08.04.1996

RaumfahrtHeftiger Schlag

Jurij Gagarin flog 1961 als erster Mensch durch das Weltall. Jetzt kommt ans Licht: Er entging nur knapp einer Katastrophe.
Wie prachtvoll", funkte Jurij Gagarin aus dem Orbit, "ich sehe die Erde, Wälder, Wolken." Über dem Kap Hoorn schlürfte er Nahrungsbrei aus der Tube. Aus dem Bordlautsprecher erklang sein Lieblingslied "Die Wellen des Amur". Gagarin meldete: "Der Flug verläuft normal."
Nach eineinhalb Stunden in der Schwerelosigkeit tauchte die Pilotenkapsel der "Wostok 1" wieder in die Erdatmosphäre ein. "Durch die Bullaugen sah ich den hochroten Widerschein der um das ganze Schiff tobenden Flammen", erzählte Gagarin später. Nach seiner Fallschirmlandung auf einem Acker rief ihn Sowjetführer Nikita Chruschtschow an: "Genosse, Sie haben sich unsterblich gemacht."
Gagarins Pioniertat erschütterte damals, im April 1961, das Selbstbewußtsein der Amerikaner. US-Präsident John F. Kennedy tobte, er sei "es leid, im Weltraum-Wettlauf mit der Sowjetunion an zweiter Stelle zu stehen". Als Reaktion kündigte er in einer historischen Rede an, bis zum Ende des Jahrzehnts werde ein Amerikaner auf dem Mond landen; das Versprechen wurde gehalten.
Kennedys Landsleute wären ihrem Präsidenten kaum so begeistert ins All gefolgt, hätten sie die dramatischen Einzelheiten des ersten bemannten Raumflugs gekannt. Neu aufgetauchte, bislang unzugängliche Dokumente enthüllen: Kosmonaut Gagarin entging nur knapp einer Katastrophe.
Ein Protokoll des Erstflugs ins All stammt von Jewgenij Karpow, dem inzwischen verstorbenen Wostok-1-Missionskommandanten. Die Notizen, die Karpow offenbar während Gagarins Raumflug angefertigt hatte, wurden vom New Yorker Auktionshaus Sotheby's jetzt für 12 560 Dollar versteigert.
"Funktionsstörung!!!" schrieb Karpow mit krakeliger Schrift, kurz nachdem die Bremsraketen für den Landeanflug gezündet hatten. Es habe einen "heftigen Schlag" gegeben, fuhr er fort, die Kapsel rotiere heftig und unkontrolliert: "Ein Notfall."
Karpows Aufzeichnungen decken sich mit den Aussagen Gagarins vor einer geheimen Untersuchungskommission, die von der Moskauer Zeitung Rabotschaja Tribuna ausgegraben wurden. "Nach Ausschalten der Bremsraketen gab es einen harten Ruck", sagte er, "alles drehte sich um mich herum."
Aus diesen Berichten haben westliche Raumfahrtexperten rekonstruiert, was sich im Orbit abgespielt hatte: Sekunden nach dem Ausbrennen der Bremsraketen wurde planmäßig die Versorgungseinheit von der Pilotenkapsel abgesprengt. Doch der Kabelschlauch, der die beiden Teile des Raumschiffs miteinander verband, löste sich nicht - wie zwei Kugeln einer Hantel blieben die Module deshalb verkettet und wirbelten umeinander herum (siehe Grafik).
Erst nach quälend langen zehn Minuten riß die lose Verbindung. Wie ein Spielzeugkreisel trudelte die Pilotenkapsel erdwärts.
Für Gagarin wäre die Panne fast tödlich ausgegangen. Aufgrund ihrer Taumelbewegungen hätten die jeweils über zwei Tonnen schweren Module leicht aneinanderkrachen und sich gegenseitig zerfetzen können. Wäre die Versorgungseinheit nicht doch noch im All zurück geblieben, hätte überdies der Hitzeschild das Raumschiff beim Eintauchen in die Erdatmosphäre nur unzureichend geschützt; der Passagier wäre gegrillt worden. "Der Zwischenfall hätte Gagarin auf vielerlei Wegen töten können", analysiert James Oberg, US-Experte für das russische Raumfahrtprogramm.
Welch ein Himmelfahrtskommando der erste Flug eines Menschen ins All war, hielt die sowjetische Propaganda vor der Welt geheim. Andernfalls wäre die Geschichte der Raumfahrt wohl anders verlaufen. "Keine Frage, Kennedy hätte sein Land nicht so überstürzt verpflichtet, einen Amerikaner zum Mond zu schicken", vermutet der amerikanische Raumfahrthistoriker John Logsdon.
Anfang der sechziger Jahre standen viele wissenschaftliche Berater der US-Regierung bemannten Raummissionen noch sehr skeptisch gegenüber. "Wäre bekannt geworden, mit welchen Schwierigkeiten Leutnant Gagarin zu kämpfen hatte", so Logsdon, "hätten die Zweifler weit größeren Einfluß bekommen."
Berauscht vom Ruhm, täuschte Jurij Gagarin am Ende auch sich selbst. In den sieben Jahren, die auf seine Erdumrundung folgten, absolvierte der gelernte Pilot keinen Alleinflug mehr mit einem Düsenjet. Doch dann, im März 1968, startete der alkoholkranke Held der Sowjetunion trotz mangelnder Übung zu einem Testflug mit einer MiG-15.
Nahe Moskau stürzte die Maschine ab, wegen eines Pilotenfehlers. Die Trümmer lagen über ein 600 Quadratmeter großes Gebiet verstreut. Kosmonaut Gagarin konnte nur anhand seiner Haare identifiziert werden.
[Grafiktext]
Jurij Gagarins Beinahe-Unfall im All (1961)
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 15/1996
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