11.03.1996

StarsMachos Katzenjammer

Da steht sie nun in der Tür, Mitternacht ist vorüber: die heilige Jungfrau von Hollywood, das Mädchen mit den streichholzkurzen Haaren. Und er, ein Don Juan aus Gewohnheit und Furcht vor dem Alter, weiß, was ihm gebührt: "mit der Frau zu schlafen, nach der Tausende Männer verlangten, sie mit dem geilen Röcheln hunderttausend geiler Männer zu besteigen".
Mühsam rappelt er sich vom Boden auf, wohin ihn ein paar explodierende Ballons geworfen hatten, die, da mit Gas gefüllt, einige Minuten zuvor beinahe sein Ende und das der meisten Partygäste herbeigeführt hätten. Und nun schwebt auch noch seine Ehefrau, der dieses Fest gewidmet war, die Treppe hinab: "Ich glaube, wir müssen gehen."
Silvester 1969, das Ende einer Dekade, die manche eine der Hoffnungen und der Illusionen nannten - an diesem Abend wollte der untreue Ehemann zu seiner Gattin zurückkehren. Doch auch diesmal geht seine Frau allein nach Haus. Und so nimmt die Liebe ihren ** Carlos Fuentes: "Diana oder Die einsame Jä- _(gerin". Aus dem mexikanischen ) _(Spanisch von Ulrich Kunzmann. Verlag ) _(Hoffmann und Campe, Hamburg; 240 Seiten; ) _(39,80 Mark. ) _(* In dem Film "Bonjour Tristesse", ) _(1957. )
Lauf, zwischen der damals 31jährigen Schauspielerin Jean Seberg und dem 41jährigen Dichter Carlos Fuentes.
Später gehen sie dann in ihr Hotelzimmer, eine Suite im Hilton, gleich gegenüber der Statue des letzten aztekischen Herrschers Cuauhtemoc, der "mit erhobener Lanze über die Sinnenfreuden seiner verlorenen Stadt wachte".
Allenfalls ein Handtuch binden sie sich um, wenn der Zimmerkellner erscheint. Ansonsten hat sie ein Sweatshirt mit dem Bild Che Guevaras und in der Schublade Spitzenunterwäsche, "Verführung, Wonne, Wahnsinn". Sie entdecken Gemeinsamkeiten, beide sind sie im Zeichen des Skorpion geboren, beide sind verheiratet, und sie sprechen auch französisch, "desole" ist ihr Lieblingswort, "je suis desole", ich bin untröstlich. Und dabei hat er die ganze Zeit Pfirsichgeschmack im Mund, später zudem Erdbeer-, Ananas- und Orangengeschmack. Auch das hat irgendwie mit Französisch zu tun, das "Sexualleben ist in Mexiko-Stadt eine Rutschbahn".
Das ist nun 26 Jahre her. Vor fast 17 Jahren, 1979, starb Jean Seberg. Das Hilton gibt es nicht mehr, es wurde beim großen Erdbeben 1985 zerstört. Gedauert hat die ganze Affäre nur zwei Monate oder, wie der penible Liebhaber zählt, einen Monat, drei Wochen und vier Tage - nicht ganz so lange wie die Dreharbeiten zu "Macho Callahan", jenem Film, den die Seberg damals in Mexiko machte.
Nun hat Carlos Fuentes einen Roman darüber geschrieben, "Diana oder Die einsame Jägerin"**. Das Gedächtnis, zumal das erotische, rechnet nicht in Tagen und Wochen, aus kleineren Schmerzen sind schon große Werke entstanden, manchmal auch nur charmante Novellchen in matter Altherren-Konfektion: von versäumten Gelegenheiten und verpaßten Möglichkeiten und der Vergänglichkeit allen Glücks.
Nur ist, was da aus der kurzen, unzweifelhaft heftigen Liaison zwischen Don Juan und ewiger Jungfrau spät entsprang, ein rechter Romanbastard: einerseits ein Enthüllungsroman, weil, ehe er sich als solcher zu erkennen gab, Carlos Fuentes unter den zahlreichen Liebhabern der gar nicht zimperlichen Jean bislang nicht genannt war.
