08.04.1996

Polen„Mensch und Elektriker“

Animiert sitzt der kleine Mann mit der akkuraten Scheitelfrisur vor der Wand von TV-Kameras, die ihn fast zu erdrücken droht. Er sei "verblüfft, daß so viele da sind", sagt er ergriffen, in seinen Zügen spiegelt sich Dankbarkeit - aber in Wahrheit wundert das den Lech Walesa nicht.
Eine halbe Stunde zuvor hat er im Morgengrauen des vergangenen Dienstag das Gelände der Danziger Werft AG betreten; sein Kalkül scheint aufzugehen. Die Ankündigung des im November abgewählten polnischen Staatsoberhaupts, dort wie ehedem als Elektromonteur malochen zu wollen, zieht das erhoffte Medienecho nach sich.
Aus aller Herren Länder sind die Journalisten an dem historischen Ort zusammengeströmt, wo sich anno 1980 die erste Etappe des realsozialistischen Ruins vollzog. Der Arbeiterführer, der dem Kommunistenregime die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc abtrotzte und den Friedensnobelpreis erhielt, bekräftigt seinen Entschluß, "zu den Wurzeln zurückzukehren".
Lech Walesa bietet Herzerwärmendes: Bewegt fällt er in seiner eigens renovierten alten Werkstatt einem ehemaligen Kollegen in die Arme. Er gelobt, den "Anordnungen des Meisters" zu folgen und wie im früheren Leben die batteriebetriebenen Transportfahrzeuge zu reparieren.
Vordergründig betrachtet, entspringen die wortreichen Erklärungen, mit denen sich der Ex-Präsident in das dürftig bezahlte Handwerk stürzt, einem eher profanen Anlaß. Es bleibe ihm "keine Wahl", beschwört er die Gesprächspartner in zahllosen Interviews. Die nun nach fünf Jahren Walesa regierenden Postkommunisten haben ihm Ruhestandsbezüge vorenthalten.
"Was soll ich meiner Frau sagen, wenn ich am Ende des Monats kein Geld nach Hause bringe", ruft der Vater von vier Söhnen und ebenso vielen Töchtern zornig in den Konferenzsaal der Werft - eine auf Anhieb verständliche Klage. Zwar honorierte ihn Hollywood 1989 für seine Biographie mit über einer Million Mark. Doch da ihm noch der Verdacht der Steuerhinterziehung anhängt, liegt das Geld derzeit auf seinem Konto fest.
Daß er weit mehr verdienen könnte als die jetzt für ihn errechneten monatlichen 500 Mark, läßt der selbstgewisse Polit-Rentner dabei immer wieder durchblicken: Er brauche seinen Namen nur einer Firma zur Verfügung zu stellen ("Kowalski und Walesa zum Beispiel"). Aber "der große Elektriker", so Ex-Regierungschef Mieczyslaw Rakowski, möchte mit seinem entsagungsvollen Schritt "Akzente" setzen.
Welcher Art die konkret sind, geht freilich in einem Wust von verrätselten und widersprüchlichen Statements unter. Einigermaßen konstant erweckt der als Solidarnosc-"Berater" fungierende frühere Gewerkschaftsboß allenfalls den Eindruck, der neue Job werde ihn in seinem Kampf "gegen die Kommunisten noch mehr stärken".
Träumt da einer heimlich davon, das Rad der Geschichte lasse sich ein zweites Mal auf die gleiche Weise drehen?
Der 52jährige Politprofi wehrt sich demonstrativ schroff gegen derlei Mutmaßungen. Den alten Arbeitsplatz einzunehmen, hält er sibyllinisch "aus moralischen Gesichtspunkten" für geboten.
Dem Danziger Schiffbauunternehmen - der "Mutter aller polnischen Werften", wie sie von ihrer einstigen Kultfigur mit Emphase genannt wird - geht es miserabel. Eine in die Hunderte von Millionen Mark gehende Schuldenlast drückt den Betrieb. Für die zu 60 Prozent im Staatsbesitz befindliche Aktiengesellschaft scheint der Konkurs unabwendbar, wenn sich nicht in letzter Sekunde ein potenter Investor findet.
Nahezu alle Belegschaftsmitglieder haben Ende März einer Radikalsanierung mit Stellenabbau zugestimmt - und jetzt kommt ein neuer Kollege. Doch Walesa beeilt sich am Dienstag dem zuständigen Werksdirektor mitzuteilen, er sei ja bloß "in Urlaub" gewesen.
Er winkt für die Fotografen mit der Stechkarte, aber die allgemeine Glückseligkeit darüber hält sich doch in Grenzen. Sie finde "das Ganze lächerlich", sagt vor dem Haupttor eine junge Büroangestellte, eine von vielen Skeptischen.
Er wolle "der Werft helfen", suggeriert der prominenteste aller Arbeiter (Kontrollnummer 61878), wann immer ihm jemand ein Mikrofon unter den Lippenbart hält - doch Genaueres bleibt er dann schuldig. In der Pose des Underdogs fügt Walesa hinzu, er vertraue "als Elektriker voll der Werksleitung".
In die gegenwärtig ausstehenden Verhandlungen der Werft mit der Regierung will Walesa sich jedenfalls "nicht einschalten". Sollen sich doch die ihm verhaßten Warschauer Postkommunisten, die ihre Mehrheitsanteile zur Zeit sogar per Annonce etwa in der Londoner Financial Times loszuschlagen versuchen, ruhig die Hörner abstoßen. Der selbsternannte Wortführer der bürgerlichen Parteien im Lande scheint darauf zu bauen, daß seine Rückkehr irgendwie die Welt wachrüttelt.
Er wird bereits nach Ostern wieder in die USA reisen, um dort eine Serie von Vorträgen zu halten - die Amerikaner mögen den legendären Freiheitskämpfer. Wieweit er sich dort aber für die notleidende Werft einsetzen kann, weiß er selbst noch nicht. Zuallererst geht es Walesa immer um Walesa, also beispielsweise um seine in Warschau beheimatete Stiftung zur "Stützung der Demokratie", für die er bei den gerührten Amis um die erforderlichen Gelder werben will.
Daß ein umtriebiger Weltpolitiker wie er tatsächlich Tag für Tag den Schraubenzieher in die Hand nehmen könnte, halten selbst Bewunderer für eher unwahrscheinlich. Wohl hängt in dem für ihn ausgesuchten Spind schon der vom Werk bereitgestellte Blaumann, aber übergestreift hat er den noch nicht. Nach seinem publicityträchtigen Einstieg mit Bodyguards und im 280er Mercedes hindert ihn zunächst angeblich der ausstehende Gesundheitscheck am harten Anpacken.
So spricht manches dafür, daß sich da ein zur Selbstverliebtheit neigender Populist in ein peinliches Spektakel verheddert. Freunde, die ihn warnten, wegen der noch ausstehenden Rente zu solch kitschig-heroischer Symbolik Zuflucht zu nehmen, ließ er abblitzen.
Natürlich wird ihm die Pension nicht wirklich verweigert werden, die entsprechende Gesetzesvorlage hat die Regierung schon angeschoben - aber das ist ja nur ein Seitenaspekt. Stärker plagt den nach seiner Abwahl verbitterten, "begabten Menschen und Elektriker", als der sich Walesa den Medien präsentiert, ein genereller Bedeutungsverlust. Eine historische Gestalt findet aus ihrer fortwährenden Identifikationskrise kaum mehr heraus.
Am Dienstag, nachdem die Show vorüber ist, beantragt der neue Werftarbeiter für den Rest des Monats erst einmal Urlaub. Gewährt. Y
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 15/1996
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