12.02.1996

ParteienRoter Steuermann

In Dortmund tagte der harte Kern der DKP. Die deutsche Nachhut der Weltrevolution träumt von einem „neuen sozialistischen Anlauf“.
Rhythmisches Klatschen von 238 Delegierten empfängt im Revierpark Wischlingen im Dortmunder Westen den verzückt lächelnden Altkommunisten Kurt Bachmann, 86. Als ein Delegierter dem früheren Chef der DKP mit einer roten Fahne zuwinkt, werden die Augen des Genossen feucht.
In dem Revierpark, wo normalerweise Werktätige aus dem Ruhrgebiet bei Wassergymnastik und Muskeltraining Kraft für den Alltag im Kapitalismus sammeln, tagt am ersten Februarwochenende die deutsche Nachhut der Weltrevolution. Die hat den Fall der Berliner Mauer ebenso überstanden wie den Untergang der Sowjetunion, als wollte sie posthum Lenin recht geben, der nach 1917 vor allem auf die Deutschen gesetzt hatte.
Zwar hapert es an Geld und Genossen, seit die Arbeiter-und-Bauern-Groschen aus der DDR nicht mehr fließen - im Wendejahr 1989 immerhin 68 Millionen Westmark. Die Mitgliederzahl sank von 42 000 anno 1977 auf 6121, davon rund die Hälfte im Rentenalter. Und die Finanzlage ist finster.
Doch der stählerne Kern wankt nicht. Flügelkämpfe, die Ende der achtziger Jahre die Partei an den Rand des Ruins trieben, sind längst überwunden. Mit dem Kampfblatt UZ (Auflage: 10 000) geht es sogar aufwärts. Das Organ soll vom Juli an wieder wöchentlich statt bloß alle 14 Tage erscheinen.
In Dortmund sucht das Fähnlein der Getreuen, was der einstigen Avantgarde der Arbeiterklasse derzeit am meisten fehlt: Halt und Geborgenheit. Die grauhaarige Delegierte Karin, seit 1968 in der Partei, bittet um eine "verbindliche Orientierung", und ein Abgesandter aus Karlsruhe mahnt die Oberen, "die Aufgaben der Kampfetappe exakter zu fassen". Die bieten als Antwort Kommunismus pur. Das politische Methadon-Programm von PDS-Vormann Gregor Gysi für Langzeitabhängige des Marxismus-Leninismus hat bei den DKP-Chefs keine Chance. "Wir sind die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse und nicht irgendein linker Haufen", tönt Vorständler Hans-Peter Brenner trotzig.
Soviel Härte imponiert immer mehr alten Kämpfern im Osten: Seit der Wende gewann die DKP dort 200 neue Mitglieder. Etwa den früheren Vize des SED-Zentralorgans Neues Deutschland (ND), Klaus Steiniger. Das ND, wettert Steiniger, sei "inzwischen auf linksbürgerliche Positionen übergegangen", die PDS-Spitze habe "ideologisch die weiße Fahne gehißt". Der frühere SED-Agitator kämpft nun in der DKP dafür, "daß die von uns gehütete und geschützte Flamme des Kommunismus morgen wieder heller und stärker scheint". Weitere Lichtträger aus dem Gestern sind Kurt Hager, 83, einst im SED-Politbüro für die Regime-Kultur zuständig, sowie Karl-Eduard von Schnitzler, Chefkommentator des DDR-Fernsehens ("Der schwarze Kanal"), beide sind letztes Jahr zur DKP übergetreten.
Ideologisch vereinnahmt haben die DKP-Kommunisten zudem den prominentesten Einheitssozialisten. Genosse Brenner verliest eine Grußbotschaft des vorletzten SED-Chefs Erich Honecker aus dem chilenischen Exil, datiert von 1993.
Der Tradition des 1994 verschiedenen Generalsekretärs fühlen sich auch junge Kämpfer verpflichtet. Die Parteitagsdelegierte Tanja Dömbecher, 17, kommt aus dem saarländischen Wiebelskirchen, wo der junge Erich einst in einer Schalmeienkapelle mitspielte. Die Eloge auf den "aktiven Kommunisten und Antifaschisten" Honecker leiert die Saarländerin so brav herunter wie einst die Jungen Pioniere in der DDR.
Leibhaftig zugegen ist Honeckers Nachfolger Egon Krenz, wenn auch nur als parteiloser Gast. Grinsend schüttelt der letzte Staatsratsvorsitzende der DDR viele Hände. Für die Einladung bedankt er sich artig: "Ich habe die Solidarität dieser Partei erhalten."
Krenz erinnert daran, daß er 1986 auf dem DKP-Parteitag im noblen Congress _(* Am 18. August 1994 zum 50. ) _(Jahrestag der Ermordung des KPD-Führers ) _(Ernst Thälmann. )
Centrum zu Hamburg gemeinsam mit dem Abgesandten der sowjetischen Bruderpartei Boris Jelzin aufgetreten ist. Jelzin, so Krenz hämisch, habe damals verkündet, die "gerechte Sache" der Kommunisten werde auch in der Bundesrepublik "unumgänglich siegen".
Nicht alle haben die Hoffnung inzwischen aufgegeben: Immerhin 32 Bruderparteien - von der KP Kubas bis zur nordkoreanischen Partei der Arbeit - sind in Dortmund mit Delegationen vertreten.
Li Jong Pil aus Pjöngjang, der in den fünfziger Jahren an der Uni Rostock studiert hat, analysiert mit ernstem Blick, woran die deutschen Genossen gescheitert sind: "Die SED ist zu dogmatisch der KPdSU gefolgt."
Der Zusammenbruch der DDR, da ist sich der Nordkoreaner sicher, hätte vermieden werden können, wenn die SED den Anregungen des großen Führers Kim Il Sung gefolgt wäre: "Wir haben den Genossen der DDR oft Vorschläge für die ideologische Arbeit gemacht, aber sie wollten nicht hören."
Damit der DKP so etwas nicht passiert, verteilt der koreanische Genosse hellgrüne Heftchen. In denen verrät Kim Jong Il, Sohn und Nachfolger Kim Il Sungs, auf deutsch den DKPlern die goldene Formel: Ihre Partei müsse "zu einem ideologisch reinen Kristall" und zu einer "Partei des Führers" werden.
Die Inspiration scheint gewirkt zu haben: Mit mehr als 90 Prozent der Stimmen wählen die Delegierten den Schiffsingenieur Heinz Stehr, 49, zum Vorsitzenden. Der rote Steuermann stammt aus einer kommunistischen Familie im schleswigholsteinischen Pinneberg.
Nach seiner Wahl verabschiedet der Parteitag ein zwölfseitiges "Aktionsprogramm" für einen "neuen sozialistischen Anlauf in Deutschland", von der Antragskommission gepriesen als "das beste Dokument dieser Art, das es in diesem Lande gibt".
Eine Verbündete hat Stehr bereits gewonnen. Ellen Brombacher, 48, von der Kommunistischen Plattform der PDS, einer Art ständige Vertretung der DKP in der Gysi-Partei, übt auf dem Parteitag den Schulterschluß.
"Wir werden uns nicht auf das Niveau der Bourgeoisie begeben", schwört Brombacher unter begeistertem Beifall dem strahlenden Stehr. Und sie verspricht: "Beim Prinzip der Weltanschauung werden wir bleiben, obwohl es beim ersten Versuch nicht so recht geklappt hat." Y
* Am 18. August 1994 zum 50. Jahrestag der Ermordung des KPD-Führers Ernst Thälmann.

DER SPIEGEL 7/1996
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