01.04.1996

HollywoodDu sollst nicht töten

Mit seinen Oscars feiert Hollywood am liebsten die eigene Prächtigkeit. Doch die Schauspielerpreise gingen diesmal an zwei kleine, aufregende Außenseiter-Werke: an Nicolas Cage für „Leaving Las Vegas“ und für „Dead Man Walking“ an Susan Sarandon. Ihr Film, der die Todesstrafe zum Thema hat, kommt nächste Woche in die deutschen Kinos.
Natürlich ist sie gerührt, und natürlich strahlt sie. Sie ist eine zarte, fein modellierte Schönheit mit kastanienrotem Haar, sie hat die strahlendsten Augen des amerikanischen Kinos seit Bette Davis, sie wird in ein paar Monaten 50, und jetzt endlich steht sie ganz oben und kann mit ihrem Oscar winken.
Vor drei Jahren hat Susan Sarandon, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Tim Robbins, einen Auftritt bei der Oscar-Verleihung genutzt, um volle 28 Sendesekunden lang den hundert Millionen Fernsehzuschauern mit einem Protest gegen die staatliche Aids-Politik die Jubellaune zu verderben. Die Lawine von Haßpost, die danach auf sie herunterprasselte, gab den beiden schwer zu denken; im folgenden Jahr wurden sie durch Nichteinladung zur Oscar-Übergabe abgestraft.
Nach wie vor neigt Hollywood, das versteht sich, zum Prächtigen, Repräsentativen. Als bester Film wurde diesmal Mel Gibsons Historienspektakel "Braveheart" gefeiert. Um so mehr findet Susan Sarandon in der Auszeichnung, die sie nun gewonnen hat, auch eine Genugtuung eigener Art. Fern aller Schauspielerei war sie seit Vietnam-Protestzeiten eine streitbare Bürgerrechtlerin und wird es bleiben, nicht nur in Frauenfragen, weshalb sie in den Akten der CIA als "Handlangerin des internationalen Terrorismus" geführt wurde. 1984 ist sie nach Nicaragua gefahren und kam mit der Einsicht zurück, daß man "meine Steuergelder mißbraucht, um dort Kindergärten zu bombardieren"; auch zur Zeit des Golfkrieges wollte sie nicht mit den Wölfen heulen; und heute sagt sie, mit Blick auf ihren Film "Dead Man Walking": "Es bedrückt mich, in einem Staat zu leben, der sich das Recht anmaßt, Menschen zu töten."
Es geht um die Todesstrafe. An dieser demokratischen Institution scheidet sich, vielleicht schärfer als je, die westeuropäische von der amerikanischen Zivilisation, die einander doch sonst bis zum Verwechseln ähnlich geworden sind. Nirgendwo in Westeuropa wird eine Wiederbelebung der Todesstrafe erwogen, in den USA hingegen ist ihre Abschaffung undenkbar.
Die US-Praxis der Todesstrafe ist häßlich, weil sie die Fratze der Klassen- und Rassenjustiz zeigt: Wer sich tüchtige Anwälte leisten kann, hat die Chance, dem Todestrakt zu entgehen. Ein Großteil der über 3000 Verurteilten, die derzeit auf ihre Hinrichtung warten, gehört zu jenen, die schon immer zu kurz kamen: Arme, Schwarze, Ungebildete. Und manchmal hält es auch ein liberaler Politiker für opportun (wie einst Bill Clinton in Arkansas), sich durch eine Exekution beim Wahlvolk als starker Mann zu profilieren.
Das heimliche schlechte Gewissen der Gesellschaft jedoch verrät sich in den Subtilitäten der Prozedur. In der Regel dauert es viele Jahre, bis ein Verurteilter durch alle Instanzen und nach allen Regeln der Kunst zur Tötung freigegeben wird. Und dann tritt eine aufwendig distanzierende Apparatur zwischen den Scharfrichter und seine Tat, um diese zu einem bürokratischen Knopfdruck zu banalisieren: Durch Technik soll garantiert werden, daß man dem Menschen, den man umbringt, dabei doch bestimmt kein bißchen weh tut.
Der Experte, der in dem Film "Dead Man Walking" das Infusions-High-Tech-Tötungsgerät des Staates Louisiana anpreist, sagt: "Da wirst du so sanft eingeschläfert wie ein altes Pferd." Wer sich den Film ansieht, weiß ein für allemal, wie das geht: Erst überschwemmt ein Betäubungsmittel den Kreislauf des Opfers, dann kommt das Gift, das schlagartig die Lungen explodieren läßt.
Der Film "Dead Man Walking" beruht auf einem "Augenzeugenbericht" der Nonne Helen Prejean, die in den achtziger Jahren in New Orleans auf sich nahm, was selten einer Frau zugemutet wird: einen Schwerverbrecher, einen Vergewaltiger und Mörder als persönliche Seelsorgerin die letzten Monate, Wochen und Tage lang zum Tod zu begleiten. Für die Schauspielerin Susan Sarandon, die diesen Film vom ersten Tag an als ihre Sache durchgesetzt hat und ihn nun mit herzbewegender Leidenschaftlichkeit trägt, ist er eine Erfüllung über jede Erwartung hinaus, ein Werk, in dem alles zusammenkommt, woran ihr liegt.
"Dead Man Walking" ist der zweite Spielfilm, mit dem sich der Schauspieler Tim Robbins, 37, als Autor und Regisseur beweist und bewährt: Er treibt Susan Sarandon und Sean Penn (der dafür den Schauspielerpreis der Berlinale gewann) mit unendlich geduldiger Unerbittlichkeit in ein Hochspannungs-Psychodrama, bei dem einem der Atem stockt: nichts beschönigend, ganz und gar versessen auf die innere Wahrheit einer Erfahrung.

DER SPIEGEL 14/1996
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