18.03.1996

FußballBingo im Refugium

Deutsche Profis entdecken die englische Premier League als Heimstatt des einfachen, ehrlichen Fußballs - und werden fürstlich entlohnt.
Nein, pietätvoll sind die Fans von Manchester City wahrlich nicht. Als ihr Held Uwe Rösler im Pokalderby gegen den Lokalkonkurrenten United die Führung erzielt, breiten sie die Arme aus zu Flügeln und taumeln wie Propellermaschinen im Sturm.
Mit der Geste verhöhnen die City-Fans jenen Verein, der nach einer Flugzeugkatastrophe 1958 den Tod von acht seiner Spieler zu beklagen hatte. Die rotgewandeten United-Anhänger haben verstanden. Erst antworten sie mit wütenden Drohgebärden, dann mit der getragenen Liedzeile "You never will die" - Ihr werdet niemals sterben.
"Es geht hier rauh zu", urteilt Eike Immel, der bei City seit vorigem August im Tor steht. Nicht alle Gesänge verstehe er, und bei manchen, sagt der ehemalige deutsche Nationalkeeper, sei das wohl auch besser so, aber trotzdem gingen die Fanlager ehrlich miteinander um: "Sie hassen sich, und sie sagen sich das auch ohne vorgetäuschte Ausgewogenheit."
Daß dem 35jährigen Haudegen der Fußball plötzlich wieder als "Faszination" erscheint, ist ihm selbst eine Überraschung. Gekommen war Immel, der nach 534 Spielen in 17 Bundesligajahren von Stuttgarts neuem Trainer Rolf Fringer zum alten Eisen gelegt worden war, wie so viele der 170 in England engagierten ausländischen Profis, um in der Premier League noch einmal richtig abzukassieren. Nun hat er das Geld und obendrein eine Atmosphäre, die "mir noch einmal richtig Freude am Spiel verschafft".
Obwohl sich die oberste englische Liga mit ihren Fernsehgeldern, den Sponsorenzuschüssen und den Merchandising-Erträgen zur reichsten Liga der Welt entwickelt hat, empfinden Immel und seine auf dem Kontinent satt gewordenen Kollegen den rustikalen englischen Kick als eine Art Gegenentwurf zum aufgeblähten Showbiz deutscher Provenienz. "Hier kehre ich", sagt Immel mit kindlicher Begeisterung, "zu dem zurück, was Fußball ist."
Zusammen mit dem zuletzt in Mönchengladbach mehr geduldeten als gefeierten Michael Frontzeck, 31, und dem bei seinen Bundesliga-Versuchen in Dresden und Nürnberg eher verlachten fünfmaligen DDR-Auswahlspieler Rösler, 27, bildet Immel bei Manchester City die "german t(h)rees", wie die Manchester Evening News das Trio nannte.
Auch Frontzeck hatte seine Abschiebung nach England zunächst nur als vergnüglichen Bildungsurlaub angesehen. "Wenn ich nach zwei Jahren zurücckomme, spreche ich perfekt Englisch und spiele hoffentlich perfekt Golf." Nun, nach nicht einmal zwei Monaten in Manchester, würde er einer Vertragsverlängerung zustimmen und sucht nach einem Haus - möglichst mit einigen Greens in der Nähe.
Seit die drei, bislang allerdings vergeblich, mithelfen, den Klub aus der Abstiegsregion zu führen, schwelgen Presse und Fans im Martialismus. In der Bernd-Trautmann-Bar im City-Stadion an der Maine Road wird der Geist des legendären deutschen Torwarts wiederbelebt, der nach der Kriegsgefangenschaft in England blieb und im Cup-Finale 1956 für seinen Klub noch mit einem gebrochenen Nackenwirbel durch den Strafraum hechtete.
"Wer hat die Bomben auf Old Trafford geworfen?" stand auf einem T-Shirt zu lesen, nachdem Uwe Rösler in der vergangenen Saison mit 23 Treffern zum Publikumsliebling avanciert war. Die Antwort wurde gleich mitgeliefert: "Das war Uwes Opa!"
Mehr als 5000mal ging diese Variante britischen Humors im Fan-Shop bislang über den Tisch. Old Trafford, so muß man wissen, ist die Heimstatt des Lokalrivalen United. Und wenn Rösler im gegnerischen Strafraum fightet, dann singt die Tribüne: "Uwe 's the lad!" - Uwe ist ein ganzer Kerl.
Soviel Ehrbezeugung haben sowohl Rösler wie auch die meisten anderen ausländischen Profis lange vermißt. Ob der ehemalige holländische Superstar Ruud Gullit bei Chelsea London, sein Landsmann Dennis Bergkamp bei Arsenal, der Kolumbianer Faustino Asprilla oder der Franzose David Ginola, die beide für Newcastle spielen - die meisten haben ihren Leistungshöhepunkt hinter sich. Doch in Englands Liga, dem Refugium für alternde oder gescheiterte Stars, reichen die Fähigkeiten noch aus, zumal ein britischer Defensivspieler von der Qualität Frontzecks ein Vielfaches der Ablösesumme des Deutschen gekostet hätte: Bescheidene 700 000 Mark überwies Manchester nach Mönchengladbach.
