22.04.1996

TheaterNatural Born Schiller

Der Bühnenschreck Günther Gerstner meldet sich zurück: In Berlin walzte der Regisseur „Kabale und Liebe“ in die Gegenwart.
Mit einem beherzten Griff in den Malkasten läßt sich noch in den trostlosesten Klassiker-Trümmern eine schön bunte Bleibe herrichten. Drei Eimer Rot, vier Eimer Gelb, und schon spielt Brechts "Mann ist Mann" im Bumslokal der China-Mafia. Ein Faß Grau, drei Kleckser Schwarz, sogleich landet Lessings "Emilia Galotti" in den Krimi-Kaschemmen der Vorstädte.
Günther Gerstner, 40, ist der einzige unter Deutschlands Theaterregisseuren, der Ernst macht mit einem Anspruch, der seinen Kollegen oft nur plappernd unterstellt wird: Er inszeniert Theaterstücke wie Comic strips. Besonders viel Anerkennung brachte ihm das bei den Wichtigen des Kulturbetriebs nicht ein - der Theaterfriedhofswärter der Frankfurter Allgemeinen etwa verwünschte Gerstners Arbeiten einmal als "Lehrstücke vom Unverstand" in den Orkus, der Regisseur biete nämlich leider "nichts an Gedanken".
Der Fluch schien zu wirken. Jahrelang war Günther Gerstner verschollen. Nun hat er wieder zugeschlagen. Am vergangenen Dienstag brachte er Schillers "Kabale und Liebe" auf die Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters: als actionversessenen Reißer, in dem die beiden jungen Liebenden nicht bloß von einer Erwachsenenwelt zynischer Geschäftemacher bedrängt werden, sondern einander auch Nasen und Schädel blutig schlagen. Alles sehr von heute, alles sehr rasant, und so bunt, daß einfach kein Fleck frei bleibt für der Gedanken Blässe.
Die Luise Millerin, nach der Schiller sein Drama ursprünglich benennen wollte, ist eine starke, schöne und vor allem starrsinnige junge Frau: Die Schauspielerin Franca Kastein spielt sich als Irrwisch ziemlich hemmungslos ins Zentrum dieser Aufführung. Sehr wild und sehr possierlich verbiegt sie ihre langen Knochen, und wenn sie gegen Intrigen, Geldgier oder finstere Typen kämpft, dann sieht es oft so aus, als renne eine heilige Närrin gegen unsichtbare Mauern an.
Von Lebensgier hinausgeschleudert aus der Wohnung der Eltern, die wie ein müdes altachtundsechziger Lehrerpaar vor ihren Designer-Sofas lungern, reißt sie alles nieder; Café, Stühle, Bar-Tische und sonnenbebrillte Berufsverbrecher und eher nebenbei auch ihren Liebhaber Ferdinand. Der glatzköpfige, kotelettenverzierte Jüngling (Tilo Werner) sieht aus, als wäre er einer Techno-Disko entsprungen, und stolziert bald nackt durchs Karree - doch sein Liebesspiel mit Luise wirkt wie ein Ringkampf: Sie knutschen und sie prügeln sich.
Hier wird kein öder, von Briefbotengängen gedehnter Klassiker heruntergeleiert, sondern die Geschichte einer Liebe auf der Flucht mit wüstem Strich hingemalt, im Stil von Batman und Tank Girl.
Die Schaltzentrale des Bösen ist eine High-Tech-Chefetage vor Wolkenkratzer-Panorama, in der Ferdinands Vater, der Präsident von Walter, residiert: Hansjürgen Hürrig spielt ihn als grimmigen Widerling im Rollstuhl, als öligen Paten, der die Dreckarbeit meist von zwei Bodyguards erledigen läßt. Manchmal legt er selbst Hand an - dann packt er den kahlköpfigen Sohn beidhändig am Haupt und schmeißt den Knaben auf die Schreibtischplatte.
Die Dreistigkeit, mit der Gerstner seine Vorlage in die Gegenwart walzt und dazu ein paar wunderbare Popsongs auflegen läßt, verrät mitunter mehr Geschick als Gefühl. Es gibt nur Gut und Böse, Liebesschmacht und Schurkerei, und selbst die jungen Helden sind oft nicht mehr als Kanaillen ihrer Triebe. Und doch ist Gerstners auftrumpfender Gestus dem Stück durchaus angemessen: Der Maulhurerei des 23jährigen Schiller, der sich hier seinen Haß auf fürstliche Tyrannei aus dem schwäbischen Fieberkopf schrieb, setzt der Regisseur sein eigenes tobsüchtiges Kraftgemeier entgegen.
