08.10.2012

INTERNETBücher zu Buchen

Warum uns der Abschied vom Papierbuch so schwerfällt - und weshalb den Lesemaschinen trotzdem die Zukunft gehört. Erfahrungsbericht eines E-Book-Fans
Geschenkte Bücher sind immer das Schwierigste. Die große Steve-Jobs-Biografie zum Beispiel. Mein Bruder schenkte sie mir zwei Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart, keine Ahnung, wie er das gemacht hat. Ich freute mich über die Geste - doch dann ging ich online, um mir die elektronische Ausgabe zu besorgen.
Ich liebe es, meine Bücher in digitaler Form zu kaufen und dadurch stets auf dem Handy dabeizuhaben. Die Digitalisierung hat viele Vorteile: Wenige Wochen nach meinem Geburtstag etwa kam das erste Update der Steve-Jobs-Biografie, eine leicht verbesserte zweite "Auflage". Ich lud sie mir sofort herunter - und fühlte mich irgendwie doch undankbar.
Die "Zukunft des Lesens" wird diese Woche großes Thema auf der Frankfurter Buchmesse sein. Für über zwei Millionen Leser in Deutschland ist diese Zukunft längst Gegenwart. In den USA machen elektronische Bücher bereits über 15 Prozent des Buchhandelsvolumens aus, in Großbritannien über 5 Prozent. In Deutschland sind es rund 2 Prozent; der Anteil verdoppelt sich ungefähr von Jahr zu Jahr. Wie fühlt sich das Umsteigen an?
Der Roman "Freiheit" von Jonathan Franzen war ein Grund für mich, ernsthaft umzusteigen von Papier auf Elektronik, vom P-Buch aufs E-Buch. Traditionalisten loben gern die äußere Schönheit von P-Büchern und das haptische Vergnügen, etwa beim Umblättern der Seiten. Ich hingegen finde, dass mein 247 Gramm leichtes Lesegerät weitaus angenehmer in der Hand liegt als etwa der dicke Franzen-Schmöker aus Papier. Das Cover der englischsprachigen Taschenbuchausgabe dagegen ist mir zu marktschreierisch bunt. Der E-Book-Reader tritt bescheiden hinter den Text zurück. Das Cover spielt keine Rolle, das Wort wird befreit vom Verpackungskitsch.
Nichts stört den Lesegenuss. Mehr noch: Ein Klick - und ein unbekanntes Wort wird mir übersetzt. Nach wenigen Monaten E-Book-Erfahrung ertappte ich mich bereits dabei, Papierbücher als museale Mangelprodukte zu sehen: Wieso sind die Dinger so schwer? Und wo ist der Übersetzungsknopf?
Wie groß der Sog des Digitalen ist, zeigte sich neulich am Potsdamer Platz. Eine Schlange von Kunden wand sich um die Filiale von Sony herum, so wie einst in der DDR, wenn es beim Konsum Bananen gab. Die Menschen waren bepackt mit Rucksäcken oder schoben Sackkarren voller Bücher vor sich her. In einer Werbeaktion verschenkte Sony 200 neue Lesegeräte. Einzige Bedingung: Wer eines haben wollte, musste dafür einen meterhohen Stapel aus Papierbüchern abliefern - viele der Wartenden kostete das einige Überwindung.
Bücher sind ein besonderes Gut, gerade in Deutschland wird ihnen viel Ehrfurcht entgegengebracht, diesen Reliquien der Kulturreligion. Apple versucht deshalb mit iBooks, den Übergang ins Digitale schonend zu gestalten: Beim Umblättern sieht es so aus, als wölbte sich die Seite empor, wie beim guten alten P-Buch.
Zum Glück kann man dieses Nachäffen eines alten Mediums auch abschalten.
Noch alberner ist es, den Geruch von Büchern nachzuahmen - wie es der Göttinger Steidl Verlag versucht, mit einem Parfum: "Paper Passion" riecht nicht unangenehm, mit einer Kopfnote von Druckerschwärze. Ein rührend hilfloser Versuch, Traditionalisten darüber hinwegzutrösten, dass immer mehr Texte ins Netz verdunsten.
E-Reader sind keine Bücher. Es sind "Lesemaschinen", wie es der französische Bibliotheksforscher Frédéric Kaplan aus Lausanne formuliert hat. Mein eigener Lesemaschinenpark läuft noch keineswegs rund, E-Books sind alles andere als perfekt.
Viele Elektrobücher kommen nicht mit Fußnoten klar, die kleinen Zahlen zerschießen den Zeilenfall; auch Worttrennungen stehen oft an beliebiger Stelle. Und gelegentlich schaltet sich mein Kindle ab, um übers Funknetz ein Update zu laden; oder er hängt sich auf. Dann starre ich minutenlang auf den eingefrorenen Bildschirm und denke über das Gelesene nach, bis sich das Gerät wieder fängt - eine meditative Zwangspause.
Das sind Kinderkrankheiten; die Liste der Vorteile ist länger: Morgens lese ich manchmal das kostenlose Probekapitel eines neuerschienenen Buchs. Wenn abends meine Augen müde werden, lesen mir die Autoren per iPad ihre Bücher vor. Am nächsten Morgen in der U-Bahn zeigt mir mein Smartphone automatisch die Seite, auf der ich aufgehört habe.