Andererseits handelt es sich um eine Art Schlüsselroman, wenngleich einem das Schlüsselbund geradezu in die Hand genötigt wird: Namen sind geändert, auch Orte. Aber allenfalls die ganz Jungen, die es nicht mehr wissen können, erraten nicht, daß die androgyne blondhaarige Diana Soren - jene Unbekannte aus Iowa, die Otto Preminger unter 18 000 Bewerberinnen auswählte für seine "Heilige Johanna", das Mädchen mit dem Herald-Tribune-T-Shirt auf den Champs-Elysees in Godards "Außer Atem" - niemand anders ist als die Seberg. Ein gewisser Yvan Gravet, "preisgekrönter und sehr populärer französischer Autor, der zwei wertvolle Bücher geschrieben hatte, die seine Jugend als osteuropäischer Flüchtling und späterer Kriegsteilnehmer behandelten", ist folglich deren damaliger Ehemann Romain Gary, Fliegerkommandant im Zweiten Weltkrieg, Diplomat, Goncourt-Preisträger, witzig, selbstironisch, ein Lebemann und Schürzenjäger.
Bei den Nebenfiguren wird es schon ein bißchen schwieriger. Luisa Guzman, die betrogene Gattin, ist die Schauspielerin Rita Macedo, die kein "Filmgoer''s Companion" mehr verzeichnet. Diejenigen aber, auf die es dem Autor ankommt, sind bei ihren Namen genannt, William Styron zum Beispiel und Luis Bunuel. Weil er, sagt Carlos Fuentes, ihre Worte und Handlungen, "vielleicht sogar ihre Gedanken" wiedergeben konnte, "aber Diana Soren, das ist Jean Seberg zu 50 Prozent, die übrigen 50 Prozent, das sind andere Frauen, die ich liebte, Frauen auch, die es nur in meiner Phantasie gab".
Das ist der Autor sich schuldig, seiner damaligen Geliebten allerdings auch mindestens die Hälfte des Erfolgs, den das Buch bei seinem Erscheinen vor allem in den spanischsprachigen Ländern, aber auch in den USA und Großbritannien hatte. Ähnliche Wonnen der Popularität konnte der Cervantes-Preisträger, wiewohl hochgerühmt, zuletzt mit dem "Alten Gringo", verfilmt mit Jane Fonda und Gregory Peck, genießen.
Seine Romane und Erzählungen galten als schwer zugänglich - von den allerersten, "Verhüllte Tage" und "Landschaften in klarem Licht", bis hin zu seinem Opus magnum "Terra nostra", diesem 1000seitigen allegorischen Panorama der Neuzeit. Der Poeta doctissimus Fuentes ist kein Geschichtenerzähler wie etwa Gabriel GarcIa Marquez, seine formalen Experimente und geschichtspessimistischen Theoreme füllte er mit seinem enzyklopädischen Wissen.
Daneben aber war er, der Diplomatensohn, der selber Diplomat war wie Pablo Neruda und Alejo Carpentier, Botschafter seines Landes 1975 bis 1977 in Paris, immer ein gefragter Kommentator der aktuellen politischen Lage Mexikos und Lateinamerikas. Und er blieb, manchmal als Smoking-Marxist und Guerrilla-Dandy bespöttelt, seinen politischen Ansichten stets treu: anders als der ehemalige Freund, der mexikanischen Nobelpreisträger Octavio Paz, mit dem er, vor allem über die Politik, eine inzwischen berüchtigte Fehde führt.
Nicht daß Fuentes nun, um sein Renommee - auch das des Homme a femmes war ja stets glänzend genug - mit einer gewöhnlichen Kiss-and-Tell-Story zu polieren, den Mythos Jean Seberg mißbrauchte; ein Mythos, zu dem gerade gehört, daß sie stets mißbraucht wurde, daß sie das Opfer ihres ersten Regisseurs war - das Opfer Otto Premingers, Ottos des Schrecklichen. Und danach das ihrer Ehemänner und Liebhaber, der Black Panther und des FBI.