Als Wüterich, dessen Regie-Schöpfungen mitunter vor Kraft kaum laufen können, galt Gerstner schon, als er Mitte der Achtziger seine Lehrjahre an der Berliner Schaubühne und an den Münchner Kammerspielen beendet hatte: Noch so ein wilder junger Mensch, der sein Haar wirr und lang trug und die Lederjacke als Berufskleidung verstand, ächzten seine Lehrherren. Und als er den Münchnern dann noch einen "Mann ist Mann" vor den Latz knallte, der die Stammkundschaft in der Maximilianstraße gründlich verschreckte, war erst mal Schluß.
Gerstner tauchte ab, wurde mal in Bonn und mal in Wiesbaden gesichtet, und als er zwei Jahre später plötzlich in Freiburg mit einigen schaurig zugerichteten Klassikern, darunter die "Emilia Galotti", von sich reden machte, wetterte er nicht bloß gegen den Beton in den Köpfen der etablierten Theaterchefs in Berlin und Wien, sondern bot sich auch noch als Sprengmeister an: Wie man ordentlich für Dampf und Explosionen sorgt, so berichtete er, das habe er weit weg von Deutschland gelernt, als er monatelang am Krater eines rauchenden und spuckenden Vulkans kampierte. ___Der Regisseur, der sein Berliner Basislager nie aufgegeben hatte, wurde plötzlich als großes Talent und kommender Mann gefeiert - ausgerechnet dem lahmenden Berliner Schiller Theater sollte er zu neuem Schwung verhelfen. Dort setzte er erst den Komödienabend "Weekend im Paradies" in den Sand, dann wurde das Theater auch schon bald dichtgemacht. Eigentlich ein schöner Erfolg für ihn; doch Gerstner hatte, wie er sagt, "mal wieder endgültig die Schnauze voll".
Und weil in der Berliner Boheme das Nichtstun bei gleichzeitiger Prahlerei mit großen Plänen auch nach dem Mauerfall weiterhin die vornehmste Beschäftigung blieb, erzählte Gerstner vielen Leuten, daß er jetzt erst mal ein Schiff bauen und die Welt umsegeln wolle. Nach zweieinhalb Jahren war er immer noch da und hatte nebenbei einen Sohn gezeugt - so was sorgt für Läuterung: "Irgendwann merkte ich, was für ein hirnverbrannter Idiot ich gewesen war", sagt der verhinderte Weltumrunder und zieht eine komische Grimasse.
Also wieder entschlossen ans Theaterwerk, zunächst in Stuttgart, wo ihm mit Peter Turrinis Stück "Die Schlacht um Wien" zuletzt ein Achtungserfolg gelang. Und nun hat ihm Bernd Wilms, der im Maxim Gorki Theater eher unauffällig für ordentliche Besucherzahlen und muntere Aufführungen sorgt, wieder Arbeit in Berlin beschafft.
Wilms kannte Gerstner noch aus seiner Zeit als Chef der Münchner Falckenberg-Schule, und er schätzt dessen "Mut zum Schrillen". Zumindest mit Gerstners Einstand kann der Intendant zufrieden sein: "Kabale und Liebe" ist die Sorte Klassiker-Vermöbelung, für die auch Busladungen von theaterfaulen Gymnasiasten zu begeistern sind.
Von einem "Natural Born Schiller" schrieben die Berliner Zeitungen nach der Premiere. In Wahrheit hat Gerstners kunterbunte, von seinem getreuen Bühnenbildner-Gefährten Marcel Keller sehr nett mit Graffiti und Skyline-Ansichten verzierte Inszenierung durchaus das Zeug zum Serien-Schiller: Sie hat Sex, sie hat Tempo, und sie ist eine Unverschämtheit. Und wer bei all dem kurzweiligen Spektakel immer noch den Tiefsinn vermißt, der soll sich gefälligst selber das Hirn zermartern. Sire, geben Sie Gedanken-Freizeit!

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 17/1996
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