese Leute schenkten ihr ein weißes Kopftuch. Später trug sie auch weite Röcke, dann den Schleier. Sie hörte auf, in den Discotheken zu tanzen.
"Das war wie Geburt, Weihnachten, Ostern und die große Liebe zusammen", sagt sie auf dem dunklen Parkplatz im Industriegebiet von Bonn. Saliha sieht ihre Freundin kurz an, Reyhana lächelt und sagt: "Ich habe jetzt echt voll Gänsehaut."
Ihre Eltern waren 1992 aus Algerien nach Deutschland gezogen, ihr Vater gründete einen arabischen Radiosender und einen Bürgerverein. Abends ging Reyhana mit ihrer Clique ins Café Si, hörte Musik und trank Zitronenlimonade. Sie musste nach Hause, sobald die Läden schlossen. Für sie galten schon als Kind die Regeln des Korans, aber sie nahm diese Regeln nie ernst.
Während ihrer Ausbildung zur Friseurin dachte sie, gute Klamotten und gutes Styling seien ein gutes Programm für das Leben. Als sie gerade 17 geworden war, saß sie, aufgetakelt für den Job, im Regen an einer Bushaltestelle und fragte sich zum ersten Mal, was das alles eigentlich soll. Kurz zuvor hatte sie zu Hause beim Putzen einen Koran auf Deutsch gefunden. Sie hielt ihn in den Händen und dachte, das sei der Sinn.
"An dem Tag hat mir Allah die Liebe in mein Herz gelegt", sagt sie auf dem Parkplatz vor McDonald's. An diesem Tag beschloss sie, dass das Leben, wie sie es bisher gelebt hatte, nicht mehr schön sei, dass es voll sei mit Sünden. Dass eine Jeans Sünde sei, Rauchen, Alicia Keys. Von da an betete sie fünfmal täglich.
"Ich schäme mich voll dafür, wie ich früher war", sagt Saliha. Auch sie raucht nicht mehr. Wenn sie jetzt nicht raucht, darf sie im Paradies so viel rauchen, wie sie will, daran glaubt sie.
In der Welt der Freundinnen hat nun alles eine Struktur. Für alles sind Lösungen vorgezeichnet. Sie stehen in einem Handbuch, der Prophet und seine Anhänger haben es hinterlassen. Es nimmt den beiden Freundinnen Entscheidungen ab und regelt ihren Alltag. Darin steht, dass die Küche immer so sauber sein müsse, als käme Allah jeden Moment zu Besuch. Dass sie ihre Augenbrauen nicht zupfen, nur färben dürfen. Und um zum Orgasmus zu kommen, lautet der Rat: Seid nicht unbeholfen!
"Allah hat an alles gedacht", sagt Reyhana, "er ist der Beste."
Das bedeutet aber auch, dass Allah alles sieht. Er filmt ihr Leben ab, 24 Stunden lang, auch während des Schlafs. Am Ende entscheidet Allah: Hölle oder Paradies? In der Hölle ist das Trinkwasser eitrig. In der Hölle wird jeder dick, bekommt Pickel und schlechte Haut.
Saliha möchte eine Haut wie aus Glas. Und die gibt es eben nur im Paradies.
Im Paradies, sagt sie, fließt auch Alkohol, und zwar in goldenen Bechern. Die Teller, von denen sie essen, sind mit Diamanten bestückt, sie führen ein Leben im Luxus. Reyhana freut sich auf ein eigenes Haus, die erste Etage ist voll mit Schminke. In der zweiten Etage hat sie eine Auswahl an Klamotten, die nicht mehr aufhört.
"Du musst nie wieder darüber nachdenken, was du anziehst. Allah macht alle zufrieden", sagt sie. Nach ihrer Vorstellung ist das Leben im Paradies in etwa so, wie ihr Leben war, als sie Ungläubige waren, nur noch besser. Sie werden wieder 18 sein, sie tragen keinen Schleier, sie werden nicht schwitzen und wunderschön sein.
Aber noch stehen sie auf dem Parkplatz in Bonn und müssen zusehen, dass sie die Prüfungen bestehen.
Der Samstag der beiden Frauen beginnt bei Friseur Prinz an der Koblenzer Straße. Oben im Laden sitzen dunkelhaarige Männer und lassen sich den Bart stutzen. Unten im Keller schneidet eine Iranerin muslimischen Frauen die Haare. Der Raum hat keine Fenster, Männer sind verboten.
