06.05.1996

„Wer ist hier der King?“

SPIEGEL: Mr. Charles, was ist Ihre Lieblingsfarbe?
Charles: Rot. Ich hatte als Kind ein rotes Auto, ich mag das Rot des Feuers. Ich habe mir immer gern Blitze angesehen. Wahrscheinlich wäre ich nicht Musiker, sondern Pyromane geworden ...
SPIEGEL: ... wenn Sie nicht mit sieben Jahren erblindet wären. Was änderte sich?
Charles: Nicht viel. Ich weiß ja, wie die Welt aussieht. Ich kenne das Blau des Himmels und das frische Grün einer Frühlingswiese. Ich weiß, wie eine blonde Frau aussieht. Nur diese neumodischen Farben wie apricot-beige gab es damals noch nicht, und ich möchte mir nicht einmal vorstellen, wie apricot-beige aussieht.
SPIEGEL: Warum nicht?
Charles: Zeitverschwendung. Für das, was in meinem Leben wichtig ist, brauche ich nicht unbedingt zu sehen. Ich kann Ihnen auch so ziemlich schnell sagen, ob jemand ein Idiot ist oder nicht. Auch die Menschen, die sehen können, sollten öfter mal das Licht ausmachen.
SPIEGEL: Sie sind schwarz, sie sind blind ...
Charles: ... aber nicht taub. Taub, das wäre wirklich schlimm. Da wär'' ich lieber tot, und zwar sofort.
SPIEGEL: Miles Davis hat mal gesagt, er könne auch blind sofort sagen, welche Hautfarbe ein Musiker hat. Sie auch?
Charles: Miles konnte vor allem besser lügen als ich. Haben Sie mal Stan Getz gehört? Hui jui jui, da fliegt Ihnen doch der Hintern weg. Oder Gerry Mulligan, hohoho, Himmel, Himmel. Wenn ich Leute für meine Big Band ausgesucht habe, hat mich nie interessiert, was für eine Hautfarbe einer hat, welcher Religion er angehörte oder was er zu Mittag gegessen hat. Das einzige, was zählte, war: "Wie gut bist du. Komm, laß mich hören, was du mit dem Baß da machst."
SPIEGEL: Gestern sind Sie mit dem National Symphony Orchestra in Washington aufgetreten ...
Charles: ... ah, es war also das National Orchestra, ich dachte mir noch: "Boy, these cats can play."
SPIEGEL: Nur Weiße und ein Halbchinese.
Charles: Und man wundert sich, was der wohl alles anstellen mußte, um da rein zu kommen.
SPIEGEL: Ihre neue Platte heißt "Strong Love Affair". Wissen Sie, Ihre wievielte Platte das ist?
Charles: Keine Ahnung.
SPIEGEL: Sie haben das Mitzählen aufgegeben?
Charles: Wir haben 1949 angefangen, Platten zu machen. Damals waren das zwei pro Jahr. Irgendwann waren es dann drei, in den achtziger Jahren nur noch eine pro Jahr. Jetzt nur noch alle drei Jahre eine Platte.
SPIEGEL: Wie nehmen Sie heute eine Platte auf?
Charles: Ich sitze in meinem Studio in Los Angeles und singe auf die Bänder, die mir mein Produzent Mr. Grosz aus Frankreich, Norwegen oder Dänemark schickt. Ich habe ein Aufnahmegerät mit 48 Spuren und zwei Aufnahmeknöpfen. Zwei Aufnahmeknöpfe. Und Sie müssen beide gedrückt sein. Das sind meine Sicherheitstasten. Sonst würde ich als Blinder vielleicht alles löschen.
SPIEGEL: Sie sind einer der reichsten Musiker, trotzdem geben Sie pro Jahr noch an die 250 Konzerte. Ziehen Sie die Bühne der Einsamkeit im Studio vor?
Charles: Sehen Sie, ich liebe diese Einsamkeit manchmal. Tagsüber klingelt dauernd das Telefon, aber nachts um drei, da ist Ruhe, niemand stört mich. Und natürlich ist die Bühne das Größte: Ray Charles macht die Leute glücklich. Die Leute machen Ray Charles glücklich. Und Ray Charles wird auch noch dafür bezahlt.
