22.10.2012

THEATERVorspiel zum Massenmord

Die Hauptrolle in dieser Aufführung spielt ein Papierstapel. Er ist 25 Zentimeter hoch und durch rote, gelbe und blaue Klebezettel geordnet. Sieben- oder achtmal nimmt der hünenhafte Schauspieler Olaf Højgaard einige der Blätter zur Hand und rezitiert aus dem Text eines Massenmörders. Er redet vom Hass auf den Islam und auf die "Ideologie" des Multikulturalismus - und dann fragt der Darsteller ins Publikum: "Multikulturalismus - das ist doch gar keine Ideologie wie der Marxismus, oder was meint ihr?"
"Manifest 2083" nennt der dänische Theaterautor und Regisseur Christian Lollike sein Stück über den Mörder Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete. "2083. A European Declaration of Independence" überschrieb Breivik das 1518 Seiten lange Konvolut, das er im Netz zusammengesampelt und selbst verfasst hat und vor seiner Tat ins Internet stellte. Lollike und sein Schauspieler Højgaard haben den Text durchgeackert und für einen Theaterabend gestrafft. Die Uraufführung von "Manifest 2083" fand jetzt in der Kopenhagener Kellerbühne Cafeteatret statt. Es war die schrecklichste Theaterpremiere seit langem. Für diese Anatomie eines Scheusals werden Texte von Breivik nicht nur vorgetragen und kommentiert. Sie sind Teil einer 90-minütigen Lehrstunde, einer Lecture-Performance, in deren Verlauf Højgaard in die Haut des Mörders kriecht. Der Schauspieler zerkleinert wie Breivik Düngemittel für den Bombenbau; er malt sich Breiviks Bart ins Gesicht, glättet sich die Haare wie er und streckt seinen Arm zum rechtsradikalen Gruß.
"Der Mörder Breivik ist keine Bestie, sondern ein gewöhnlicher Mensch", sagt Regisseur Lollike, ein smarter, jungenhafter Typ, der Bertolt Brecht bewundert und Michael Moore. Seine Aufführung weckt keine Sympathie mit dem Täter Breivik, sie entdämonisiert ihn, zeigt ihn als scheußlich mittelmäßige Existenz.

DER SPIEGEL 43/2012
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THEATER:
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