Saliha nimmt ihren Schleier ab, öffnet ihr langes Haar. Sie trägt Glanz-Leggings und ein tiefausgeschnittenes T-Shirt. Zu Hause läuft sie mit High Heels durch die Wohnung. "Ich bin halt 'ne Tussi", sagt Saliha.
Reyhana sitzt auf einem Stuhl in der Ecke und sieht dabei zu, wie ihrer Freundin die Haare gefärbt werden. Sie selbst muss sich heute nicht schönmachen lassen, ihr Mann sitzt ja im Moment in U-Haft. Sobald er zurückkommt, will sie ins Sonnenstudio gehen. Ihr Mann liebt braune Haut.
Reyhana wurde ihm empfohlen, weil sie aussehe wie Angelina Jolie, das jedenfalls sagten ihm die Brüder. Zwei Wochen nach der ersten Begegnung heiratete sie ihn, einen Deutschen, der konvertiert war. Sie wollte alles über den Islam lernen und den Führerschein machen. Sechs Jahre später hat sie drei Kinder, aber noch keinen Führerschein.
"Mein Mann sah gut aus und war praktizierender Muslim. Was wünscht sich eine Frau mehr?", fragt Reyhana.
Ihr gegenüber beim Friseur sitzt Salihas Mutter. Sie hat den Rucksack gepackt für den Ausflug am Nachmittag mit den Kindern. Saliha hat inzwischen vier, ihre Mutter hilft ihr immer samstags. Sie trägt Gesundheitssandalen und einen blonden Rundschnitt. Als Salihas Oma berufstätig werden wollte, musste sie sich von ihrem Mann eine schriftliche Genehmigung geben lassen. Salihas Mutter hat einen harten Kampf geführt, um eine moderne Frau zu werden. Sie hadert mit dem Frauenbild ihrer Tochter.
Während ihr die Haare geschnitten werden, sagt Saliha: "Mein Mann will gar keine zweite Frau. Der hat gesagt: Du reichst mir. Er sagt, es wäre leicht, eine zweite Frau zu nehmen und mit ihr zu schlafen. Dann wäre seine Befriedigung für eine Nacht erreicht. Aber er sagt auch, die Verantwortung, die man dafür trage vor einer Frau, die sei so groß, dass er davor zurückschrecke. Und wenn du deine Frauen ungerecht behandelst, wird Allah dich mit getrennten Hälften auferstehen lassen."
"Und was würde passieren, wenn dein Mann fremdgehen würde?", fragt ihre Mutter. "Wird er dann gesteinigt?"
"Nicht gleich. Erst, wenn acht Augen den Geschlechtsverkehr gesehen haben", sagt Saliha. "Dann wird er gesteinigt?", fragt die Mutter. "Dann wird er gesteinigt", sagt Saliha. "Und das ist dann auch in Ordnung."
Für einen Moment wird es ganz ruhig im Friseursalon.
"Ich übe mich jeden Tag in Toleranz", sagt die Mutter dann. Aber das gelinge ihr nicht immer. Neulich seien sie bei einem Gespräch über Homosexualität aneinandergeraten.
"Schwulsein führt zu Unheil", sagt Saliha. Schwulsein sei nicht normal.
"Was ist an Horst denn nicht normal?", fragt die Mutter. Sie meint Horst, den schwulen Freund der Familie.
Reyhana folgt stumm der Unterhaltung. Dann sagt sie: "Allah hat ja nicht umsonst das schwule Volk Lud ins Höllenfeuer verbannt."
Die drei Frauen verlassen den Friseursalon, sie wollen noch nach einem neuen Nikab für Reyhana sehen. Er soll atmungsaktiv sein, Reyhana hat Probleme mit ihrer Gesichtshaut. Außerdem liegt der, den sie gerade hat, zu eng an. Man kann ihre Kopfkonturen erkennen, das will sie nicht. Ein Schleier hat für sie den Sinn einer Schutzfolie. Ohne ihn würden Dreck und die Blicke der anderen an ihr kleben.
Der Taiba-Shop an der Kölnstraße hat eine gute Auswahl. Es gibt lange und kurze Nikabs, Sommer- und Winternikabs, der billigste kostet 15, der teuerste 40 Euro. Die besten kommen aus Ägypten, sie sind dreilagig, aber trotzdem leicht.
