06.05.1996

Zeitgeschichte„Gefängnis für Gentlemen“

Zwischen diesen Mauern mußten Welten aufeinanderprallen, das hatte die Gräfin vorausgeahnt. Und doch stockte ihr der Atem, als sie das laute Stimmengewirr im Obergeschoß der Villa vernahm.
Dort stand, schon in Hut und Mantel, ein beinahe zwei Meter großer Mann am Treppenabsatz, der erste Chef der Gestapo, Rudolf Diels. Daneben hatte sich, kleiner gewachsen, mit geröteten Wangen, der SPD-Politiker Carl Severing aufgebaut. Die Herren waren einander von früher bekannt: Severing hatte in Preußen als letzter sozialdemokratischer Innenminister amtiert, Diels war einer seiner Referenten gewesen. 1932, kurz vor der NS-Machtübernahme, mußte Severing zurücktreten, Diels hingegen machte bei den Nazis Karriere.
Jetzt, 14 Jahre später, begegneten sich die beiden Männer unversehens auf dem knarrigen Holzparkett einer Nürnberger Vorstadtvilla. "Sie sind mir damals in den Rücken gefallen", fuhr Severing, 70, den anderen im Treppenhaus an. Diels, 45, reagierte kühl: "Haben wir nicht alle, jeder von seinem Standpunkt her, nur unsere Pflicht getan?"
Gräfin Ingeborg Kalnoky tat auch nur ihre Pflicht. Und so war die blonde, durchaus elegant gekleidete Dame ganz erleichtert, als die Unterredung auf der Treppe im Frühjahr 1946 ein abruptes Ende fand: Ex-Gestapo-Mann Diels wurde von der Spionage-Abwehr der US-Armee CIC (Counter Intelligence Corps) zur Befragung abgeholt.
"Vor denen können Sie sich vielleicht reinwaschen", fauchte ihm Severing noch hinterher, "aber nicht vor mir!" Derweil atmete die Gräfin auf: "Ich hatte wieder mal eine kleine Krisis überstanden", erinnert sich die alte Dame.
In ihrer winzigen Wohnung am Rande von Cleveland im US-Bundesstaat Ohio sitzt sie, mittlerweile 87 Jahre alt, auf dem blauen Sofa und zupft mit akkurat lackierten Fingernägeln die Perlenkette über der Seidenbluse zurecht. Der Fernseher flimmert. Auf dem Couchtisch liegt ein zerfleddertes braunes Büchlein, vollgekritzelt mit allerlei handschriftlichen Eintragungen.
Das Heftchen hat die Gräfin aus der Villa im noblen Nürnberger Vorort Erlenstegen hinübergerettet, es diente dort als Gästebuch. Das von hohen Kiefern umgebene Haus war zwischen 1945 und 1948 die zeitweilige Unterkunft für einen Großteil jener Männer und Frauen, die bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Zeugen vorgeladen waren. Viele hinterließen bei der Abreise ihre Impressionen in dem unscheinbaren Büchlein, das wie ein Poesiealbum aus Jungmädchenzeiten wirkt.
Auch ein zweites Gästebuch ist erhalten, sehr viel edler in Kunstleder gebunden und mit Goldrand eingefaßt - nach 50 Jahren haben sich zwei Dokumente der Nachkriegsgeschichte wiedergefunden, die eine einzigartige Rückschau in die Gefühlswelt jener wirren Jahre erlauben.
Auf den vergilbten Buchseiten ist festgehalten, was sich in keiner Gerichtsakte findet: die privaten Ängste und Selbsttäuschungen von Menschen, die während der NS-Zeit mitschuldig wurden, ebenso wie die Bitternis und Wut überlebender Nazi-Opfer.
An die 100 Zeitzeugen trugen sich in die Gästebücher ein, darunter Hitlers Adjutant Fritz Wiedemann und Görings Privatsekretärin Gisela Limberger, aber auch der Widerstandskämpfer Robert Havemann. Manche hinterließen Zeilen von anrührender Traurigkeit, andere seltsam verklärte Gedichte - und viele nur entlarvenden Schwulst.
