24.09.2012

„Umtaufen in Strauß-Affäre“

Ex-Kanzler Helmut Schmidt, 93, über das 1963 gegen ihn eingeleitete Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft und seine Kontakte zu SPIEGEL-Titelautor Conrad Ahlers
SPIEGEL: Herr Schmidt, Sie waren 1962 Innensenator in Hamburg, nach der Flutkatastrophe trauten Ihnen viele bereits eine große Karriere zu. Der SPIEGEL war ein aufstrebendes Blatt. Wie war Ihr Verhältnis zum Magazin vor der SPIEGEL-Affäre?
Schmidt: Die SPIEGEL-Affäre müsst ihr umtaufen in Strauß-Affäre ...
SPIEGEL: ... das nehmen wir gern auf ...
Schmidt: ... das Verhältnis war freundschaftlich. Mit Rudolf Augstein par distance. Er war ein bisschen schwierig, von mir aus gesehen. Doch es gab zwei Redakteure bei Ihnen, mit denen ich damals durch Zufall seit Jahren bekannt war, Conny Ahlers und Hans Schmelz. Mit ihnen verbanden mich Freundschaften aus Studienzeiten.
SPIEGEL: Und aufgrund dieser Freundschaften wurden Sie in die Strauß-Affäre hineingezogen?
Schmidt: Ahlers rief eines Abends im Herbst 1962 an und fragte, ob er mich mal wegen eines Artikels sprechen könne. Es pressiere, der Text müsse am nächsten oder übernächsten Tag in Druck. Ich bot Ahlers an, er könne gegen 22 Uhr vorbeikommen. Vorher ging es nicht.
SPIEGEL: Ahlers war wie Sie Kriegsoffizier gewesen, später dann als Pressereferent im "Amt Blank" tätig, dem Vorläufer des Verteidigungsministeriums. Er arbeitete 1962 mit Schmelz an der Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit", in der er die Militärpolitik von Strauß einer tiefgreifenden Überprüfung unterzog. Wonach hat Ahlers gerade den Hamburger Innensenator gefragt?
Schmidt: Schmelz und Ahlers waren beide hochbegabt, hochintelligent. Beide hatten wirklich eine Ahnung von den militärischen Dingen. Aber ich verstand, das darf ich sagen, etwas mehr davon als die Jungs vom SPIEGEL, denn ich hatte im Jahr zuvor ein Buch geschrieben, "Verteidigung oder Vergeltung", das war in Fachkreisen ein großer Erfolg. Es wurde sofort ins Englische übersetzt und erschien alsbald in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien.
SPIEGEL: Augstein und Ahlers warnten damals vor einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr, wie sie offenbar Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß im Sinn hatte. Wollte Strauß die Bombe wirklich?
Schmidt: Ich glaube, die Militärs strebten damals eher nicht den Zugriff auf nukleare Waffen an, der Minister wohl.
SPIEGEL: Den tatsächlichen Zugriff? Oder ging es Strauß darum, im Nato-Rahmen über einen Einsatz mitbestimmen zu können?
Schmidt: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, Strauß war sich selber nicht im Klaren darüber, was sein eigentliches Ziel war.
SPIEGEL: Wie ging es an jenem Abend zwischen Ihnen und Ahlers weiter?
Schmidt: Wir haben ernsthaft diskutiert, es kam auch mein Freund und Nachbar Willi Berkhan dazu. Schließlich war es eine Art Streitgespräch.
SPIEGEL: Haben Sie die Absicht von Ahlers und Schmelz begrüßt, einem großen Publikum eine Übersicht über die militärstrategische Lage zu geben?
Schmidt: Missbilligt habe ich diesen Artikel nicht. Auch wenn ich euer Blatt durchaus als sensationsgeneigt qualifizierte. Ahlers zeigte mir jedenfalls das Manuskript und bat um kritische Durchsicht. Sechs, sieben Stellen habe ich mit Bleistift angekreuzt und die eine oder andere schriftliche Anmerkung gemacht. Und gesagt: Kinders, diese Stellen müsst ihr noch einmal überprüfen, es kann sein, dass ihr euch im Geheimbereich bewegt.
SPIEGEL: Aber Ihr Buch "Verteidigung oder Vergeltung" war von ähnlich großer Offenheit wie später der Titel "Bedingt abwehrbereit".
Schmidt: Ich lebte intellektuell in der "defense community" der Amerikaner, der Engländer und ein bisschen auch der Franzosen. Da galten andere Maßstäbe. Auf die Idee, dass der Inhalt meines Buchs von strafrechtlicher Relevanz sein könnte, bin ich gar nicht gekommen. Jedenfalls sind wir nach einer Stunde auseinandergegangen. Und aus diesem Treffen machte die Bundesanwaltschaft dann eine Konspiration. Die fanden es schon konspirativ, dass wir uns abends spät zusammensetzten.
