01.10.2012

GLOBALISIERUNG„Beruhigt euch!“

In einer Foxconn-Fabrik in Nordchina randalierten zahlreiche Arbeiter - offenbar vor allem wegen Spannungen mit dem Wachpersonal. Auch die Polizei trug zur Eskalation bei.
Die Spuren der Wut sind noch zu sehen. Eine Plane soll den leeren Fensterrahmen des Wachhäuschens verdecken. Auch der Bus mit den demolierten Scheiben parkt noch auf dem Gelände. Doch der Metallzaun, den die Menge am Südtor niedergerissen hatte, steht wieder. Schwatzend und lachend kommen Gruppen von Arbeitern aus der Fabrik, junge Frauen in rosafarbenen Jacken, die Männer in schwarzen, sie tragen den Schriftzug ihrer Firma auf dem Rücken: Foxconn.
Es ist jener Elektronikriese aus Taiwan, der nicht nur das iPhone 5 von Apple zusammenbaut. Foxconn produziert für Dell, für Hewlett-Packard oder Nokia - und kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus. Immer wieder gab es Selbstmorde. Immer wieder schwere Unfälle. Und immer wieder geschah das alles in China, wo Foxconn rund eine Million Arbeiter beschäftigt. 79 000 von ihnen allein auf diesem Fabrikareal in Taiyuan, südwestlich von Peking, wo es vor einer Woche zu gewaltigen Tumulten kam.
Rund 2000 Arbeiter seien beteiligt gewesen, meldeten die Behörden, 10 000 Zuschauer wurden von den Krawallen angezogen, 5000 Polizisten losgeschickt, um die Unruhen unter Kontrolle zu bringen, rund 40 Menschen wurden verletzt.
Einer, der dabei war, ist der Arbeiter Zhang, seit fast sechs Jahren bei Foxconn beschäftigt, in den riesigen Werken in Shenzhen und Taiyuan. Er möchte nur seinen Nachnamen sagen, das Ganze ist ihm nicht geheuer. So etwas wie bei seiner Spätschicht am 23. September, als er in Sektion D des Werks am Gehäuse des neuen iPhones arbeitete, habe er nie zuvor erlebt.
Noch während er in der Pause seine Nudeln aß, gegen 23 Uhr, schwirrten die ersten Gerüchte durch die Kantine. Von Aufruhr war die Rede, draußen beim Werkseingang. Zurück in der Fabrikhalle bekam er wie die anderen Vorarbeiter die Anweisung von seinem Chef: Zählt eure Mannschaft durch, ob jemand fehlt! Und lasst niemanden nach draußen!
Nein, sagt Zhang, überrascht habe es ihn nicht, als er hörte, dass sich Arbeiter und Wachleute prügelten. Er sagt: "Ein Wachpersonal, das sich so verhält, musste eines Tages mit Prügel rechnen."
Fast jeder, den man in Taiyuan anspricht, kann eine Geschichte erzählen von den kleinen Schikanen dieser Männer, die an den Werkstoren und auf dem Fabrikgelände Dienst tun, angeblich angestellt von einer Drittfirma.
Einer hat beobachtet, wie ein Wachmann einem Arbeiter einfach die Essensmarke wegnahm. Andere klagen an: Wer seinen Mitarbeiterausweis vergessen habe, müsse sich langwierigen Kontrollen unterziehen. Wer dann zu spät zur Arbeit erscheine, bekomme weniger Lohn ausgezahlt für diesen Tag. Und wer sich mit dem Wachpersonal streite, riskiere sogar Schläge. Es sind die Arroganz, die Willkür und die Ungerechtigkeit, die die Menschen offenbar so wütend machen.
Für jedes kleine Vergehen hagle es Einträge in die Personalakte. Das Wachpersonal schreibe den Strafvermerk auf und leite ihn weiter an Foxconn. Je mehr Vermerke, desto geringer sei die Aussicht auf Beförderung und die jährliche Extrazahlung. Mancher Arbeiter, weiß Zhang, besteche deshalb lieber die Wachmänner. "Wir Arbeiter sehen nicht ein, warum Leute, die sich selbst schlecht benehmen, uns beaufsichtigen sollen."