In der Nürnberger Novalisstraße 24 hatten die Amerikaner im September 1945, kurz vor Beginn des Hauptprozesses, eine Herberge für die vom Gericht geladenen, als "frei" eingestuften Zeugen eingerichtet. Das war relativ zu sehen: Einige, wie der einstige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, Vater von Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, wechselten später auf die Anklagebank; andere, etwa Hitlers Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmitt, kamen direkt aus einem Gefangenenlager.
Es sei "ein Kunststück für sich" gewesen, erinnert sich der US-Ankläger Robert Kempner in seinen Memoiren, die politisch völlig unterschiedlich beheimateten Zeugen "einfühlsam unterzubringen". Mit dieser heiklen Aufgabe wurde eine Adelsdame aus Ungarn betraut: Gräfin Ingeborg Kalnoky, damals 36, bildhübsch und wie so viele auf der Flucht in Nürnberg gestrandet.
Die Amerikaner hatten die aus Thüringen stammende ungarische Staatsbürgerin, die während der letzten zehn Jahre fernab auf einem Schloß in Siebenbürgen gelebt hatte, in einem Nürnberger Krankenhaus aufgegabelt. Dort war Kalnoky soeben zum viertenmal Mutter geworden. Adelig, politisch unbelastet und einiger Fremdsprachen kundig - das paßte: Die Gräfin wurde vom Wochenbett weg engagiert.
"Keep it running smoothly", trugen die Amerikaner ihr auf, "Sorgen Sie dafür, daß es ruhig läuft." Fortan lebten die Gäste in der von US-Patrouillen abgeschirmten Villa wie in einer Nußschale, was die Deutschen noch lange beschäftigen sollte: Diskussionen über die Nazi-Verbrechen, Schuldzuweisungen, Selbstverleugnungen.
Konnten sich Täter und Opfer des Hitlerreiches andernorts bequem aus dem Weg gehen - hier saßen sie Abend für Abend gemeinsam an einem Tisch.
Außenstehenden gegenüber wurde die Gräfin zum Stillschweigen vergattert, auch für Journalisten war die Herberge tabu. In den Bergen von Büchern, die hernach über die Nürnberger Prozesse geschrieben wurden, taucht die Adresse Novalisstraße deshalb nicht auf. Gräfin Kalnoky aber hatte sich insgeheim Notizen gemacht, jahrzehntelang verwahrte sie ein Manuskript, das freilich in Deutschland nie veröffentlicht wurde - jetzt kramte die alte Dame ihre Aufzeichnungen wieder hervor.
Als einer der ersten landet Heinrich Hoffmann in dem Gästehaus an, der Leibfotograf von Adolf Hitler. Bekleidet mit Trachtenhut, Tweedjanker und einer riesigen alten Frackhose, die er mit einem Ledergurt zusammengebunden hat, wird Hoffmann, damals 60, in einem US-Jeep vorgefahren. Er ist ein Mann "mit brillanten Fähigkeiten, das Leben für sich profitabel zu machen", notiert die Gräfin.
Im Keller des Nürnberger Justizpalastes soll Hoffmann sein umfangreiches Fotoarchiv ordnen, um Beweismittel für die Anklage zu sichern. Er läßt sich Zeit damit, zeichnet Gerichtsskizzen für die GIs und verhökert ihnen Nacktfotos. Die Amerikaner revanchieren sich mit Zigaretten, Whiskey und Kaugummi, sie nennen ihn "Oncle Heini".
Im Zeugenhaus tut er sich mit Anekdoten aus Hitlers Privatleben hervor. Munter plaudert Hoffmann bei Tische aus, wie er seine Freundin Eva Braun an den Führer weitervermittelte. Hitler hatte Eva Braun in seinem Münchner Fotoatelier kennengelernt. Hoffmann: "Sie war nett anzusehen, hatte aber keinerlei geistige Qualitäten."