Aber der Autor unterschätzte keineswegs das voyeuristische Interesse an derlei Affären und gewiß nicht das an der eigenen Person: Halb ist das Buch auch Autobiographie, wenigstens sein erstes erzählendes Buch, in dem er ohne die übliche literarische Camouflage über sich selber schreibt, ein Porträt des Schriftstellers mit 40 Jahren. "Etwas perverse Memoiren", sagt er, "ich komme darin ja nicht allzu gut weg."
Fuentes gibt seinem Publikum, was es verlangen darf. Das Selbstanklägerische: "Ich war unfähig zu lieben." Und das Salbungsvolle: "Liebe bedeutet, daß man sich mit nichts anderem beschäftigt. Liebe bedeutet, daß man Ehegatten, Eltern, Kinder, Freunde und Feinde vergißt. Liebe bedeutet, daß man alle Berechnung, alle Sorgen, alles Abwägen von Für und Wider beiseite läßt". Und vergißt dabei auch die angewandte Liebe nicht; auch da wird viel und ausgiebig gesalbt, anscheinend waren damals Intimprodukte mit Fruchtgeschmack erotisch der Dernier cri.
"Natürlich ist ,Diana'' die Geschichte einer Obsession", sagt Fuentes, "all unsere wichtigen Liebesgeschichten sind obsessiv, letzten Endes ist unser Leben eine Obsession." Aber natürlich ist das alles lange vorbei - der ganze Donjuanismus, die leidige Jagd nach Liebe. Seit 23 Jahren ist er in zweiter Ehe verheiratet, mit einer, so beschreibt er sie im Buch, "gesunden, modernen und unabhängigen Frau", der Journalistin Sylvia Lemus.
Niemals müßte er mit seinen Jugendsünden kokettieren, nun ja, "eine unglaubliche Energie" hatte er damals, "konnte schreiben, lieben, trinken, ohne je zu schlafen, das büßt man später". Er kann sich seine Schwächen erlauben und sogar darüber schreiben, "ich kann mich selber so schlimm verletzen, wie es mir gefällt". Fuentes ist sich seiner selbst so gewiß, elegant und kontrolliert, stets lächelnd mit jener raschen Aufmerksamkeit, die scheinbar einem Gegenüber gilt: "Ich wollte ganz offen sein in dem Buch", sagt er, "das hatte ich mir zur Bedingung gemacht, es geht ja um den Verlust der Maske." Nur seine Jacke scheint ein wenig eng, vermutlich weil sie maßgeschneidert ist.
Seit langem pendelt Fuentes, der erst mit zwölf Jahren nach Mexiko kam, zwischen den USA und England, wo seine Kinder aus der zweiten Ehe zur Schule gingen, und dem Haus in San Jeronimo, am Rande der Stadt, des "katastrophalen, apokalyptischen" Mexiko-Stadt, das er in Haßliebe immer wieder beschrieben hat: "Mexiko ist meine Erfindung."
Vom Salon, der zugleich Empfangszimmer ist, mit blankem Silber auf Tischen und Anrichten, mit Bildern überall, auch einem Porträt des Hausherrn, öffnet sich ein Panoramafenster auf einen _(* Mit Regisseur Otto Preminger und ) _(Autorin Francoise Sagan in Paris, 1957. )
Rasen, ein Meter breit, und dahinter eine hohe braune Mauer.
"Vielleicht braucht man 25 Jahre, um jene Geschichte schreiben zu können", doziert Fuentes, "mit einem gewissen Grad von Objektivität und ein wenig Nostalgie und dem Gefühl, daß sie noch immer schmerzt. Es ist ja auch der Roman einer Epoche, der Sechziger, die jeden geprägt hatten, der sie durchlebte. Einer Epoche, die nicht zu Ende gehen wollte, nicht sterben konnte, die weiterleben wollte, vielleicht weil ihre Helden so jung starben, Marilyn Monroe, Janis Joplin, Jimi Hendrix, die Kennedys, Malcolm X, Che Guevara . . ."
