26.02.1996

FilmDie Doppelgangster

Was eigentlich tun die Helden des künstlerischen Films, die schäbigen Träumer des Jim Jarmusch etwa oder die hungrigen Provinzler des Detlev Buck, wenn sie dem Blick der Kamera entschwinden, wenn ihr nächster Auftritt erst in zwei Tagen fällig ist oder sie den Showdown unversehrt überstanden haben: Legen Sie sich mit einem guten Buch aufs Wohnzimmersofa? Führen sie tiefe Beziehungsgespräche? Schalten sie den Fernseher ein?
Die Antwort kennen noch nicht mal ihre Drehbuchautoren - und doch kann man eine Prognose ohne Risiko wagen. Die Leute, von denen Jarmusch erzählt, sähen sich niemals einen Film von Jarmusch an. Und die Helden des Detlev Buck fänden "Goldeneye" auch viel spannender als die Geschichten, in denen sie selber eine Rolle spielen.
Die Männer und Frauen aus Michael Manns neuem Thriller "Heat" hingegen, ein paar Gangster, ein paar Polizisten und ihre Geliebten oder Gattinnen, guckten sich, wenn sie endlich einmal drei Stunden Zeit fänden, ganz bestimmt Michael Manns neuen Thriller "Heat" im Kino an. Und am Ende würden sie sich ihrer feuchten Augen schämen, in der nächsten Bar, um die Rührung wegzuspülen, viel Bier und große Gläser voller Whisky ordern. Und nach der dritten Runde beschlössen sie, daß sie endlich ihr Leben ändern sollten.
Das ist noch kein Qualitätsbeweis - und doch ein Indiz dafür, wie ernst dieser Film seine Helden nimmt, wie nahe er bei seinen Figuren ist; und daß der Regisseur und Autor Michael Mann sich selbst nicht für gescheiter hält als die Menschen, die er auf die Leinwand bringt.
Einander beobachten, belauern, kontrollieren: das tun die Cops und die Banditen ohnehin; denn wie in jedem Thriller, der diesen Namen auch verdient, sind hier die Blicke schon fast so gefährlich wie die Schüsse, die irgendwann natürlich abgefeuert werden. Die Kamera ist auch ein Zielfernrohr.
In ihr Visier gerät zuerst die Bande um Neil McCauley (Robert De Niro), den klugen Räuber, der am liebsten unsichtbar bliebe. Es braucht ihn nur jemand anzusprechen, da ahnt er schon Gefahr. Und wenn an einem Tatort die Männer vom Los Angeles Police Department auf der Lauer liegen, dann scheint McCauley ihre Blicke auf der Haut zu spüren.
Sie haben trotz aller Vorsicht einen Fehler gemacht, McCauley und seine Männer ("Batman" Val Kilmer und Tom Sizemore). Sie haben für einen komplizierten Überfall eine kriminelle Hilfskraft engagiert, und dieser Mann ist durchgedreht - während die anderen kühl ihren Job erledigten, hat er seiner Mordlust nachgegeben und ein paar Männer totgeschossen. Weshalb die Bande jetzt auch die Mordkommission fürchten muß, vor allem den Detective Vincent Hanna (Al Pacino), der verdammt viel Spaß hat an seinem Beruf.
Ein Anfang aus dem Regelbuch für Kinothriller, und getreu den Genregesetzen geht es weiter: Die Cops observieren, fahnden, stellen Fallen. Die Gangster täuschen, tricksen. Und Michael Mann steuert den Konflikt so souverän, daß er es sich leisten kann, alle seine Karten aufzudecken.
Es gibt einen Moment, da vermuten die Gangster, daß die Cops ihre Spur schon aufgenommen haben, und wissen es doch nicht genau. Sie treffen sich auf einem Industriegelände, sie diskutieren und gestikulieren zwischen Containertürmen und Ölbehältern. Und oben auf den Tanks liegen die Männer von der Polizei und beobachten sie ganz genau.
Dann sind die Gangster weg, und die Polizisten inspizieren den Schauplatz: "Was haben die Verbrecher hier gesucht?" Und Vincent Hanna schnuppert, schnüffelt, guckt, bis er es endlich weiß: "Sie haben uns gesucht!" Jetzt liegen die Gangster oben auf den Tanks und schauen den Polizisten zu, über deren Wissensstand sie bald im Bilde sind.
So bedient Michael Mann brillant das Thrillergenre - das er zugleich mit dessen eigenen Mitteln transzendiert: Daß zum Western so zwingend die Pferde gehören wie zum Thriller der Mord und der Polizist, der ihn aufklären muß, das eben unterscheidet das Genrekino vom Autorenfilm. In "Heat" aber sind sich die Figuren dieser Schranken bewußt, was dem Konflikt die existentialistische Dimension verleiht.
Er sei nun mal ein Räuber, er habe nichts anderes gelernt, und er wolle auch kein anderes Leben, sagt einmal Neil McCauley. Und sein Gegner Vincent Hanna weiß genau, daß er auch nichts anderes kann und will, als Männer wie McCauley zu jagen: Für jene Rollen, die das Genre vorgibt, haben sie sich frei entschieden, und die Folgen ihrer Handlungen sind das einzige, was Sinn ergibt in einer absurden Welt.
