25.03.1996

UnterhaltungSüß und bescheiden

Michael Jackson und ein saudischer Prinz gründen ein neues, moralisch sauberes Unternehmen: Kingdom Entertainment.
Wenn es brenzlig wird im Wunderland, wenn das unschuldige Kind umstellt ist von bösen Zauberern und alten Hexen, dann hilft nur noch ein Märchenprinz. Das weiß jedes Kind, also weiß es auch Michael Jackson.
Und so rief der infantile Popstar, 37, in seiner Not einen echten Prinzen zu Hilfe, um die Weltöffentlichkeit von seiner gescheiterten Ehe mit Lisa Marie Presley und seiner Vorliebe für kleine Buben abzulenken.
Passend erschien der gebleichte Megastar Anfang vergangener Woche in knallroter Roncalli-Uniform mit glänzenden Goldknöpfen zur Präsentation seiner neuen Partnerschaft. Ganz ohne Mundschutz stellte er sich den Bazillen dieser Welt furchtlos entgegen.
An seiner Seite zeigte sich im Palais des Congres in Paris ein Mensch, der gemeinhin nicht weniger publikumsscheu ist: Seine Hoheit Prinz Walid Ibn Talal Ibn Abd el Asis, 39, Neffe des saudiarabischen Königs Fahd, Enkel des Gründungsmonarchen Ibn Saud. Der steinreiche Saudi, geschätztes Vermögen 16 Milliarden Mark, hat ein Näschen für gewinnbringende Investments. 1980 war Hoheit es leid, sich in seiner 130-Zimmer-Villa in Riad zu langweilen und die 20 000 Dollar zu verprassen, die jedem der 5000 Prinzen-Kollegen im Monat zustehen. Der Prinz beschloß, Karriere zu machen.
Zunächst wurde er Bauunternehmer, dann riß er die Hauptanteile der United Saudi Commercial Bank an sich. 1991 übernahm seine Holding Kingdom Establishment zehn Prozent der größten, aber damals schwächelnden amerikanischen Citibank. Der Falken-Liebhaber rettete 1994 den darbenden Pariser Vergnügungspark Euro-Disney, 1995 erstand er unter anderem Anteile am New Yorker Traditionshotel Plaza, zehn Prozent an der Londoner Bürostadt Canary Wharf und stieg in Silvio Berlusconis Firma Mediaset in Italien ein.
Am arabischen Fernsehkonzern ART, der von Italien aus die islamische Welt mit Programmen versorgt, ist der Prinz im großen Stil beteiligt.
Diesmal heißt das angeschlagene Kaufobjekt Michael Jackson. Zusammen mit dem ebenfalls schwerreichen, aber moralisch beschädigten Sänger will der Prinz ein neues, moralisch sauberes Unterhaltungsunternehmen betreiben. Bescheidener Name: "Kingdom Entertainment".
Für den Entwurf des Logos hat das Märchengeschöpf Jackson höchstpersönlich in seinen Fingerfarbenkasten gegriffen. Es zeigt einen Berg, durchbohrt von einem Schwert. Der Berg soll den täglichen Aufstiegskampf symbolisieren, das Schwert die Einheit, die alle Hindernisse durchdringt.
Für derlei ergreifende Disneylandsymbolik ist auch der clevere Prinz anfällig: Während seines Business-Studiums in Kalifornien wohnte er manchmal monatelang im Disneypark Anaheim.
Kein Zufall also, daß sich die beiden Milliardäre vor 18 Monaten auf dem Spielplatz kennengelernt haben, im Euro-Disney Paris. Damals reifte irgendwo zwischen Mickey Mouse und Goofy ihr Plan: Sie wollen viele neue Vergnügungsparks und Hotels bauen, Filme, Kinderbücher und Musikaufnahmen produzieren und in den Cyberspace eindringen.
"Wir wollen zusammen ein neues Multimedia-Reich erschaffen", sagte Jackson damals der Business Week, "der Prinz ist süß und bescheiden, aber auch sehr mutig. Er will unglaubliche Dinge vollbringen, genau wie ich."
Statt Informationen über Anteile, Finanzierung, Gesamtinvestition, konkrete Vorhaben, Firmensitz lieferten die beiden Unternehmer nun in Paris gurugleiche Glaubensbekenntnisse. "Der Herzschlag seiner Fans" sei der Auslöser für das neue Geschäft gewesen, behauptet Jackson. Millionen von Menschen hätten ihn so ermutigt, sich der familienorientierten Unterhaltung zu widmen, und nun, da er das Unternehmen gründe, könne er ihnen voller Hoffnung zurufen: "Ihr seid nicht allein."
Und "im Namen Gottes" ergänzte Prinz Walid, daß sich das Unternehmen den traditionellen familiären Werten widmen möchte und Dekadenz und Morallosigkeit strikt ablehne.
Nach diesen Worten verschwanden die beiden. Zurück blieb, neben einem ratlosen Publikum, ein freundlicher Berater, der nichts wußte, außer daß der Prinz Herrn Jackson erfolgreich auf dessen Tugendhaftigkeit durchleuchtet hat.
So bleibt unklar, welchen familiären Werten, westlichen oder östlichen, sich die beiden Kompagnons widmen möchten. Immerhin haben die selbsternannten weltweiten Familienpädogogen einschlägige Erfahrung: Der Prinz ist mit rund 6000 Onkeln, Vettern, Neffen und ungezählten weiblichen Verwandten verbandelt. Er selbst lebt mit nur einer Frau und zwei Kindern.
Michael Jacksons Musikerfamilie (Jackson Five) ist zwar kleiner, verfügt aber über ein hohes Potential an verzehrendem Ehrgeiz, Bösartigkeit und gegenseitiger Eifersüchtelei. Was dazu geführt hat, daß Michael lieber mit einem Affen und Knaben zusammenlebte.
Konkret geplant haben die beiden Partner bisher allerdings erst eine einzige Unternehmung. Kingdom Entertainment wird Jacksons neue Welt-Tournee "History" organisieren.
Das hat zwar nichts mit Familie zu tun. Aber mit reichlich Gewinn. Y

DER SPIEGEL 13/1996
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