08.10.2012

PARTEIEN„Ein Vizekanzlerkandidat“

Linken-Vorsitzende Katja Kipping, 34, über den Generationswechsel in der Partei und SPD-Frontmann Steinbrück
SPIEGEL: Frau Kipping, die SPD geht mit dem 65-jährigen Peer Steinbrück in die Bundestagswahl. Mit wem halten Sie dagegen? Dem bald 70-jährigen Oskar Lafontaine?
Kipping: Das Alter interessiert mich nicht. Dramatisch ist doch vielmehr: Die SPD-Spitze rückt wieder nach rechts. Sie zielt mit Peer Steinbrück auf die Große Koalition und macht Opposition im Schoßhündchenformat. Steinbrück ist kein Kanzler-, sondern ein Vizekanzlerkandidat. Unser Wahlkampf weist auf die eigenständige Funktion der Linken hin.
SPIEGEL: Eigenständig? Sie machen sich zum Schoßhündchen, indem Sie dauernd öffentlich Rot-Rot-Grün anbieten.
Kipping: Wir haben kein Koalitionsangebot gemacht, sondern ein offensives linkes Reformprogramm angekündigt als Messlatte für Bündnisse: friedliche Außenpolitik, couragierte Reichtumsbesteuerung, Einführung von sanktionsfreier Mindestsicherung. Es muss doch erst mal in den Köpfen der Menschen eine Vorstellung entstehen, dass es Alternativen zum Regierungskurs gibt. Diese Abgrenzungsrituale zwischen den Parteien links von der CDU sind die größte Lebensversicherung der Kanzlerin. Wer Steinbrück wählt, wählt Angela Merkel. Wer Merkel ablösen will, sollte uns ernst nehmen.
SPIEGEL: 2013 will sich die Linke gern als Partei des Generationswechsels präsentieren. Mit Lafontaine und Gysi?
Kipping: Wir werden als Vorsitzende spätestens nach der Niedersachsen-Wahl im Januar zusammen mit Gregor Gysi einen Vorschlag für die Spitzenkandidatur unterbreiten.
SPIEGEL: Warum warten? Gysi will erneut. Lafontaine scheint die Kandidatenfrage wieder zu inszenieren: Kandidatur offenlassen, sich bitten lassen. Wo ist der Generationswechsel?
Kipping: Da unterstellen Sie etwas. Gysi und Lafontaine sind beide wichtig für uns und werden im Wahlkampf ihre Rolle spielen. Ich schließe im Moment nur eines aus: Es wird bei uns keine rein männliche Doppelspitze mehr geben. Wir sind die Partei der Geschlechtergerechtigkeit.
SPIEGEL: Das heißt, wenn Gysi den männlichen Platz beansprucht, entsorgen Sie so geschickt Lafontaine. Und der weibliche Platz wird besetzt mit einem Nachwuchsstar: Mit Ihnen oder Sahra Wagenknecht?
Kipping: Lassen Sie es. Ich lege mich weder bei der Zahl noch bei den Personen oder der Art und Weise fest, wie das gefunden wird.
SPIEGEL: Es gibt einen Protestbrief der ostdeutschen Landesvorsitzenden, in dem sie mehr Respekt für den Osten fordern. Die Brandrede auf dem Parteitag in Göttingen von Gysi über sein Duell mit Lafontaine und den Hass in der Fraktion halten Sie für überholt?
Kipping: Es gibt Kontroversen, die will ich auch gar nicht wegreden. Unser Ziel ist ja nicht zu sagen, nun herrscht Friede, Freude, Friedhofsstille. Wir sind eine linkspluralistische Partei, und das heißt, dass es unterschiedliche strategische Ansätze gibt. Ich empfinde das als Bereicherung. Die Reden von Lafontaine und Gysi waren da ein reinigendes Gewitter.
SPIEGEL: Einige Ost-Landeschefs meinen aber, dass die westlichen Landesverbände basierend auf falschen Mitgliederzahlen auf dem Parteitag mehr Delegierte hatten als ihnen zustehen - und dass bei einem ehrlichen Schlüssel der Parteichef heute Dietmar Bartsch hieße.
Kipping: Das Ergebnis des Parteitags steht, und der gesamte Parteivorstand macht seine Arbeit gut. Unsere Satzung sieht vor, dass Leute, die keinen Beitrag bezahlen, nicht einfach rausfliegen, sondern dass man bewusst nachfragt. Es kann ja auch Datenfehler geben. Aber es stimmt, die laufende Aktualisierung der Mitgliederdaten geht weiter. Das haben wir mit den Landeschefs klar vereinbart.

DER SPIEGEL 41/2012
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