18.03.1996

DopingSteak oder Spritze

Was ist, wenn ein Sportler hormonbehandeltes Fleisch verzehrt? Die Frage beschäftigt Athleten, Dopingfahnder und Juristen gleichermaßen. Je mehr Pharmaka bei der Tiermast eingesetzt werden, um so größer ist die Chance, Doping zu vertuschen. Gerade im Olympiajahr ist eine Welle gerichtlicher Klagen zu befürchten.
In manch grüblerischer Nacht, sagt Jürgen Tiedtke, fühle er sich so machtlos, "daß ich vor Wut nicht schlafen kann". Seit einem Jahr bemüht sich der Berliner Sportlehrer vergebens darum, die Unschuld seiner Tochter Susen zu beweisen. Die Weltklasse-Weitspringerin wird verdächtigt, sich mit Anabolika gedopt zu haben.
Zur Verteidigung scheut Tiedtke keinen Aufwand. Er reiste nach Indianapolis, Stockholm, Lausanne und fuhr quer durch Deutschland, um bei Chemikern, Juristen, Ärzten und Sportwissenschaftlern Informationen und Erklärungen zu erhalten, wie das künstliche Sexualhormon in die Urinprobe seiner Tochter gelangt sein könnte.
Erst dachten die Tiedtkes an einen Sabotageakt neidischer Kolleginnen, dann vermuteten sie Schlampereien im Dopinglabor. Zuletzt ließ die Berliner Sportfamilie ein Gutachten erstellen, von dem Tiedtke meint, daß es "eine ganz neue Qualität hat". Susens Urin soll womöglich durch den Biß in eine hormonbehandelte Hähnchenkeule kontaminiert worden sein.
Ist diese Erklärung stichhaltig? Oder ist sie nur eine neue Variante jener dreisten bis abstrusen Ausreden, mit denen Sportler schon häufig ihr Dopen zu kaschieren versucht haben?
Die Schwierigkeiten für Dopingfahnder und Juristen beginnen im Viehstall. Dort werden Kälber und Rinder zwecks größerer Fleischproduktion oft mit den gleichen Hormonen hochgepäppelt, wie sie Sportler einnehmen, um ihre Muskeln zu stärken. Wie aber will man entscheiden, ob Anabolikaspuren im Urin von einem verseuchten Steak oder einer heimlich gesetzten Spritze in den Oberschenkel stammen?
Die Frage beschäftigt Kontrolleure und Kontrollierte. Und prompt haben sich auch andere des Medikamentenmißbrauchs bezichtigte Athleten den Argumenten der Susen Tiedtke, 27, angeschlossen. Positive Tests, so berichtet Martial Saugy vom Schweizer Dopingkontroll-Labor in Lausanne, werden von Athleten vermehrt damit entschuldigt, sie hätten Hamburger gegessen.
Eine Welle von Klagen - gerade im Olympiajahr - steht zu erwarten. Nicht nur, wenn der Lebensmittelmarkt, wie Saugy befürchtet, noch stärker als bisher von hormonbelasteten Tieren beliefert wird. Streitfälle wird es auch ausgerechnet durch den technischen Fortschritt geben: Seit einiger Zeit können Dopinglabors mit neuen Methoden und verfeinerten Geräten selbst winzige Anabolikadosen zum Teil noch Monate nach der Einnahme nachweisen.
Eine kaum meßbare, geradezu "homöopathische Dosis", beklagt Jürgen Tiedtke, habe die Laufbahn seiner Tochter gestoppt. Die "schöne Susen" (Bild) glaubte sich einer großen Karriere _(* Beim Sportfest in Cottbus im Juni ) _(1994. )
sicher - nicht nur, weil sie eine talentierte Weitspringerin abgab und das gesamtdeutsche Glamourgirl Katrin Krabbe sich aufgrund seiner Dopingverstrickungen disqualifiziert hatte. Im Stadion war die Blondine stets ein Blickfang für Fotografen und Fernsehkameras, anläßlich der Olympischen Spiele 1992 in Barcelona wurde sie gar zur "Miss Busen" gewählt, Sponsoren statteten sie mit gutdotierten Verträgen aus.
Das abrupte Ende kam im März 1995. Soeben war Susen zurückgekehrt von den Hallenweltmeisterschaften in Spanien, wo sie die Bronzemedaille gewonnen hatte, da klingelten die Dopingkontrolleure an der Tür der elterlichen Wohnung. Wenige Tage später erhielt sie die Mitteilung, daß im Urin Metaboliten des Anabolikums Dehydrochlormethyltestosteron gefunden worden seien. Unter dem Namen Oral-Turinabol ist diese Substanz bekannt als Hausmarke der DDR-Athleten.
Zwei bis drei Wochen vor dem Harnlassen, so errechnete der Kölner Dopinganalytiker Manfred Donike, habe sie wahrscheinlich zum letztenmal zur Dopingtablette gegriffen. "Susen wäre doch nicht so doof", entgegnet Trainer Tiedtke, "und würde sich so kurz vor der WM dopen" - deshalb gehe er "felsenfest" von der Unschuld seiner Tochter aus.
Tiedtke forschte in wissenschaftlichen Datenbanken nach Untersuchungen, in denen die Übertragung von Tierdoping über das Essen auf den menschlichen Körper belegt wird. Wissenschaftler am Londoner Kings College etwa spritzten in einem Versuch Hähnchen mit Anabolika. Acht Tage nach der letzten Injektion wurden die Tiere geschlachtet, einen Tag später gegrillt und von Testpersonen gegessen. 50 Prozent der Probanden hätten anschließend, wären sie Leichtathleten gewesen, für vier Jahre gesperrt werden müssen. Wurde das Anabolikum nur ins Futter der Hühner gemischt, hatte jedoch kein einziger Testesser belasteten Urin.