Eines Abends erscheint im Gästehaus, völlig abgerissen und verdreckt, General Erwin Lahousen, 49, ehemals rechte Hand des legendären Abwehrchefs und Hitler-Gegners Wilhelm Canaris. Die Gräfin klopft bei Hoffmann, der auf seinem Zimmer stets US-Waren gebunkert hat, um Hilfe an. Widerstrebend rückt der Hitler-Vertraute amerikanische Rasierklingen und Seife für den einstigen Widerständler heraus.
Bald sind die Villa wie auch das als Dependance geführte Nachbarhaus Novalisstraße 22 bis unters Dach belegt. Die Nürnberger Innenstadt liegt in Ruinen, doch in den kaum beschädigten Villen am Waldrand schlafen die Gäste in frischen amerikanischen Leinentüchern. Im Keller haust die eigentliche Besitzerin, Elisabeth Krülle, mit ihrem 13jährigen Sohn, die Amerikaner haben sie als Zimmermädchen und Servierdame im Zeugenhaus angestellt.
"Ganz schön feudal", erinnert sich Otto Kranzbühler, 88, seinerzeit Verteidiger des letzten NS-Regierungschefs Karl Dönitz, an seine Zeit im Zeugenhaus. Dreimal täglich schafft ein US-Jeep das Essen heran, dabei sind unbekannte Köstlichkeiten wie Corn-flakes, Grapefruitsaft und Erdnußbutter.
Abend für Abend scharen sich an die 20 Gäste um die zu einem Hufeisen zusammengestellten Tische im Salon. Darunter sind hohe NS-Funktionäre und Direktoren der Rüstungsindustrie, einige Anwälte und Ehefrauen der Angeklagten, aber auch Nazi-Gegner wie der einstige Abwehr-Agent Hans Bernd Gisevius, kommunistische Untergrundkämpfer und KZ-Überlebende. Heinrich Hoffmanns Tochter Henriette von Schirach, 32, Gattin des früheren Reichsjugendführers und NS-Gauleiters von Wien, trifft im Zeugenhaus lauter alte Bekannte - "eine Art Gefängnis für Gentlemen" findet sie.
Fast wirkt die Szenerie familiär. Am Abend spielen ehemalige Wehrmachtgeneräle Bridge mit dem einstigen Reichskanzler Hans Luther. An einem Tischende sitzt ein Bauer, der das Konzentrationslager Dachau überlebt hat, und stopft Strümpfe für die Kinder der Gräfin - "lieber bin ich unentbehrlich als überflüssig", wird er nicht müde zu beteuern. Derweil ist aus einer Ecke des Raumes ein leises, immer wiederkehrendes Knacken zu hören: Lahousen kaut nervös auf seinen Nägeln. Wie die meisten hier, wartet er schon seit Wochen auf seinen Auftritt vor Gericht.
Der Flugzeugkonstrukteur Messerschmitt lenkt die Gesellschaft ab, indem er bis tief in die Nacht Vorträge über die Raumfahrt hält. Michael Skubl, vordem Polizeipräsident in Wien, rezitiert selbstverfaßte Gedichte im Salon. Droben im Obergeschoß legt indessen der einstige Gestapo-Mann Diels, der unter Hausarrest steht, in seinem Zimmer unablässig Patiencen und wässert von Zeit zu Zeit die Moospflänzchen, die er sich auf dem Balkon herangezogen hat.
Zuweilen aber wird es der Gräfin mulmig in ihrem Gäste-Idyll. Eine Gruppe von fünf ehemaligen KZ-Insassen ist eingetroffen, Überlebende aus Majdanek, Treblinka und Mauthausen. Als die Männer mit ihren auffällig bleichen Gesichtern zum Abendessen erscheinen, geht ein Raunen durch die Runde.
