15.10.2012

AFFÄRENSehr spezielle Geschäfte

Der Pharmakonzern Sanofi-Aventis hat angeblich Arzneimittel im Wert von über 200 Millionen Euro an Kreuzfahrtschiffe geliefert. Merkwürdig nur, dass die da nie ankamen - und wohl in Deutschland auf dem Graumarkt landeten.
Ist es denkbar, dass ein einzelner Mann die ganze Pharmaindustrie austrickst? Dass ein Einzelner mit Hilfe einer abenteuerlichen Geschichte Konzerne wie Pfizer, Novartis und Boehringer in zehn Jahren um mehrere hundert Millionen Euro erleichtert?
Erich Dambacher, 61, ist die Unscheinbarkeit in Person: Er ist nur 1,60 Meter groß, trägt gern Schnauzer und Sakkos, die andere Pharmamanager schon vor 20 Jahren aussortiert hätten. Doch es wäre ein Fehler, ihn zu unterschätzen.
Bis zu seinem Abschied von Sanofi-Aventis war Erich Dambacher Cheflobbyist des Pharmariesen in Deutschland, jeder in der Branche kannte ihn, im Gesundheitsministerium ging er ein und aus.
Bei seiner Verabschiedung im Mai 2007 zeigte ihn die Mitarbeiterzeitung von Sanofi ironisch als mafiösen Paten und schrieb: "Ungerechtfertigte Einsparversuche von Krankenkassen konnte Dambacher mit ebenso vielfältigen wie unwiderlegbaren Stellungnahmen, Powerpoint-Folien oder mündlichen Anhörungen abwehren."
Mehr als hundert Mitarbeiter hatten sich zu dieser Feier am 7. Mai 2007 in der Sanofi-Zentrale in Frankfurt am Main versammelt, der damalige Deutschland-Chef von Sanofi, Heinz-Werner Meier, lobte Dambacher, weil der am Jahresende immer noch einige Millionen Euro aus seinem Spezialgeschäft beisteuerte.
Doch wie speziell dieses Geschäft tatsächlich war, konnte kaum jemand wissen. Und ob das, was sich hinter dem intern so genannten Spot-Business verbarg, legal war, müssen demnächst die Staatsanwälte klären.
Offiziell ging es darum, im Ausland Abnehmer für deutsche Medikamente zu finden, denn bei diesen Auslandsgeschäften gelten die lästigen deutschen Preisvorschriften nicht.
In Deutschland dürfen Pharmahersteller für rezeptpflichtige Arzneien nur den Krankenkassen Rabatte gewähren. Der Gesetzgeber will damit verhindern, dass Patienten am Ende vor allem jene Pillen bekommen, bei denen die Großhändler und Apotheker am meisten verdienen.
Doch die Regel gilt eben nur im Inland. Für Lieferungen ins Ausland gelten die Gesetze der Marktwirtschaft. Und genau in diese Richtung trieb Dambacher sein "Spezialgeschäft": Er bahnte Arzneimittellieferungen für Hilfsorganisationen an, verkaufte große Mengen Medikamente an afrikanische Botschaften, vor allem aber organisierte er die Belieferung von Kreuzfahrtschiffen.
So geht jedenfalls die offizielle Version der dambacherschen Erfolgsgeschichte: Die Ozeanriesen auf allen Meeren der Welt werden beliefert aus Deutschland, der Apotheke der Welt.
Doch entspricht sie auch der Wahrheit?
Bereits im vergangenen Jahr berichtete der SPIEGEL, dass die angebliche Belieferung von Hilfsorganisationen in Nordkorea durch Sanofi ein Fake war. Dass die Medikamente also gar nicht ins Ausland gebracht wurden, sondern über dunkle Kanäle wieder in deutschen Apotheken landeten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt seither im Fall der angeblichen Hilfslieferungen gegen Dambacher und andere Sanofi-Manager wegen Betrugs, Bestechung und Bestechlichkeit.
Dambacher selbst lässt über seinen Anwalt hingegen mitteilen, dass er und die Pharmafirmen getäuscht worden seien.