SPIEGEL: Frank Sinatra hat einmal gesagt: "Ray Charles ist das einzige Genie im Geschäft."
Charles: Ein hübsches Kompliment, aber ich bin kein Genie. Art Tatum war ein Genie, ebenso Dizzy Gillespie und Charlie Parker. Gott ist ein Genie und Einstein auch. Aber ich bin keins. Ich spiele nur ein paar Songs ganz passabel. Ich bin kein Jazzer, aber ich kann Jazz spielen. Ich bin kein Blues-Sänger, aber ich kann den Blues singen. Ich bin kein Country-and-Western-Sänger, aber ich kann Country singen. Ich bin ein Gebrauchsmusiker. Deswegen bin ich immer noch da.
SPIEGEL: Die Genies, die sie aufzählen, sind alle tot.
Hören Sie gelegentlich von Genies, die noch leben?
Charles: In diesem Jahrhundert haben wir eine Menge Genies gehabt, es reicht. Mehr als fünf, sechs musikalische Genies pro Jahrhundert gibt es nicht.
SPIEGEL: Was ist mit mit den Marsalis-Brüdern?
Charles: Gute Jungs, sehr gute Jungs, richtige Cats. Die können an einem guten Abend mit ihren Instrumenten machen, was sie wollen. Keine Genies, aber immerhin gute Cats.
SPIEGEL: Was ist ein Cat - ein guter Musiker?
Charles: Das ist unser Slang - wir nennen jeden Musiker Cat, und einen guten Musiker, einen, der sich den Hintern wegspielen kann, den nennen wir "a very bad cat" - das ist eine hohe Auszeichnung. Wenn wir sagen: "He plays like a very, very bad motherfucker" - das ist die allerhöchste Auszeichnung, die Brother Ray zu vergeben hat.
SPIEGEL: Wie nennen Sie dann einen, der wirklich schlecht spielt?
Charles: Den nennen wir, Entschuldigung, ein Stück Scheiße.
SPIEGEL: Das ist hart.
Charles: Ich kann eine Menge ertragen, aber auf keinen Fall Leute, die ihr Instrument nicht beherrschen. Keine Gnade für diese Burschen, cheers. Runter von der Bühne.
SPIEGEL: Sie sind in einer armseligen Hütte ohne fließendes Wasser und ohne Radio im Süden der USA groß geworden. Wo stand das Klavier, auf dem Sie spielen lernten?
Charles: Der Lebensmittelhändler Mr. Pit hatte eins in seinem Laden. Als ich drei Jahre alt war, hat er mich auf den Schoß genommen und mir beigebracht, wie man auf den Tasten herumklopft. Da saß ich dann und habe gesungen: "Come on, little playmates, come on and play with me."
SPIEGEL: Wo hörten Sie Musik?
Charles: In der Kirche, wir hörten dort Gospel. Mr. Pit hatte eine Jukebox, und die war voll mit Blues-Platten, schmutzige Blues-Platten von Leuten wie Tampa Red, Blind Boy Phillips und Washbord Sam. Und später kam dann noch ein Radio dazu. Da habe ich dann die Country-Sendungen aus der Grand Ole Opry in Nashville gehört.
SPIEGEL: Mit sieben Jahren sind Sie erblindet und haben versucht, so gut es eben ging, damit fertigzuwerden: Sie gingen auf eine Blindenschule, lernten fünf Instrumente, das Fahrrad- und das Motorradfahren, nur vor dem Gitarrespielen hatten Sie immer Abscheu.
Charles: Die Schwarzen, die Gitarre spielten, das waren die, die blind in einer Straßenecke mit einem Blechnapf vor den Füßen im Staub um Geld bettelten. Das mochte ich nicht, ebensowenig wie den Blindenhund, den mir ein paar Wohltäter zum zwölften Geburtstag schenkten.
SPIEGEL: Sie hatten was gegen Mitleid?
Charles: Ich brauchte es nicht, ich hatte ja die Musik, ich konnte was. Ich fing mit zwölf Jahren an, in Bands zu spielen, und ich war bald ganz allein, weil meine Mutter starb. Ich arbeitete in Tampa und Orlando, manchmal für so wenig Gage, daß ich von einer halben Büchse Sardinen satt werden mußte. Ich arbeitete für jeden, der zahlte. Mit 13 Jahren hatte ich sogar ein Engagement in einer Countryand-Western-Band. Die hießen "The Florida Playboys", ich war der einzige Schwarze und stellte mein Klavier immer neben einem Fenster auf, falls mich wieder ein paar besoffene weiße Zuschauer - und es gab nur Weiße - aufhängen wollten.
SPIEGEL: Das war Ihnen noch nicht hart genug, Sie mußten mit 17 Jahren auch noch nach Seattle auswandern.
Charles: Florida fing an, mich zu langweilen, und vor New York und Chicago hatte ich Angst. Also sagte ich zu einem Freund: "Nimm die Landkarte, und fahr mit dem Finger die Westküste hinauf bis ganz nach oben - was ist da?" Er sagte: "Keine Ahnung, da ist etwas, das heißt Seattle." Und ich sagte: "Ist es groß?" Er sagte: "Ja!" Und ich sagte: "Okay, da fahr'' ich jetzt hin, mal sehen, ob sie da einen wie mich brauchen können." Ich wußte nichts über Seattle, ich kannte keinen aus Seattle, ich hatte noch nie in meinem Leben gehört, daß es diese Stadt überhaupt gibt - aber ich sagte mir, verdammt, wenn es groß ist, dann hat es dort Glückspiel, Mädchen, Alkohol und Bars, die die ganze Nacht offen haben, und dann gibt es da auch ein Klavier, an dem ich für Geld spielen kann.
SPIEGEL: Sie wurden engagiert, verdienten 25 Dollar pro Nacht und imitierten den Entertainer Nat King Cole.
Charles: Ich verdiente 125 Dollar die Woche und dachte, ich sei "the richest cat of Seattle". Ich hatte ein elektrisches Klavier, einen Fernsehapparat, mein eigenes Haus. Wenn ich mittags aufstand, war schon der 14jährige Quincy Jones an meiner Tür und fragte: "Hey Kid, zeig mir, wie du diese Musik schreibst, zeig mir, wie du arrangierst und komponierst" - und heute ist er verdammt viel besser als ich.
SPIEGEL: Sie imitierten aber immer noch Nat King Cole - ging Ihnen das nicht allmählich auf die Nerven?
Charles: Ich war zufrieden, ich verdiente Geld damit, es war alles bestens, bis ich eines Morgens aufwachte und an die Leute im Publikum denken mußte. Sie sagten: "Hey Kid - du machst das klasse, du klingst genau wie Nat King Cole. Hey Kid, wundervoll - wie Nat King Cole." Und ich dachte, sie nennen mich Kid - sie kennen nicht einmal meinen Namen. Ich muß meine eigene Musik machen - sonst werden sie sich den Namen Ray Charles nie, nie merken. Sollen sie doch jemand anderes finden, den sie Kid nennen.
SPIEGEL: Und weil die Leute jemand anderes finden sollten, den sie Kid nannten, haben Sie den Blues, die Musik des Teufels, und den Gospel, die Musik Gottes, vermischt und die Soulmusik erfunden?
Charles: Was soll ich gemacht haben? Ich habe gar nichts mit gar nichts vermischt, ich habe überhaupt nichts erfunden. Ich habe nur versucht, ich selbst zu sein. "I Got a Woman", das war es, wie ich die Musik fühlte. "Drown in my own Tears" - das war in mir drin. Ich war kein Stratege, wie die klugen Musikkritiker meinen. Ich war kein Ketzer, wie die Kirche damals meinte. Ich war Ray Charles, my old motherfuckin'' self, ein blinder, schwarzer Junge, der zuviel Blues, Gospel und Jazz gehört hatte.
SPIEGEL: Wie würden Sie das dann nennen, was Sie seit 50 Jahren machen?
Charles: Ich versuche, Gefühle zu erzeugen, und ich versuche, Geschichten von Gefühlen zu erzählen, so daß die Leute eine Gänsehaut bekommen, weil sie solche Gefühle kennen. Ich bin wie ein Schauspieler. Nur daß ich mit Noten arbeite.
SPIEGEL: Sie stellen etwas dar, was Sie nicht sind?
Charles: Ich lasse mich von der Musik bewegen, und was Sie auf der Bühne hören und sehen, meine Stimme, mein Klavier, meine Beine, die manchmal hinter diesem Klavier herumwirbeln und einfach durch die Luft fliegen - das ist die Musik, die mich bewegt. Und dann gibt es diese Abende, an denen sich gar nichts bewegt, keine Beine, keine Stimme, kein Klavier: Das sind dann die Abende, an denen Ray die Musik nicht spürt.
SPIEGEL: Mit 50 Jahren Bühnenerfahrung müßten Sie doch Routine haben.
Charles: Nein, ich ertrage keine Pannen. Ich ertrage es nicht, wenn mein Saxophonist sich mit seiner Frau gestritten hat und seinen Einsatz verpaßt, ich ertrage keine pfeifenden Mikrofone oder eine Band, die einfach Mist baut: Ich kann damit nicht umgehen, ich bin dann weg. Wenn das Gefühl weg ist, dann ist der Song zu Ende. Schluß. Aus. Finished.
SPIEGEL: Welche Rolle spielten die Besitzer des legendären Atlantic-Labels, Ahmet Ertegun und Jerry Wexler, für Ihren Aufstieg?
Charles: Sie waren sehr kluge Leute, und ich werde Ihnen sagen, warum: Die beiden kamen ins Studio und bezahlten die Rechnung. Das war alles, was sie taten, und ich durfte machen, was zur Hölle ich wollte. Sie sagten: "Auch wenn du jetzt keinen Hit hast, wir bringen deine Platten raus, wir bringen zwei, drei, vier, fünf Platten von dir raus, weil wir wissen, daß du eines Tages einen Hit haben wirst, Brother Ray." Außerdem wippten ihre Füße immer im Takt mit, und sie konnten bei zwei und bei vier mit den Fingern schnippen. Natürlich gibt es solche Leute heute nicht mehr. Wozu auch. Sie hätten keine Chance mehr.
SPIEGEL: Ihr Erfolg in den fünfziger Jahren war beachtlich, aber verglichen mit Elvis war er gar nichts.
Charles: Sehr scharfsinnige Feststellung. Weiße Menschen haben immer mehr Erfolg als schwarze Menschen. Little Richard brachte eine Platte raus - und nichts tat sich. Pat Boone sang denselben Song - Superhit. So ist es immer gewesen. Was also wollen Sie mir erzählen?
SPIEGEL: Daß Elvis Ihnen die Türen aufgemacht hat.
Charles: Stimmt. Wenn sich ein Schwarzer damals so wie Elvis im Fernsehen bewegt hätte, dann hätte er das nicht überlebt. Ich meine, wir haben diese Tänze erfunden, aber es konnte einen das Leben kosten, mit dem Hintern herumzutanzen in einer weißen Nachbarschaft. Ich habe erlebt, wie Nat King Cole unten in Alabama ein paar Liebeslieder sang und dafür zusammengeschlagen wurde. Nicht weil er schlecht sang oder so was. Sie haben ihn zusammengeschlagen, weil nette weiße Mädchen auf die Bühne kamen und flüsterten: "O Nat." Da haben die Jungs gesagt: "Jetzt reicht''s." Aber zurück zu Elvis. Es stimmt: Er hat uns den Weg geebnet. Aber er hat auch alles von uns abgeguckt. Wo kommt denn "Hound Dog" her? Wenn heute jemand sagt: "Der King war der Größte." Dann sage ich: "Wer ist hier der King? King von was?"
SPIEGEL: Haben Sie in Ihrer Jugend keine Stinkwut auf die Weißen gehabt?
Charles: Dort, wo ich herkam, wurde darüber nicht diskutiert. Es war wie mit dem Wetter: Darüber redet man nicht. Es ist, wie es ist. Auf Tourneen durften wir die Tankstellentoiletten nicht benutzen, wir durften nicht an den Straßenrand pinkeln, also mußten wir aus der offenen Autotür bei voller Fahrt pinkeln. Niemand hatte Zeit, sich über die Rassensache aufzuregen: Es gab die schwarze Seite, und es gab die weiße Seite, und die ganzen guten Dinge waren auf der weißen Seite. Das wußte jeder.
SPIEGEL: Für Martin Luther King haben Sie später Geld gespendet, marschiert sind Sie mit ihm nicht. Hatten Sie Angst?
Charles: Nein, aber mir fehlt diese starke Selbstbeherrschung. Wenn mir jemand ins Gesicht schlägt, gibt es Ärger, und zwar sofort. Ich halte ihm nicht die andere Wange hin, ich kämpfe. Also sagte ich: "Dr. King, du brauchst Geld für Busse, Gefängnis, Kaution, kein Problem, ich spiele für dich. Aber marschieren, das geht nicht, da bin ich tot. Wenn mich ein Polizist schlägt, schlage ich zurück, und peng erschießt er mich." Man kann da nicht gewinnen. Das ist so, als würde man versuchen, mit einem Auto einen Zug zu überfahren.
SPIEGEL: Anscheinend können Sie nicht nur gewaltlose Protestmärsche, sondern große Menschenmengen insgesamt nicht besonders leiden.
Charles: Auf der Bühne fühle ich mich wohl, aber Partys, Restaurantbesuche, Grammy-, Oscar- und Golden-Globe-Verleihungen sind mir ein Greuel. Ich habe drei, vier Freunde, die mir wichtig sind, mit denen treffe ich mich, und wir spielen Jazz oder Karten oder weiß Gott was die ganze Nacht. Aber diese Leute, die mich anrufen und sagen: "Hallo Ray, komm doch vorbei auf ein paar Drinks im Hotel , der Mann von Warner Brothers ist da und noch einer von EMI" - da gehe ich nicht hin, lieber wär'' ich tot, als mir dann dieses Geschwätz anzuhören, dieses "Hi Mary, wie geht es dir, schön, dich zu sehen", und sobald sie weg ist: "O Gott, ich konnte die blöde Schlampe noch nie leiden." Tut mir leid, geht nicht, ich geh'' nicht hin, da müssen die Verlierer im LaLaLaLand ohne mich auskommen.
SPIEGEL: Viele Menschen haben sich daran gestört, daß Sie Anfang der achtziger Jahre in Südafrika aufgetreten sind, von den Vereinten Nationen wurden Sie dafür auf eine schwarze Liste gesetzt.
Charles: Manche Leute sind so dumm, so dumm. Die Menschen in Südafrika wollten, daß ich bei Ihnen spiele. "O. k.", habe ich gesagt, "ich spiele, aber jeder Zuschauer, egal ob schwarz oder weiß, muß sitzen können, wo er will." Keine Rassentrennung. Und damit ich sicher sein konnte, daß ich nicht ausgetrickst werde, habe ich mir die Gage bis auf den letzten Penny zwei Monate vorher in die USA überweisen lassen. Kurz bevor wir in Südafrika auf die Bühne gingen, habe ich meine Musiker, die ja sehen können, gefragt, ob alle Zuschauer schön durcheinander sitzen, und erst als sie mir ein großes, fettes Ja gaben, traten wir auf.
SPIEGEL: Wie war''s?
Charles: Großer Jubel, natürlich. Zu Hause in den USA war dann große Empörung, alle machten Jagd auf mich, allen voran irgendwelche Schreiber von der Princeton University, was in Ordnung war; denn Mutter Amerika ist ein freies Land, und wenn einer sagen will: "Ray Charles ist ein großes Arschloch", dann soll er das von mir aus sagen. Aber er soll nicht wie diese Bunkerschreiber von der Princeton University auf die Idee kommen, mir einen Brief zu schicken, in dem steht, daß sie aufhören werden, mich zu jagen, vorausgesetzt, ich gebe ein Gratiskonzert in Princeton. Das war der Tag, an dem ich jeden Respekt vor Princeton verloren habe. Ich schrieb den Leuten, sie sollen meinen Arsch küssen.
SPIEGEL: Ihre Ex-Frauen sind auch nicht gerade gut auf Sie zu sprechen. Sie waren zweimal verheiratet, haben neun Kinder, leben jetzt allein und sagen über die Ehe: "Einige Leute vertragen kein Aspirin, ich vertrage die Ehe nicht." Was haben Sie gegen die Ehe?
Charles: Ich hab'' es ausprobiert, für mich ist das nichts. Mein Leben ist eine Tournee, ich möchte nicht noch eine weitere nette Dame damit unglücklich machen, daß ich nie zu Hause bin. Mein Freund Alex Haley hatte eine Frau, die immer zu ihm sagte: "Entweder ich oder die verdammte Schreibmaschine." Bei mir würde es heißen: "Entweder ich oder die verdammte Musik."
SPIEGEL: Sie könnte mitfahren ...
Charles: ... absolut unmöglich, das würde mich wahnsinnig machen. Ich will nicht immer auf eine nette Dame warten, die erst vor den Spiegel muß, ins Badezimmer und so weiter. Wenn ich gehe, dann will ich gehen, sofort, egal wohin. Ich dusche, ziehe mich an, und weg bin ich. Ich muß weiter.
SPIEGEL: Sie haben sich für die Einsamkeit entschieden?
Charles: Es gibt viele Tage, da will ich überhaupt niemanden um mich haben. Niemanden. Ich will nichts hören, ich will nicht sprechen, ich will nur allein im Bett liegen und meditieren. Die einzige Person, mit der ich es wirklich aushalte, ist Ray Charles, er ist ein netter Kerl, ich kenne ihn schon ziemlich lange. Wir kommen miteinander aus.
SPIEGEL: Ihr Haus samt Swimmingpool haben Sie verkauft.
Charles: Ich brauche es nicht, ich bin nicht oft da, was soll ich mich um das blöde Gras und den Pool kümmern. Ich habe jetzt ein kleines Apartment, da ist alles drin, was ich brauche: meine Platten, meine Mikrowelle, mein Kühlschrank, meine Anzüge, meine Bücher, meinen Fernseher, mein Telefon. Und mein Studio ist nebenan.
SPIEGEL: Fahren Sie manchmal in Urlaub?
Charles: Vergessen Sie''s. Ich habe noch nie Urlaub gemacht. Runter nach Florida, im Liegestuhl sitzen - so stelle ich mir die Folter vor. Kreuzfahrt in die Karibik, so eine nette kleine, mit selbstgechartertem Schiff - oje, oje! Wenn mich jemand fragt: "Wie wollen Sie reisen?" - dann gibt es für mich nur eine Antwort: "Mit dem Flugzeug." Schnell dahin, wo wir hinwollen - am besten auf die Bühne.
SPIEGEL: Keith Richards hat einmal gesagt, er gehe davon aus, daß ihn seine Jungs notfalls im Rollstuhl auf die Bühne rausschieben. Wollen Sie auch für immer auf der Bühne bleiben?
Charles: Es geht nicht um die Bühne. Es geht darum, daß ich da draußen ich selbst sein kann, ich selbst, Ray Charles. Daß ich stolz auf mich sein kann. Ich suche nicht Mitleid, ich will Bewunderung. Ich will, daß die Leute sagen: "Ray Charles puts on a hell of a show." Und nicht: "Der arme alte Mann, er hat es immer schwergehabt, früher einmal, da war er ziemlich gut." Wenn sie das einmal sagen und auch noch recht haben - dann gehe ich nicht mehr.
SPIEGEL: Mr. Charles, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Mitte der siebziger Jahre. * Mit Redakteur Thomas Hüetlin im Watergate-Hotel in Washington D. C.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 19/1996
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