Man kenne solche Vorwürfe gegen das Wachpersonal nicht, teilt Foxconn mit. Vielmehr gebe es die Anweisung, Mitarbeiter und Besucher "professionell" und "respektvoll" zu behandeln. Sollte sich Wachpersonal in Einzelfällen falsch verhalten haben, existierten klare Richtlinien, wie man sich beim Management beschweren könne.
Gegen zwei Uhr nachts schlich Zhang sich von seiner Schicht weg. Weil er für die Qualitätskontrolle zuständig ist, fällt seine Abwesenheit nicht sofort auf. Er ging hinüber zum Sportplatz, was er sah, verschlug ihm den Atem: Massen von Uniformierten, die sich auf der Hauptstraße des Werks drängten, sieben, acht Polizeibusse, dazu Polizeiautos und ein Militärfahrzeug, erinnert er sich.
Er hörte, wie die Arbeiter in den Wohnheimen in die Nacht brüllten, zuerst ein Mann: "Sind wir die Leute aus Henan?" Dann die Menge: "Ja! Solidarität! Solidarität!" Einer aus dieser Provinz soll dabei gewesen sein beim Streit mit den Wachmännern, der die Unruhen auslöste.
Er sah, wie Arbeiter aus den oberen Stockwerken brennende Feudel auf die Straße warfen und Wasserflaschen, hinunter zu den Uniformierten. Wie die Polizisten zurückwichen und die Arbeiter sich lustig machten. Die Staatsmacht antwortete per Lautsprecher: "Foxconn-Arbeiter, beruhigt euch! Die Polizei hat sich in den Fall eingeschaltet und eine Untersuchung begonnen. Macht keine Schwierigkeiten!"
Zum Nord- und Westeingang des Werks ließen ihn die Polizisten nicht durch, also lief Zhang zum Südtor, vorbei an den zerbrochenen Fensterscheiben des Supermarkts und einem umgestürzten Auto. Auch in den anderen Straßen, hatten ihm Kollegen erzählt, habe eine aufgebrachte Menge gewütet, einen Handy-Laden zerstört, Mobiltelefone gestohlen und einen Lebensmittelladen geplündert.
Als Zhang gegen halb acht am Morgen endlich nach Hause ging, schallte es aus Lautsprechern in seiner Nachbarschaft: "Bei Foxconn ist ein Unfall passiert. Sie haben einen bezahlten Tag frei." Seine Freundin, gerade aufgewacht, wollte es nicht glauben. Zusammen gingen sie noch einmal zum Werk. Doch auch dort schickte die Polizei sie per Megafon zurück.
Den ganzen Montag blieb die Fabrik geschlossen. Selbst die Straßen, die zum Foxconn-Werk führen, waren bis mittags gesperrt. Am Dienstag sah Zhang die Plakate hängen: Arbeiter, die an den Tumulten beteiligt waren, sollten sich freiwillig bei der Polizei melden. Das würde die Strafe mildern.
Was Zhang nicht weiß: Auch die Polizei hat in dieser Nacht zugeschlagen. Im Morgengrauen, erzählt ein anderer Arbeiter, seien plötzlich Beamte ins Wohnheim gekommen, hätten ihn aus dem Bett gezerrt, und ehe er wusste, was ihm geschah, habe er ihren Gummiknüppel gespürt. Alle mussten sich auf den Boden legen, mit verschränkten Armen über dem Kopf. Dabei, sagt er, habe er doch gar nichts gemacht. Sein Chef bei Foxconn hat ihm eingeschärft, dass er niemandem von den Schlägen der Polizisten erzählen soll.
Zhang selbst hält die Krawalle für unnötig. Er kann keine dramatischen Missstände bei Foxconn entdecken und hätte auch niemals Scheiben zerschlagen. In den vergangenen Jahren wurde er viermal befördert. Früher hätte er vielleicht mitgemacht bei solchen Aktionen, sagt er. Aber er hat sich verändert, will bald heiraten, eine Wohnung kaufen und einen Chevrolet.