Das sehr viel größere Schiffsgeschäft von Sanofi galt bisher aber als unverdächtig. Die ganze Pharmaindustrie lieferte dafür seit zehn Jahren Medikamente mit 50 Prozent Rabatt an Sanofi, weil die Firma sich als Drehscheibe für die Versorgung von Kreuzfahrtschiffen anbot.
Doch mehrere tausend Seiten interner E-Mails der beteiligten Firmen, Besprechungsprotokolle und Lieferlisten legen nahe, dass auch das Schiffsgeschäft eine Erfindung war, eine bloße Legende, einzig ausgedacht, um das deutsche Arzneimittelrecht zu umgehen. Und um Sanofi und Dambacher illegale Gewinne in Millionenhöhe zu verschaffen. Denn von jeder Packung, die auf die Schiffe gehen sollte, blieben 15 Prozent des Preises bei Sanofi hängen. Und es waren jedes Jahr Millionen Packungen.
Noch ist es lediglich ein Verdacht. Sollte er sich jedoch bestätigen, wäre es einer der größten Skandale, die die Pharmaindustrie kennt. Opfer wären diesmal die Konzerne selbst, die alle das Kreuzfahrtmärchen geglaubt und Sanofi jahrelang Medikamente zum halben Preis geliefert hätten. In diesem Fall droht Sanofi eine bislang nicht gekannte Welle von Schadensersatzklagen so mächtiger Konkurrenten wie Pfizer, GlaxoSmithKline, Merck und AstraZeneca.
Immerhin summierten sich laut einer Sanofi-internen Präsentation die Einnahmen aus der angeblichen Belieferung von Kreuzfahrtschiffen und Hilfsorganisationen von 2006 bis 2010 auf mehr als 245 Millionen Euro, wobei das Schiffsgeschäft den größten Anteil daran hatte.
Dambacher startete dieses Geschäft bereits im Jahr 2001. Die Story hörte sich zunächst auch halbwegs glaubwürdig an, und er gewann immer mehr Firmen, die mitmachten. Am 16. Dezember 2004 warb der Sanofi-Mann in einer E-Mail an einen Marketingdirektor von Novartis für das Geschäft. Dambacher hängte eine Liste mit Kreuzfahrtschiffen an und versicherte: "Die in der Anlage aufgeführten Schiffe sind unter Vertrag und werden mit Arzneimitteln versorgt. Auf jedem der Schiffe sind ein oder mehrere Ärzte. Auf den Schiffen sind täglich 300 000 Personen, davon gehen 8 % zum Arzt, so dass jeden Tag 24 000 Patienten behandelt und mit Medikamenten versorgt werden."
In einem anderen Brief an einen Geschäftsführer des Pharmakonzerns AstraZeneca vom 29. Dezember 2006 erklärte Dambacher: "... während die Gesundheitspolitik in Deutschland einen immer größeren Einfluss auf den Pharmamarkt nimmt und die Einschränkungen immer größer werden, entwickelt sich das Geschäft mit den Hochseeschiffen hervorragend." Inzwischen würden 19 Reedereien mit insgesamt 151 Schiffen über Sanofi-Aventis beliefert.
Das Geschäftsmodell erschien nicht nur AstraZeneca, sondern auch Pfizer, Boehringer Ingelheim, Astellas, Lilly, Merck, GlaxoSmithKline, Janssen-Cilag und Co. so einleuchtend, dass sie bereitwillig ihre Arzneimittel an Sanofi lieferten. Zwar mussten sie ihre Präparate mit 50 Prozent Rabatt abgeben, aber da die Herstellungskosten vieler Medikamente heutzutage meist nur wenige Cent betragen, war das immer noch ein gutes Geschäft für die Konzerne.