Um peinliche Zusammenstöße zu vermeiden, hat die Gräfin ihre neuen Gäste ein wenig abseits plaziert. Doch es dauert nicht lange, da gesellt sich der aufdringliche Hoffmann zu ihnen. Als sich die Leute verwundert zeigen, einen wie ihn auf freiem Fuß anzutreffen, erklärt er forsch: "Die Kamera kennt keine Politik." Daraufhin schiebt einer der Männer sein Hosenbein hoch und zeigt eine tiefe Narbe - "so was hätten Sie auch ablichten sollen".
"Ich kann nicht Sachen fotografieren, die ich nicht kenne", sagt Hoffmann ungerührt und behauptet, von der Existenz der Konzentrationslager "absolut nichts" gewußt zu haben. Auch sein Freund Hitler, den Hoffmann, NSDAP-Mitglied Nummer 59, seit Beginn der Zwanziger kannte, habe im übrigen von derlei Dingen keine Ahnung gehabt. Hoffmann: "Der konnte doch gar kein Blut sehen."
Die Gäste in der Novalisstraße schweigen. Und noch 50 Jahre später wirkt, fernab in Cleveland, die Gräfin Kalnoky peinlich berührt von der Szene. Mit verschämter Jungmädchenattitüde schiebt die alte Dame ihre roten Fingernägel durch die weißen Locken: "Ein ziemlich unangenehmer Mensch, dieser Hoffmann."
Mag sein, daß die bieder-bürgerliche Atmosphäre in der Nürnberger Vorstadtvilla der Grund war, weshalb die Gäste trotz aller Gegensätze nicht aufeinander losgingen. Vielleicht wagte auch niemand aufzubegehren, aus Angst vor den neuen Machthabern, den Amerikanern. Wahrscheinlich aber wirkten Verdrängung, Selbstbetrug und der Zusammenbruch aller Hoffnungen einfach wie eine Art Narkose für Geist und Seele.
Gut drei Jahre lang, während des Nürnberger Hauptverfahrens sowie der wichtigsten Folgeprozesse, wurde die Zeugenherberge betrieben. Dönitz-Verteidiger Kranzbühler, der stets in schmucker Marine-Uniform bei Tische saß, hat seine Zeit im Gästehaus als "amüsanten Einstieg in eine neue Periode" erlebt. Manchem Antifaschisten jedoch, der sich in der abendlichen Runde eingeklemmt zwischen alten Nazi-Größen wiederfand, blieb "der Bissen im Halse stecken", wie ein Münchner Logiergast hernach berichtete.
Was mag Robert Havemann empfunden haben? Der Chemiker nächtigte im April 1947 im Zeugenhaus. Knapp zwei Jahre hatte er im Zuchthaus Brandenburg gesessen; wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, konnte er nur überleben, weil die Nazis ihn im Gefängnis mit kriegswichtigen Forschungen beschäftigten. In Nürnberg sagte er im Prozeß gegen die NS-Juristen aus.
Im gleichen Verfahren hatte auch der ehemalige SA-Mann Berthold Schwarz zu tun, der wenig später ins Zeugenhaus kam. Er war Sachbearbeiter für Hochverratssachen gewesen und schließlich Gnadenreferent bei der zentralen Generalstaatsanwaltschaft im Reich - die Akte Havemann dürfte ihm wohlbekannt gewesen sein.
Fünf Tage übernachtete Eugen Kogon, Autor des Buches "Der SS-Staat", in der Villa am Wald*. Er muß dort auf Edinger Ancker getroffen sein, einen ehemals hohen SS-Funktionär und engen Mitarbeiter von Martin Bormann. Kogon, der sechs Jahre im KZ Buchenwald gesessen hatte, sagte im Prozeß gegen die NS-Ärzte über die grausamen Menschenversuche mit Typhusbakterien und Fleckfiebererregern aus. Ancker wurde derweil von den Amerikanern nach Einzelheiten jener Wannsee-Sitzung zur "Endlösung der Judenfrage" befragt, an der er ausweislich der Vernehmungsakten persönlich teilgenommen hat.
