24.09.2012

RELIGIONSGESCHICHTEKüsse auf den Mund

War Jesus mit der vermeint lichen Sünderin Maria Magdalena verheiratet? Ein rund 1700 Jahre alter Papyrus präsentiert den Erlöser als Ehemann.
H ammelbraten und koscheren Wein tischten die Juden in der Antike auf, wenn sie Hochzeit feierten. Die Braut erhielt einen Ehevertrag, der ihr dreierlei versprach: Kleidung, Unterhalt und geregelten Geschlechtsverkehr.
Ob auch der junge Bauarbeiter "Jeschua", Sohn eines Maurers aus Nazaret, diesen Brauch vollzog, ist ein Streitpunkt der neutestamentlichen Forschung. Vergangene Woche fand das Gerücht vom Gattentum des Herrn neue Nahrung. Auf einem Kongress in Rom stellte die US-Forscherin Karen King einen Papyrusfetzen vor, der bruchstückhaft eine Debatte mit den Aposteln schildert. Dort heißt es: "Jesus sagte zu ihnen: ,Meine Frau ...'"
Nur acht mal vier Zentimeter groß ist das Fragment, das King zufolge aus einem verschollenen Evangelium stammen könnte. An der Echtheit der vergilbten Zeilen gibt es kaum Zweifel.
Auch die Identität der erwähnten Herzdame scheint gesichert. Die Rede kann nur von Maria Magdalena sein. Lukas 8,3 zufolge war sie vermögend und stammte aus Magdala, einem Zentrum der Fischindustrie am See Genezareth. Nachdem Jesus sie von "sieben Dämonen" geheilt hatte, folgte sie ihm treu und unterstützte ihn mit Geld.
Erst in späterer Überlieferung sank die Frau zur Dirne herab. Ölbilder zeigen sie halbnackt, als Sünderin, mit blonden Haaren und verdrehten Augen, reuig zum Himmel blickend.
Nur, waren die beiden wirklich ein Paar? Auch der Koran lässt Raum für Spekulationen. Sure 4 erzählt, dass der Heiland gar nicht am Kreuz starb. Islamischen Legenden zufolge brannte er mit Maria nach Persien durch und zeugte dort Kinder - Dan Brown lässt grüßen.
Schon die Frühchristen im antiken Rom erzählten sich schräge Details aus dem Privatleben ihres Idols. Das "Kindheitsevangelium nach Thomas" (2. Jahrhundert nach Christus) stellt Jesus als kleinen Rabauken dar; er erweckt Spatzen aus Ton zum Leben und tötet einen nervigen Jungen, der ihn anrempelt.
In einem anderen Bericht wird der Erlöser ins schwule Milieu gerückt. Er tritt dort "nackt mit einem Nackten" auf und schläft bei einem "Jüngling", den er "liebte".
Geschwätz nannte der Kirchenlehrer Clemens von Alexandria derlei windige Behauptungen. Die Lehrmeinung schloss eine Heirat Christi aus.
Doch war der historische Jesus wirklich so keusch? Tatsache ist, dass ihm auch viele Frauen folgten. Zwar ist das Neue Testament frei von Erotik, Babygeschrei ist im Fanclub der Jünger nicht zu hören. Doch der Prediger aus Nazaret wird mehrmals "Rabbi" genannt. Dieser Berufsstand war im alten Israel eigentlich immer verheiratet.
Schon in der Urkirche entbrannte deshalb eine Geschlechterdebatte. Leibfeindliche Prediger standen gegen emanzipatorisch gesinnte Frauenversteher, die die Rolle des Weibes im Kult stärken wollten.
Im Zentrum des Streits stand jene mysteriöse Frau aus Magdala, die in der Bibel eine besondere Stellung einnimmt. Als Jesus verhaftet wird, fliehen die Apostel. Sie aber verharrt am Kreuz und wird zur Augenzeugin der Marter. Später entdeckt sie als Erste das leere Grab. Und auch der Auferstandene erscheint zuerst ihr.
Diese Schlüsselrolle schmückten interessierte Kreise bald ins Intime aus. In einem nach 200 nach Christus verfassten Evangelium tritt Maria als Geliebte auf: "Der Heiland küsste sie oftmals auf ihren Mund."
Derlei Keckheiten brachte die Kerle in der Urgemeinde in Rage. Bereits der Apostel Paulus, der seine Briefe um 50 nach Christus verfasste, mochte die Dame so wenig, dass er sie totschwieg. Im "Thomasevangelium" (um 140 nach Christus) wettert der andere Kirchenboss, Petrus: "Maria soll uns verlassen, denn Frauen sind des Lebens nicht würdig."
Die Gegenpartei konterte kaum weniger geschickt mit Schwindelstorys, die ihre Favoritin als bevorzugte Gefährtin preist, die "ständig Umgang mit dem Herrn" hatte.
In diese Kampfzone gehört auch der neue Papyrus. Jesus nennt Maria dort nicht nur "tahime", also Ehefrau. Er merkt auch an: "Sie ist fähig, meine Jüngerin zu sein."
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 39/2012
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