Und es gab offenbar nichts, was die Schiffe nicht brauchen konnten: Ein Blick in die Lieferung vom Mai 2011 umfasst 600 Packungen des Potenzmittels Cialis von Lilly, 1344 Packungen des Asthmasprays Berodual von Boehringer-Ingelheim, 2160 Packungen Zovirax gegen Lippenherpes von GlaxoSmithKline, 3596 Packungen des Herzmittels Concor von Merck, 10 072 Packungen des Schmerzmittels Voltaren von Novartis, 2860 Packungen Sortis von Pfizer, 4860 Packungen Nexium von AstraZeneca und noch zehntausend Packungen anderer Medikamente und anderer Firmen.
Seit 2002 lieferte die Pharmaindustrie Monat für Monat riesige Mengen überwiegend rezeptpflichtiger Medikamente mit 50 Prozent Rabatt an Sanofi-Aventis.
Doch ist es nicht bereits naiv zu glauben, dass Kreuzfahrtriesen, auf denen meist weder die Besatzung noch die Passagiere Deutsch sprechen, Arzneimittel mit rein deutscher Beschriftung kaufen? Hätten die Vertriebsprofis der Konzerne bei so einer Geschichte nicht bereits stutzig werden müssen?
Als Empfänger der Lastwagenladungen rezeptpflichtiger Medikamente präsentierte Dambacher den Firmen das Unternehmen Carnival Enterprise S. A.
Der Firmenname Carnival war dabei wohl geschickt gewählt. Denn die Carnival Corporation mit Sitz in den USA ist der größte Kreuzfahrtkonzern der Welt. Das amerikanisch-britische Unternehmen in Miami im US-Bundesstaat Florida beschäftigt 90 000 Mitarbeiter und macht mehr als 15 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr. Zu Carnival und seinen Tochterfirmen gehören auch so bekannte Schiffe wie die "Queen Mary 2" und die "Aida"-Flotte.
Natürlich glaubten die Pharmafirmen, "dass Carnival Enterprise zum Reedereikonzern Carnival gehört, der uns als internationale Kreuzfahrtflotte bekannt war", wie Boehringer Ingelheim auf Anfrage mitteilt. Das Unternehmen lieferte von 2005 bis 2011 palettenweise Medikamente an Sanofi für Carnival Enterprise.
Den Pharmafirmen hätte allerdings auffallen können, dass Carnival Enterprise gar nicht in Miami, sondern in Venezuela und seit 2006 in der Steueroase Panama sitzt. Geschäftsführer und Gesellschafter dieser ominösen Firma war bis 2006 Siegfried Pulgrabia. Wenn Sanofi ihm aber Briefe schickte, gingen sie mal an eine Adresse in Hannover, mal in die Schweiz.
Immerhin scheint Pulgrabia tatsächlich auch in Venezuela bekannt zu sein. Jedenfalls führte ihn die deutsche Botschaft in Caracas noch vor kurzem als Vertrauensmann. Auch für einen Teil der Bundesregierung dürfte Pulgrabia kein Unbekannter sein, gehört er doch zu den Großspendern der FDP. Im Jahr 2010 überwies er 20 000 Euro an die Bundes-FDP, 2009 waren es 50 000 Euro.
Beide Male gab Pulgrabia dabei seine Schweizer Adresse an. Unter den wenigen Spendern der FDP aus dem Ausland gab es keinen, von dem die Partei mehr Geld erhielt als von Pulgrabia. Dennoch teilt die FDP auf Anfrage mit, dass sie keine Ahnung habe, wer dieser generöse Pulgrabia sei.
Pulgrabias Nachfolger bei Carnival gibt nicht weniger Rätsel auf: Harald Böttner fiel bisher weder in der Pharmaindustrie noch im Schiffsgeschäft auf. Dafür leitet er als Teamchef den Motorrennstall "MS Racing".
Böttner lebt in der Schweiz im malerischen Örtchen Vernate, nur wenige Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Und ebenfalls nur ein paar Autominuten von Böttner sind es zum Ort Caslano, den Pulgrabia als Adresse bei seinen Parteispenden an die FDP angegeben hat.