Die wohl unangenehmste Zusammenkunft im Gästehaus dürfte das Tete-atete zwischen der Fotografin Irene Seiler, 36, und dem Nazi-Richter Heinz Hugo Hoffmann, 41, im März 1947 gewesen sein.
Hoffmann war einer jener drei Richter, die 1942 den Vorsitzenden der jüdischen _(* Eugen Kogon: "Der SS-Staat. Das System ) _(der deutschen Konzentrationslager". ) _(München 1946. )
Kultusgemeinde in Nürnberg, Leo Katzenberger, damals 68, wegen "Rassenschande" zum Tode verurteilt hatten. Irene Seiler, die ein Fotogeschäft im Hause von Katzenberger betrieb und ihn als väterlichen Freund betrachtete, wurde beschuldigt, seine angeblich unzüchtigen Handlungen gestattet zu haben. Einziger "Beweis": Während der alte Herr in ihrer Wohnung war, hörten Nachbarn das Badewasser rauschen. Katzenberger wurde geköpft, Irene Seiler bekam zwei Jahre Zuchthaus wegen Meineid.
Fünf Jahre später saßen die Fotografin und ihr Richter im Zeugenhaus gemeinsam am Abendbrot-Tisch. Ob sie miteinander sprachen, ist nicht überliefert. "Auf Regen folgt Sonnenschein", lautete hernach Irene Seilers hoffnungsfroher Kommentar im Gästebuch. Hoffmann hingegen reimte schwülstig, das Zeugenhaus sei "eine Insel zum menschlichen Verbleiben" - drum herum sah der Nazi-Jurist nur "Hexentreiben".
Ausgerechnet jene, die in irgendeiner Weise in die NS-Verbrechen verwickelt waren, ließen sich in den Gästebüchern besonders gefühlig ein. Da kritzelte die NS-Frauenführerin in Holland, Juul op ten Noort, kindlich naiv: "Seit meinem letzten Besuch bei meiner Mutter habe ich hier wieder ein ,zu Hause'' erlebt." Ein Manager der IG Farben dankte "für das Versüßen bitt''rer Stunden" - vor den US-Anklägern hatte er tagelang über die Produktion von Zyklon B Auskunft geben müssen, dem Gift für die Gaskammern.
Der Ministerialdirigent Rudolf Marx aus dem Reichsjustizministerium, der sich zu Beginn seiner Vernehmungen gänzlich unschuldig fühlte ("ich kann doch keiner Fliege etwas tun"), schrieb seitenlang ins Gästebuch, wie "hochbeglückt" von "Frohsinn, Kameradschaft und Kartenspiel" im Zeugenhaus er sei.
Unterdessen stellte sich in seinen Befragungen Zug um Zug heraus, daß der Mann mitschuldig am Tod von einigen tausend inhaftierten Sinti, Juden und Polen war. "Ich muß einen schweren Gedächtnisdefekt haben", redete der Jurist sich im Gericht heraus.
Kaum merklich für Außenstehende führten die Amerikaner Regie im Zeugenhaus. Kündigten sich neue Gäste an, wurde die Gräfin von ihren US-Kontaktleuten durch einen Anruf oder ein handgeschriebenes Zettelchen informiert. Hin und wieder stellte ein Mitarbeiter des Geheimdienstes CIC der Hausdame Fragen.
Mancher Bewohner, etwa der Gestapo-Gründer Diels, verdankte sein Gastrecht in der Novalisstraße überhaupt nur dem Umstand, daß der US-Ankläger Kempner die Hand über ihn hielt. Kempner und Diels waren, unter Severing, im preußischen Innenministerium Referenten gewesen. "Kempner zahlt eine alte Schuld an mich zurück", behauptete Diels, der später in Konflikt mit den Nazis geraten war, großspurig im Gästehaus.
