22.10.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Das ist meine Sache“

Malu Dreyer, designierte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, über ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung, die neue Wahrnehmung von behinderten Menschen in Deutschland und ihr Leben in einem integrativen Wohnprojekt
Im Januar soll die rheinland-pfälzische Sozialministerin als Nachfolgerin von Kurt Beck zur Ministerpräsidentin gewählt werden. Sie studierte Jura, arbeitete als Staatsanwältin und leidet seit etwa zwei Jahrzehnten an Multipler Sklerose (MS), einer bislang unheilbaren und meist in Schüben verlaufenden Krankheit des Nervensystems, die zu Lähmungen, Sehstörungen und Erschöpfungszuständen führen kann. Dreyer, 51, ist kinderlos, sie lebt mit ihrem Mann und dessen drei Kindern in einem Wohnprojekt für Behinderte und Nichtbehinderte in Trier.
SPIEGEL: Frau Dreyer, wir sehen in Ihrem Büro gar keinen Rollstuhl.
Dreyer: Der steht hinter der Tür, in meinem Hinterzimmer. Er ist da abgestellt, weil ich den hier im Ministerium normalerweise nicht brauche. Wenn es vor die Tür geht, nehmen wir ihn meistens mit.
SPIEGEL: Wie haben Sie herausgefunden, dass Sie Multiple Sklerose haben?
Dreyer: Die Diagnose bekam ich vor 17 Jahren, erkrankt bin ich wohl schon vor 20 Jahren. Wie die meisten MS-Kranken spürte ich irgendwann bestimmte Symptome wie Kribbeln. Dann bin ich zum Arzt gegangen.
SPIEGEL: Was dachten Sie, als der Arzt Ihnen sagte, was los ist?
Dreyer: Es war ein Schock, es fühlte sich an wie eine Zäsur. Ich dachte: Mein Leben ändert sich jetzt völlig.
SPIEGEL: Hat es aber nicht?
Dreyer: Nein. Ich habe einen Weg gewählt, mein Leben zu leben und die Krankheit nicht überzubewerten. Ich will mich durch die Krankheit nicht behindern lassen. Ich glaube daran, dass sie positiv verlaufen wird.
SPIEGEL: Wie verlief sie denn bislang?
Dreyer: Die Multiple Sklerose hat tausend Gesichter, sie entwickelt sich bei jedem Betroffenen unterschiedlich. Die Mehrheit der Patienten hat diese klassische schubförmige MS. Ich dagegen habe eine primär chronisch-progrediente Verlaufsform, auf Deutsch: eine schleichende Form der MS. In den letzten Jahren ist zum Glück nichts mehr geschlichen. Mein Zustand hat sich stabilisiert.
SPIEGEL: Haben Sie keine Angst, dass er sich verschlechtern könnte?
Dreyer: Warum sollte ich mein Leben damit verbringen, täglich darüber nachzudenken, was meine Krankheit übermorgen macht?
SPIEGEL: Ein eher ängstlicher Mensch würde sich solche Gedanken machen.
Dreyer: Ich bin aber kein ängstlicher Mensch. Meine Einstellung zum Leben ist positiv, bejahend. Ich habe sehr viel Energie, ich habe eine große innere Kraft.
SPIEGEL: Wo kommt die her?
Dreyer: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass man mit eigener Kraft alles in der Welt bewegen kann. Es bedarf auch des Glücks. Natürlich gehöre ich zu den Beschenkten und Privilegierten. Ich hatte das Glück, tolle Eltern zu haben. Heute habe ich eine tolle Familie, Freunde, nette Nachbarn. Das alles gibt Kraft.
SPIEGEL: Welche Einschränkungen haben Sie konkret?
Dreyer: Eine Mobilitätseinschränkung. Ich kann nicht gut laufen, kann bestimmte Strecken nur mit Unterstützung anderer bewältigen, indem ich mich bei ihnen aufstütze oder einhake. Manchmal gehe ich mit einem Stock. Wenn es längere Strecken sind, nehme ich den Rollstuhl.
SPIEGEL: Können Sie Auto fahren?
Dreyer: Ich fahre nicht mehr selbst. Zum Glück habe ich als Ministerin und demnächst als Ministerpräsidentin einen Fahrer. Wenn ich morgen in Rente ginge, was ich nicht tue, würde ich mein Privatauto vielleicht umbauen lassen, man kann das ja auch per Hand steuern. Die Barriere Gas- und Bremspedal ließe sich jedenfalls überwinden.
SPIEGEL: Von welchem Krankheitsverlauf gehen Sie realistischerweise aus?
Dreyer: Aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre von einem positiven.
SPIEGEL: Geben die Ärzte Ihnen nicht den Rat, sich mehr zu schonen?
Dreyer: Wenn Sie vor ein paar Jahren einen Arzt gefragt hätten, wie sich eine MS-Patientin verhalten soll, hätte er garantiert gesagt: Werden Sie nicht Sozialdezernentin! Werden Sie bitte nicht Bürgermeisterin! Werden Sie bloß nicht Ministerin oder gar Ministerpräsidentin! Die Leute, die mit mir zu tun haben, wissen jedoch, dass ich unter starken Stresssituationen sehr, sehr gut leben kann. Heute geben Ärzte andere Ratschläge. Es hat sich viel geändert in letzter Zeit.
SPIEGEL: Sie sind im Sommer drei Wochen durch die USA gereist. Wie reist es sich mit Ihrer Krankheit?
Dreyer: Durch die USA sehr gut. Dort gibt es schon seit vielen Jahrzehnten ein Antidiskriminierungsgesetz - für Rollstuhlfahrer ist das klasse. Überall finden Sie abgeflachte Bürgersteige, man kann wunderbar Metro fahren, in Banken oder Hotels gibt es abgesenkte Schalter extra für Rollis. Wir waren auch am Grand Canyon, direkt oben an der Kante, dort kann man 13 Meilen lang direkt am Canyon entlangrollen, auf einem barrierefreien Weg. Phantastisch! Außerdem sind die Menschen drüben extrem freundlich, nicht aufgesetzt, sondern zuvorkommend. Sie gehen viel normaler mit Behinderung um als viele Deutsche. Der Rollstuhl steht in Amerika mitten in der Gesellschaft.
SPIEGEL: Wurden die Behinderten bei uns denn versteckt?
Dreyer: Nicht versteckt. Aber nach der schrecklichen Nazi-Zeit, als sehr viele Behinderte ermordet wurden, hat die Gesellschaft eine große Verantwortung entwickelt, die sich vor allem in Förderung und Fürsorge äußerte. Man baute Behinderteneinrichtungen, Werkstätten, Wohnheime, Tagesförderstätten. Dort lebten die behinderten Menschen und nicht mitten in der Gesellschaft. Erst später kam dann der Anspruch gleichberechtigter Teilhabe auf.
SPIEGEL: Es war also gut gemeint, aber schlecht gemacht?
Dreyer: Für die damalige Zeit war es ein großer Fortschritt. Die behinderten Menschen hatten Arbeit, Ausbildung und Betreuung. Heute muss der Anspruch aber ein anderer sein. Behinderte Menschen gehören in die Mitte der Gesellschaft - und nicht an deren Rand. Also weg von der Fürsorge, hin zur Selbstbestimmung, zur Teilhabe. Ein sehr treffendes Motto lautet: "Behindert ist man nicht, behindert wird man."
SPIEGEL: Für Sie ist es leicht, von Eigenverantwortlichkeit zu reden. Viele Gehbehinderte träumen von den Möglichkeiten, die Sie als Ministerin haben.
Dreyer: Aus diesem Grund zahlen wir in Rheinland-Pfalz für behinderte Menschen schon lange ein persönliches Budget. Mit
dem Geld können sich Menschen, die früher in einer Behindertenwerkstatt waren, die Unterstützung und Assistenz leisten, um an einem normalen Arbeitsplatz zu arbeiten. Wir haben auch Integrationsunternehmen, denen geben wir Geld als Ausgleich dafür, dass sie Menschen mit Behinderung anstellen. Das kostet Land und Kommunen irre viel. Hier müsste sich auch die Bundesregierung engagieren.
SPIEGEL: Unternehmen sind verpflichtet, Behinderte einzustellen; sie können sich aus dieser Pflicht aber herauskaufen.
Dreyer: Ja, das ist die berühmte Ausgleichsabgabe. Mit der bezahlen wir unter anderem die Arbeitsplätze in den Integrationsbetrieben. Der zunehmende Fachkräftemangel wird hoffentlich dazu führen, dass die Fähigkeiten und Ressourcen von Menschen mit Behinderung stärker geschätzt werden. Sie können davon ausgehen, dass ein Mensch mit Behinderung, der einen Arbeitsplatz und einen Arbeitsvertrag hat, ein super engagierter Mitarbeiter ist.
SPIEGEL: Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach hatte Angst, seine Herzschwäche öffentlich zu machen, weil sich die Wähler fragen könnten: Ist der im Vollbesitz seiner Kräfte? Kann er das Pensum tatsächlich bewältigen? Kennen Sie diese Sorge?
Dreyer: Jetzt nicht mehr. Vielleicht hatte ich sie früher mal, bevor ich mich vor sechs Jahren entschied, meine Krankheit auf einer Pressekonferenz öffentlich zu machen. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, sie ist lange in mir gereift.
SPIEGEL: Was hat es für Sie so schwierig gemacht?
Dreyer: Dass die Menschen nicht viel wussten über meine Erkrankung. Für viele ist MS einfach nur eine schreckliche Krankheit - was sie auch sein kann. Ich fürchtete, plötzlich undifferenziert betrachtet und nur noch über die Krankheit definiert zu werden. Niemand will über seine Krankheit definiert werden.
SPIEGEL: Hatten Sie vor Ihrer Pressekonferenz manchmal den Gedanken: "Ich verheimliche hier etwas"?
Dreyer: Nein, weil ich denke, meine Erkrankung ist Privatsache. Ich bin immer noch fest davon überzeugt, dass niemand, nicht mal eine öffentliche Person, verpflichtet ist zu erklären, warum er komisch geht oder im Rollstuhl sitzt.
SPIEGEL: Sie haben früher in der Öffentlichkeit trotz Beschwerden auf Ihren Rollstuhl verzichtet, um keine Zweifel an Ihrer Leistungsfähigkeit aufkommen zu lassen. Warum?
Dreyer: Nach der Veröffentlichung war es für mich sehr, sehr wichtig, dass ich nicht nur unter dieser Erkrankung betrachtet werde. Deshalb war ich eine Zeitlang etwas zurückhaltender mit dem Rollstuhl. Heute kann ich viel selbstbewusster damit umgehen.
SPIEGEL: Wolfgang Schäuble hat Mitte der Neunziger die Frage aufgeworfen: "Ein Krüppel als Kanzler? - Ja, die Frage muss man stellen." Fanden Sie das in Ordnung?
Dreyer: Ich habe Probleme mit dem Begriff "Krüppel", der stammt nämlich aus dem letzten Jahrhundert. Ansonsten bin ich eher der offensive Typ. Wir wünschen uns eine inklusive Gesellschaft, und das bedeutet, dass man chronische Erkrankungen oder Behinderungen nicht tabuisieren sollte. Wolfgang Schäuble ist für viele ein Vorbild. Ich selbst wünsche mir, für manchen Betroffenen ebenfalls Vorbild sein zu können.
SPIEGEL: Hatten Sie Vorbilder, Prominente, die mit Ihrer Erkrankung erkennbar gut leben konnten?
Dreyer: Leider nicht. Vor 10, 15 Jahren war die MS noch sehr stark mit Tabus belegt. Da traute sich noch niemand, sich zu outen. Dabei ist eines ganz wichtig. Wenn man diese Diagnose bekommt, fällt es viel leichter, wenn man weiß: Da gibt es Leute, die mit dieser Krankheit gut umgehen und leben können.
SPIEGEL: Kränkt es Sie, wenn man sagt, dass Sie in Ihrer politischen Karriere von einer doppelten Quote profitieren - als Frau und als Rollstuhlfahrerin?
Dreyer: Nein. Ich habe schon immer für die Frauenquote gekämpft. Und eine Behindertenquote gibt es ja gar nicht.
SPIEGEL: Gibt es vielleicht so etwas wie eine positive Diskriminierung, so dass der politische Gegner sich denkt: Die Frau Dreyer kann ich nicht richtig attackieren, die hat ja diese schlimme Krankheit?
Dreyer: Ich habe nicht das Gefühl, dass man mitleidig mit mir umgeht. So habe ich die
letzten Jahre nicht erlebt, und ich gehe auch nicht davon aus, dass es in Zukunft der Fall sein wird. Ich bin ja ansonsten kerngesund, bin nie erkältet oder vergrippt. Wenn Leute fragen, wie es mir geht, sage ich: "Prima, ich war das ganze Jahr noch nicht krank." Dann schauen die mit großen Augen.
SPIEGEL: Wenn Sie Ihr Amt im Januar antreten, sind Sie eine von vier Ministerpräsidentinnen. Gäbe es ohne die Quote weniger Landesmütter?
Dreyer: Natürlich hat es viel mit der Quote zu tun, dass Frauen endlich die Chance bekommen zu zeigen, was sie können. Am Ende zählt aber die Qualität. Ich wünsche mir, dass es bald egal ist, welches Geschlecht ein Politiker hat.
SPIEGEL: Dann wird es in Zukunft auch nicht mehr vorkommen, dass drei ältere Herren Ihrer Partei unter sich auskungeln, wer der nächste Kanzlerkandidat wird?
Dreyer: Dass die Entscheidung bei der SPD zwischen drei Männern fiel, hat einfach damit zu tun, dass mit Hannelore Kraft eine nicht weniger gut qualifizierte Frau von sich aus abgesagt hat.
SPIEGEL: Regieren Frauen anders?
Dreyer: Ich erlebe oft, dass Frauen einen kommunikativeren Führungsstil haben. Aber das ist auch eine Generationsfrage. Die Männer meiner Generation agieren auch schon offener und transparenter als die der Generationen davor.
SPIEGEL: Sie leben in einem Viertel, das extra für das Zusammenleben von Behinderten und Nichtbehinderten geplant wurde. Warum sind Sie dorthin gezogen?
Dreyer: Mein Mann war Witwer und wohnte mit seinen Kindern im Schammatdorf in Trier. Ich bin einfach zu ihnen gezogen. Es ist ein integratives Wohnprojekt, wie ich es mir nicht nur als Politikerin wünsche, sondern auch als Bewohnerin.
SPIEGEL: Was ist das Besondere?
Dreyer: Es ist wie ein kleines Dorf mitten in der Stadt. Es gibt Höfe, in denen jeweils zwölf Familien oder Singles wohnen, Behinderte und Nichtbehinderte, Reiche und Arme. Wer dort einzieht, muss Interesse an der Nachbarschaft mitbringen und bereit sein, sich gegenseitig zu helfen.
SPIEGEL: Und abends müssen dann alle zusammen kochen?
Dreyer: Jeder kann selbst entscheiden, wie weit er sich einbringt. In der Mitte des Dorfs gibt es ein Zentrum mit einer Kneipe, wo wir uns treffen können, aber nicht müssen. Es gibt Sportangebote, manchmal organisieren wir ein Frühstück für unsere älteren Nachbarn.
SPIEGEL: Welche Vorteile hat es für Sie, dort zu wohnen?
Dreyer: Dass ich dort genauso normal bin wie die Oma von nebenan. Dass mein Rollstuhl gar keine Rolle spielt. Neben uns wohnte lange eine alte Frau, die inzwischen leider verstorben ist. Jeden Morgen hat mein Mann ihr unsere Zeitung, nachdem wir sie gelesen hatten, an die Tür gesteckt. Am Nachmittag hat meine andere Nachbarin nachgeschaut, ob die Zeitung noch immer steckt und ob alles in Ordnung ist. Irgendjemand ist immer im Hof, jeder passt ein bisschen auf den anderen auf, das ist das Prinzip.
SPIEGEL: Gelten Sie in Ihrem Dorf als Behinderte oder Nichtbehinderte?
Dreyer: Ich bin dort die Malu. Behindert oder nicht ist bei uns keine Kategorie.
SPIEGEL: Wann haben Sie eigentlich beschlossen, nicht mehr Marie-Luise heißen zu wollen, wie es in Ihrem Pass steht?
Dreyer: Das muss so mit 13 gewesen sein. Damals klang Marie-Luise total bieder und altmodisch, das passte überhaupt nicht zu mir. Ich bin dann zu meinen Eltern gegangen und habe gesagt: "Ab heute heiße ich Malu." Irgendwann hat mich jeder so genannt. Das ist übrigens das einzig Ärgerliche an der ganzen Ministerpräsidentensache: dass alle Welt jetzt wieder die Marie-Luise rauskramt.
SPIEGEL: Frau Dreyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Markus Feldenkirchen und Matthias Bartsch

DER SPIEGEL 43/2012
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