In Belgien würzte eine Arbeitsgruppe Hackfleisch mit Anabolika und stellte bei den Konsumenten danach positive Dopingbefunde fest. Der Göttinger Sportwissenschaftler Arnd Krüger warnte daraufhin alle Athleten im Fachblatt Leistungssport: "Wer im Olympischen Dorf in Atlanta Hamburger ißt, gehört schon wegen Dummheit gesperrt." Als Jürgen Tiedtke Krügers Einlassungen las, engagierte er ihn für ein Gutachten.
Die rechtlichen Chancen überführter Athleten, sich mit dem Verzehr künstlich hochgezüchteten Fleisches herauszureden, sind nicht aussichtslos. Wenn es einen wissenschaftlich feststellbaren Zusammenhang gibt, sagt der Regensburger Sportrechtsexperte und Verfassungsrichter Udo Steiner, "müssen die Verbände diesem Argument in jedem Einzelfall nachgehen, bevor sie eine Strafe aussprechen".
Der Fall wird kompliziert, wenn Sportler zu sehr gebräuchlichen Tiermastpräparaten greifen. So spürten die Dopingfahnder im Urin des Box-Weltmeisters Frans Botha das Mittel Nandrolon auf. Der Südafrikaner gab zu, den Starkmacher von seinem Arzt per Injektion erhalten zu haben. Was Botha offenbar nicht wußte: Nandrolon findet über den Schwarzmarkt seinen Weg auch in den deutschen Stall.
So bot ein Händler im Auftrag einer ungarischen Firma einem verdeckt arbeitenden ARD-Team 100 Kilogramm Nandrolon an - genug für das Mästen von einer halben Million Rinder. Hätte Botha sich auf den Genuß saftiger Huftsteaks berufen, hätte dies zu langwierigen juristischen Auseinandersetzungen über den Dopingbefund geführt.
Noch alltäglicher ist der Einsatz von Clenbuterol. Dieses Mittel, das auch im Urin der Sprint-Weltmeisterin Katrin Krabbe gefunden wurde, wird Tieren in zumeist hohen Dosen gegeben, damit ihr Muskelfleisch schneller wächst. Der hannoversche Pharmakologe Hans-Jürgen Hapke errechnete aufgrund von Stichproben der Landesveterinäre, daß 2,5 Prozent der Schlachtrinder 1993 diese Substanz aufwiesen - hochgerechnet _(* Nach seinem Sieg über Axel Schulz ) _(im Dezember 1995 in Stuttgart. )
auf Deutschland wären das mehrere zehntausend Mastviecher.
Theoretisch ist die Verseuchung von Dopingproben durch tierische Nahrung also möglich. Ob der Athlet in der Praxis aber auch die von Rechtsprofessor Steiner eingeforderte "Plausibilität" nachweisen kann, erscheint eher unwahrscheinlich - dem widerspricht der Mastalltag im Stall (siehe Kasten).
Denn anders als bei den Hähnchentests in London werden normalerweise nur Kälber mit Anabolika gespritzt. Die Aufnahme des Wirkstoffs vom Menschen ist in relevanter Menge nur dann möglich, wenn der Konsument zufällig die Einspritzstelle verköstigt. Und nach der Verarbeitung zu Hackfleisch ist die Dosis derart verdünnt, daß sie im Menschen nicht mehr meßbar ist.
"Das Problem des Dopings über die Nahrungskette ist sicher da", räumt Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie an der Sporthochschule Köln, ein, "bei näherem Hinsehen haben sich diese Einwände aber bisher immer als Schutzbehauptungen herausgestellt." Falsch positiv getestet zu werden, urteilt denn auch Professor Hapke, sei für den Athleten so wahrscheinlich, "wie von einem Blitz getroffen zu werden" - aber auch nicht auszuschließen.
Während Susen Tiedtke derzeit in den USA "wie ein Weltmeister", so ihr Vater, für Atlanta trainiert, bereitet Jürgen Tiedtke in der Heimat den weiteren juristischen Kampf vor. Voraussichtlich im April wird der Rechtsausschuß des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) sein Urteil fällen.
Ob Susen Tiedtke das neue potentielle Schlupfloch jedoch nutzen kann, erscheint fraglich. Die Verteidigungsstrategie der Weitspringerin, sagt der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke, der vom DLV mit einem Gegengutachten beauftragt wurde, "ist wissenschaftlich unhaltbar". Denn in Tiedtkes Urin fanden die Analytiker Abbauprodukte mit chemischen Eigenschaften, die nur Oral-Turinabol aufweist. Dieses alte DDR-Mittel existiert aber nur in Tablettenform - für die Tiermast ist es deshalb völlig ungeeignet.
Daß Gutachter Krüger den Tiedtkes zunächst Hoffnung auf einen schnellen Freispruch machte, liegt an einer schlichten Verwechslung: Der Professor hatte Oral-Turinabol mit Clostebol verwechselt - diesen in der Tiermast ehedem eingesetzten Stoff hatte die DDR früher Turinabol genannt.
* Beim Sportfest in Cottbus im Juni 1994. * Nach seinem Sieg über Axel Schulz im Dezember 1995 in Stuttgart.

DER SPIEGEL 12/1996
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