Zwar hält Kevin Keegan, Trainer beim Tabellenführer Newcastle, "den britischen Fußball für stärker als den italienischen oder den deutschen". Die Ergebnisse der englischen Klubs in den Europapokalwettbewerben bestätigen jedoch diese offenbar patriotisch gefärbte Ansicht kaum: Meister Blackburn blamierte sich gleich in der ersten Runde, von den übrigen Teilnehmern hat lediglich Nottingham Forest nach der 1:2-Hinspiel-Niederlage bei Bayern München noch eine Chance. Nur drei Spieler aus der Premier League, mutmaßt Ruud Gullit, hätten in der italienischen Seria A überhaupt die Chance auf einen Stammplatz. "Der Fußball hier ist nicht besser", sagt Immel, "er ist anders."
Mannschaftsbesprechungen habe er erst vor 2 seiner bislang 37 Pflichtspiele erlebt, für taktische Überlegungen seien "insgesamt gerade mal fünf Minuten draufgegangen". Im Lande des Kick and rush gehöre die Blutgrätsche immer noch zum ehrbaren Handwerk, ausgeklügelte Schachzüge seien eher verpönt. Das Schinden von Strafstößen, sogenannte Schwalben, gebe es nicht. Immel: "Eher krachen Knochen." Als Jürgen Klinsmann vor anderthalb Jahren in seinem ersten Einsatz für Tottenham Hotspur gleich ein Tor schoß und später bewußtlos und blutüberströmt vom Platz getragen wurde, löschte er damit die Meinung der Engländer aus, die deutschen Fußballer seien allesamt weiche, extravagante Linkmichel.
Die Fernsehberichte aus der Bundesliga werden in England mit Unverständnis betrachtet. "Wenn ich dort den Lothar Matthäus raushumpeln sehe und hinterher höre, sein Muskel habe zugemacht, dann lache ich mich kaputt", sagt Immel. Bei Premier-League-Spielen verhärteten sich bei mindestens der Hälfte aller Spieler die Muskeln. "Nur erfährt es keiner, die reden erst gar nicht über solche Nebensächlichkeiten."
Lockerer sei der Umgang der Spieler untereinander, unaufgeregter auch deren Berufsauffassung. In Deutschland, erzählt Immel, verbieten Trainer wie der inzwischen auf Teneriffa tätige Jupp Heynckes sogar das Musikhören auf dem Weg zum Stadion. Als Manchester City zum Pokalspiel nach Coventry gereist sei, habe Stürmer Niall Quinn im Mannschaftsbus zum Bingo aufgerufen, jenem urenglischen Lottospiel der Lower classes. "Und der Trainer hat mitgespielt."
Wenn Immel zum Trainingsgelände an der Maine Road fährt, führt ihn der Weg vorbei an Häusern, die verfallen, an Vorgärten, in denen sich der Müll türmt, an Kreuzungen, an denen Jugendliche perspektivlos in den Tag hineinlungern. Die Moss Side, früher ein respektables Arbeiterviertel, ist heute eines der Drogenzentren der Insel. Nur widerwillig steuern die meisten Taxifahrer tagsüber die Gegend an. Nachts verweigern sie die Tour, etliche Schießereien der Drogengangs haben die Moss Side zu einer der gefährlichsten Regionen Englands gemacht.
Auch das Stadion zeugt nicht gerade von Reichtum. "Alles ist schlicht und zweckmäßig", sagt Immel, der beim VfB Stuttgart im Ruf eines streng auf seinen Vorteil achtenden Profis stand. Doch an das Fehlen etwa einer vereinseigenen medizinischen Abteilung hat sich der ehemalige Bundesliga-Star ebenso gewöhnt wie an die vom Klub zur Verfügung gestellten Trainingsklamotten, die in Deutschland von den Profis vermutlich als unbrauchbar "bei der Rot-Kreuz-Sammlung abgegeben würden" (Immel).
Die üppigen Gehälter in Verbund mit einer zweijährigen Befreiung von der Einkommensteuer haben diese neue Bescheidenheit allerdings gut ausgepolstert. Jürgen Klinsmanns Gage für sein einjähriges Gastspiel bei Tottenham Hotspur wurde auf 2,5 Millionen Mark netto taxiert.
Sehr schön sei das Geld, sagt Immel, der in Manchester eine knappe Million kassiert, noch schöner aber die Erfahrung, daß Fußball auch heutzutage ein einfaches Spiel sein kann: "Elf gegen elf, 90 Minuten lang, mehr zählt hier nicht." Wer sich in dieser Zeit anstrenge, werde respektiert, selbst von gegnerischen Zuschauern. "Wenn ich im Dortmunder Westfalenstadion hinters Tor mußte, um den Ball zu holen, kam ich von oben bis unten bespuckt und von Bier besudelt zurück." In Manchester könne er sich mitten unter die gegnerischen Fans mischen, niemand pöbele ihn an.
Soviel Enthusiasmus war dem ZDF Qualifikation genug, sich für die Europameisterschaft im Juni Immels Dienste als "England-Fachmann" zu sichern. Dann kann er beweisen, ob er eine weitere Erkenntnis seines Ausflugs in die archaische Fußball-Herrlichkeit auch persönlich umzusetzen vermag.
Was der TV-Sender Sat 1 aus dem Fußball gemacht habe, sei doch alles "Firlefanz". Im Mittelpunkt stehe weder der Ball noch die Spieler, "sondern nur die Moderatoren". Immel: "Diese Beckmänner, all diese Wichtigtuer, gehen uns Profis doch schon lange auf den Keks." Y
"Der Fußball hier ist nicht besser, er ist anders"

DER SPIEGEL 12/1996
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