Dass die angebliche Carnival Enterprise in Panama kaum mehr als eine Briefkastenfirma ist, gibt heute auf Nachfrage selbst Pulgrabia zu. Auf ihrem Briefpapier nennt die Firma, die jährlich Arzneimittellieferungen über zig Millionen Euro abwickelt, eine Telefonnummer, die nicht mal in Panama beheimatet ist. Wenn Böttner mit Sanofi korrespondiert, benutzt er immer wieder die E-Mail-Adresse carnival.enterprise@hotmail.com, Faxe laufen über eine Schweizer Nummer.
Carnival Enterprise jedenfalls schickte Monat für Monat lange Bestelllisten an die Sanofi-Abteilung Public & Market Relations. Sanofi stellte dann die Lkw-Ladungen zusammen, bei denen sich die hauseigenen Medikamente ebenso fanden wie die Pillen der anderen Firmen. Anschließend wurden sie nach Belgien zu einem Verteilerzentrum gekarrt, das zu einem Pharmagroßhändler gehört.
Laut den offiziellen Frachtpapieren wurden die Arzneimittel dann von Belgien nach Genua geliefert, wo sie angeblich auf die Schiffe verladen wurden. Jedenfalls versichert dies Böttner in den Briefen, die er jeden Monat an Dambacher schickte, nachdem eine Warensendung komplett abgewickelt worden war.
Am 2. Juni 2011 schrieb Böttner in einem solchen Brief an Dambacher: "Die von Ihrem Unternehmen im Auftrag der Carnival Enterprise S. A. an das Pharma Distri Center in Sint-Niklaas Belgien gelieferten Arzneimittel wurden von dort am 17.05. nach Genua transportiert. Die entsprechenden Dokumente liegen diesem Schreiben bei. In Genua befindet sich das Verteilerzentrum für die von uns belieferten Kreuzfahrtschiffe und von dort aus werden die Arzneimittel auf die jeweiligen Schiffe verbracht ... Seien Sie versichert, dass wir uns vertragskonform verhalten und die von Ihnen gelieferten Arzneimittel nur auf Kreuzfahrtschiffe liefern."
Kann das aber überhaupt sein? Die meisten Schiffe, die Carnival Enterprise angeblich ausstattet, gehören US-Reedereien und kreuzen keineswegs regelmäßig im Mittelmeer, um angeblich in Genua große Mengen deutsch-verpackter Arzneimittel an Bord zu nehmen.
Der SPIEGEL hat die von dem angeblichen Schiffsausrüster Carnival an Sanofi und von Sanofi an andere Pharmaunternehmen geschickten Listen der belieferten Kreuzfahrtriesen überprüft und die Reedereien um eine Stellungnahme gebeten, ob sie tatsächlich Medikamente von Carnival Enterprise bezogen haben. Das Ergebnis lässt das "Spezialgeschäft" von Sanofi mehr als fraglich erscheinen:
Laut dem "Verzeichnis der belieferten Hochseeschiffe", das Dambacher im Jahr 2010 zum Beispiel an den Pharmakonzern Janssen-Cilag geschickt hatte, beliefert Carnival Enterprise 23 Kreuzfahrtschiffe des Marktführers Carnival Corporation.
Auf Anfrage weist der US-Konzern aber darauf hin, dass Carnival Enterprise erstens "in keiner Weise mit Carnival Corporation verbunden" sei, man den Namensvetter in Panama noch nicht mal kenne und auch "zu keinem Zeitpunkt Arzneimittel von ihm gekauft" habe. Die US-Reederei sei vielmehr "besorgt über den offensichtlichen Betrug dieser Firmen und über die ungenehmigte Verwendung des Markennamens Carnival".
Der zweitgrößte Kreuzfahrtkonzern der Welt, die Royal Caribbean Cruises Ltd., macht einen Umsatz von 7,5 Milliarden Dollar im Jahr. Laut der Sanofi-Liste stattet Böttners Firma 24 Royal-Caribbean-Schiffe mit Arzneimitteln aus, darunter auch das damals größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Oasis of the Sea". Auf Anfrage teilt Royal-Caribbean-Sprecherin Cynthia Martinez mit: "Wir haben niemals Geschäfte gemacht noch Arzneimittel gekauft von Carnival Enterprise. Wir haben auch noch nie von dieser Firma gehört."