Seine Geliebte von einst "überlebte ihre Zeit, aber außerhalb ihrer Zeit konnte sie nicht leben". Sie wurde durch ihren tragischen Tod eine der Ikonen der Pop-Folklore, die jene Jahre umgibt, Sex und Drugs und Rock''n''Roll und Revolution, eine Heilige Johanna des "radical chic". Vielleicht war sie nie mehr so berühmt wie damals, 1957, nachdem Otto Preminger sie entdeckt hatte, die Unschuld aus dem Mittleren Westen mit "den Augen einer Lerche und einem Gesicht voll unendlichen Friedens", seine Heilige Johanna.
"Die Seberg war in dem ganzen Film nur ein einziges Mal gut", sagt Fuentes, "auf dem Scheiterhaufen, als Preminger sie beinahe wirklich verbrennen ließ." Ihre Tragik war, zitiert er John Gielgud, "daß sie ein Star war, bevor sie eine Schauspielerin wurde." Otto Preminger drehte noch "Bonjour Tristesse" mit ihr, danach blieb sie in Frankreich, um Schauspielunterricht zu nehmen.
Sie wurde zur Kultfigur in den Sechzigern, mit einem einzigen Film, einer einzigen Szene: als die junge Amerikanerin in Paris, die in "Außer Atem" auf den Champs-Elysees die Herald Tribune verkauft, und ihr berühmter Satz ist "Ca veut dire quoi, degueulasse". Am Ende des Films, nachdem sie den wegen Mordes überall gesuchten Michel, Jean-Paul Belmondo, verraten hat, steht sie da und fährt sich mit dem Fingernagel über die Lippen: eine Naive, kühl, nicht aus Berechnung, sondern weil sie einfach niemand Besonderes ist. "Du siehst aus wie ein Marsmensch", sagt Belmondo einmal zu ihr. Sie war 21 damals, und, so der Autor Jerome Charyn in seinem Hollywood-Buch "Movieland", "man erahnte schon die Frau, die eine Maske zuviel getragen hatte".
Sie drehte weiter Filme, auch noch einen wirklich guten, "Lilith" von Robert Rossen. Darin spielt sie eine Schizophrene, im Leben aber blieb sie die Heilige Johanna, wenigstens will das die Legende so. "Sie sah ja auch immer so aus, mit den kurzen Haaren", sagt Fuentes.
Ein "Lehrstück des Scheiterns" nennt Charyn die Geschichte der Seberg, vom "Star, der kein Star wurde", der "Prinzessin aus Iowa, die sich als Blindgänger erwies". Vielleicht hatte sie zuwenig Talent oder die falschen Regisseure. Vielleicht wollte sie nie eine Schauspielerin sein, weil sie das Leben wichtiger nahm als die Kunst. Und eine Weile wenigstens kann dieses Leben so schlecht nicht gewesen sein.
Romain Gary, ihr zweiter Mann, war berühmt, ein Charmeur. Sie war befreundet mit Francoise Sagan und schrieb Liebesbriefe an Andre Malraux, und Malraux antwortete ihr. Daß sie kämpfte gegen den Rassismus, für die Bürgerrechte, gegen die OAS und die algerischen Generäle, daß sie die Black Panther finanziell unterstützte und eine Affäre hatte mit deren damaligem Führer, Hakim Jamal, entsprach den Moden der Zeit: Leonard Bernstein gab Fundraising-Partys für die Black Panther, Vanessa Redgrave unterstützte die Palästinenser, Jane Fonda kämpfte gegen den Vietnamkrieg und heiratete Tom Hayden. Vielleicht war die Seberg ein wenig selbstzerstörerischer als die meisten, von Anfang an, vielleicht trieb sie das Experiment mit sich selbst und mit den Männern ein wenig weiter. Ein Stoff zu Tragödien ist das noch nicht, allenfalls zu amerikanischen.
"Glaube nicht an meine Biographie", sagt Diana Soren in Fuentes'' Buch zu ihrem Liebhaber. Aber dieser Liebhaber ist ein Verächter der Wirklichkeit und wie jeder Don Juan auch der Frauen, über die er solche Erkenntnisse pflegt wie: "Die Frau verschlingt die Zeit des Mannes."
