08.10.2012

EXTREMISMUSDetektiv im braunen Milieu

Der Journalist Thomas Kuban recherchierte jahrelang in der Neonazi-Szene, als Skinhead getarnt. Jetzt hat er ein Buch über seine Expedition in den Untergrund geschrieben. Er will aussteigen.
Es ist ein phantastischer, aber seltener Moment im Leben eines Journalisten, wenn er eine heiße Spur auftut, der kein anderer folgt. Thomas Kuban erlebte das an einem Tag im Sommer 1997. Er hatte erfahren, dass in der Nähe seines Dorfs eine rechte Musikgruppe auftreten sollte und Neonazis anreisen würden. Er habe nicht begreifen können, sagt Kuban, dass so etwas in seiner Heimat möglich war. Er begann nachzuforschen.
Es wurde die Recherche seines Lebens.
Fünfzehn Jahre später sitzt er auf der Terrasse seines Elternhauses in Süddeutschland, mehr darf nicht verraten werden, denn Thomas Kuban muss sich vor den Neonazis verstecken. Kuban heißt auch nicht Kuban, das ist eine weitere Sicherheitsmaßnahme.
Jahrelang recherchierte der Journalist, verkleidet als Skinhead und mit einer falschen Biografie versehen, im rechtsextremen Milieu. Er besuchte Konzerte rechter Bands, machte sich Notizen, schnitt das Gegröle mit und filmte rassistische Parolen mit versteckter Kamera. Die Musik, sagt er, sei für Neonazis das wirkungsvollste Mittel, Nachwuchs zu werben. Ihn habe die Aufgabe gepackt, "die Szene zu knacken und dahinterzukommen, wie es dort aussieht", sagt er. Jetzt schildert er in seinem Buch "Blut muss fließen", was er auf seiner Expedition erlebte(*).
Es gibt nicht viele Journalisten, die das Wagnis auf sich nehmen, Informationen aus dem Inneren der gewaltbereiten Neonazi-Szene zu sammeln, auch nicht nach dem Auffliegen der rechten Zelle von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Recherchen am rechten Rand sind mühsam, langwierig und werden von Redaktionen, wenn nicht Spektakuläres zutage kommt, selten belohnt. Zu den
hartnäckigsten Rechercheuren zählen Leute von der Antifa und andere Anhänger der extremen Linken, was ihr Urteilsvermögen bisweilen trübt. Thomas Kuban steht keiner politischen Gruppierung nahe, er ist mehr der Typ Privatdetektiv. Ein journalistischer Einzelkämpfer.
Nach dem Konzert 1997 stieß er auf "nationale Info-Telefone", Anrufbeantworter, die mit Nachrichten für die Szene besprochen wurden. Es habe damals mehr als 20 dieser Info-Telefone in Deutschland gegeben, sagt Kuban. Sie wurden bald von Internetforen abgelöst, was für ihn praktischer war, weil er sich dort mit Pseudonymen unerkannt unter die Rechten mischen konnte.
Seinen ersten Artikel druckte eine große Tageszeitung, was Kuban motivierte, weiterzumachen. Tagsüber ging er ins Büro zu seinem normalen Job, abends und an Wochenenden spürte er Neonazis nach. Schon die Anfahrt zu einem Konzert biete den Reiz des Illegalen, schreibt er, "eine geheime Schnitzeljagd mit Kontakt-Handys, Wegbeschreibungen (nach Gesichtskontrolle) und Fahrzeugkonvois, die hinter Schleusern herrasen". Viele Geheimtreffen fanden in Hinterzimmern von Kneipen und Vereinsheimen oder auf Bauernhöfen statt. Es war eine dunkle Welt, die sich vor ihm auftat, verschworen und voller Hass. Er wollte der Öffentlichkeit schildern, was dort geschah.
Im Herbst 2003 erfuhr er, dass die Musikgruppe Noie Werte, die für ihre rassistischen Texte bekannt war, am 4. Oktober an einem geheimen Ort im Elsass spielen sollte. Kuban ließ sich den Schädel rasieren, schlüpfte in Springerstiefel und Bomberjacke und fuhr über die Grenze, verkabelt, mit Knopflochkamera, Mikrofon und Festplattenrecorder am Gürtel. Als er im elsässischen Ort Hinsbourg ankam, hatten sich in der Mehrzweckhalle schon etwa 800 Neonazis aus Deutschland und Frankreich versammelt.
Kuban filmte mit seiner Kamera Skinheads, die den Arm zum Hitler-Gruß hoben, sowie Sympathisanten der britischen Terrorgruppe Combat 18. Er filmte auch Steffen Wilfried Hammer, Rechtsanwalt in Reutlingen, den Sänger von Noie Werte. Irgendwann stimmte Hammer das Lied "Alter Mann von Spandau" an, das dem Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß gewidmet ist. Am Tag darauf strahlte SPIEGEL TV Kubans Bilder aus - zum Verdruss der Nazis. "Die Wichser waren tatsächlich drin mit versteckter Kamera und haben gefilmt!!!", schrieb einer von ihnen in einem rechten Forum. Kuban sah den Wirbel, den das Material in der Szene auslöste, als Bestätigung seiner Arbeit.
