15.10.2012

EHRUNGEN„Zuerst die Wahrheit!“

Liao Yiwu kritisiert Mo Yan.
SPIEGEL: Herr Liao, wie denken Sie über die Auszeichnung Ihres Schriftstellerkollegen Mo Yan?
Liao: Ich bin fassungslos. Ich habe es wie eine Ohrfeige erlebt. Vor zwei Jahren saß ich im Zug von Berlin nach Frankfurt und erfuhr während der Fahrt, dass mein enger Freund, der in China inhaftierte Schriftsteller Liu Xiaobo, den Friedensnobelpreis bekommt. Ich war damals so glücklich wie ein Kind, es war für mich eine Bestätigung, dass es allgemeingültige Werte gibt, eine Moral, und dass der Nobelpreis dafür da ist, Schriftsteller zu ermutigen, für diese Moral einzustehen. Am Donnerstag vergangener Woche fuhr ich wieder im Zug von Berlin nach Frankfurt und hörte dort, dass Mo Yan den Literaturnobelpreis bekommt. Mo Yan ist ein Staatsdichter. Das verwirrt mich total. Gibt es diese allgemeingültigen Werte doch nicht? Sind sie so diffus, dass ein Nobelpreis einmal einem Inhaftierten und Entrechteten gelten kann und ein anderes Mal einem Diener derjenigen, die inhaftieren und entrechten?
SPIEGEL: Gibt es für Sie keinen Unterschied zwischen einem Friedenspreis und einem Literaturpreis?
Liao: Für mich kommt zuerst die Wahrheit und dann die Literatur. Wir Chinesen haben es mit einem diktatorischen System zu tun, und wir Schriftsteller müssen uns dazu verhalten. Wie verhält sich Mo Yan? Er ist ein Beispiel dafür, wie ein Regime Schriftsteller beeinflussen kann. Er machte bei einem Kalligrafieband zu Ehren Maos mit. Das ist für mich ein Zeichen, dass es für ihn nicht die Wahrheit ist, die zuerst kommt.
SPIEGEL: Kennen Sie ihn persönlich?
Liao: Ja, er kam einmal nach Chengdu, dort sind wir uns begegnet. Danach gab es immer wieder Gelegenheiten, bei denen wir uns hätten treffen können, doch er ist mir immer ausgewichen. Er weiß, dass er die Oberfläche Chinas repräsentiert, die glanzvoll aussehen kann. Und ich stehe für das China von unten, für den Bodensatz, den Dreck.
SPIEGEL: Mo Yan lebt zwar relativ angepasst, sein Werk ist aber nicht unkritisch.
Liao: Wenn es darauf ankommt, zieht sich Mo Yan in seine Welt der Kunstfertigkeit zurück. Damit erhebt er sich über die Wahrheit. Mir gefällt das nicht. Um ganz bei der Wahrheit bleiben zu können, braucht man Abstand zur chinesischen Regierung, überhaupt zu jeder Form von Politik, auch zur Politik demokratischer Staaten. Als vor drei Jahren China das Gastland auf der Buchmesse in Deutschland war, gehörte Mo Yan zur offiziellen Delegation. Er war hier als das Symbol der Kultur der KP. Er hält keinen Abstand.
SPIEGEL: Die Auszeichnung von Mo Yan lässt sich immerhin als Aufforderung verstehen, sich mit China zu beschäftigen. Ist das schon ein Wert an sich?
Liao: Nein, das ist es nicht. Es ist ganz schädlich, was da passiert ist, ein miserables Beispiel für die diffuse Moral im Westen. Die chinesischen Offiziellen fühlen sich durch solche Auszeichnungen nur bestätigt in dem, was sie Regime-Gegnern angetan haben und tun. Und das ist furchtbar für die Leute, die unter ihnen zu leiden haben. Sie glauben gar nicht, wie wütend meine Freunde in China über diese Nachricht sind, ein Musiker will eine Demonstration organisieren. Sie sind ganz durcheinander und fragen sich, ob sich der Westen als Verlängerung, als Erweiterung des chinesischen Systems versteht.
SPIEGEL: Sie selbst haben in Deutschland vergangenes Jahr den Geschwister-Scholl-Preis bekommen und nun den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das war ein anderes Signal an die chinesischen Offiziellen: nämlich den Umgang mit Entrechteten zu überdenken.
Liao: Ja, darüber haben sich die Parteileute wahnsinnig geärgert, und das zeigt, wie viel man eigentlich bewegen kann mit einem Preis. Meine Hoffnung gilt den Lesern, der Zivilgesellschaft, denjenigen, die auf der Suche nach Wahrheit sind. Ich lebe seit über einem Jahr in Deutschland. Ich habe den Eindruck, die Menschen hier suchen nach Wahrheit, sie haben das Unrecht der Vergangenheit aufgearbeitet, hier gibt es Gedenkstätten und Stolpersteine. Deutschland ist meine geistige Heimat.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 42/2012
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