Überhaupt sei seine Generation, die sogenannten "Post-Achtziger", wie in China alle heißen, die in den achtziger Jahren geboren wurden, anders gestrickt als die jungen Arbeiter heute. Sie seien zufrieden mit einem sicheren Job bei Foxconn, und Extra-Schichten brächten ja auch mehr Geld, er komme auf 4000 Yuan im Monat, rund 500 Euro. Die "Post-Neunziger" dagegen hätten immer etwas zu meckern. Die Fabrikarbeit ist ihnen zu eintönig, der Arbeitsdruck zu hoch. Dabei hat Foxconn seit der Selbstmordwelle im Jahr 2010 seine Löhne erhöht, oft verfügen die Fabriken über eigene Krankenhäuser, Internetcafés oder Sportplätze.
Für Zhang sind seine jüngeren Kollegen verwöhnte Kinder, die ständig nur an Mode denken und ihr Geld beim Shoppen verprassen. Die nichts mehr aushalten und sich ungern etwas sagen lassen von irgendwelchen Autoritäten. Selbst sein Bruder, ein "Post-Neunziger", lehnte dankend ab, als Zhang ihm vorschlug, bei Foxconn anzufangen. Er findet die Unternehmenskultur des Konzerns zu "militärisch".
Zwar gelobten Apple und Foxconn immer wieder, Missstände in den Werken abzustellen. Im Frühjahr ließ Apple seine Zulieferer in China von der Fair Labor Association inspizieren, einer amerikanischen Nichtregierungsorganisation. Apple-Boss Tim Cook reiste persönlich nach China, um sich ein Bild von den Zuständen zu machen.
Aber dass ihr Land auch weiterhin Zulieferer wie Foxconn braucht, machten die staatlichen Medien erst kürzlich wieder klar. "China befindet sich immer noch am unteren Ende der globalen industriellen Fertigungskette", schrieb das Parteiblatt "Global Times" in seiner chinesischen Ausgabe. "Im derzeitigen Stadium ist China nicht in der Lage, jeden mit einem Job zu versorgen, mit dem man gleichzeitig viel Geld verdient und zufrieden werden kann." Für dieselbe Arbeit müssten die Chinesen auch künftig härter und länger arbeiten als Beschäftigte in entwickelten Industrieländern.
Nur haben manche dazu keine Lust. Gegenüber dem Werkseingang in Taiyuan hocken ein paar junge Männer vor Plakaten. Sie sollen neue Arbeiter für Foxconn rekrutieren, deswegen stürmen sie auf jeden zu, der aus einem Bus steigt, und drücken ihm eine Visitenkarte in die Hand. Zwei von ihnen haben früher selbst für den Konzern geschuftet. Der eine hielt es drei Monate aus, der andere nur drei Wochen.
Jetzt hängen sie auf dem Bürgersteig mit ihren Kumpels herum, tragen ihre Ponyfrisur braun gefärbt und schräg geschnitten. "Das ist freier", sagt ein 19-Jähriger im Jeanshemd. Freier, als jedes Wochenende Überstunden zu machen für rund 2000 Yuan im Monat, zurzeit etwa 250 Euro, und die Gängeleien zu ertragen. Man habe ihnen früher sogar verboten, während der Arbeit miteinander zu sprechen. Nein, er fand den Job bei Foxconn wirklich nicht attraktiv.
Trotzdem hofft er, dass endlich ein paar Bewerber auftauchen. Je mehr neue Leute er beschafft, desto besser wird er bezahlt. Er presst die Mappe an seine Brust. Gestern haben sich drei in seine Liste eingetragen, heute noch keiner. Wie gut, dass Foxconn-Boss Terry Gou schon vor einem Jahr angekündigt hat, bis 2014 in seinen Fabriken eine Million Roboter einsetzen zu wollen.
Den Tumult in der Nacht hat der junge Anwerber selbst beobachtet, die tobende, johlende Masse vor dem Werkstor, das brennende Mofa, den umgestürzten Polizeibus. Niemals habe er so viele Menschen auf einmal gesehen. Er sagt: "Das Szenario war grandios."
Von Sandra Schulz und Wieland Wagner

DER SPIEGEL 40/2012
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