Wenn er auf der Terrasse sitzt und erzählt, wie er sich unerkannt in Konzerthallen, Internetforen und bald in die Köpfe der Rechten schlich, leuchten seine Augen. Kuban ist ein kleiner, gutgelaunter Mann mit raspelkurzen Haaren, der aussieht wie Anfang vierzig, aber tatsächlich einige Jahre jünger ist. Er spürt noch immer den Triumph des Camoufleurs, aber er sagt, er habe genug davon. Sein Buch ist auch die Abrechnung eines Enttäuschten, der nicht versteht, warum das Land ein Problem wie rechte Musikgruppen und Neonazi-Konzerte nicht prominenter diskutieren will.
Für Kameras, Festplatten, Handys, Benzin, Mietwagen und Hotels habe er in all den Jahren mindestens 150 000 Euro ausgegeben, sagt er. Einen Teil seiner Ausgaben konnte er durch Honorare ausgleichen. Seine Eltern liehen ihm 20 000 Euro, er wohnt auch wieder daheim, "in Vollpension", wie seine Mutter sagt.
Wenn Kuban einen Artikel in einer Zeitung oder Filmmaterial in einem Fernsehbeitrag unterbringen konnte, habe er davon zwei Jahre lang gezehrt, erzählt er. Doch die Nachfrage nach neuen, unter Lebensgefahr gesammeltem Informationen aus der rechten Szene ging zurück. Zuletzt arbeitete er für den SPIEGEL an einem Artikel über rechte Umtriebe unter Rockern mit (31/2012). Er hätte seine Recherchen gern fortgesetzt, schreibt er, doch "das mangelnde Medieninteresse an meinen Arbeitsergebnissen hat mich gezwungen, aus finanziellen Gründen aufzuhören".
Viele, die sich von Berufs wegen für die Rechten hätten interessieren müssen, schauten weg, beklagt Kuban. Nicht nur Journalisten, auch Verfassungsschützer, Politiker und Polizeibeamte, jahrelang. Er hingegen sah sich auf der Mission, den Deutschen die Augen zu öffnen.
In rechten Internetforen postete er Konzertkritiken, um die Täuschung noch authentischer zu machen. In einem dieser Foren traf er Isabell P., die sich "Celticfrica" nannte und mit dem Sänger der Neonazi-Band Race War liiert war. Kuban erfuhr, dass Celticfrica damit beschäftigt war, eine weibliche Kameradschaft aufzubauen. Als Vorbild nannte sie die Ehefrau von Rudolf Heß. Kuban legte sich mehrere Identitäten zu und schrieb Celticfrica über Chats und verschiedene E-Mail-Adressen an. Um den Überblick über seine Identitäten nicht zu verlieren, führte er eine Liste seiner Nazi-Ichs. Er war überrascht, wie nahe er seinem Sujet auf diese Weise kommen konnte, ohne aufzufliegen.
Celticfrica vertraute Kuban beziehungsweise dessen verschiedenen Identitäten bald Geheimnisse an. Sie gab zu, dass die Frauenorganisation "teilweise militant" arbeite. Auch als sie sich von ihrem rechten Freund trennte, erfuhr es Kuban rasch. Er erwog sogar, eine Beziehung mit Celticfrica einzugehen. Eine Nazi-Braut als Freundin - das wäre eine perfekte Quelle. Er kannte ihre Stärken und Schwächen, er wusste, welche Bands sie mochte, dass sie alleinerziehend war. Gleichzeitig sah er die Risiken einer vorgetäuschten Beziehung. Die Kinder würden womöglich unter der späteren Trennung leiden. Außerdem wäre es teuer und zeitaufwendig, die Chancen, dass sie ihn enttarnte, stiegen, je näher sie ihn kannte. Er entschied sich dagegen.
Sein Vater sagt: "Wir fanden gut, dass überhaupt jemand diese Arbeit macht, aber wir hatten Angst, dass ihm dabei etwas zustößt. Meine Horrorvision war, dass sie ihn irgendwann zum arbeitsunfähigen Krüppel schlagen." Jahrelang habe sein Sohn immer wieder beteuert, dass er aussteigen wolle. "Hoffentlich meint er es diesmal ernst", sagt der Vater.
Thomas Kuban hat im vergangenen Jahr zusammen mit dem Freiburger Filmemacher Peter Ohlendorf einen Dokumentarfilm über seine Recherchen produziert, der im Februar auf der Berlinale zu sehen war. Ein Fernsehsender interessierte sich bislang nicht dafür. Der Film sollte neben dem Buch den Abschluss von Kubans 15 Jahre währender Expedition in den rechten Untergrund bilden. Aber auf der Terrasse sagt er, demnächst würden wieder rechte Bands auftreten, er wisse auch, wo. Eigentlich sei es unsinnig, jetzt aufzuhören.
(*) Thomas Kuban: "Blut muss fließen - undercover unter Nazis". Campus Verlag, Frankfurt am Main; 316 Seiten; 19,99 Euro.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 41/2012
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