Das klingt abstrakt - und Michael Mann (der einst "Miami Vice" erfand) steht tatsächlich in dem Ruf, ein eher distanzierter Arrangeur kühl kalkulierter Bilder zu sein. Daß "Heat" sich trotzdem keine Sekunde lang ins Reich der Abstraktion verliert, liegt nicht nur an den beiden Hauptdarstellern; an denen aber auch: Zum ersten Mal in der Filmgeschichte treffen De Niro und Pacino aufeinander (im "Paten II" waren sie nie gemeinsam zu sehen). Es ist das Beste, was den beiden passieren konnte.
Sie sind die Meister im "method acting", haben ihre Kunst im Actors Studio von Lee Strasberg gelernt, wo radikale Mimikry betrieben wird. Dort lehrt man, wie ein Schauspieler sich einlebt in die Rolle, ohne Netz und Sicherheitsgurt - was etwa De Niro dazu brachte, daß er sich für die Rolle des Boxers Jake La Motta 50 Pfund anfraß und als Al Capone die echten Unterhosen des Gangsters trug. Mit paradoxen Ergebnissen: Wo einer wie John Wayne, ein schauspielerischer Minimalist, sich nur eine Uniform überstreifen mußte, und schon glaubte ihm das Publikum den Soldaten, so wie es ihm zuvor den Cowboy abgenommen hatte - da haben die Künste und die Tricks der beiden Stars den gegenteiligen Effekt: Je älter und je besser Pacino und De Niro werden, desto pacinoesker und De-Niro-hafter werden sie zugleich. Welche Rollen sie auch gerade spielen - sie sind De Niro und Pacino und dann ganz lange nichts.
Wenn die beiden also einander gegenüberstehen, ist dieser Film, der keine Kompromisse mit dem Realismus schließt, doch ganz nahe an der Wirklichkeit. Da zeigt er einfach das Duell zweier Schauspieler - und bleibt präzise bei der Sache. Denn daß die beiden eine Schau abziehen, davon handelt "Heat"; und daß sie ein Spiel mit tödlichem Ausgang spielen, ist beiden Gegnern klar.
Eines Nachts will Vincent Hanna seinem Gegner in die Augen schauen, und er verfolgt ihn auf dem Highway, winkt ihn auf die Seite und fragt ihn, ob er eine Tasse Kaffee mit ihm trinken wolle. "Klar, gute Idee", nuschelt McCauley, und dann sitzen sie einander gegenüber, sprechen über ihr Leben und ihren Beruf, finden sich sympathisch und gestehen einander doch offen ein, daß beide ohne Zögern schießen werden, wenn es zum Showdown kommt.
So erkennt der eine im anderen seinen Doppelgänger, und in ihren Blicken spiegeln sie sich. Und doch illustriert die Szene nicht nur die schlichte Wahrheit, daß der Jäger und der Gejagte einander brauchen und bedingen; daß sie erst zusammen der große Doppelgangster sind. Vielmehr ahnt man in der Spiegelunendlichkeit ihrer Blicke, daß die Wahrheit dieses Films sich nicht in der Rückkopplung mit der Wirklichkeit offenbart, sondern sich ganz und gar aus der Konfrontation der Fiktionen speist.
Nur die Frauen in diesem Film scheinen ans Realitätsprinzip zu glauben, wenn sie, spät am Abend, den Männern vorwerfen, daß das Essen kalt geworden und die Lust auf Sex beim stundenlangen Warten verlorengegangen ist. Es sind schöne, starke und begehrenswerte Frauen, die sich dennoch den Spielen ihrer Männer verweigern - was Michael Mann ganz ohne Beziehungskitsch inszeniert: In seinen Bildern (fotografiert von Dante Spinotti), die Los Angeles nicht bloß als Schauplatz einer Handlung, sondern zugleich als Projektionsfläche für alle Träume und Gelüste seiner Helden zeigen, sehen einzig die Frauen nicht so aus wie die Beute oder der Hauptgewinn in einem Männerspiel. Ihre Schönheit scheint aus einem anderen Film zu stammen.
Das ist vielleicht der klügste Trick des Michael Mann: Er bricht das Genre, doch er bricht es nicht an der Wirklichkeit (die, wie auch immer herbeibeschworen, in diesem Kontext eine Lüge wäre). Vielmehr konfrontiert er es mit einem anderen Genre: Die Frauen betrachten das Thrillerspiel der Männer wie einen Film: bestürzt und fassungslos. Und wünschen sich ihr Leben als Melodram: voll von großen Emotionen, frei von großkalibrigen Waffen.
So reflektiert Michael Mann die Genres, indem er sie absolut ernst nimmt, und er erinnert daran, was diese Art von Kino bedeutete, bevor die Schwarzeneggers und Stallones alles kaputtgetrampelt haben: einen Lebensentwurf - und manchmal sogar eine Utopie. Und daß Männer gern im Melodram übernachten, aber morgens aufstehen und wieder Thriller spielen wollen, auch wenn es tödlich ausgeht - das ist womöglich doch eine realistische Sicht der Dinge. Claudius Seidl
Die Schönheit der Frauen stammt aus einem anderen Film
Von Claudius Seidl

DER SPIEGEL 9/1996
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