15.10.2012

MUSIKEiserne Lady

Die Ägypterin Sherine Amr ist die Sängerin einer Heavy-Metal-Band. Sie hat es schwer, nicht aufzufallen in einem Land, das nicht weiß, was es mal sein will.
Nachdem Sherine Amr zehn Minuten lang auf der Bühne geschrien hat, tritt sie ans Mikrofon, schaut in die Menge und stellt erst mal etwas klar: "Wir tun nichts Böses, wir machen einfach nur Musik, wir sind normale Leute." Sie sagt den Satz mit viel Sarkasmus in der Stimme. Sie sagt ihn, damit niemand denkt, es sei verboten, was sie hier macht.
Ihr halbes Leben lang lacht Sherine Amr schon über diesen Satz, also lacht sie auch an diesem Abend, und das Publikum applaudiert. Dann schreit und singt sie wieder, eineinhalb Stunden lang. Ein paarmal springt sie dabei mit ihrer E-Gitarre in die Luft, was aussieht wie ein Jauchzer.
Die Muslimin Sherine Amr, 27, gibt sich Mühe, nicht aufzufallen, was nicht einfach ist, denn sie tut etwas, was viele in ihrem Land ziemlich ausgefallen finden: Heavy Metal hören, Heavy Metal spielen, Heavy Metal leben.
Sie war eine der ersten Frauen in einer Szene, deren Musik lange Zeit als Satansmusik verschrien war, der immer noch ein Teufelsimage anhängt und die nicht will, dass sich so etwas wiederholt wie 1997. Damals wurden rund hundert Fans und Musiker ins Gefängnis gesperrt, die Presse schrieb, dass die jungen Leute auf den Koran pinkelten und Katzenblut tränken. Sie wurden als Drogensüchtige und Sexbesessene beschimpft, ein Großmufti erklärte sie zu Abtrünnigen.
Sherine war damals zwölf, sie saß im Auto ihrer Eltern, die Zeitungsjungen auf der Straße brüllten die Schlagzeilen, auf einem Magazin las sie in dicken, roten Buchstaben: "Teufelsanbeter aus Ägypten". Der Satz machte ihr Angst, ihre Mama sagte, man solle davon die Finger lassen. Satansmusik, dachte Sherine, bis ihr ein Freund in einer Freistunde, da war sie 18, seine Kopfhörer gab und ihr "The Unforgiven" von Metallica vorspielte, ein Metal-Epos, ruhig und rau. Ein Text, der aus dem Herzen kam, sagt Sherine, und von einem Menschen erzählt, der sich einer Gesellschaft fügt, statt er selbst zu sein.
Wenn ihre Familie diese Musik nicht leiden konnte, dann wollte sie die Musik trotzdem hören. Und wenn ihr Land diese Musik diffamierte, dann wollte sie die Musik trotzdem spielen. Damals, in der Schule, begann ihre Revolte. Ihre Stimme wurde zu einer Stimme der Revolution, lange bevor es in ihrem Land überhaupt eine Revolution gab.
Sie wünscht sich, dass es niemanden interessiert, dass sie Muslimin und Metallerin ist, dass es nur um ihre Musik geht. Sie wünscht sich, dass sie nicht erklären muss, dass Heavy Metal nichts mit der Hölle zu tun hat, dass in den harten Sounds tiefe Gedanken liegen, dass es ihr um Gefühle geht. Ja, um Gefühle.
Sie ist wütend auf eine Welt, die Kriege führt und nach Klischees funktioniert, auf ein Land, in dem Frauen nicht frei sind.
Nur wenige Wochen ist es her, da haben die Medien über die Szene berichtet. Ein Rechtsanwalt, der den Muslimbrüdern nahesteht, hatte Anzeige gegen den Konzertveranstalter eines Kulturzentrums erstattet wegen des Verdachts des Satanismus. Es gibt einige in der Szene, die sagen, dass sich jetzt zeigen werde, wie weit Ägypten sei, ob das Land bereit sei, seine Subkulturen zu akzeptieren.
In den Neunzigern wurde die Musik aus der Öffentlichkeit gedrängt, von der Jahrtausendwende an entwickelte sie sich im Untergrund: Bald kam eine neue Generation von Bands, die die Provokation mieden. Sie nannten sich Your Prince Harming, Scarab, Varden, Enraged, und Sherine, eine von drei Frontfrauen in der Metal-Szene, nannte ihre Band Massive Scar Era. Sie trafen sich in Foren, tauschten über das Netz ihre Musik, spielten Konzerte in der Wüste, in der Bibliothek Alexandrias und in dem Kairoer Kulturzentrum. Es gab nicht mehr die große Hetze, aber immer wieder Schikanen.
Die Revolution hat den Metalheads ein neues Selbstbewusstsein gegeben, aber es ist längst nicht klar, was für ein Land Ägypten heute ist und was für ein Land es sein will. Radikale Muslime haben vor kurzem angeblich einen jungen Mann umgebracht, weil er in der Öffentlichkeit mit seiner Verlobten Händchen hielt.
Als sie noch glaubte, Ägypten erlebe eine Revolution und die Revolution bedeute Freiheit, war auch Sherine auf dem Tahrir-Platz. Doch bald sah sie, dass viele die Revolution nur für sich selbst nutzten, die Musiker genauso wie die Politiker. Sie hat gelernt, dass Veränderungen länger als ein Jahr brauchen, und die Veränderungen, die sie sich wünscht, brauchen wohl eine Ewigkeit. Für sie ist es jetzt zwar nicht mehr das Ägypten Mubaraks, in dem es nur eine Richtung gibt, aber im Ägypten der Muslimbrüder ist sie auch nur eine Frau, die zu viel Westen in sich hat und die es erdulden muss, dass sexuelle Belästigungen auf der Straße zunehmen.
Sherine lebt auf 60 Quadratmetern, allein, nur mit ihrer Katze, eine schlicht eingerichtete Wohnung. Auf einem Schrank stapeln sich CDs, die neu erschienene Platte, der Koran liegt neben dem Bett mit Blümchendecke, davor ein Teppich mit Herzen. Sie arbeitet als Projektmanagerin in einer Werbeagentur.
Ihre Mutter hat inzwischen akzeptiert, dass sie in der Band spielt, auch wenn sie immer noch findet, dass Metal keine Musik ist. Ihre Schwester sagt zumindest nicht mehr, dass Musik Sünde sei. Und ihrem Onkel hat einfach niemand gesagt, dass sie gerade ein paar Konzerte in Polen, Tschechien und Deutschland gegeben hat und schon einmal im Whisky à Go Go spielte, dem legendären Club auf dem Sunset Strip in Los Angeles, in dem schon Alice Cooper und Led Zeppelin auftraten.
Der Kampf, den sie führt, ist auch einer gegen die Medien. Der ägyptischen Presse will sie keine Interviews mehr geben. Das Fernsehen, das von ihrem Konzert berichten wollte, schickte sie weg. Sherine hat gelernt, dass es nicht immer gut ist, gehört zu werden.
Eine Tageszeitung berichtete dennoch über Sherines Auftritt und die Satanismus-Vorwürfe. "Jetzt hab ich richtig Probleme bei der Arbeit", schreibt sie in einer E-Mail. "Meine Mutter ist total traurig, und wir haben Angst, dass mein Onkel jetzt denkt, dass ich als Satanistin angeklagt bin."
Von Sonja Hartwig

DER SPIEGEL 42/2012
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