06.05.1996

ArchäologieTasche mit Asche

In Nevada wurde ein konservierter Ur-Amerikaner gefunden. Die Mumie ist fast 10 000 Jahre alt.
Auf weichen Mokassins durchstreifte der schwarzhaarige Mann (Körpergröße: knapp 1,60 Meter) den Wilden Westen. Behend erkletterte er Canyons, angelte Fische und stellte mit nervigem Arm dem Mastodon nach, einem ausgestorbenen Rüsseltier mit mächtigen Stoßzähnen.
Im Alter von etwa 45 Jahren war der Indianer invalid. Rücken und Bandscheiben marterten ihn. Zahnabszesse wucherten in seinem Mund. Eine schwere Schädelfraktur war nur teilweise ausgeheilt.
Als die prähistorische Rothaut schließlich in die ewigen Jagdgründe einging, zogen ihr die Stammesangehörigen einen Fellmantel an. Dann umwickelten sie den Verstorbenen mit gewebten Matten aus Tule, einer Schilfpflanze, und legten ihn in der "Spirit Cave" ab, einer unterirdischen Grotte, 60 Kilometer östlich von Carson City (siehe Karte Seite 184).
Vorletzte Woche feierten US-Archäologen die Wiederauferstehung des Toten. Auf einer Pressekonferenz präsentierten Experten des Nevada State Museum die Reste des Leichnams als "älteste Mumie Nordamerikas" (New York Times). C-14-Messungen ergaben, daß der Krieger vor 9415 Jahren starb.
"Das ist wirklich aufregender Stoff", kommentierte David Hurst Thomas vom Naturkunde-Museum in New York den Fund. Aufgrund der extremen Trockenheit in der Geisterhöhle sei der Tote teilweise trockenmumifiziert worden. Schädel und Schulter sind mit Haut und Haaren überzogen. In den verschrumpelten Eingeweiden fanden sich Fischgräten.
Erstaunt sind die Forscher über die Qualität der von dem Toten mitgeführten Gepäcktaschen. Sie sind aus einem faserigen Sumpfkraut kunstvoll gefertigt und wurden wahrscheinlich auf einem Webstuhl hergestellt. Nach bisheriger Lehrmeinung wurde das Gerät erst Jahrtausende später entwickelt.
Für Überraschungen sorgte auch der Inhalt der Säckchen. Sie enthalten Asche und Knochenreste: Überbleibsel von verbrannten Menschen. Offensichtlich mußten der Mumie zwei Begleiter ins Jenseits folgen. Alter und Geschlecht der Gefolgschaft sind bislang nicht bestimmt worden.
So rätselhaft das Reisegepäck des Verstorbenen, so verschlungen war auch sein Weg in die Öffentlichkeit des 20. Jahrhunderts. Bereits im Jahr 1940 hatte ein Forscherehepaar den teilweise skelettierten Korpus in der Spirit Cave entdeckt und wegen seiner hochwertigen Textilien auf ein Alter von höchstens 3000 Jahren datiert. Unbeachtet lagerte die Mumie in einer Holzkiste im Nevada State Museum in den Magazinen.
Erst die Zeitmessung mit radioaktivem Kohlenstoff ("C 14") brachte jetzt die Wahrheit ans Licht: Der Höhlenmann starb am Ende der letzten Eiszeit - jener Tauwetter-Periode, während der vorzeitliche Konquistadoren in die westliche Hemisphäre vorrückten.
Wie aber gelangte der Höhlenmann in die - damals von Seen und Sümpfen überzogene - Gegend von Nevada? Abgeschottet wie eine gigantische Insel lag der Doppelkontinent auf den Weltmeeren. Noch immer gehört die Besiedlung Amerikas zu den rätselhaftesten Kapiteln der Menschheitsgeschichte.
Gestritten wird vor allem um den Zeitpunkt der Landnahme. Erst vor rund 12 000 Jahren, so die konservative Theorie, gelang sibirischen Völkerschaften der Sprung über die verlandete Beringstraße nach Alaska. Die Clovis-Kultur (vor 11 500 Jahren), benannt nach aufgefundenen Speerspitzen im US-Bundesstaat New Mexico, breitete sich aus.
Gleichzeitig rückten andere Nomadentrecks tief nach Süden vor. Letzten Monat stießen Forscher bei Santarém im Dschungel Nordbrasiliens auf eine mit Felsmalereien übersäte Höhle, die vor 11 200 Jahren bewohnt wurde. Die Caverna da Pedra Pintada überrascht durch ihre verfremdeten Darstellungen. Ein Gemälde zeigt eine Kreatur mit Insektenkopf und Menschengliedern, ein anderes bildet einen Torso ab, in dessen Kopf ein riesiges Zyklopenauge sitzt.
Doch wie gelang es den Vorgängern des Kolumbus, innerhalb weniger Jahrhunderte den 42 Millionen Quadratkilometer großen Doppelkontinent zu besiedeln? Um 12 000 vor Christus, das zeigen früheste Siedlungsspuren in Alaska, war der Sprung über die verlandete Meerenge gelungen. Wenige Generationen später hatten die Eroberer das Hochland von Peru und Chile erreicht.
Andere Archäologen glauben, daß der Invasionszug langsamer verlief und mithin der Vormarsch früher begann. Ihren Szenarien zufolge sollen die ersten Menschen bereits vor 40 000 bis 50 000 Jahren in der Neuen Welt aufgetaucht sein.
Zu den entschiedensten Verfechtern einer frühen Besiedlung des Kontinents gehört die brasilianisch-französische Archäologin Niède Guidon, die seit 1978 in Südamerika Dutzende von Felshöhlen sichtete. Das Alter der steinernen Behausungen (um 50 000 Jahre) leitet sie aus C-14-Bestimmungen von Ascheresten ab, die angeblich aus Feuerstellen stammen.
Andere Gelehrte vertreten noch kühnere Hypothesen. Der Privatforscher Philip Flörke aus Bogotá glaubt, daß bereits vor 300 000 Jahren eine "dunkelhäutige Homo-erectus-Gruppe" von Afrika aus mit Flößen in Lateinamerika landete. Archäologin Guidon und ihre Schüler in S o Paulo vermuten, daß die ersten Amerikaner mit Schiffen über den Pazifik kamen.
Viele US-Forscher wollen solche Ansichten nicht gelten lassen. Die untersuchte Holzkohle, so ihr Argument, könne auch durch Waldbrände und Blitzschläge entstanden sein. Auf dem Territorium Nordamerikas jedenfalls gebe es nicht ein einziges Fundstück, das älter ist als 12 000 Jahre.
Zu diesem Zeitpunkt, da sind sich die Kontrahenten einig, kamen die Immigranten dann allerdings in Scharen. Es waren Menschen mit schmalen Gesichtern und langgezogenen Schädeln. Mit den Indianern, die heute in Amerika leben, sind sie ethnisch nicht verwandt.
Auch der Mumien-Mann aus Nevada gehört jener Schmalkopf-Rasse an. Wie ein Pferdeschädel ist sein Antlitz geformt. Das Rätsel, wo der Fremde herstammt, dürfte wohl bald gelüftet sein. Das organische Material der Mumie - Hautfetzen, Haare, Gedärm - wird derzeit für Analysen präpariert, die den genetischen Fingerabdruck liefern sollen.
[Grafiktext]
Kartenausriß Nevada und New Mexico
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 19/1996
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