Aber was heißt beim E-Book schon "Seite"? Vor einer Weile las Jeffrey Eugenides in Berlin aus seinem jüngsten Roman "Die Liebeshandlung". Mit der Suchfunktion fand ich rasch die Stelle, die er vortrug. "Welche Seite?", fragte eine Frau neben mir. "Sieben Prozent", flüsterte ich. Sie schaute mich verständnislos an.
Es ist Zeit umzulernen: E-Books zeigen meist keine Seitenzahlen an, denn ihre Schriftgröße lässt sich verstellen - was besonders für ältere Leser mit Sehschwäche von Vorteil ist. Doch was sind sieben Prozent von 624 Seiten? Immerhin kenne ich nun die Taste, mit der die Lesemaschine mir die "Seitenzahl" ausrechnet.
Oft stehe ich vor meinen Bücherregalen, ziehe einen Band heraus und denke mir: Das Werk würde ich gern immer dabeihaben. Viele Papierbücher habe ich mir deshalb inzwischen noch einmal als digitale Ausgabe gekauft, ein schöner Zuverdienst für die Verlage.
Leider ist bislang nur ein kleiner Teil aller Bücher elektronisch verfügbar. Immerhin gibt es auch dafür mittlerweile eine Lösung: Neuerdings bestelle ich manchmal Papierbücher und lasse sie nach Kalifornien schicken, zum Dienstleister 1dollarscan.com. Dort hackt eine Art Guillotine den Buchrücken ab, dann rauschen die Seiten automatisch durch einen Scanner; pro 100 Seiten kostet der Service einen Dollar.
Zwei Wochen nach der Bestellung kann ich das digital wiedergeborene Buch auf meinem Lesegerät verschlingen. Die Qualität ist miserabel wie bei einem handgemachten Mixtape, aber ich fühle mich wie ein Pionier.
Eigentlich habe ich damit den Job des Verlags erledigt, dem ich gern zehn Euro für ein E-Book bezahlt hätte. Wieso will er mein Geld nicht?
Auch das Verleihen von E-Books wird von den Verlagen erschwert oder verhindert. Aus diesem Grund tausche ich meist nicht komplette Bücher, sondern nur meine "Unterstreichungen". Die Internetplattform Readmill zum Beispiel ist eine Art Facebook für Bücherfreunde. Hier poste ich Zitate, schreibe Kommentare und schaue, was andere gerade lesen. "Social Reading" wird das genannt.
Meine Unterstreichungen werden automatisch in die Literaturwolke gepustet - ein eigenartiges Gefühl. Wer weiß, wer mir alles beim Lesen über die Schulter schaut.
Vieles gerät durch die Digitalisierung ins Fließen, auch die Besitzverhältnisse. Ein Merkmal der neuen Zeit ist, dass die E-Books mir nie ganz gehören. Diese Erfahrung machten Kindle-Kunden bereits vor ein paar Jahren, als ihnen Bücher wegen eines Lizenzstreits mit dem Rechteinhaber einfach so vom Lesegerät gelöscht wurden - darunter auch "1984", George Orwells dystopischer Roman über den perfekten Überwachungsstaat.
Diese Entrechtung ist ein Ärgernis; ich darf zahlen, bin aber nicht der Besitzer, sondern nur ein geduldeter Zaungast in meiner eigenen Bibliothek. Gleichzeitig hat der Kontrollverlust jedoch auch etwas Befreiendes. Wissen konnte man noch nie physisch besitzen, es lässt sich nur erinnern. Das erkannte schon der griechische Philosoph Platon - vor 2400 Jahren.
Mittlerweile habe ich auch keine Bedenken mehr, Papierbücher auszusortieren. Nur ist das schwieriger als gedacht. Ich war schon bei drei Antiquariaten, kein Laden wollte meine Bücher haben, der Markt sei überschwemmt, hieß es.
Zum Glück nimmt das Berliner Internet-Antiquariat Momox meine Bücher entgegen. Ich greife einfach zum Handy, scanne den Strichcode auf dem Umschlag, und schon bekomme ich ein Kaufpreisangebot angezeigt - allerdings bewegt sich das meist nur in der Höhe von ein paar Euro. Zumindest weiß ich, dass die meisten Bücher wieder neue Leser finden werden, dass die Geschichten zirkulieren.
Wenn eine Altbücherkiste voll ist, bringe ich sie zur Post, binnen zwei Wochen erhalte ich mein Geld. Momox ist eine deutsche Erfolgsgeschichte, gegründet von dem damals arbeitslosen Christian Wegner. Inzwischen hat er 500 Mitarbeiter, ein Gewinner der Digitalisierung. Der Januar ist der umsatzstärkste Monat - dann werden die Weihnachtsgeschenke entsorgt.
Fünfzehn Prozent der Bücher sind allerdings auch für Momox unverkäuflich; sie werden containerweise an ein Recycling-Unternehmen verscherbelt.
Wegner kennt die Empfindlichkeiten seiner Kunden: Bücher wegzuwerfen gilt hierzulande als Akt der Barbarei. Daher spendet der Internetpionier den Erlös an Aufforstungsprojekte - Bücher zu Rotbuchen.
Es ist eine tröstliche Vorstellung, dass meine einstigen Papierbücher jetzt romantisch im Abendwind rauschen.

Ich bin nicht mehr Buchbesitzer, sondern nur geduldeter Zaungast in meiner eigenen Bibliothek.

Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 41/2012
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