19.02.1996

Lawrentij Berija

diente Stalin als Organisator des Terrorsystems mit Millionen Opfern. Den Nachfolgern diente er als Sündenbock für die Verbrechen des Tyrannen: Im Dezember 1953, ein halbes Jahr nach Stalins Tod, wurde er erschossen, dazu noch 22 Spießgenossen - sonst mußte niemand für die Terror-Ära büßen. Berija geriet zur Unperson: Am Jahresende 1953 erhielten die Bezieher der "Großen Sowjet-Enzyklopädie" ein Einlageblatt mit Wissenswertem zum Stichwort Beringsee zugesandt - Ersatz für die Seite mit Berija, Lawrentij Pawlowitsch. Die sei am besten "mit einem kleinen Messer oder einer Rasierklinge" herauszutrennen, riet der Verlag.
Für höhere Aufgaben im Zwangsstaat hatte sich der 1899 geborene Berija mit blutigen Säuberungen in seiner georgischen Heimat empfohlen, wo er schon mit 27 Jahren die Geheimpolizei GPU und 1931 auch die Partei leitete. Auf dem Höhepunkt seiner Gewaltkampagne 1938 holte Stalin den georgischen Landsmann nach Moskau, als Volkskommissar des Inneren (NKWD-Chef) mit der Aufgabe, Massenmord und Gulag zum Normalzustand der Sowjetgesellschaft zu erheben.
Das konnte gefährlich für ihn selber werden, deshalb machte sich Berija unentbehrlich als Koordinator von Spionen und Wissenschaftlern bei der Entwicklung der sowjetischen Atombombe. Dabei brachte es Stalins von der Propaganda gefeierter "getreuer Schüler und Kampfgefährte" zum Sowjetmarschall, Politbüromitglied und Aspiranten auf die Nachfolge des Diktators.
Sein einziger Sohn behauptet, Berija habe ihn wie einen Vertrauten in Hintergründe und Personalien der oberen Kreml-Hierarchie eingeweiht. Sergo Lawrentijewitsch kannte die Nomenklatura bis hinauf zu Stalin persönlich. Oft erfuhr er Details aus dem Dienstbereich seines Vaters. In seinem in Rußland erschienenen Buch "Mein Vater Lawrentij Berija" meint Sergo, heute 71, Berija habe als Machtkonkurrent im Wege gestanden, aber auch als Reformer. Sein Vater habe nämlich die Entstalinisierung starten wollen, die gerade angelaufene Judenverfolgung gestoppt, die Öffnung des Gulag begonnen und sich mit Vorstößen zur Demokratisierung der DDR Feinde gemacht - gewiß ein geschöntes Bild wie aus dem Familienalbum. Von Gegenargumenten läßt sich Sergo Berija nicht beirren, über Beweismittel verfügt er nicht. Der Absolvent der Leningrader Militärakademie, Spezialist für Nachrichtentechnik und Spionage, wurde nach dem Sturz des Vaters kurzzeitig inhaftiert, dann auf zehn Jahre in den Ural verbannt. Seit 1964 lebt er unter dem Familiennamen seiner Mutter in Kiew, wo er Chefkonstrukteur am Rüstungsforschungsinstitut "Komet" war.

DER SPIEGEL 8/1996
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