Stets zeigten sich die Amerikaner um das Wohl ihrer Gäste bemüht. Als etwa der General Lahousen, ein wichtiger Zeuge der Anklage, immer nervöser wurde, je näher sein Auftritt vor Gericht herannahte, schickten die US-Militärs ihm eines Abends ein dunkelhaariges Mädchen ins Haus. Die junge Frau solle, möglichst unauffällig, drei Tage in Lahousens Zimmer logieren, wurde die Gräfin von ihren Kontaktleuten instruiert: "Die beiden kennen sich."
Im Zeugenstand gab Lahousen dem Hauptprozeß später eine entscheidende Wende. Nach seinen detaillierten Aussagen war die Führung der Wehrmacht schwer belastet, galten eine Reihe von Kriegsverbrechen als praktisch bewiesen. "Für besondere Zeugen", erinnert sich die Gräfin verschmitzt an Lahousens Liebchen im Zeugenhaus, "gab es eben besondere Medizin."
Freilich geriet manche Liebesaffäre selbst den fürsorglichen US-Beobachtern außer Kontrolle. In seinen Memoiren erinnert sich Ankläger Kempner mit Unbehagen an die Damenbekanntschaften einzelner Zeugen: "Es mußte in verschiedenster Hinsicht Ordnung geschaffen werden."
Im Schatten des Gerichts, zwischen Ruinen, düsteren Spelunken und den Schlössern des Bleistift-Magnaten Roland Graf von Faber-Castell, hatte sich in Nürnberg längst ein reges Gesellschaftsleben etabliert. Für höhere US-Offiziere gab es Jazz im "Marble-Room" des Grand-Hotels am Bahnhof. Die Russen tranken Wodka in ihrem Quartier in der Eichendorffstraße, die Journalisten feierten auf Faber-Castells Prachtschloß Stein.
Exklusiver noch waren die Einladungen im Jagdhaus des Grafen, wo sich Richter, Ankläger und einzelne Zeugen trafen. Die Rolle des Herzensbrechers spielte stets derselbe: Kempners Schützling Diels, der mittlerweile aus dem Hausarrest entlassen war. Im Jagdhaus bändelte der Mann mit dem langen Schmiß auf der Backe mit der Hausherrin Nina Faber-Castell an, daheim im Zeugenhaus fühlte die Gattin des Hitler-Fotografen, Erna Hoffmann, sich plötzlich zu ihm hingezogen.
Daraufhin drehte Ehemann Heinrich durch. Eines Abends wurde Gräfin Kalnoky in sein Zimmer gerufen: Hoffmann lag röchelnd vorm Bett, mit seinem Ledergürtel hatte er versucht, sich umzubringen. "Er war schon richtig blau im Gesicht", erinnert sich die alte Dame, als wäre die Sache gestern passiert. "Ich glaube, ich hab'' damals einige Selbstmorde verhindert."
Ende September 1946 geht der Hauptprozeß gegen die Kriegsverbrecher zu Ende. Am 1. Oktober sitzen im Zeugenhaus Gäste, Küchenbedienstete und die Hausdame vor dem riesigen Telefunken-Radio, das unten im Salon auf der Anrichte steht. Gespannt horchen alle, wie die Urteile gegen die 21 Angeklagten verlesen werden. Plötzlich erschallt ein spitzer Schrei, Henriette von Schirach tanzt durch den Raum. Ihr Mann ist nur zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, nicht zum Tode, wie sie befürchtet hatte. Freudestrahlend verkündet Henriette: "Da kann er 20 Jahre mit Albert Speer Schach spielen."