Aus den Boxen klingen Koran-Suren, die Männer an der Kasse haben einen langen Bart und sprechen die Suren mit. Vor ihnen liegen Listen mit Düften, sie heißen "Sultan" oder "Amber", sie sind importiert aus Saudi-Arabien, ohne Alkohol, aus Zedernholz. Reyhana sieht die Listen durch. "Es ist wichtig, dass du gut riechst", sagt sie. Die Engel würden guten Geruch mögen, und schließlich seien es die Engel, die sie ins Paradies brächten.
Die Nikabs findet Reyhana in einem der hinteren Zimmer, Zugang haben nur Frauen. Sie kauft den für 15 Euro, dann ziehen sie weiter nach Königswinter, sie mögen da die Schiffe auf dem Rhein und die Kuchengärten. In einem Supermarkt kaufen sie Kinderschokolade und Red Bull. Die Frau an der Kasse sieht den verschleierten Frauen hinterher und sagt leise: "Schade ist so etwas."
Sie laufen weiter, durch die Altstadt, es sind 24 Grad. Salihas Mutter bemerkt die Blicke, die ihnen folgen. Sie sagt: "Meine Tochter könnte morgen als Känguru gehen, und ich würde hinter ihr stehen." Weil so viele Leute unterwegs sind, schließt Saliha ihren Schleier vollständig. "Du stolperst selbst noch über dein Wallawalla", sagt ihre Mutter. Ihre Tochter sieht von vorn aus wie von hinten.
"Hat die überhaupt Augen?", fragt eine Rentnerin.
Einmal, sagt Saliha, habe sie ein Mann am Bahnhof gepackt, er schrie sie an und forderte: "Zieh das aus, du Schlampe!"
Das alles sind nur Prüfungen. Irdisches Leben. Reyhana sucht sich einen Hauseingang für das Abendgebet, sie kniet nieder, zwischen Briefkästen und einem Plakat, auf dem steht: "Deutschlands größte Halloween-Party". Auf dem Weg von der Fußgängerzone ins Restaurant spricht sie Bittgebete, kleine Texte, in denen sie Allah um Schutz bittet. Sie erreichen das Casablanca, einen arabischen Schnellimbiss. Ein Buffet ist aufgebaut, der Laden füllt sich.
Das Casablanca ist für die beiden Frauen nicht perfekt, aber akzeptabel. Besser wäre es, wenn es Trennwände gäbe, einen Bereich für Männer, einen für Frauen. Im Fernsehen läuft ein arabischer Sender, Männer sagen Koran-Verse auf, danach sieht man zerbombte Häuser und verletzte Menschen in Syrien. Saliha sagt, der Sender zeige die Wahrheit, das ganze Leid ihrer Brüder und Schwestern. Sie guckt kaum noch deutsches Fernsehen. Nach dem Essen gehen die beiden Frauen in eine Abstellkammer, um zu beten. Sie verneigen sich zwischen eingelegter Roter Bete und Dosenmais.
Am nächsten Morgen sitzt Saliha an einem alten Holztisch in der Wohnung ihrer Mutter. Sie nimmt sich den Schleier vom Kopf und wischt die Schminke mit einem feuchten Tuch aus dem Gesicht. Ihr Mann findet die Haare zu hell, sagt sie. Auf einem Regal steht ein Foto, das Saliha zeigt, als sie fünf Jahre alt war.
Bei sich zu Hause stellt Saliha keine Fotos mehr auf, weil sie glaubt, dass die Engel dann die Wohnung nicht mehr betreten. Gottes Schöpfung dürfe niemand nachahmen. Sie wohnt auf 96 Quadratmetern, modern, mit weißen Lackmöbeln, einem Herd, der sich selbst reinigt, und einem Kühlschrank mit Ice-Maker. Ihr Mann, ein Syrer, verkauft Energiesparlampen im Internet, sagt sie. Wenn sich die beiden einen schönen Abend machen wollen, sehen sie Vorträge von Islampredigern im Internet.
Sie haben ein ruhiges Leben, seit sie aus Bad Godesberg weggezogen sind. Saliha sagt, sie hätten den Druck nicht mehr ausgehalten. Einmal habe der Verfassungsschutz in ihrer Wohnung gestanden und ihnen den Pass abgenommen, danach wollten sie weg aus dieser Gegend.