Mit Carnival und Royal Caribbean fallen aber schon mal ein Viertel aller Schiffe weg, die Böttners Carnival zu beliefern vorgibt.
Die ebenfalls in Miami beheimatete Norwegian Cruise Line, deren elf Kreuzfahrtriesen Böttner ebenfalls ausgestattet haben will, sagt, dass sie keinerlei Geschäftsverbindungen mit Carnival Enterprise unterhalte.
Laut ihrem Verzeichnis belieferte Carnival Enterprise auch 19 Schiffe der Reederei Princess Cruises mit Sitz in Kalifornien. Doch Princess-Sprecherin Karen Candy versichert, dass die Reederei ihre Medikamente ausschließlich von den Firmen "LE West" und "Bellegrove" beziehe, nicht jedoch von Carnival Enterprise.
Die Reederei Cunard ("Queen Mary 2", "Queen Elizabeth 2", "Queen Victoria") bestreitet ebenfalls, jemals Geschäftsbeziehungen mit dem fraglichen Unternehmen unterhalten zu haben.
Keine einzige Reederei bestätigte, mit der Firma, an die die deutsche Pharmaindustrie seit Jahren Medikamente im Wert von zig Millionen Euro liefert, irgendwelche Kontakte zu unterhalten.
Über seinen Anwalt lässt Erich Dambacher mitteilen: "Sollte sich bestätigen, dass die Ihnen gemachten Angaben zutreffend sind, wären Herr Dambacher und die übrigen Beteiligten auf Seiten der Produktlieferanten vorsätzlich getäuscht worden."
Doch wie ist es zu erklären, dass die Pharmakonzerne die Geschichte mit den Kreuzfahrtschiffen so bereitwillig abgenommen haben? Ein Pharmachef, der nicht genannt werden will, erklärt es so: "Unser Geschäftspartner war Sanofi, das war ein seriöses Unternehmen, wir haben denen geglaubt."
Für Dambacher selbst wurde das Geschäft übrigens erst so richtig interessant, als er bei Sanofi ausschied. Zuvor hatte er noch die Firma Floki GmbH gegründet, in der seine Söhne Florian und Kilian Geschäftsführer wurden. Kurz vor seinem Abschied bot Sanofi Dambacher einen Vertrag an, der Floki als "Exklusiv-Beauftragten" für die Belieferung der Kreuzfahrtschiffe installierte.
Unterschrieben wurde der Vertrag auch von Hervé Gisserot, einem der Sanofi-Geschäftsführer. Außerdem verhalf Sanofi-Deutschland-Chef Heinz-Werner Meier Dambacher noch zu einem Beratervertrag, der ihm eine "monatliche Pauschal-Vergütung" von 9200 Euro sicherte. Noch heute unterhält Dambacher einen Beratervertrag mit Sanofi-Aventis, wenn auch mit geringerem Honorar.
Der eigentliche Geldfluss erfolgte aber über die Carnival Enterprise. Mit ihr schloss Dambachers Firma Floki am 28. Januar 2008 einen "Dienstleistungsvertrag". In Paragraf 6 dieses Vertrags ist geregelt, dass Dambachers Floki von Carnival 85 000 Euro pro Monat erhält.
Dambacher warb weitere Pharmafirmen an, sorgte dafür, dass Carnival die Arzneimittel weiterhin mit 35 Prozent Rabatt bekam, und beruhigte immer wieder Unternehmen, denen Zweifel an dem Geschäftsmodell kamen.
Zum Beispiel den Bayer-Konzern. Dessen Vertriebsmanager Manfred H. hatte 2007 offenbar selbst eine Kreuzfahrt auf der "Costa Victoria" gemacht und dort Arzneimittel in italienischer Aufmachung entdeckt. H. wunderte sich, weil die "Costa Victoria" doch von Carnival Enterprise mit deutsch-verpackten Produkten beliefert wurde. Bayer, so heißt es in einem Protokoll der Floki-Gesellschafterversammlung vom 15. September, habe "Vermutungen geäußert, dass für Schiffe bestimmte Ware nach Deutschland geliefert würde".