Zwei Wochen später, am Abend des 15. Oktober, rollt in der Novalisstraße mit schwarzer Limousine ein neuer Hausgast an. Der Mann ist Ende 50, ausnehmend gut gekleidet und stellt sich als "Dr. Schmidt" vor. Beim Abendbrot wird die übliche Konversation gepflegt, Hoffmann, längst wieder obenauf, versucht die Herkunft des Neuankömmlings zu ergründen - "sind Sie vielleicht der bekannte Münchner Chirurg?"
Schmidt blockt alle Fragen höflich ab. Nach dem Essen entschuldigt er sich bei der Gräfin, es gebe "noch eine Verabredung". Anderntags wird klar, wer der geheimnisvolle Unbekannte beim Abendmahl gewesen ist: Der bayerische Ministerpräsident Wilhelm Hoegner war nach Nürnberg gereist, um als "Zeuge für das deutsche Volk" in der Nacht die Hinrichtung der zehn zum Tode Verurteilten mitzuverfolgen.
Für den Hitler-Freund Hoffmann hat die Begegnung mit dem Sozialdemokraten Hoegner, der während der NS-Zeit emigriert war, ein unangenehmes Nachspiel. Am nächsten Tag fährt ein Wagen mit zwei bayerischen Kriminalpolizisten vor, die zur Bewachung des Fotografen abgestellt sind. Neben den Amerikanern gehen im Zeugenhaus jetzt auch die bayerischen Kriminaler ein und aus. Hoffmanns Frau Erna zetert: "Werden wir denn nie in Ruhe gelassen?"
Wie eine Arche mit lauter Altvorderen an Bord segelte das Zeugenhaus zwischen den Gezeiten. Drinnen verhakelten sie sich bei luxuriöser US-Verpflegung noch in den alten Koordinaten, indes entwickelte sich draußen die junge Demokratie, deren Protagonisten zwischen Ruinen um Eßbares kämpfen mußten. Um die Jahreswende 1946/47 hatte die neue Zeit auch die Villa am Wald erreicht, "wir waren plötzlich das falsche Arrangement", erkannte die Gräfin.
Sie quittierte alsbald ihren Dienst und wanderte mit ihrer Familie nach Amerika aus. Das Zeugenhaus wurde noch bis zum Abschluß der wichtigsten Folgeprozesse Ende 1948 weiterbetrieben - wiederum mit einer adeligen Hausdame, der Baronin Anna-Maria von Kleist. Bis in die achtziger Jahre blieb die Villa von den Amerikanern besetzt, als Dienstwohnung für den jeweiligen Direktor des Nürnberger Amerikahauses.
Erst 1986, die ursprüngliche Eigentümerin Elisabeth Krülle war längst gestorben, konnten deren Erben wieder in das Haus; heute lebt eine Kusine der einstigen Besitzerin darin. Drinnen knarrt das Holzparkett wie eh, im Salon steht eine wuchtige Anrichte, die aus den Tagen des Zeugenhauses stammen könnte. Sonst erinnert nichts an die alte Zeit.
Der kleine Wohnraum der Gräfin Kalnoky in Cleveland ist vollgestopft mit Erinnerungen. Auf einem Tischchen steht ein postergroßes Bild der Villa, aus einer Schachtel quellen verknitterte Bilder der einstigen Gäste. Sauber zu kleinen Packen gebündelt, stapeln sich vergilbte Dankesbriefe.
Vor mehr als 20 Jahren veröffentlichte die Gräfin in Amerika ein Buch über das Zeugenhaus, die Resonanz war nicht allzu groß*. Lange hatte Kalnoky gehofft, ihr Buch könnte auch in Deutschland erscheinen. Doch aus der alten Heimat meldete sich nie ein Interessent.