"Ihre Funktion ist es, uns Schuldgefühle zu verursachen", sagt Fuentes, "ein Fort Knox der Schuld sind die Frauen." Die Rechtfertigung des erotischen Flaneurs von damals ist die Literatur. Sie ist seine wahre Geliebte, die er mit fleischlicheren Exzessen feiern muß, "mal sehn, ob das Schießeisen was taugt und ob ich zum Schuß komme", um stets reumütig zu den Feuern der Literatur zurückzukehren, auch zu seiner aristokratisch-resignierten Gattin; die vergibt ihm alles, ansonsten hält sie ständig einen Plüsch-Pandabären im Arm. _(* Mit Lee Marvin bei Dreharbeiten zu ) _("Westwärts zieht der Wind", 1969. )
Gelegentlich befällt den 40jährigen auch der Katzenjammer, daß man nicht alle Frauen kennen kann, die man lieben könnte, und daß er sich politisch nicht korrekt verhalten habe: Damals, 1968, als auf dem Platz der Drei Kulturen mehrere hundert demonstrierende Studenten erschossen wurden - ein Massaker, das der damalige Staatspräsident DIaz Ordaz zu verantworten hatte, hielt er sich im Ausland auf. Zwar protestierte er, doch erst 1969 kehrte er nach Mexiko zurück, und später gelang es ihm nie, darüber zu schreiben.
In den Armen seiner heiligen Jean/ Diana, der er zu den Dreharbeiten nach Durango folgt, will er das nun alles vergessen, dies ganze Jahrzehnt, die Sechziger, das ihm so weit zurück erscheint wie der Hundertjährige Krieg. Aber vor allem will er bei ihr der einzige sein, der sie all ihre Liebhaber vergessen läßt, wenigstens für einen Augenblick, eine Nacht. Der Traum aller Männer ist es, Cocteau hat das wohl einmal gesagt, der erste auf dem Kissen einer Prostituierten gewesen zu sein.
Vermutlich hat auch Jean/Diana irgendwann von den pubertären Spielen genug. Eines Tages jedenfalls steht ein Foto von Clint Eastwood, einem ihrer früheren Liebhaber, auf seinem Nachttisch. Er schweigt, nichts soll den "Zauber der Liebe zerstören". Romain Gary, ihr Mann, hatte Eastwood damals zum Duell gefordert. Macho Carlos grämt sich indes, weil er im Scrabble gegen Diana verliert, und hält sich vornehm zurück, auch noch, als sie ihm sagt: "Verehrter Herr, Sie haben zwei Wochen lang Ihr Vergnügen gehabt. Wann denken Sie daran, für meines zu sorgen?" Er hat sich wirklich nicht geschont in diesem Buch. Auch daß er keine Phantasie habe, hat sie gesagt.
Unerträglicher noch als die politischen Rechthabereien sind seine erotischen Rechtfertigungen: Hat er ihr nicht alles gegeben, sogar das Vorspiel, "das foreplay, das die sexuelle Kultur für angebracht hält", der Latin Lover nicht unbedingt? Und dazu Cunnilingus und Fellatio, wann immer er "ahnte, daß sie an meinem Glied lutschen wollte", auch "an Neunundsechzigern fehlte es nicht"? Zudem alles übrige, von vorne und hinten, und einmal hat er sie rasiert und die Haare "in einer leeren Marmeladendose" aufbewahrt; erotisch immer Fairplay.
Sie aber macht ihm Vorwürfe, weil er die Badezimmertür nicht geschlossen hat. Sie telefoniert nachts und singt am Telefon, "Got the moon above me but no one to love me" von Billie Holiday - einem Black Panther singt sie das vor. Carlos belauscht sie vom Zweitanschluß: Sie will eine Schwarze sein, der andere beschimpft sie, Hure, weiße Fotze. Der mexikanische Liebhaber scheut sich vor soviel Leidenschaft und ahnt, daß "das zivilisierte Leben die Gesetze respektiert und das wilde Leben sie mißachtet".