Am 24. September versucht Böttner, Bayer-Vital-Chef Hans-Joachim Rothe in einem Brief zu beruhigen: "Wir können Ihnen versichern, dass die Carnival Enterprise keinerlei Waren, die zur Ausrüstung von Kreuzfahrtschiffen bezogen werden, an Dritte weiterverkauft." Doch Bayer ließ sich nicht umstimmen. Drei Tage später, am 27. September, kündigte die Pharmafirma die Belieferung von Kreuzfahrtschiffen.
Brenzlig war auch der Fall Berlin-Chemie. Das Pharmaunternehmen lieferte sein Herzmittel Torem zum halben Preis an Sanofi. Ende 2009 stellte es aber fest, dass diese Packungen offenbar in deutschen Apotheken landeten. Berlin-Chemie sprach deshalb gegenüber Sanofi am 13. November 2009 die "außerordentliche, fristlose Kündigung" aus und begründete dies in einem Schreiben an den Leiter der Sanofi-Rechtsabteilung Kurt Arnold: Die Marktforschung habe gezeigt, dass die Zahl der Packungen, die der Großhandel offiziell von Berlin-Chemie bezieht, deutlich niedriger ist als die Zahl der Packungen, die bei den Krankenkassen abgerechnet werde. "Eine Überprüfung hat ergeben, dass die Abweichung derjenigen Liefermenge entspricht, welche bisher unter dem Rahmen-Liefervertrag geliefert wurde", heißt es in dem Schreiben.
Auch der Potenzmittellieferant Lilly hatte offenbar Zweifel am Verbleib seiner Pillen. Am 17. August 2009 schrieb Carnival-Chef Böttner an das Pharmaunternehmen: "Wir wurden vor einigen Tagen von unserem Partnerunternehmen in Deutschland, der Floki GmbH, darüber informiert, dass Lilly Befürchtungen habe, dass von Carnival Enterprise bezogene Arzneimittel wieder in den deutschen Markt geliefert wurden." Jedoch, so Böttner, können die "Belieferungen des sogenannten Graumarktes in Deutschland vielfältige Ursachen haben".
Sanofi, Dambacher und Böttner beauftragten regelmäßig Wirtschaftsprüfer, die bestätigen sollten, dass Carnival die Arzneimittel tatsächlich ordnungsgemäß ins Ausland verfrachtet. Sanofi übernahm sogar 60 Prozent der anfallenden Kosten.
Die Gutachten wurden anschließend den beteiligten Pharmafirmen zur Verfügung gestellt und sollten beweisen, dass mit den Lieferungen alles in Ordnung war. Tatsächlich aber sind sie nicht geeignet, die Zweifel auszuräumen. Denn alle Wirtschaftsprüfer weisen darauf hin, dass ihre Prüfung ausschließlich anhand von Unterlagen erfolgte, die ihnen Carnival Enterprise zur Verfügung stellte.
Erstaunlicherweise wurden auch nicht Wirtschaftsprüfer in Europa ausgesucht. Diese hätten immerhin überprüfen können, ob die Arzneimittel in Genua tatsächlich auf die Kreuzfahrtschiffe verladen wurden. Stattdessen bekamen Kanzleien in Venezuela den Auftrag, KPMG, PwC und Mazars.
Erscheint es plausibel, dass ausschließlich Wirtschaftsprüfer in Venezuela die Einhaltung der Lieferwege in Europa bestätigen? Novartis beantwortet Fragen dazu ebensowenig wie Pfizer oder Bayer. Ist es den Unternehmen peinlich, wie leicht sie offensichtlich hinters Licht geführt wurden?
PwC-Wirtschaftsprüfer Victor Morales aus Venezuela bestätigt auf Anfrage zwar, Autor eines dieser Gutachten gewesen zu sein. Allerdings habe es sich bei diesem "Projekt" nicht um eine klassische Prüfung gehandelt, sondern lediglich um eine "spezielle Übersicht" ("a special review"). Darüber hinaus sei PwC nicht berechtigt, irgendwelche Fragen zu beantworten.
