15.04.1996

TerroristenDiskrete Bitte

Zehn Jahre nach dem Anschlag auf die Berliner Disko „La Belle“ soll dem mutmaßlichen Attentäter der Prozeß gemacht werden.
Im libanesischen Zentralgefängnis in Rumije ist es derzeit etwas eng. Jassir Chraidi etwa muß sich die karge Zwei-Mann-Zelle mit Blick auf die Beiruter Berge mit einem halben Dutzend Dieben und Räubern teilen.
Dabei ist der Mann eine Berühmtheit, zumindest im Orient. Seit drei Jahren balgen sich Staatsanwälte, Diplomaten und Regierungen um ihn. In der nächsten Woche wird sich auch der libanesische Staatspräsident Elias Hrawi die Akte des Häftlings kommen lassen.
Der Palästinenser Chraidi, 36, ist dringend verdächtig, in den achtziger Jahren als Söldner für den libyschen Geheimdienst gearbeitet zu haben. Für einen Mordanschlag in West-Berlin wird er verantwortlich gemacht, vor allem aber gilt er den deutschen Behörden als Drahtzieher des Bombenattentats auf die Berliner Diskothek "La Belle" im April 1986. Dabei starben drei Menschen, mehr als 200 wurden verletzt.
Nur neun Tage nach dem Anschlag gab der damalige US-Präsident Ronald Reagan seiner Luftwaffe den Befehl, Tripolis und Bengasi zu bombardieren. Der Revanche-Angriff galt dem Mann, den Washington schon damals als Auftraggeber der Berliner Bluttat ausgemacht hatte: dem libyschen Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi.
Pünktlich zum zehnten Jahrestag der Sprengstoffattacke meldete sich die deutsche Botschaft in Beirut jetzt bei den Berliner Ermittlern. Die libanesische Regierung sei jetzt endlich bereit, Chraidi auszuliefern. Selbst die schon einmal vorgebrachte diskrete Bitte der nahöstlichen Justiz, ein solches Entgegenkommen mit einem neuen Mercedes für die Beiruter Strafverfolger zu belohnen, wurde nicht wiederholt.
Mit Chraidis Auslieferung könnte in der Hauptstadt demnächst der Prozeß um einen der spektakulärsten Terroranschläge der Nachkriegszeit beginnen. Tausende von Seiten aus Stasi-Akten haben die Ermittler zusammengetragen, Agenten und Doppelagenten vernommen. Ein komplexes Mosaik, von dem bis heute noch nicht alle Teile bekannt sind.
Jassir Chraidi gilt als eine der schillerndsten Figuren der arabischen Terrorszene; wie etliche seiner Gesinnungsfreunde zog er besonders gerne im geteilten Berlin seine Fäden. Schon 1984 schrieb ihn die West-Berliner Polizei zur Fahndung aus. Chraidi war dringend verdächtig, am Spreeufer den angeblich für den amerikanischen Geheimdienst arbeitenden Libyer Mustafa el-Ashek mit drei Kopfschüssen liquidiert zu haben. Ein libanesisches Gericht sprach Chraidi allerdings 1994 frei.
Nur vier Wochen nach dem Attentat tauchte Chraidi wieder in Berlin auf - diesmal im Osten. An der libyschen Botschaft wurde er mit neuen Papieren und unter neuem Namen (Youssef Mohamed Salam) als Mitglied des technischen Personals angestellt. Fortan diente Chraidi dem libyschen Geheimdienstresidenten Ali Ibrahim Keshlaf. Der hatte das "Volksbüro der Sozialistischen Libyschen Arabischen Volksjamahiriya" zu einer regelrechten Terrorzentrale ausgebaut.
Mitte März 1986 planten die Gaddafi-Mannen einen großen Anschlag in West-Berlin. Zunächst spähten sie eine Kaserne, ein Krankenhaus und das Hauptquartier der US-Armee an der Clayallee aus. Im Diplomaten-Golf (DDR-Kennzeichen: CD 68-20) schaffte die Chraidi-Gruppe, so die Ermittler, sieben Handgranaten, zwei Maschinenpistolen, Reservemagazine und drei Pistolen mit Schalldämpfern in einen Kreuzberger Unterschlupf.
Schließlich entschied das Kommando nach den Recherchen der Fahnder, eine Diskothek anzugreifen - das Schöneberger Tanzlokal "La Belle" wurde vorwiegend von farbigen US-Soldaten besucht, und von dort aus war der sichere Osten in nur wenigen Minuten zu erreichen. Am 5. April 1986 um 1.49 Uhr zündete die Bombe. 1,7 Kilogramm Sprengstoff legten den Klub in Schutt und Asche.
Das Massaker geschah unter den Augen der Stasi. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hatte sich ständig von Agenten aus Chraidis Umgebung über den Stand der Vorbereitungen berichten lassen. Die Ost-Berliner Geheimdienstler wußten sogar vom "La Belle" als möglichem Ziel.
Nach dem Anschlag registrierten Stasi-Spezialisten konsterniert, wie der zu "Prahlsucht und Schwatzhaftigkeit" (MfS-Einschätzung) neigende Chraidi sich mit der Tat brüstete und alle Fernsehsendungen darüber aufzeichnete.
Aber auch für die Amerikaner war die Bomben-Attacke nicht überraschend gekommen. Bereits am 27. März war der amerikanische Botschafter Francis J. Meehan im DDR-Außenministerium vorstellig geworden: Er habe Informationen, daß die libysche Botschaft "feindliche Aktivitäten" gegen die "USA in Westeuropa und möglicherweise auch in West-Berlin" plane.
In Washington sprach US-Präsident Ronald Reagan nach dem Anschlag sogar von "direkten, präzisen und unwiderlegbaren Beweisen" für Gaddafis Schuld. US-Spezialisten hätten entsprechende Funksprüche von Tripolis nach Ost-Berlin aufgefangen und entschlüsselt. Reagans Befehl, Libyen zu bombardieren, führte weltweit zu einer hitzigen Kontroverse, weil er die Belege nie präsentierte. Viele hielten den Wüstendiktator für unschuldig.
Während sich die Amerikaner nach der Wende die Stasi-Akten aus Berlin kommen ließen, zeigen sie sich selbst bis heute ungewöhnlich spröde. Trotz zahlloser Bitten der Berliner Behörden übermittelte die US-Regierung noch kein einziges Beweismittel an die Staatsanwaltschaft.
Und auch die deutschen Geheimdienste wollen ihre Akten über die Hintergründe des Anschlags nicht rausrücken. Erst im vergangenen Monat schickte der Bundesnachrichtendienst der Berliner Gauck-Behörde Stasi-Akten zum "La Belle"-Anschlag zurück, die der Geheimdienst sich mit Hilfe eines Überläufers verschafft hatte. Jetzt endlich erhält sie die Justiz.
Besonders eifersüchtig hütet das Pullacher Referat 16 c (Terrorismus) aber immer noch einen schmalen Hefter, der den Beweis für die Schuld der Libyer enthält: die entschlüsselten Funksprüche zwischen der Regierung in Tripolis und ihrer Ost-Berliner Botschaft.
Sogar die knappe Gratulation nach dem "La Belle"-Attentat steckt in dem Ordner: "Gute Arbeit."

DER SPIEGEL 16/1996
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