SPIEGEL: Ende Oktober 1962 wurde die Redaktion von Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt überrollt. Rudolf Augstein, Conrad Ahlers und andere wurden wegen des Verdachts des Landesverrats verhaftet, weil die Titelgeschichte angeblich zahlreiche Geheimnisse preisgab. Auch Sie gerieten in die Mühlen der Justiz.
Schmidt: Die Bleistiftstriche auf dem Ahlers-Manuskript waren schuld, und wahrscheinlich haben Augstein und Ahlers bei der Bundesanwaltschaft in ihrer Aufregung darüber zu viel geplappert. Im Januar eröffnete die Bundesanwaltschaft gegen mich ein Verfahren wegen Beihilfe zum Landesverrat. Mein Verhältnis zum SPIEGEL und zu seinen Redakteuren ist übrigens dadurch nicht belastet worden.
SPIEGEL: Den Ermittlungsakten zufolge sollen Sie Augstein erst nach dem Erscheinen des inkriminierten Artikels kennengelernt haben.
Schmidt: Das kommt mir sehr unwahrscheinlich vor. Nein, wir kannten uns vorher. Ich glaube, wir sind uns Mitte der fünfziger Jahre erstmals begegnet.
SPIEGEL: Die Bundesanwaltschaft hatte Sie auch im Verdacht, den SPIEGEL vor der Razzia gewarnt zu haben.
Schmidt: Ja, aber es stimmt einfach nicht. Und dann schickte die Bundesanwaltschaft einen Ermittlungsrichter, Typus Landgerichtsdirektor, korrekt und ahnungslos. Den habe ich anständig, aber auch etwas herablassend behandelt. All das, was die Bundesanwaltschaft damals als Geheimnisse in Ihrer Titelgeschichte bemängelt hat, war zuvor in tausend Aufsätzen von Amerikanern, Engländern oder Franzosen veröffentlicht worden.
SPIEGEL: Hatten Sie den Eindruck, dass die Bundesanwaltschaft wirklich an Landesverrat glaubte?
Schmidt: Das weiß ich nicht, aber sie hat es jedenfalls mit Eifer vertreten. Seitdem war mein Verhältnis zur Bundesanwaltschaft gestört.
SPIEGEL: Ihre Vernehmungen streckten sich hin bis weit ins Jahr 1964. Bei keiner war ein Verteidiger dabei.
Schmidt: Den brauchte ich nicht. Denn die Vorwürfe habe ich nicht ernst genommen, ich wusste, dass das Ganze ein ungehöriger Quatsch war. Dass es ein Verfahren der Bundesanwaltschaft gibt, das habe ich allerdings schon ernst genommen.
SPIEGEL: Wie haben Ihre Kollegen aus der Politik darauf reagiert? Heute würde ein Ermittlungsverfahren dieser Kategorie das Ende einer Karriere bedeuten.
Schmidt: Ähnlich wie ich. Meine Parteifreunde und auch führende Christdemokraten wie etwa Rainer Barzel, der Vorsitzende der Unionsfraktion, waren sich einig: tiefer hängen.
SPIEGEL: Im Frühjahr 1965 stellte die Bundesanwaltschaft fest, dass die Beweise für einen Prozess gegen Sie nicht ausreichen. Das Verfahren hätte eingestellt werden müssen.
Schmidt: Das ist eine politische Schweinerei gewesen. Vielleicht hat jemand bei der Bundesanwaltschaft oder im Bundesverteidigungsministerium gedacht, wir lassen das mal köcheln, vielleicht brauchen wir das irgendwann mal. Anderthalb Jahre lang haben die Ermittlungen geruht.
SPIEGEL: Nach der Bundestagswahl 1965 kehrten Sie in den Bundestag zurück. 1966 kam die erste Große Koalition, Sie übernahmen den Vorsitz der SPD-Fraktion.
Schmidt: Gustav Heinemann wurde damals Justizminister, das war ein älterer Freund von mir. Ich habe zu ihm gesagt, kannst du dich nicht mal darum kümmern, dass das Verfahren eingestellt wird? Und das haben sie dann auch tatsächlich eingestellt, allerdings wegen eines minderschweren Vorwurfs, nicht wegen Beihilfe zum Landesverrat.
SPIEGEL: Es ging nur noch um die fahrlässige Preisgabe von Staatsgeheimnissen.
Schmidt: Genau. Bis heute lebe ich in dem Bewusstsein, dass die Bundesanwaltschaft ein Verfahren gegen mich wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Landesverrat geführt hat, was nie eingestellt worden ist.
Von Georg Bönisch, Georg Mascolo und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 39/2012
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