08.04.1996

DopingImmer noch auf Posten

Funktionäre halten die Sportärzte, die in der DDR dopten, weiter für unverzichtbar.
Wenn Matthias Büchner, 42, über die Zukunft des Sports nachdenkt, kommen ihm die schlimmsten Befürchtungen. Der Sport sei "in unsägliche Dinge verstrickt", sagt der thüringische Kunstmaler und Grafiker, mit dieser Last werde "sein Vorbildcharakter sukzessive zerstört".
Mit seinem Engagement in der Unabhängigen Stasi-Kommission des Deutschen Sportbundes (DSB) hoffte der Bürgerrechtler aus Erfurt, den Werteverfall zu bekämpfen - bisher vergebens. Letztlich seien von diesem Gremium nur sehr wenige und dann auch nur "die kleinen Geschichten" zu bearbeiten gewesen. Zudem sei ihm verweigert worden, selbst aufklärerisch tätig zu werden. Ehe er sich "als Feigenblatt unwilliger Funktionäre mißbrauchen" lasse, will Büchner nun lieber aus der Stasi-Kommission austreten.
Die Ohnmacht, den deutschen Sport von all seinen Altlasten zu säubern, lassen nicht nur wackere Ex-DDRler wie Büchner resignieren. Seit rund drei Jahren recherchieren Beamte der Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität in Berlin gegen Dopingtäter - bisher ohne nennenswerten Erfolg. Zwar sind insgesamt über 60 Fälle "wegen des Verdachts der Körperverletzung im Zusammenhang mit Doping" bearbeitet worden, doch die Staatsanwaltschaft zögert weiter mit Anklagen gegen die potentiellen Straftäter.
Nach der Wende wurden zunächst Sportler und Trainer der DDR von den westdeutschen Funktionären durch Generalamnestien freigesprochen. Jetzt scheinen sogar die größten Übeltäter des menschenverachtenden Sportsystems, die Sportärzte, davonzukommen. Fehlender Verfolgungswille bei den Westdeutschen und neue Seilschaften der Ostdeutschen begünstigen die Manipulateure.
Wie ungeniert sich in dieser Gemengelage die Altlasten halten können, beweist beispielhaft der Fall des Dr. Jochen Neubauer, 44. Bereits vor sechs Jahren wurde der Potsdamer Sportmediziner vom DDR-Trainer Michael Regner als Doper der schlimmeren Art enttarnt (SPIEGEL 11/1990). Neubauer entwarf Dopingpläne für junge Schwimmerinnen, selbst 13jährigen Mädchen des ASK Potsdam verordnete er zur Leistungssteigerung männliche Sexualhormone.
Unerschütterlich überstand Neubauer zunächst die Wende und nachher die Arbeit diverser Kommissionen zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit. Selbst als die Bundeswehr als neuer Dienstherr in das Potsdamer Sportgelände einzog und Neubauer Gegenstand einer kleinen Anfrage der SPD-Fraktion im Bundestag wurde, behielt er seinen Job. Auch die Enttarnung des Sportarztes als Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter "Till Kramer", der nach Einschätzung des Ministeriums für Staatssicherheit bereit gewesen ist, "Personen zu belasten", konnte seine Position nicht erschüttern.
Nur dem Deutschen Sportbund wurde die Tätigkeit des furchtbaren Mediziners zunehmend peinlich. Weil Neubauer gegen die vom DSB aufgestellten Regeln zur Einstellung von doping- und stasibelasteten Mitarbeitern verstieß, forderte DSB-Präsident Manfred von Richthofen seine Brandenburger Funktionärskollegen mehrmals auf, sich von Neubauer zu distanzieren - ohne spürbare Resonanz.
Neubauer hat nach wie vor einen Honorarvertrag mit dem Olympiastützpunkt (OSP) in Potsdam. Die Stadtverordnetenversammlung der brandenburgischen Hauptstadt, die inzwischen Eigentümerin des Geländes ist, akzeptierte zudem ausdrücklich einen Mietvertrag, den der Arzt mit dem OSP-Trägerverein zur Führung einer Privatpraxis auf dem Sportgelände abgeschlossen hatte.
Neubauer ist kein Einzelfall. Überall halten sich trotz vollmundiger Säuberungsverlautbarungen schwer belastete Dopingärzte. In Berlin leistet Hans-Joachim Wendler weiter Dienst an Spitzensportlern. Die Leipzigerin Gudrun Fröhner kümmert sich wie in alten Zeiten um deutsche Spitzenturnerinnen. Und stets liefern Politiker und Funktionärsfreunde Begründungen für ihre schützenden Hände, als habe es die Wende nie gegeben. Ein personeller Wechsel im medizinischen Bereich des Olympiastützpunktes, sorgt sich etwa die Potsdamer Stadtverwaltung, wirke sich "in unvorhersehbarem Maße leistungsmindernd für die Sportler aus".
Den Medaillenfreunden aus Brandenburg erscheint Neubauer unverzichtbar. Ohne ihn, schreibt die Potsdamer Stadtverwaltung in einer Vorlage, wäre die "Vorbereitung für die Olympischen Spiele in Atlanta besonders in Kanu und Schwimmen umfangreich gefährdet". Damit sei auch "der Bestand des Bundesleistungszentrums in Frage gestellt".
Während die Täter folglich unbehelligt bleiben, müssen die Opfer weiter auf Entschädigung warten. In einer Art Musterprozeß, den der ehemalige Gewichtheber Roland Schmidt gegen seine Sportärzte und das Bundesgesundheitsministerium führt, wird der Bundesgerichtshof vermutlich im Herbst dieses Jahres höchstrichterlich entscheiden. Schmidt waren nach der Einnahme von Anabolika so große Brüste gewachsen, daß sie operativ entfernt werden mußten.
Das Oberlandesgericht Dresden hat bereits angedeutet, wer für die Entschädigungen aufzukommen hat. Da führende Mitglieder des Zentralkomitees der SED wie Erich Honecker, Erich Mielke und Egon Krenz vom Doping gewußt und es befürwortet hätten, seien die Athleten Opfer von Regierungskriminalität. In Sonderfällen hat für daraus resultierende Schäden in der DDR-Nachfolge die Bundesrepublik aufzukommen. Y

DER SPIEGEL 15/1996
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