01.04.1996

„Solide ermittelt“

SPIEGEL: Frau Köcher, nach einer Allensbach-Umfrage sollten die Republikaner in Baden-Württemberg auf 4,5 Prozent kommen. Jetzt sagen Sie, Sie "wußten", daß "die Republikaner drin sein würden". Wozu die Manipulation?
Köcher: Es war keine Manipulation. Wir hatten keine höheren Daten als die veröffentlichten 4,5 Prozent. Damit konnte ich nicht in die Öffentlichkeit gehen und behaupten, die Republikaner sind sicher drin oder draußen.
SPIEGEL: Sie haben sie aber draußen gelassen, obwohl Sie sie drin sahen.
Köcher: Ich persönlich habe aufgrund des Trends von 2 bis 3 Prozent auf 4,5 Prozent innerhalb weniger Wochen angenommen, daß sie es schaffen würden. Aber es wäre fahrlässig gewesen, mit dieser Vermutung an die Öffentlichkeit zu gehen.
SPIEGEL: Sie "beschlossen", wie Sie erklären, die wirklichen Rep-Zahlen nicht zu veröffentlichen. Bewußte Irreführung?
Köcher: Nein. Wir haben beschlossen, daß wir nur mit jenem Resultat an die Öffentlichkeit gehen können, das uns vorlag: 4,5 Prozent. Hätten wir unsere Annahme veröffentlicht, wäre uns das im nachhinein als Versuch ausgelegt worden, die Republikaner hochzureden.
SPIEGEL: Dieses Mißgeschick ist Ihnen 1992 widerfahren. Was gilt nun in der Demoskopie: Fakten, auch wenn sie unliebsam sind, oder Opportunität?
Köcher: Die Fakten zählen natürlich. Und sie fielen 1992 anders aus, da lagen gut vier Wochen vor der Wahl die Republikaner deutlich über 5 Prozent. Wir haben veröffentlicht, was wir solide ermittelt hatten.
SPIEGEL: Daß nicht alle Republikaner-Wähler angeben, daß sie die Republikaner wählen, ist hinlänglich bekannt. Deshalb hat Ihr Institut die Gewichtung der Daten in die Demoskopie eingeführt.
Köcher: Man kann nur Gewichtungsfaktoren verwenden, die erprobt sind, und bei den Republikanern haben wir noch keinen gesicherten Faktor. Wer beispielsweise bei der letzten Bundestagswahl den Republikanern einen Aufschlag gegeben hätte, hätte völlig schiefgelegen. Ob Republikaner-Wähler ständig oder nur sporadisch verheimlichen, wen sie tatsächlich wählen, ist noch nicht ausreichend untersucht. Auch nicht das Ausmaß dieses Verschweigensfaktors.
SPIEGEL: Im Grunde haben Sie nur die schlimmsten Ahnungen über den willkürlichen Umgang der Demoskopen mit Daten bestätigt.
Köcher: Ich bin nicht im Traum auf die Idee gekommen, daß behauptet werden könnte, wir hätten andere Ergebnisse gehabt als die veröffentlichten und, wie uns unterstellt wurde, vorliegende Ergebnisse nach unten manipuliert. Das war eine Falschmeldung, die wir umgehend dementiert haben. Bei manchen Medien hat man den Eindruck, daß sie das Ansehen der Demoskopie - oder eines Instituts - schädigen wollen.
SPIEGEL: An den Fehlprognosen sind nicht die Medien schuld.
Köcher: Zu unserem Kummer wird überhaupt nicht unterschieden zwischen einer Bestandsaufnahme zu einem bestimmten Zeitpunkt vor der Wahl und einer Prognose. Wenn mehrere Institute unabhängig voneinander ein bis zwei Wochen vor einer Wahl zu einem übereinstimmenden Bild kommen, läßt das interessante Rückschlüsse über Entwicklungen kurz vor dem Wahltag zu. Es gab kein Institut, das vor der Wahl einen höheren Republikaner-Anteil als 4,5 Prozent veröffentlichte.
SPIEGEL: Elisabeth Noelle-Neumann beruft sich entschuldigend auf die "winzige Basis" der Umfrage.
Köcher: Wir hatten eine letzte Umfrage sechs bis zehn Tage vor der Wahl, auf der Basis von 1000 Interviews. Das reicht sicher nicht für eine Prognose wie bei Bundestagswahlen, bei denen wir zehnmal in Folge hervorragend prognostiziert haben. Um eine richtige Prognose zu stellen, muß man näher an die Wahl herangehen.
SPIEGEL: Wenn Ihre Resultate vorläufig und unbestimmt sind, sollten Sie auf die Veröffentlichung kurz vor der Wahl verzichten.
Köcher: Dann bekämen wir ja nur noch die Ansichten der Journalisten und Politiker zu lesen.

DER SPIEGEL 14/1996
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