Nun will er sie wenigstens retten - vor dem FBI, das sie verfolgt. Ein General hat ihn gewarnt, und er hat einen Freund in der Regierung. Also reist er nach Mexiko-Stadt, wo er allerdings nur Bunuel trifft, der ihm die Keuschheit preist und sagt: "Sex ohne Sünde ist wie Ei ohne Salz." Und daß wir von unseren Träumen und Utopien nicht verlangen dürfen, sie sollten jemals wahr werden.
Als er nach Durango zurückkehrt, wirft sie ihn hinaus: "Entschuldige, ich habe einen anderen Geliebten. Hier wohnt jetzt ein anderer Mann." Der heißt auch Carlos, im Buch, und spielt Revolution. Einst, am Anfang ihrer Liebe, hatte sie Carlos dem Ersten aus Italien zehn Packungen seiner Lieblingszahnpasta, "El Capitano", kommen lassen. Nun zieht sie ihm einen Studenten mit faulen Zähnen vor. Er nennt sie "Geburtshelferin der Weltrevolution", sie schluchzt: Was sie an Fuentes hatte, das hat sie auch zu Hause, nur daß ihr Ehemann, Gary, "berühmter ist, europäischer, gebildeter, kultivierter und ein besserer Schriftsteller". Zum Abschied drückt ihm ihre Sekretärin ein Marmeladenglas in die Hand.
"Das ist der Fall eines Don Juan, der abgewiesen wurde, nicht weil er ein Alkoholiker war wie der Konsul in ,Unter dem Vulkan'' oder ein Feigling wie die Mörder Julius Caesars - nein, weil er elegant, zivilisiert und ein Schriftsteller war, aber seine Tugenden wurden seine schlimmsten Laster, in ihren Augen." Ein lächerlicher Liebhaber, ein Verführer von der traurigsten Gestalt.
Auch die andere Geschichte, ihre Geschichte, erzählt Fuentes, das meiste steht auch in den Akten des FBI: Jean Seberg war schwanger, als sie aus Mexiko zurückkehrte, wahrscheinlich von ihrem jugendlichen Revolutionär, El Gato nannte er sich. Romain Gary, von dem sie gerade geschieden war, erkannte die Vaterschaft dennoch an.
Das FBI hörte ein Telefonat ab, in dem sie dem Black-Panther-Führer Raymond Hewitt, einem ihrer früheren Liebhaber, in Los Angeles erzählte, das Kind sei nicht von Gary. Und J. Edgar Hoover gab, im Rahmen des "Cointelpro"-Plans zur Diskreditierung Intellektueller und Liberaler, die Anweisung: "Jean Seberg hat die Black Panther finanziell unterstützt und sollte neutralisiert werden." Das Gerücht, sie erwarte ein Kind von einem Schwarzen, einem Black Panther, wurde lanciert - im August brachte Newsweek eine Meldung, drei Tage später hatte sie eine Frühgeburt, das Kind starb. Sie ließ es aufbahren in Marshalltown, ihrer Heimatstadt, jeder sollte sehen, daß es ein weißes Kind war: die Heilige Johanna als Mater dolorosa.
"Sie wurde psychotisch", sagte Romain Gary über Jean Seberg. 1975 schreibt Gary einen Roman über die Schwierigkeiten eines alternden Mannes mit jungen Frauen, "Au-dela de cette limite votre ticket n''est plus valable". Ein Bekenntnisroman, spekuliert die Presse. Die siebziger Jahre, das sind Skandale, die Seberg zieht sich nackt aus in einem Flugzeug, Nervenzusammenbrüche; sie heiratet ein drittes Mal, den jungen Regisseur Dennis Berry, mit dem sie einen Film dreht mit dem Titel "Ballad for the Kid", sie führt dabei selber Regie. Sie schreibt Bücher, darunter "Comment s''en evader", "Wie macht man sich davon", eine Anweisung zum Selbstmord. Sie heiratet, noch gar nicht offiziell geschieden, ein viertes Mal, einen jungen Algerier.
Ende August 1979 verschwindet sie. Am 8. September wird ihre Leiche gefunden. Die Polizei spricht von Selbstmord - in Folge einer Überdosis von Barbituraten und Alkohol. Aber bis heute gibt es Spekulationen, daß sie ermordet wurde. Romain Gary machte für ihren Tod das FBI verantwortlich.
