15.04.1996

ZeitschriftenLächelnde Leiche

Beim Jahreszeiten-Verlag kriselt es: Die Frauenblätter Für Sie und Petra leiden an Schwund, die Zeitgeistillustrierte Tempo wird eingestellt.
Der Zeitpunkt war unpassend. Mitten in der hektischen Produktionsphase zum Mai-Heft (Titel: "Reiseziel Liebe") trommelte Tempo-Chefredakteur Walter Mayer am vergangenen Donnerstag seine Crew zusammen.
Die 20 Tempo-Macher drängelten pünktlich um 12 Uhr ins Chefzimmer. Neben dem zerknautschten Österreicher Mayer standen - mit Grabesmiene - Verleger Thomas Ganske und sein neuer Geschäftsführer Bernd Runge. Die Redakteure ahnten Böses.
Mit zitternder Stimme verkündete der 48jährige Chef des Hamburger Jahreszeiten-Verlags, daß Tempo aus wirtschaftlichen Gründen sofort eingestellt werde. Ab Montag sei die Redaktion geschlossen, die Arbeitsplätze mit Elbblick müßten geräumt werden.
In das entsetzte Schweigen hinein erklärte Geschäftsführer Runge: "Das Blatt hat auf keinem Markt Akzeptanz gefunden, weder bei den Lesern noch bei den Anzeigenkunden." Daraus müsse man nun die Konsequenz ziehen.
Textchef Uwe Kopf, seit 1990 bei Tempo, lachte hysterisch auf. Andere heulten, Ganske beteuerte, man möge ihm seine Trauer abnehmen. "Das ist keine Floskel, es bewegt mich, glaubt mir, ich hing an dem Blatt."
Tempo war für Ganske nicht irgendein Objekt - es war sein Coming-out als Verleger, seine Emanzipation vom übermächtigen Vater Kurt, der den Jahreszeiten-Verlag (Jalag) und den Buchverlag Hoffmann und Campe zu einem kleinen Medienreich gemacht hatte.
Zähneknirschend mußte Sohn Thomas 1979 mit 31 Jahren das Imperium übernehmen, nachdem der Vater gestorben und sein älterer Bruder Michael nach Kanada ausgewandert war. Der Kunsthistoriker kümmerte sich einige Jahre lang brav um Blätter wie Für Sie, Petra, Vital, Zuhause Wohnen, Der Feinschmecker und das Reisemagazin Merian.
Doch Mitte der achtziger Jahre wollte er endlich selber Spuren hinterlassen. Alles sei "zu Tode verwaltet worden", sagte Ganske, er wolle "aggressiv in den Markt gehen". Der Angreifer holte Markus Peichl vom österreichischen Wiener und heckte mit ihm das erste deutsche Zeitgeistmagazin aus. 1986 kam Tempo auf den Markt und sorgte mit neuer Optik und respektloser Sprache für Aufregung.
Ganske war glücklich - auch wenn das Blatt Verluste machte. Sein Scoop (Mayer: "Aufputschmittel Tempo") schien gelungen, die Branche horchte auf. "Das ist meine Gründung", schwärmte Ganske im kleinen Kreis.
Auch die Chefredakteure waren von dem Eifer ihres Verlegers angetan. "Er hat eine Schwäche für schräge Typen, ist begeisterungsfähig und dann auch mutig", lobt Michael Jürgs, einst Chefredakteur der Zeitgeist-Postille.
Zehn Jahre lang investierte der Verleger schätzungsweise rund 30 Millionen Mark in das Magazin, alle paar Jahre wurden die Chefredakteure ausgetauscht.
Nichts ließ der Verlag unversucht, um Tempo doch noch zu puschen. Mit viel nackter Haut und körperfeuchten Titeln wie "Sanfte Lustknaben", "Wie wichtig ist der Penis", "Potenzrakete Kokain" oder "Wie verführen Mädchen" wollte Ganske mehr und jüngere Leser gewinnen. Alles umsonst. Das Konzept ging nicht auf. Der Zeitgeist der achtziger Jahre war verweht.
Auflagen- und Anzeigengeschäft sackten immer weiter ab: 105 706 Hefte wurden zuletzt verkauft, 38 321 davon landeten im Lesezirkel. Die Anzeigen brachten zum Schluß brutto nur noch 4 Millionen Mark. 1991 waren es immerhin noch 14 Millionen gewesen. "Es geht einfach nicht mehr", sagt Ganske.
Das Aus kam für viele Insider nicht ganz überraschend. Im Imperium des einst forschen Verlegers kriselt es. Auch mit anderen Presse-Novitäten, die sich Ganske in den letzten zehn Jahren einfallen ließ, hatte er nur wenig Glück: *___Das Lifestyle-Magazin Country verschwand nach fünf ____Jahren wieder aus den Regalen. Die Redaktion schrieb an ____der kleinen Zielgruppe, der landflüchtigen Upper class, ____vorbei. *___Die Stadtillustrierte Prinz, die Ganske nach ____schweren Querelen von den Bochumer ____Gründungsgesellschaftern übernahm, verliert rapide im ____Anzeigengeschäft. Insgesamt dürfte das Projekt bisher ____Millionenverluste verursacht haben. *___Die von Herausgeber Manfred Bissinger geführte ____Woche fand zum eigenen journalistischen Stil, nicht ____aber zu einer ausreichend großen Käuferschar. Am Kiosk ____und bei Abonnenten verkauft das flott gemachte Blatt ____nur 69 000 Exemplare. Seit dem Start vor drei Jahren ____hat Die Woche schätzungsweise 50 Millionen Mark ____Anlaufverlust zu verkraften.