Reyhana und ihr Mann lebten zu der Zeit bereits in Ägypten, wo sie Arabisch lernten. Dort erfuhren sie, dass deutsche Beamte nach Reyhanas Mann suchten. Reyhana rief bei Saliha an und sagte, dass sie sich jetzt erst mal für längere Zeit nicht sehen würden.
Sie flohen nach Pakistan. Sie wohnten in einer Bergregion am Hindukusch in einem Lehmhaus, hinter einer drei Meter hohen Mauer.
Über den Hof lief Mimi, die kleine Katze, und jagte Geckos. Ein paar Kilometer weiter trainierten Deutsche für den "Heiligen Krieg". Durch die Luft flogen amerikanische Drohnen, aber Reyhana hatte keine Angst vor dem Tod, sagt sie. Würde sie sterben, wäre sie schneller bei Allah.
In Pakistan hat sie Englisch gelernt und Nähen. Sie hatte einen Katalog von H&M als Vorlage. Sie sagt, sie hätten meistens einen ganz normalen Alltag gehabt. Aber auch das gab ihr keine Ruhe.
"Das Problem ist, wenn drei Monate lang nichts Schlimmes passiert, habe ich Sorge, dass Allah nicht zufrieden ist", sagt sie. Wenn Allah ihr keine Prüfungen mehr schicke, glaubt sie, dann liebe er sie womöglich nicht mehr.
Die Prüfungen kamen dann doch noch. Weil es in Pakistan zu ungemütlich wurde, zogen sie weiter. Sie kamen bis nach Istanbul. Hier wurde ihr Mann, inzwischen mit internationalem Haftbefehl gesucht, festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert. Reyhana ging mit ihren Kindern zurück nach Bonn, wo sie jetzt bei den Eltern in einer Sozialwohnung lebt.
"Ich bin Muslima im Kindergarten", so heißt das Buch, das Reyhana vor kurzem für ihre Tochter gekauft hat. Die Tochter ist jetzt vier Jahre alt, wurde in Ulm geboren, in Ägypten lernte sie Laufen, in Pakistan trug sie ihre erste Hello-Kitty-Kette. Ob ihr Kind in Bonn überhaupt einmal in einen Kindergarten gehen wird, weiß Reyhana noch nicht. Sie hat Sorge, ihre Tochter könnte einen Jungen in der Puppenecke küssen. Außerdem feiern sie in deutschen Kindergärten Weihnachten und Geburtstage mit Musik und Gummibärchen aus Schweinegelatine.
"Kinder sind wie ein weißes Hemd", sagt Reyhana. "Sie gehen raus und werden schmutzig, und wenn sie wieder zurück sind, muss man sie waschen."
Sie bereitet gerade die Speisen für das Abendessen vor, Fladenbrot, Oliven und Datteln. Ihr Schwiegervater hat sich angekündigt. Reyhana und ihr Mann haben ihm einmal eine Reise geschenkt, nach Mekka. Danach ist auch er konvertiert. Seit Reyhana den Schleier trägt, benutzt auch ihre Mutter ein Kopftuch, und ihr Vater versteckt sich vor den Enkeln, wenn er raucht.
"Wir können die Menschen zu nichts zwingen, aber wir können ihnen den Islam immer wieder vor die Haustür tragen", sagt Reyhana.
Für den Nachmittag hat sie sich noch einmal mit ihrer Freundin verabredet. Saliha wartet am Rhein. Sie begrüßen sich, "Salam alaikum", sie umarmen sich und schlendern unter ihrem Schleier in der heißen Sonne am Ufer entlang. Ein Radfahrer drängt sie vom Fahrradweg.
"Die Deutschen hassen uns. Wenn hier ein Anschlag passiert, sind wir die Ersten, die abgemurkst werden", sagt Saliha.
Sie sagt, grundsätzlich sei sie gegen Gewalt. Aber Anschläge auf Ungläubige seien etwas anderes als Gewalt. "Die Anschläge sind nur Hilferufe und die Bomben die Waffen der Schwachen und Unterdrückten."
Am Rheinufer legt eine Fähre ab, sie bringt Touristen ans andere Ufer.
Wie wäre die Welt perfekt?
"Wenn es mehr Verständnis für uns gäbe, Toleranz und überall die Scharia", sagt Reyhana.
Von Barbara Hardinghaus und Özlem Gezer

DER SPIEGEL 39/2012
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