KPMG ließ ebenso wie Mazars alle Fragen unbeantwortet, auch jene, wie es denn sein könne, dass sie als Wirtschaftsprüfer genau das bestätigen, was die Reedereien bestreiten: dass die Arzneimittel auf die Schiffe geliefert wurden.
Immerhin war die Schreibarbeit, die KMPG für Carnival ablieferte, gut dotiert: Für das (ohne Anhang) vier Seiten umfassende Gutachten im Jahr 2007 kassierte KPMG Venezuela 21 000 Dollar. Der Leiter der Abteilung Geschäftsentwicklung bei Sanofi, Jürgen Kutter, schrieb an Böttner, dass er wieder "sehr zufrieden" sei mit dem Ergebnis.
Dambacher lässt über seinen Anwalt mitteilen, dass für alle "die uneingeschränkten Testate" der Wirtschaftsprüfer der "zuverlässige Beweis" dafür waren, dass alles in Ordnung war. Gleichwohl, so Dambacher, sei "es denknotwendig, nicht auszuschließen, dass Carnival Enterprise ... in großem Ausmaß Falsifikate solcher Empfangsbestätigungen zur Täuschung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften erstellt hat", auch wenn es dafür bis heute keine Anhaltspunkte gebe.
Der SPIEGEL hat Sanofi-Aventis-Geschäftsführer Martin Siewert vergangene Woche eine Liste mit 28 Fragen zu dem Komplex geschickt. Keine einzige davon hat das Unternehmen beantwortet. Stattdessen kam folgende knappe Erklärung per Fax: "Die Sanofi-Aventis Deutschland GmbH hat den Sachverhalt überprüft. Die Sanofi-Aventis Deutschland GmbH steht in engem Kontakt mit der Staatsanwaltschaft und hat ihre Kooperation angeboten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir ein laufendes Ermittlungsverfahren nicht kommentieren und Ihre Fragen nicht beantworten können."
Carnival-Präsident Harald Böttner hat die an ihn gestellten Fragen ebenfalls nicht beantwortet, weil es sich "größtenteils" um "Geschäftsinterna" handle, die er "schon aus rechtlichen Gründen" nicht beantworten könne. Außerdem müsse er "davon ausgehen, dass der Vertriebsweg, wie in den Gutachten beschrieben, eingehalten wurde".
Der in Venezuela lebende Ex-Präsident der Carnival und FDP-Großspender, Siegfried Pulgrabia, sagt: Bis zu dem Zeitpunkt, als er die Firma an Böttner übergeben habe, sei alles in Ordnung gewesen. Böttner und Dambacher hätten ihm jetzt die Fragen des SPIEGEL geschickt. "Aber was da heute passiert, davon habe ich keine Ahnung."
Das Erstaunliche im Fall Sanofi ist, dass alle wichtigen Leute in der Firma über das Spezialgeschäft Bescheid wussten - aber offenbar keiner nachfragte, ob das alles überhaupt stimmen kann.
Sanofi-Deutschland-Chef Heinz-Werner Meier gegenüber zeigte sich Dambacher auf seiner Abschiedsfeier "dankbar, dass Sie bei etwas risikobehafteten Entscheidungen hinter mir und nicht neben mir gestanden sind. Ich denke an solche Dinge wie das Spot-Business".
Das vermutlich schönste Lob bekam Dambacher zum Abschied von Sanofi-Geschäftsführer Hervé Gisserot, der heute als Vize-Chef GlaxoSmithKline Europa leitet. "Lieber Herr Dambacher", beginnt Gisserots damalige E-Mail, "ich habe von Ihnen sehr viel über den deutschen Markt gelernt. Ihre Beiträge sind für unser Geschäft und für mich persönlich entscheidend gewesen. Und das Spot-Business hat einen kleinen Teil des großen Lochs kompensieren können ... Mit meinen besten Grüßen, Hervé."
Von Markus Grill

DER SPIEGEL 42/2012
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