Das Geld für seine Investitionen holte Ganske zu einem gut Teil aus den angestammten Titeln seines Jahreszeiten-Verlags. Dort hielt er Redaktionen und Verwaltung knapp; kaum ein anderer Verlag bewegt soviel Geschäft mit so wenig Mitarbeitern.
Doch nun sind die Reserven des Jahreszeiten-Verlags offenbar erschöpft. Es fehlt an Manövriermasse. Vor allem die beiden Flaggschiffe des Verlages, die Frauenzeitschriften Für Sie und Petra, sind unter Druck.
Ihr Ergebnisbeitrag, noch immer rund 35 Millionen Mark in 1995, dürfte 1996 schmaler ausfallen. "Wenn es bei den beiden kribbelt, hat der Verlag Lungenentzündung", so ein Ganske-Intimus.
Nun soll sich Geschäftsführer Runge "massiv um die Frauentitel kümmern", sagt Verlagssprecher Jens J. Meyer. Angesichts der scharfen Konkurrenz durch neue Objekte wie Allegra oder Amica müsse sein Haus "die Kräfte konzentrieren".
Immer wieder verordnete Ganske seinen Top-Blättern eine Schönheitskur, doch der Auflage half das wenig. Seit 1980 haben Für Sie (minus 35 Prozent) und Petra (minus 46 Prozent), aber auch Titel wie Merian (minus 14 Prozent) und Zuhause Wohnen (minus 36 Prozent) kräftig verloren.
Insgesamt dürfte es dem Verlag schwerfallen, seinen 1995er Umsatz von 250 Millionen Mark und das Gewinn-Niveau zu halten. Im letzten Jahr entschloß sich Ganske sogar zu einem Traditionsbruch: Entgegen einem Verdikt seines Vaters Kurt, nie einem Fremden Anteile zu verkaufen, beteiligte er den Münchner Verleger Hubert Burda mit 25 Prozent an der Woche.
Trost findet der Literaturliebhaber derzeit in seinem hochprofitablen Buchgeschäft. Allein der Verlag Hoffmann und Campe, der Bestseller wie "Scarlett" und "Die Firma" verlegt, kommt in guten Zeiten leicht auf rund zehn Millionen Mark Gewinn. Unter den Autoren finden sich TV-Größen wie Ulrich Wickert und Klaus Bednarz.
Ganske gilt als einer der reichsten Männer Hamburgs mit Renommierwohnsitz an der Außenalster. Luxus genießt er am liebsten fernab der Hansestadt: Die eigene Jagd in den Wäldern rund um sein wilhelminisches Rittergut Hohenhaus in Nordhessen nutzt Ganske zur Erholung und zur Ergänzung der hauseigenen Speisekarte mit Reh und Wildschwein. Das dazugehörige Landhotel bekam gerade einen Michelin-Stern verliehen. Gut Hohenhaus beherbergt auch die Ferraris des Verlegers.
Weit bescheidener geht es an der Heimatfront zu. In Hamburg bewegt sich Ganske im schlichten Kleinwagen fort. _(* Titelbild der nicht mehr ) _(erscheinenden Mai-Ausgabe )
Die Ausstattung der Redaktionen werde von jedem Finanzamt übertroffen, monierte jüngst ein Mitarbeiter auf einer Betriebsversammlung.
Überall im Geschäftsalltag setzt der Verleger Ganske auf Sparsamkeit - nicht immer zum Vorteil seiner Blätter. Die Werbeetats sind klein. Andere Verlage wie Gruner+Jahr oder Springer investieren im Ausland und expandieren in die elektronischen Medien, Ganske hielt sich stets zurück.
Auch beim Vertrieb schaute Ganske streng auf die Kosten: "Zum Schluß wurden längst nicht mehr alle Kioske beliefert", klagt der vom Dienst suspendierte Tempo-Chef Mayer. "Marketing ist einfach kein Begriff im Jahreszeiten-Verlag", sagt auch Vorgänger Jürgs, "der Stil ist mittelständisch geprägt, ein wenig spießig und bieder."
Am vergangenen Donnerstag nutzten einige Redakteure den Schlußtag zur Endabrechnung. Kulturredakteurin Asma Semler wollte vom Verleger wissen: "Warum gab es kein Marketing für Tempo? Warum blieb die Anzeigenleitung über Monate vakant?" Ganske war pikiert - und schwieg.
Die feucht-traurige Abschiedsrunde kam dennoch in Gang. Nur die Anrufe von ahnungslosen Autoren und Fotografen, die der Tempo-Redaktion ihre Texte und Bilder anboten, störten die Melancholie. Chefredakteur Mayer zynisch: "Die Leiche lächelt noch." Y
[Grafiktext]
Herbst im Jahreszeiten-Verlag - Auflagen im IV. Quartal
[GrafiktextEnde]
* Titelbild der nicht mehr erscheinenden Mai-Ausgabe

DER SPIEGEL 16/1996
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