In "Sturz in die Nacht", der Geschichte seiner Depression, schreibt William Styron, daß sie beide, Seberg und Gary, von jener Krankheit, der Depression, gezeichnet waren. Gary, der Spieler, der ganz Frankreich und die literarische Welt düpiert hatte, als er, unter dem erst nach seinem Tod gelüfteten Pseudonym Emile Ajar, 1975 ein zweites Mal den Prix Goncourt gewann (den man eigentlich nur einmal gewinnen kann), brachte sich ein Jahr nach ihrem Tod um. In einem Brief bestand er darauf, daß sein Selbstmord nichts mit dem von Jean Seberg zu tun habe. William Styron hatte er erzählt, daß ihr Verlust, trotz all der Schwierigkeiten, die sie miteinander hatten, seine Depression verstärkt habe.
"Es gibt keine schlimmere Bürde als die Hoffnung, glücklich zu werden" heißt der erste Satz von Fuentes'' Buch. Es gibt keine Hoffnung, sagt er, oder vielleicht, er zitiert Kafka, gibt es große Hoffnung, "aber nicht für uns".
Das FBI hat in den achtziger Jahren zugegeben, daß Jean Seberg verfolgt und verleumdet wurde, das steht auch am Ende von Fuentes'' Buch. Vielleicht war, so schreibt er in "Diana", Jean Sebergs Fehler, daß sie eine Idealistin war, die Politik nicht mit Politik bekämpfte, sondern mit Sex, Liebe und Romantik.
Auf dem Porträt im Salon ist Fuentes zu sehen mit einem Spiegel, in dem sich seine Züge als Schattenriß wiederholen. "Diana" ist Teil eines autobiographischen Zyklus, "Chroniken unserer Zeit", "Achill" wird ein Band heißen, der in Kolumbien spielt; "Prometheus", der dritte, spielt in Chile zu der Zeit, als er elf Jahre alt war, die Erinnerung an eine Kinderfreundschaft, der Freund wurde gefoltert und getötet unter dem Pinochet-Regime. "Man fängt an zu schreiben, um zu leben. Am Ende schreibt man, um nicht zu sterben", hat er einmal gesagt.
Heute redet er von all den Büchern, die er noch lesen wolle: Es ist ein "ständiger Kampf gegen die Zeit", und er nimmt ein Buch und steckt die Nase hinein: "Ein Buch zu öffnen ist wie eine schöne Frau zu öffnen."
Carlos Fuentes hat Jean Seberg, die nie eine Hollywood-Göttin wurde, in "Diana" verklärt zur Göttin des Mondes, zur Nachtgöttin und Jagdgöttin, "Diana, die Leichtfüßige, die sich nur dem Mann hingibt, der schneller als sie läuft". Er, der nie ihr einziger Liebhaber sein konnte, ist nun endlich ihr letzter Liebhaber, ein Ritter von der verblichenen Gestalt.
Aber er hat auch ein fast zärtliches Bild für sie gefunden: Sie hatte, während eines Aufenthalts in einer Nervenklinik, immer wieder ihr eigenes Gesicht vor dem Spiegel ertastet. Eines Tages aber merkte ihre Sekretärin, daß sie mit den Fingern die Schornsteinlandschaft draußen nachzeichnete: "Sie wollte die Welt. Sie wollte sie erschaffen. Sie konnte sie aber lediglich wie eine unsichtbare Tätowierung auf ihrem Gesicht nachgestalten, dessen Bild ein beschlagener Spiegel zurückwarf." Y
** Carlos Fuentes: "Diana oder Die einsame Jägerin". Aus dem mexikanischen Spanisch von Ulrich Kunzmann. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg; 240 Seiten; 39,80 Mark. * In dem Film "Bonjour Tristesse", 1957. * Mit Regisseur Otto Preminger und Autorin Francoise Sagan in Paris, 1957. * Mit Lee Marvin bei Dreharbeiten zu "Westwärts zieht der Wind", 1969.
Von Annette Meyhöfer

DER SPIEGEL 11/1996
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