01.04.1996

ArbeitsloseAlles auf Kredit

Eine Gemeinde in Brandenburg hält den deutschen Rekord: Nirgendwo ist die Arbeitslosenrate höher.
Vor dem Krieg war Luckow im uckermärkischen Teil von Brandenburg ein ansehnliches Großbauerndorf mit imposanter Kirche, großen Gehöften und schmucken Häusern. Manch einer der Alten kann sich daran erinnern.
Im Jahr sechs der Wiedervereinigung bietet sich dem Besucher ein trauriges Bild. "Für Bier ist Geld da", sagt Karl Thöne, der als Verwalter für die Ackerbau betreibende Firma Stollenwerk aus dem Westen kam, "für Farbe nicht." Die Fassaden sind schartig, die Straßen teilweise unpassierbar. Und die Menschen schweigen.
Sie schämen sich für die einzige Spitzenposition, die die Gemeinde bundesweit vorweisen kann: Luckow und Petershagen, zwei Dörfer mit zusammen 450 Einwohnern, haben eine Arbeitslosenquote von 70 Prozent.
Und doch sind die Straßen leer, die beiden Orte wirken wie ausgestorben. Nur manchmal bewegt sich eine Gardine, wenn ein fremdes Auto vorüberfährt.
Eberhard Wulkow kennt den Grund. Der Geschäftsführer der Landwirtschaftlichen Erzeugergenossenschaft (LEG) sagt: "Früher war der Konsum gesellschaftliches Zentrum. Da kamen die Leute zum Einkaufen und zum Schwatzen. Manchmal standen die dort stundenlang."
Heute heißt der Konsum Minimarkt, und da kaufen die Leute "nur noch schnell ein, sagen ,Guten Tag' und gehen weg", so Wulkow. "Sie ziehen sich in ihre eigenen vier Wände zurück."
Der LEG-Chef beschäftigt 25 Dörfler und ist damit der größte Arbeitgeber. Karl Thöne hat einen festen Angestellten aus Luckow. Zwei Bauern haben sich selbständig gemacht. Die Schwestern Petra Schölke und Christiane Scheffler betreiben ihre Kneipe "Zum Fuchsgrund". Mehr Arbeit ist nicht. Ein paar Tiefbauer, Maurer und Heizungsfachleute fahren nach außerhalb.
Der Rest sitzt zu Hause. Früher haben alle von der LPG und der privaten Viehwirtschaft gelebt. Auch das ist anders geworden. "Sie halten kein Schwein mehr, weil es sich nicht lohnt", sagt Renate Kersten aus Luckow. "Sie kümmern sich nicht mehr um den Garten. Sie beobachten nur neidvoll die anderen, die Arbeit haben."
Selbst Pfarrer Armin Templin verliert vor seinen Schäfchen die Friedfertigkeit. "Es gibt hier überall welche, die sagen, in der DDR war es besser. Da geh' ich hoch, da werd' ich laut und sage, seht doch mal nach Osten. Nach Polen oder Rußland."
Templin will sein Dorf nicht schlechtmachen. Er will eigentlich auch nicht mehr mit Journalisten reden, weil die das Dorf in ein falsches Licht rücken würden. Dann redet er doch: daß es den Leuten an Flexibilität mangelt; daß sie denken, es kommt schon was, aber es kommt nichts; und daß manche auch gar nicht arbeiten wollen.
"Für ein ABM-Projekt wurden mir vom Arbeitsamt drei Leute benannt. Als die hörten, was sie bezahlt kriegen, kamen sie nicht", sagt der Pfarrer. "Karl Thöne hat Saisonarbeiter im Ort gesucht und keine gefunden. Hier war eine Gaststätte, die nicht richtig lief. Da schloß der Besitzer ab und sagte, wenn einer ein Bier will, kann er ans Fenster klopfen."
Scheinbar hat der ewige Ossi in Luckow und Petershagen sein Asyl gefunden. Der Wiedereinrichter Hermann Staatz hat das einzige Haus am Platz, das nach Farbe und Sorgfalt aussieht. "Neidisch sind die hier", hat er erfahren. "Die denken sonst was, was man verdient. Dabei ist alles auf Kredit."
Viele könnten irgendwohin zur Arbeit fahren, meint Staatz. Aber das sei ihnen alles zu weit. Viele hätten auch dann keine Chance. "Die würde ich auch nicht einstellen. Ich kenn' se doch alle."
Zwanzig Frauen haben wenigstens zeitlich begrenzte Hoffnung. Das "Frauenprojekt Luckow/Petershagen. Hilfe zur Selbsthilfe" ist gerade um ein Jahr verlängert worden. Unter der Leitung von Renate Kersten soll in den Kellergewölben des alten Schlosses von Petershagen eine Begegnungsstätte entstehen. Das Projekt schönt ein bißchen die verheerende Statistik.
Elke Kraus hat die Stelle in dem Projekt bedenkenlos angenommen. "Wenn du nicht unter Leute kommst, verödest du." Es gibt welche, die sehen das anders. Als die Stellen vergeben waren, sind 5 von den 20 einfach nicht erschienen.
Die Aufmerksamkeit der anderen ist den Frauen sicher. "Es wird beobachtet, stehen wir rum oder arbeiten wir", sagt Renate Kersten. "Hier zählt nur, ob du eine Harke oder Forke in der Hand hast."
Für Vorruheständler Erhard Sümnich spielt das keine Rolle mehr. Jeden Mittag halb eins sitzt er mit Blaumann, Gummistiefeln und Hut im "Fuchsgrund". Dort trinkt er Bier und Korn und sagt kein Wort.
Abends um 19 Uhr sind andere Männer in Blaumännern da und trinken Bier und Korn. Fremden sehen sie nicht in die Augen. Reden wollen sie nicht. Auskünfte gibt es keine. Die einzige Hoffnung für Luckow/Petershagen besteht offenbar in Gottvertrauen.
Ein Vers aus den Klageliedern hängt bei Pfarrer Templin an der Wand: "Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht garaus sind/Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende." Y

DER SPIEGEL 14/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Arbeitslose:
Alles auf Kredit

  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab
  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"