"30 Jahre nach Kriegsende", überlegt die alte Dame, "da war es für die Deutschen wahrscheinlich noch zu früh, was?" _(* Ingeborg Countess Kalnoky, Ilona ) _(Herisko: "The Guest House". The ) _(Bobbs-Merrill Company, Indianapolis ) _(1974. )
Gräfin Kalnoky, Gästebuch (in Cleveland): "Keep it running smoothly"
M. STEINBERG / BLACK STAR
Gerichtssitzung in Nürnberg (1946): Frohsinn, Kameradschaft und Kartenspiel nach der Vernehmung
NATIONAL ARCHIVES
Ehemalige Zeugenvilla in Nürnberg
E. MALTER
Hitler-Fotograf Hoffmann (1945): Selbstmordversuch aus Eifersucht
U.S. ARMY / PENTAGON
Gräfin Kalnoky (um 1946) Mulmiges Gefühl im Gästehaus
Befreiung des KZ Mauthausen 1945: "Hitler konnte doch gar kein Blut sehen"
SYGMA
Gestapo-Gründer Diels (1933) Herzensbrecher mit Moospflänzchen
ULLSTEIN
Henriette von Schirach (1947)
ULLSTEIN
Nürnberger Gästebuch (mit der Schirach-Eintragung): Anrührende Traurigkeit, verklärte Gedichte und Schwulst
M. STEINBERG / BLACK STAR
Von den KZ habe Hitler nichts gewußt, behauptet sein Leibfotograf
* Eugen Kogon: "Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager". München 1946. * Ingeborg Countess Kalnoky, Ilona Herisko: "The Guest House". The Bobbs-Merrill Company, Indianapolis 1974.
Von Christiane Kohl

DER SPIEGEL 19/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 19/1996
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
„Gefängnis für Gentlemen“

Video 01:30

"Remembrance Day" in Großbritannien Blüten aus dem Bomber

  • Video "Liverpool-Sieg über Manchester City: Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen" Video 01:41
    Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • Video "Atomkonflikt: Iran beginnt mit Bau eines zweiten Reaktors" Video 01:36
    Atomkonflikt: Iran beginnt mit Bau eines zweiten Reaktors
  • Video "Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten" Video 01:20
    Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten
  • Video "Russland: Letzte Tiere aus Wal-Gefängnis freigelassen" Video 00:55
    Russland: Letzte Tiere aus "Wal-Gefängnis" freigelassen
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Die dritte Kraft" Video 02:56
    Wahlkampf in Großbritannien: Die dritte Kraft
  • Video "Bolivien: Präsident Morales erklärt Rücktritt" Video 00:32
    Bolivien: Präsident Morales erklärt Rücktritt
  • Video "SPD-Vorsitz: Das Kandidatenduell" Video 42:03
    SPD-Vorsitz: Das Kandidatenduell
  • Video "Filmstarts der Woche: Der aufrechte Patriot" Video 06:11
    Filmstarts der Woche: Der aufrechte Patriot
  • Video "Die Chaotisch Demokratische Union: Nur ein Frieden auf Zeit" Video 03:24
    Die Chaotisch Demokratische Union: "Nur ein Frieden auf Zeit"
  • Video "Tirade gegen Impeachment-Prozess: Trump gegen die Never-Trumpers" Video 02:12
    Tirade gegen Impeachment-Prozess: Trump gegen die "Never-Trumpers"
  • Video "30 Jahre Mauerfall: Virtuelle Zeitreise ins geteilte Berlin" Video 05:07
    30 Jahre Mauerfall: Virtuelle Zeitreise ins geteilte Berlin
  • Video "Krieg in der Ostukraine: Dritte Phase des Truppenrückzugs beginnt" Video 00:51
    Krieg in der Ostukraine: Dritte Phase des Truppenrückzugs beginnt
  • Video "Trauer nach Tod eines Studenten: Das hat Hongkong tief erschüttert" Video 02:45
    Trauer nach Tod eines Studenten: "Das hat Hongkong tief erschüttert"
  • Video "Ein Jahr nach Waldbrandkatastrophe: Neue Hoffnung in Paradise" Video 03:29
    Ein Jahr nach Waldbrandkatastrophe: Neue Hoffnung in Paradise
  • Video "Remembrance Day in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber" Video 01:30
    "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber