22.10.2012

VERBRECHENGewehr unterm Traumfänger

In der Dominikanischen Republik hat die Polizei das Domizil einer deutschen Psycho-Sekte gestürmt. War in der Gruppe ein Machtkampf ausgebrochen?
Das Zuhause der Sekte ist umgeben von Palmen und Blumengärten, ein automatisches Tor aus Schmiedeeisen und ein Wachmann in einem orangefarbenen Häuschen versperren normalerweise den Zugang. Das Anwesen gehört zum Villenhügel "La Mulata" des Badeorts Sosúa in der Dominikanischen Republik. Ein Ferienparadies für Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen. Reiche Ausländer haben hier ihre Residenzen, es gibt eine internationale Schule, einen deutschen Metzger.
Das wohl größte Grundstück aber gehört dem 61-jährigen Deutschen Peter B.: Mehrere Häuser und ein großer Pool befinden sich auf der Liegenschaft. Eine deutsche und eine EU-Flagge flattern im warmen Wind, die Kieswege sind ordentlich geharkt.
Mit etwa 30 Erwachsenen und fünf Kindern soll B. hier gelebt haben, die meisten von ihnen Deutsche. Peter B. nannte sich "kosmischer Heiler" und sein Unterfangen die "Akademie für zukünftige Gesundheit". Er versprach Erlösung und gab vor, alles über Aliens zu wissen, von denen 68 Arten auf der Erde lebten, was Regierungen wüssten, aber verheimlichten. Ganz irdisch war aber die Schießbahn, die B. auf dem Gelände hatte installieren lassen. Seine Nachbarn hörten regelmäßig die Schüsse.
Nach diesen Waffen wollte die dominikanische Polizei suchen, als sie vergangenen Mittwoch mit einem Beschluss nach "Mulata 3" kam. Außerdem hätte sie Hinweise gehabt, dass ein Blutbad bevorstehe, sagt ein Sprecher der örtlichen Polizei, man habe Dutzende Tote verhindern können. Tatsächlich hatte B. seinen Jüngern wohl vorausgesagt, die Welt in ihrer bisherigen Form werde noch in diesem Jahr untergehen.
Doch statt an diesem Morgen das Tor zu öffnen, hätten die Bewohner geschossen. Eine Stunde dauerte das Feuergefecht, dann lag der Deutsche Peter D. tot in einer Blutlache. Der 31-Jährige trug eine kugelsichere Weste, neben ihm lag ein großkalibriges Gewehr. Drei Polizisten wurden verletzt, ihre Kollegen nahmen drei Sektenmitglieder fest, auch Anführer Peter B. und die Frau von D., sie trug ebenfalls eine kugelsichere Weste.
Die Sekte hatte ein ganzes Arsenal von Kriegswaffen gehortet: Die Polizei fand Sturmgewehre und Gewehre mit Laserpointer, dazu schusssichere Westen, ein gepanzertes Auto und sogar einen Krankenwagen auf dem Gelände. Ein Video der Durchsuchung zeigt, wie ein Automatikgewehr unter einem Traumfänger lehnt.
Bewaffnete Polizisten sichern jetzt das Grundstück, auf dem noch Sektenmitglieder ausharren. Am Freitagnachmittag kommt eine brünette Frau mittleren Alters hinter dem schmiedeeisernen Tor hervor, auf ihrer Stirn stehen Schweißperlen. Sie stellt sich als Ellen Platen vor, Apothekerin aus Deutschland. Sie spricht davon, dass ein anderer aus der Sekte, der selbst die Macht übernehmen wollte, B. angezeigt habe und dass die Polizei deshalb gekommen sei. Außerdem hätten sie das Recht gehabt, Waffen zu besitzen. "Wir sind überfallen worden", behauptet sie. "Wir haben nur verlangt, den Durchsuchungsbeschluss sehen zu können und einen Übersetzer", sagt sie. Der Abtrünnige habe dann das Tor geöffnet, und als die Polizisten aufs Grundstück kamen, habe man auf sie geschossen.
Sie hätten sich nichts vorzuwerfen, sagt Ellen Platen, sie seien friedlich und wollten ihren Traum leben. Leisten könnten sie sich so ein Anwesen nur, weil jeder etwas dazu beitrage. Und die Außerirdischen? "Die gibt es, da bin ich mir sicher", sagt sie noch, bevor sie wieder hinter dem Tor verschwindet.
Vermutlich sind auch die Eltern des getöteten Peter D. auf dem Gelände; sie sollen mit ihm zusammen in der Sekte gelebt haben.
Anführer Peter B. stammt aus Meisenheim in Rheinland-Pfalz, er habe das Städtchen vor rund 20 Jahren "Richtung Afrika verlassen und ist nie wieder aufgetaucht", sagt Bürgermeister Alfons Schneider. B. ist ein korpulenter Mann mit fast weißem Haar, der offenbar eine große Überzeugungskraft auf seine Anhänger ausübt. In der Schweiz und in Deutschland zahlten esoterisch Interessierte schon mal 150 Euro Eintritt, um seine Vorträge hören zu können, zu denen der Guru aus der Karibik anreiste.
Auch das Bundeskriminalamt kennt seine Sekte. Nach Sosúa in der Karibik kam er vermutlich vor knapp zehn Jahren, spirituelle Gruppen siedeln sich gern dort an, wo es schön ist und die Sonne scheint. B. erklärte sich bald zum Chef des Villenhügels.
Doch bei den Menschen vor Ort konnte er offenbar wenig Sympathie erwerben. Es gab Gerüchte über Orgien auf dem Anwesen, örtliche Zeitungen berichteten gar über Organhandel - was wahrscheinlich Unsinn ist, aber zeigt, wie misstrauisch die Bevölkerung auf den Sektenführer reagierte.
Auch B.s deutscher Nachbar Klaus Steinberg, der oberhalb des Sektengrundstücks wohnt, begrüßt die Polizeiaktion: "Jetzt haben wir endlich mal Ruhe." Deshalb sei er schließlich nach Sosúa gekommen.
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 43/2012
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